{"id":113450,"date":"2024-04-05T13:00:10","date_gmt":"2024-04-05T11:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113450"},"modified":"2024-04-05T13:49:37","modified_gmt":"2024-04-05T11:49:37","slug":"der-justizkrieg-gegen-julian-assange-geht-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113450","title":{"rendered":"Der Justizkrieg gegen Julian Assange geht weiter"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem die Richter des Londoner High Court am Dienstag vergangener Woche dem Antrag von Julian Assange auf ein Berufungsverfahren mit Einschr&auml;nkungen stattgegeben haben, ist Zeit gewesen, den Richterspruch genau zu lesen. Dabei wird klar, wie sehr das jetzige Vorgehen der Richter auf die Bed&uuml;rfnisse der US-Regierung zugeschnitten ist. Anklage und Richter, die Teil des gleichen britischen Establishments sind, scheinen Hand in Hand zu arbeiten. Als Gegengewicht bleiben nur Teile der Presse und eine kritische &Ouml;ffentlichkeit. Ein Teil dieser &Ouml;ffentlichkeit ist FreeAssange Berlin, die uns diese Woche dankenswerterweise wieder mit einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113379\">aktuellen Newsletter<\/a> beliefert haben. Einige weitergehende Gedanken zum Gerichtsentscheid vom 26. M&auml;rz von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 26. M&auml;rz haben Richterin Dame Victoria Sharp und Richter Jeremy Johnson Julian Assange vordergr&uuml;ndig erst einmal erlaubt, am High Court von England und Wales Berufung gegen einige Punkte der erstinstanzlichen Entscheidung im Auslieferungsverfahren einzulegen.<\/p><p>Insgesamt hatten die Verteidiger von Julian Assange neun Punkte vorgebracht, die gegen eine Auslieferung an die USA sprechen. Von diesen haben Richterin und Richter nur drei Punkte zur Berufungsverhandlung zugelassen. Noch dazu haben sie der US-Regierung bis zum 16. April Zeit gegeben, diese Punkte durch Zusicherungen auszur&auml;umen. Dies ist ein ungew&ouml;hnlicher Vorgang. Es kommt vielleicht manchmal vor, dass ein Gericht einer der streitenden Parteien Tipps zur Verhandlung gibt, aber in einem Fall von solcher Tragweite erscheint es sehr ungew&ouml;hnlich.<\/p><p>Die Richter haben Julian Assange untersagt, in einer eventuellen Berufungsverhandlung neue Beweise einzubringen, w&auml;hrend sie es den USA erlauben, nach der Anh&ouml;rung Ende Februar Zusicherungen (gleich neue &bdquo;Fakten&ldquo;) einzubringen.<\/p><p>Die nicht zugelassenen Beweise beziehen sich auf die Pl&auml;ne der CIA, Julian Assange zu entf&uuml;hren oder zu t&ouml;ten. Die Richter zweifelten die Existenz dieser Pl&auml;ne nicht an. Trotzdem wurden diese Beweise abgelehnt, mit der erstaunlichen Begr&uuml;ndung, dass die USA diese Pl&auml;ne gemacht h&auml;tten, weil die Gefahr gesehen wurde, dass Julian Assange nach Russland flieht. Diese Fluchtgefahr bestehe im Falle einer Auslieferung an die USA (und somit in die H&auml;nde auch der CIA) nicht mehr.<\/p><p>Es erscheint mir unvorstellbar, jemanden an ein Land auszuliefern, dessen zentraler Nachrichtendienst die Entf&uuml;hrung bzw. Ermordung dieser Person geplant hat &ndash; noch dazu, wenn dieser Nachrichtendienst auch noch ein geheimes Mitspracherecht in einem eventuellen Verfahren gegen diese Person hat. Mit dieser Begr&uuml;ndung erkennen die Richter Mord und Entf&uuml;hrung quasi als legales Mittel an.