{"id":113405,"date":"2024-04-05T09:00:04","date_gmt":"2024-04-05T07:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113405"},"modified":"2024-04-05T10:11:02","modified_gmt":"2024-04-05T08:11:02","slug":"die-drei-grossen-mythen-der-nato","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113405","title":{"rendered":"Die drei gro\u00dfen Mythen der NATO"},"content":{"rendered":"<p>Zum 75. Jahrestag der Gr&uuml;ndung der Nordatlantischen Vertragsorganisation (NATO) legt <strong>Sevim Dagdelen<\/strong>, au&szlig;enpolitische Sprecherin der Gruppe &bdquo;B&uuml;ndnis Sahra Wagenknecht&ldquo; im Deutschen Bundestag, das Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-nato.html\">&bdquo;Die NATO. Eine Abrechnung mit dem Werteb&uuml;ndnis&ldquo;<\/a> vor. Mit freundlicher Genehmigung dokumentieren wir vorab einen Auszug aus der Einleitung &bdquo;Die drei gro&szlig;en Mythen der NATO&ldquo;. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie NATO begeht im Jahr 2024 ihren 75. Geburtstag und scheint auf dem H&ouml;hepunkt ihrer Macht. Mehr als jemals zuvor setzt die Nordatlantik-Vertragsorganisation auf Expansion. In der Ukraine f&uuml;hrt die NATO einen Stellvertreterkrieg gegen Russland in Reaktion auf dessen v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg: Der Milit&auml;rpakt beteiligt sich mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten an NATO-Waffen, mit massiven Waffenlieferungen, Geheimdienstinformationen und der Bereitstellung von Zieldaten sowie eigenen Soldaten vor Ort. Diskutiert wird &uuml;ber die Lieferung von Marschflugk&ouml;rpern, wie die deutschen vom Typ Taurus, an die Ukraine, die mit einer Reichweite von 500 Kilometern Moskau oder Sankt Petersburg erreichen k&ouml;nnen, wie auch &uuml;ber die Entsendung eigener NATO-Truppen in gro&szlig;em Ma&szlig;stab. Die Zeichen stehen auf Sturm. In Asien weitet die NATO ihre Pr&auml;senz aus: Durch die Einbindung neuer Partnerstaaten wie Japan und S&uuml;dkorea r&uuml;ckt sie in die Indopazifik-Region vor und sucht die Konfrontation mit China. Die Milit&auml;rausgaben der USA und der anderen NATO-Mitgliedsstaaten schie&szlig;en in Rekordh&ouml;hen. W&auml;hrend bei den Waffenlieferanten die Champagner-Korken knallen, werden die gigantischen Kosten f&uuml;r die Aufr&uuml;stung auf die Bev&ouml;lkerung abgew&auml;lzt. &Uuml;berdehnung, soziale Verwerfungen und Eskalationsgefahr sind die Kehrseite dieser expansiven Machtpolitik. Sie fordern das B&uuml;ndnis in nie da gewesener Form heraus. Umso mehr ist die NATO heute auf Legenden angewiesen. Drei gro&szlig;e Mythen ziehen sich von der Gr&uuml;ndung des Milit&auml;rpakts durch dessen blutige Geschichte bis in die Gegenwart.<\/p><p><strong>Mythos Verteidigung und V&ouml;lkerrecht <\/strong><\/p><p>Die NATO ist ein Verteidigungsb&uuml;ndnis. So lautet die ewig wiederholte Erz&auml;hlung. Doch ein Blick in die Geschichte des Milit&auml;rpakts zeigt: Weder stand bei der Gr&uuml;ndung der NATO die gegenseitige Verteidigung im Vordergrund, noch kann bei dem Auftreten der NATO in den vergangenen Jahrzehnten von einer defensiven Ausrichtung die Rede sein. Als Beleg f&uuml;r den Charakter der NATO als Verteidigungsb&uuml;ndnis wird gerne Artikel 5 des Nordatlantikvertrags angef&uuml;hrt. In ihrem Gr&uuml;ndungsabkommen vereinbaren die zw&ouml;lf Vertragsstaaten USA und Kanada sowie die europ&auml;ischen Staaten Belgien, D&auml;nemark, Frankreich, Gro&szlig;britannien, Island, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen und Portugal im Jahr 1949, dass &bdquo;ein bewaffneter Angriff gegen mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff auf alle angesehen werden wird&ldquo;. Die NATO-Mitglieder verpflichten sich, einander Beistand zu leisten, um sich gemeinsam gegen einen solchen Angriff zur Wehr zu setzen. <\/p><p>Als explizites Vorbild dient hier der Interamerikanische Vertrag &uuml;ber gegenseitigen Beistand. Dieser Beistandspakt wurde 1947 auf Initiative Washingtons im brasilianischen Rio de Janeiro von den amerikanischen Mitgliedsstaaten geschlossen und trat ein Jahr sp&auml;ter in Kraft. Im Angesicht des Kalten Krieges wollten die USA mit diesem Vertrag, in dessen Folge noch im selben Jahr die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gegr&uuml;ndet wurde, ihre Dominanz auf dem amerikanischen Kontinent sicherstellen. Das war im Sinne einer aktualisierten Monroe-Doktrin, mit der die USA 1823 die westliche Hemisph&auml;re zu ihrer exklusiven Einflusszone erkl&auml;rt hatten. <\/p><p>In dieser Tradition steht auch die NATO. Wie beim Interamerikanischen Vertrag sind die Unterzeichnerstaaten des Nordatlantikpakts macht- und milit&auml;rpolitisch v&ouml;llig ungleichgewichtig. Um Beistand durch andere B&uuml;ndnispartner im Verteidigungsfall geht es den USA bei Gr&uuml;ndung der NATO daher offenkundig nicht. Vielmehr strebt Washington danach, eine &bdquo;Pax Americana&ldquo; zu schaffen, ein exklusives Einflussgebiet, das den USA als unbestrittener F&uuml;hrungsmacht Kontrolle &uuml;ber die Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik der anderen B&uuml;ndnispartner verschafft. Die Grundlage der NATO ist ein Tausch. Die &uuml;brigen NATO-Mitglieder verzichten auf Teile ihrer demokratischen Souver&auml;nit&auml;t und werden daf&uuml;r mit der NATO-Sicherheitsgarantie belohnt, die de facto eine Sicherheitsgarantie der USA ist. (&hellip;)<\/p><p>Die &uuml;brigen NATO-Mitglieder sinken innerhalb des Milit&auml;rpakts zu Klientelstaaten herab wie jene, die einst im Osten des R&ouml;mischen Reiches als milit&auml;rische Pufferzone dem Machterhalt des r&ouml;mischen Imperiums dienten. Eine innenpolitische Ver&auml;nderung, welche die au&szlig;enpolitische Orientierung h&auml;tte infrage stellen k&ouml;nnen, war diesen Klientelstaaten bei Strafe des eigenen Untergangs verboten. Um solche Entwicklungen zu verhindern, setzte die NATO zur Zeit des Kalten Krieges mit ihren Stay-Behind-Gruppen auf eigene Putschorganisationen. Sie verhinderten auch mit terroristischen Mitteln aktiv einen Machtgewinn von politischen Kr&auml;ften, die die NATO-Mitgliedschaft infrage stellten. <\/p><p>Das Ende der Systemauseinandersetzung mit der Sowjetunion ver&auml;ndert den prim&auml;ren Zweck der NATO, eine &bdquo;Pax Americana&ldquo; zu schaffen, einschneidend. Seit Ende des Kalten Kriegs sieht sich die NATO zunehmend in der Rolle des Weltpolizisten. Mit dem &Uuml;berfall auf die Bundesrepublik Jugoslawien, die zu diesem Zeitpunkt noch aus Serbien und Montenegro bestand, f&uuml;hrte der Milit&auml;rpakt 1999 seinen ersten Krieg. Ein klarer Bruch des V&ouml;lkerrechts, wie der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der 15&nbsp;Jahre sp&auml;ter selbst einr&auml;umt: &bdquo;Da haben wir unsere Flugzeuge (&hellip;) nach Serbien geschickt, und die haben zusammen mit der NATO einen souver&auml;nen Staat gebombt&nbsp;&ndash; ohne dass es einen Sicherheitsratsbeschluss gegeben h&auml;tte.