<\/p><p>Au&szlig;erdem verneinten die Richter, dass Julian Assange wegen seiner politischen Ansichten verfolgt wird. Zus&auml;tzlich dazu beriefen sich die Richter auf das Auslieferungsgesetz des Vereinigten K&ouml;nigreichs von 2003. Im Gegensatz zu &sect;4 im Auslieferungsvertrag zwischen den USA und dem Vereinigten K&ouml;nigreich enth&auml;lt dieses Gesetz n&auml;mlich keine Sperrklausel bei F&auml;llen politischer Natur. Assanges Rechtsanw&auml;lte hatten argumentiert, dass es keinen Sinn mache, dass diese Sperre bei der Auslieferung in 150 Staaten existiert, aber nicht im Fall der USA.<\/p><p>Mich wundert es, dass die Richter diesen Berufungsgrund nicht zugelassen haben. Ich habe mit eigenen Ohren geh&ouml;rt, wie Richter Jeremy Johnson einen der Anklagevertreter fragte, ob Gro&szlig;britannien also in politischen F&auml;llen an die USA ausliefert, weil &sect;4 es nicht in das GB-Gesetz geschafft hat, w&auml;hrend die USA sich auf den Auslieferungsvertrag berufen k&ouml;nnen und dann nicht ins Vereinigte K&ouml;nigreich ausliefern. Er stellte diese Frage mit einem gewissen Aha-Effekt in seiner Stimme. Man fragt sich, ob Dame Victoria Sharp dies sehr anders sah, oder was das Gericht nun dazu bewogen hat, diesen Berufungsgrund nicht zuzulassen.<\/p><p>Ein weiterer Punkt, der nicht zur Berufung zugelassen wurde, ist, dass die Verteidigung argumentiert hatte, Julian Assange habe zum Zeitpunkt der Ver&ouml;ffentlichung der geheimen Dokumente nicht gewusst, dass dies strafbar sei. Daniel Ellsberg war im &auml;hnlich gelagerten Fall der Pentagon Papers freigesprochen worden, weil die Richter die Ver&ouml;ffentlichung durch den Schutz der freien Rede abgedeckt sahen. Assanges Verteidiger argumentierten, er habe nicht vorhersehen k&ouml;nnen, dass er im Rahmen des US-Spionagegesetzes von 1917 angeklagt w&uuml;rde, weil dies noch nie bei einem Journalisten geschah.<\/p><p>Ein weiterer Berufungsgrund, den die Richter ablehnten, war der, dass Julian Assange in den USA kein faires Verfahren erwarten k&ouml;nne. Auch dies ist erstaunlich, denn im &ouml;stlichen Distrikt von Virginia, in dem Julian Assange angeklagt ist, ist ein Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung im Staatsdienst oder bei zuarbeitenden Firmen besch&auml;ftigt. Ein weiterer Grund, der eigentlich jedes normale juristische Unterfangen zum Einsturz bringen m&uuml;sste, ist die Tatsache, dass auch vertrauliche Gespr&auml;che zwischen Julian Assange und seinem Anwaltsteam, die in der ecuadorianischen Botschaft in London stattfanden, abgeh&ouml;rt und in die USA &uuml;bermittelt wurden. In diesem Zusammenhang von einem fairen Verfahren zu reden, ist fragw&uuml;rdig.<\/p><p><strong>Mit Einschr&auml;nkungen zugelassene Gr&uuml;nde f&uuml;r ein Berufungsverfahren<\/strong><\/p><p>Zwei miteinander verbundene Gr&uuml;nde sind, dass das Gericht die Gefahr sieht, dass Julian Assanges freie Meinungs&auml;u&szlig;erung bedroht ist und dass ihm als Nicht-US-B&uuml;rger nicht der Schutz des ersten Verfassungszusatzes der USA zusteht, der die freie Rede sch&uuml;tzt.<\/p><p>Au&szlig;erdem erkannte das Gericht an, dass die USA die Verh&auml;ngung und Vollstreckung der Todesstrafe unzureichend ausger&auml;umt haben.