&ldquo; Nach dieser Urs&uuml;nde entwickelt sich die NATO zu einem Kriegsf&uuml;hrungspakt, der bereit ist, das V&ouml;lkerrecht zu brechen. Ein klarer Widerspruch zur eigenen Charta, in der sich die NATO-Staaten gem&auml;&szlig; Artikel 1 dazu verpflichten, &bdquo;sich in ihren internationalen Beziehungen jeder Gewaltandrohung und Gewaltanwendung zu enthalten, die mit den Zielen der Vereinten Nationen nicht vereinbar sind&ldquo;. Die Verteidigung des B&uuml;ndnisgebiets wird nunmehr lediglich ein Teil des Anspruchs, als weltweite Ordnungsmacht aufzutreten. <\/p><p>2003 &uuml;berfallen die NATO-Mitglieder USA und Gro&szlig;britannien mit einem v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg den Irak. Sie stellen daf&uuml;r eigens eine &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; zusammen, der auch zahlreiche weitere NATO-Mitglieder wie Italien, Polen, Niederlande, D&auml;nemark, Tschechien, Ungarn, Portugal und die Slowakei angeh&ouml;ren, sowie die sp&auml;teren NATO-Mitglieder Rum&auml;nien, Bulgarien, Lettland und Litauen. Washington und seine Helfershelfer versto&szlig;en damit eklatant gegen das V&ouml;lkerrecht und die beteiligten NATO-Staaten gegen die grundlegenden Ma&szlig;gaben der eigenen Charta. Begleitet wird der Irak-Krieg zudem vom NATO-AWACS-Einsatz in der T&uuml;rkei, der als Kriegsunterst&uuml;tzung gedeutet werden kann. Auch wenn der Krieg gegen den Irak kein NATO-Krieg ist, gibt es schwerwiegende Argumente, den &Uuml;berfall dem Milit&auml;rpakt zuzurechnen. NATO-Mitglieder wie Deutschland verweigerten den USA nicht die Nutzung der Milit&auml;rbasen als Teil der NATO-Struktur in Europa und versagten auch nicht die &Uuml;berflugrechte f&uuml;r die US-Streitkr&auml;fte, obwohl sich aus der Bindung der Bundesregierung an die Regeln des V&ouml;lkerrechts gem&auml;&szlig; Artikel 20 Absatz 3 und Artikel 25 Grundgesetz das Verbot ergibt, an Handlungen nicht-deutscher Hoheitstr&auml;ger auf deutschem Boden mitzuwirken, wenn diese gegen das V&ouml;lkerrecht versto&szlig;en. <\/p><p>Der v&ouml;lkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Irak von einem Teil der NATO-Mitglieder wurde nicht einmal im NATO-Rat thematisiert, wie auch nicht der R&uuml;ckgriff auf NATO-Infrastruktur. Auswirkungen auf die NATO-Mitgliedschaft der USA oder Gro&szlig;britanniens hat deren Versto&szlig; gegen den Nordatlantikvertrag keine. Das war absehbar. Die Kriegspolitik des wichtigsten Mitglieds der Allianz muss daher dem Milit&auml;rpakt NATO insgesamt zugerechnet werden, nimmt man das Selbstverst&auml;ndnis der NATO ernst. Die USA stehen mit ihren v&ouml;lkerrechtswidrigen Kriegen als pars pro toto, als Teil f&uuml;r das Ganze. In Afghanistan f&uuml;hrt die NATO 20&nbsp;Jahre lang einen desastr&ouml;sen Krieg, der &uuml;ber 200000 Zivilisten das Leben kostet. Zum ersten und bisher einzigen Mal beruft sich das B&uuml;ndnis bei diesem Milit&auml;reinsatz nach den Anschl&auml;gen vom 11. September 2001 auf Kapitel 5 des NATO-Vertrages. Der internationalen &Ouml;ffentlichkeit soll weisgemacht werden, Freiheit und Sicherheit des Westens w&uuml;rden am Hindukusch verteidigt. Zwanzig Jahre sp&auml;ter, im August 2021 ziehen die Taliban wieder in Kabul ein. Der Milit&auml;reinsatz erweist sich als eine einzige Katastrophe. Der Versuch der USA, milit&auml;risch einen Fu&szlig; in Zentralasien zu haben, um China und Russland geopolitisch herausfordern zu k&ouml;nnen, ist gescheitert. Hals &uuml;ber Kopf verlassen die USA das Land. Washington informiert nicht einmal die Verb&uuml;ndeten. Tausende Ortskr&auml;fte der NATO werden im Stich gelassen. Von B&uuml;ndnissolidarit&auml;t ist nichts zu sehen. Um an Informationen zu kommen, wird im deutschen Auslandsgeheimdienst sogar verzweifelt erwogen, die Amerikaner abzuh&ouml;ren. <\/p><p>Die Blutspur der NATO f&uuml;hrt neben Belgrad, Bagdad und Kabul auch nach Libyen. 2011 zerbombt die NATO das Land unter Bruch des V&ouml;lkerrechts und Missbrauch einer Resolution des UN-Sicherheitsrats. Tausende werden get&ouml;tet. Hunderttausende m&uuml;ssen fliehen. Eine Delegation der Afrikanischen Union, die im Konflikt vermitteln will, wird sogar an der Landung gehindert. Zur&uuml;ck bleibt ein zerst&ouml;rtes Land, in dem in Teilen islamistische Milizen herrschen. Die gesamte Sahel-Region wird in der Folge von Al-Kaida und dem Islamischen Staat (IS) destabilisiert. Diese von der NATO angerichtete Katastrophe m&uuml;ssen sich die einzelnen Mitglieder zurechnen lassen. Totum pro parte, das Ganze steht hier f&uuml;r den Teil. Das gilt auch f&uuml;r die Mitgliedsstaaten, die sich nicht direkt an den Angriffen beteiligen.<\/p><p><strong>Mythos Demokratie und Rechtsstaatlichkeit<\/strong><\/p><p>Die NATO-Mitglieder sind entschlossen, &bdquo;die Freiheit, das gemeinsame Erbe und die Zivilisation ihrer V&ouml;lker, die auf den Grunds&auml;tzen der Demokratie, der Freiheit der Person und der Herrschaft des Rechts beruhen, zu gew&auml;hrleisten&ldquo;, so lautet die Legitimationslegende der Gr&uuml;ndungscharta. Das aber ist bereits im Jahr 1949 eine glatte L&uuml;ge. Nicht nur in Lateinamerika paktieren die USA von Anfang an mit Diktaturen und faschistischen Regimen, auch bei den NATO-Verb&uuml;ndeten in Europa sind nicht nur Demokratien mit an Bord. Entscheidend ist allein die Bereitschaft, sich in eine Front gegen die Sowjetunion einzureihen. Mit dem faschistischen Diktator Spaniens, Francisco Franco, schlie&szlig;en die USA bilaterale Sicherheitsabkommen, bei der NATO ist die faschistische Diktatur Portugal Gr&uuml;ndungsmitglied. W&auml;hrend die Geheimpolizei des Diktators Ant&oacute;nio de Oliveira Salazar Oppositionelle zu Tode foltert und in den portugiesischen Kolonien Konzentrationslager einrichtet, reihen die USA Portugal in die Gemeinschaft der Demokraten ein. <\/p><p>Oder nehmen wir die T&uuml;rkei. Tausende politische Gefangene werden nach dem Milit&auml;rputsch von 1980 gefoltert. Die Zeitung Cumhuriyet spricht anl&auml;sslich des zehnten Jahrestages am 12. September 1990 von 650000 politischen Festnahmen, 7000 beantragten, 571 verh&auml;ngten und 50 vollstreckten Todesstrafen und dem nachgewiesenen Tod durch Folter in 171 F&auml;llen. Die T&uuml;rkei bleibt in der NATO. Auch nach dem Milit&auml;rputsch erh&auml;lt sie umfangreiche Milit&auml;rhilfen der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten. Einer Mitgliedschaft ist die Herrschaft der Gener&auml;le nicht abtr&auml;glich. Ebenso in Griechenland. Der Milit&auml;rputsch von 1967, Konzentrationslager und Morde an Oppositionellen, die Verhaftung Tausender oder Vertreibung ins Exil&nbsp;&ndash; alles kein Grund, die Mitgliedschaft zu beenden. Selbst die Invasion des NATO-Mitglieds T&uuml;rkei in Zypern 1974 infolge des Putsches der griechischen Obristen ist offenbar konform mit dem demokratischen Gr&uuml;ndungskonsens des Milit&auml;rb&uuml;ndnisses. <\/p><p>Nun k&ouml;nnte man das abtun und auf die &bdquo;tempi passati&ldquo;, die vergangenen Zeiten verweisen. Aber auch im Jahre 2024 steht die Unterst&uuml;tzung islamistischen Terrors durch die Autokratie Erdogans nicht im Widerspruch zu einer NATO-Mitgliedschaft. Es geht bei der NATO nun einmal nicht um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sondern allein um geopolitische Gefolgschaft gegen&uuml;ber den USA. Wie bei einem auf L&uuml;gen gebauten Reich lebt die NATO von dieser M&auml;r. In Schulen und Universit&auml;ten sind diese L&uuml;gen Teil des Bildungsprogramms zur NATO.<\/p><p><strong>Mythos Wertegemeinschaft und Menschenrechte<\/strong><\/p><p>&bdquo;Unsere gemeinsamen Werte&nbsp;&ndash; individuelle Freiheit, Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit&nbsp;&ndash; verbinden uns.&ldquo; So stellt sich die NATO in ihrem Strategischen Konzept 2022 als Wertegemeinschaft dar. Durch die Kriege der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten sind allein in den vergangenen 20&nbsp;Jahren viereinhalb Millionen Menschen gestorben, bilanziert hingegen die renommierte Brown University in Rhode Island, USA. <\/p><p>Mit dem mannigfach kolportierten Selbstbild der NATO ist dies nicht zu vereinbaren. Die NATO ist keine Gemeinschaft, die Menschenrechte sch&uuml;tzt. Im Gegenteil: Die NATO ist der Schutzschirm f&uuml;r die Menschenrechtsverletzungen ihrer Mitglieder. Und zwar keineswegs nur mit Blick auf die Verletzung sozialer Menschenrechte unter der Diktatur massiver Aufr&uuml;stung. Vielmehr verfolgt die NATO eine Politik der v&ouml;lligen Straflosigkeit gegen&uuml;ber Kriegsverbrechen ihrer Mitgliedsstaaten. Wer es wie der australische Journalist Julian Assange wagt, diese Kriegsverbrechen &ouml;ffentlich zu machen, der wird gefoltert und mit 175&nbsp;Jahren Haft in den USA bedroht. Ernsthafte Interventionen anderer NATO-Regierungen f&uuml;r die Freilassung von Julian Assange gibt es keine. In eilfertiger Komplizenschaft wird auf Kritik am Hegemon USA verzichtet. <\/p><p>Die von Assange im Jahr 2010 ver&ouml;ffentlichte Dokumente-Sammlung &bdquo;Afghanistan War Diary&ldquo; belegt die Existenz einer geheimen US-Truppe, &bdquo;Task Force 373&ldquo; genannt, die der rechtsfreien T&ouml;tung mutma&szlig;licher Taliban-Anf&uuml;hrer dient. Die 300 Mann starke Elite-Einheit war auch in dem von der Bundeswehr kontrollierten Gebiet in Afghanistan stationiert. Sie stand unter direktem Befehl der US-Regierung und setzte den von der Enth&uuml;llungsplattfom <em>Wikileaks<\/em> publizierten Berichten zufolge auch international ge&auml;chtete Streubomben ein, die wahllos t&ouml;ten und zerst&ouml;ren. (&hellip;)<\/p><p>Am 11. Januar 2002 errichten die USA auf dem widerrechtlich besetzten Marine-St&uuml;tzpunkt Guantanamo Bay auf Kuba ein Gefangenenlager. Amnesty International schreibt dazu: &bdquo;Viele der rund 780 Menschen, die seitdem dort gezielt au&szlig;erhalb jeder gerichtlichen Kontrolle inhaftiert gewesen sind, haben vor oder w&auml;hrend ihrer Haft schwerste Menschenrechtsverletzungen erlitten &ndash; darunter Folter und Verschwindenlassen. Bis heute werden in Guant&aacute;namo Folter&uuml;berlebende ohne angemessene medizinische Versorgung, ohne Anklage und faire Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit festgehalten.&ldquo; Auch 22 Jahre nach seiner Einrichtung ist eine Schlie&szlig;ung des Folterlagers in Guant&aacute;namo nicht absehbar. (&hellip;)<\/p><p>Menschenrechte haben f&uuml;r die NATO einen sehr niedrigen Stellenwert. Das zeigt sich auch an der Wahl der Allianzen der NATO-Mitglieder. So r&uuml;sten etwa die USA, Gro&szlig;britannien und Deutschland die Diktatur in Saudi-Arabien auf, die reihenweise Oppositionelle k&ouml;pfen l&auml;sst und deren Kronprinz Mohammed bin Salman mutma&szlig;lich pers&ouml;nlich den Befehl gab, den Washington-Post-Journalisten Jamal Khashoggi im Generalkonsulat von Istanbul zu zers&auml;gen. <\/p><p>Rhetorisch bleibt die NATO antithetisch an ihre Praxis gebunden. So hei&szlig;t es im Strategischen Konzept der NATO von 2022: &bdquo;Wir werden unsere Geschlossenheit, unseren Zusammenhalt und unsere Solidarit&auml;t st&auml;rken, indem wir auf dem fortw&auml;hrenden transatlantischen Bund zwischen unseren Nationen und der St&auml;rke unserer gemeinsamen demokratischen Werte aufbauen.&ldquo; Angesichts der engen B&uuml;ndnisse mit Diktatoren, Autokraten und V&ouml;lkerrechtsverletzern wirkt diese Selbstversicherung wie ein schlechter Witz. Begleitet wird diese Heuchelei von doppelten Standards: In ihrem Strategischen Konzept vom 20. Juni 2022 wirft die NATO Russland vor, in der Ukraine &bdquo;wiederholte Verst&ouml;&szlig;e gegen das humanit&auml;re V&ouml;lkerrecht&ldquo; zu begehen. W&auml;hrend die NATO dies als zus&auml;tzliche Begr&uuml;ndung f&uuml;r ihren Stellvertreterkrieg gegen Russland heranzieht, st&auml;rkt sie Israel bei seinen offensichtlichen Verst&ouml;&szlig;en gegen das humanit&auml;re V&ouml;lkerrecht in Gaza den R&uuml;cken und sichert dem Land volle Solidarit&auml;t zu. Die USA verhindern mit ihrem Veto im UN-Sicherheitsrat jede Resolution f&uuml;r einen sofortigen Waffenstillstand. Ohne die Waffenlieferungen aus den NATO-Staaten USA, Deutschland und Gro&szlig;britannien w&auml;re dieser Krieg so nicht f&uuml;hrbar.<\/p><p>Im Globalen S&uuml;den wird diese Doppelmoral des Westens immer st&auml;rker kritisiert. Die Menschenrechtsrhetorik von NATO-Staaten gilt dort als rein instrumentell, um eigene geopolitische Interessen zu verbergen oder durchzusetzen. Die NATO erscheint als W&auml;chterorganisation einer zutiefst ungerechten Weltordnung mit neokolonialen Tendenzen. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass NATO-Mitglieder beim Wirtschaftskrieg gegen Russland mit sogenannten Sekund&auml;rsanktionen Drittstaaten wie China, der T&uuml;rkei oder den Vereinigten Arabischen Emiraten unter Verletzung von deren Souver&auml;nit&auml;t die eigene Politik aufzuzwingen versuchen. Die Mythen der NATO verkl&auml;ren den Blick auf die Wirklichkeit. Um Auswege aus der gegenw&auml;rtigen Krise zu finden, bedarf es ihrer Enth&uuml;llung. Darum geht es in diesem Buch. Heute, 75&nbsp;Jahre nach seiner Gr&uuml;ndung, treibt der Milit&auml;rpakt mit seiner globalen Expansion und seinen Konfrontationen die Welt n&auml;her an den Rand eines Dritten Weltkrieges als jemals zuvor. Die kritische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Vorgehen des B&uuml;ndnisses wie auch mit seinen Verbrechen in der Vergangenheit soll die Voraussetzung daf&uuml;r schaffen, &uuml;ber Alternativen nachzudenken. Alternativen zu einer NATO, die allein auf Abschreckung, Aufr&uuml;stung und Konfrontation setzt&nbsp;&ndash; und damit das friedliche Zusammenleben der Menschheit existenziell gef&auml;hrdet.<\/p><p><em>Auszug aus: Sevim Dagdelen: <strong><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-nato.html\">&bdquo;Die NATO. Eine Abrechnung mit dem Werteb&uuml;ndnis&ldquo;<\/a><\/strong>, Westend Verlag 2024, 128 Seiten, 16,00 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 75. 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