<\/p><p>Erstaunlicherweise gab das Gericht den USA nun drei Wochen Zeit, um &bdquo;befriedigende Zusicherungen&ldquo; zu diesen drei Punkten einzureichen. Auf diese Zusicherungen k&ouml;nnen die Anw&auml;lte von Julian Assange bis zum 13. Mai Erwiderungen einreichen, &uuml;ber die das Gericht dann bis zum 20. Mai &bdquo;oder m&ouml;glicherweise zu einem vom Gericht bekannt gegebenen sp&auml;teren Zeitpunkt&ldquo; entscheidet. Die Anklage ist sp&auml;testens seit der Verhaftung von Assange vor fast f&uuml;nf Jahren bekannt, und man fragt sich, was daran &bdquo;rechtsstaatlich&ldquo; ist, wenn der US-Regierung nun Zeit gegeben wird f&uuml;r Zusagen, die sie seit f&uuml;nf Jahren h&auml;tte machen k&ouml;nnen.<\/p><p>Beobachter meinen, dass es f&uuml;r die USA schwierig sein k&ouml;nnte, (so schnell) wirklich befriedigende Zusicherungen einzureichen. Der Teil des US-Justizministeriums, der f&uuml;r die Prozessf&uuml;hrung zust&auml;ndig ist, scheint unabh&auml;ngig zu sein von dem, der f&uuml;r die Zusicherungen gegen&uuml;ber einem anderen Staat zust&auml;ndig ist.<\/p><p>Darum scheint es aber auch gar nicht zu gehen. Wahrscheinlich erkennt das Gericht die bis zum 14. April m&ouml;glicherweise abgegebenen Zusicherungen als nicht ausreichend an, und es kommt nach weiteren Monaten der Sommerpause des High Court von England und Wales im Oktober zu einer Berufungsverhandlung.<\/p><p>Dadurch wird Julian Assange f&uuml;r weitere Monate in seinen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97372\">unmenschlichen Haftbedingungen<\/a> gehalten, und er erscheint nicht vor den US-Pr&auml;sidentschaftswahlen in den USA, wo dann vor Gericht wieder ein gr&ouml;&szlig;eres Spektrum an Themen zur Sprache kommen k&ouml;nnte.<\/p><p>Durch das Verbot von neuen Beweisen und die Ablehnung der Frage, ob es sich bei diesem Fall um einen politischen Fall handelt, werden wirklich inhaltliche Fragen bei einer m&ouml;glichen Berufungsverhandlung in London effektiv ausgeklammert. Bei den zugelassen drei Punkten handelt es sich mehr um juristische Fragen, und auch die Frage, ob die Ver&ouml;ffentlichungen von <em>WikiLeaks<\/em> im &ouml;ffentlichen Interesse waren und sind, kann seit dem Richterspruch vom 26. M&auml;rz nicht mehr vor dem High Court verhandelt werden.<\/p><p>Wer sich selbst ein detaillierteres Bild machen will, kann das <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/240326-Assange-v-USA-Approved-Judgment.pdf\">66-seitige Urteil<\/a>, einen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/240326-Assange-v-USA-Judges-Order.pdf\">dreiseitigen Gerichtsbeschluss<\/a> oder eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/240326-Assange-v-USA-Press-Summary.pdf\">vierseitige Pressemitteilung<\/a> lesen. (alle Dokumente auf Englisch)<\/p><p>Das derzeitige Verfahren in London scheint von Anklage und Gericht gemeinsam sehr geschickt gelenkt. Es soll hier der Eindruck der Rechtsstaatlichkeit entstehen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Auch in vielen Medien werden diese Diskrepanzen bzw. diese unlogische und ungerechte Vorgehensweise nicht aufgegriffen. Auch herrscht bei den Begriffen, die benutzt werden, ein Gleichklang. Oft liest man davon, dass Julian Assange &bdquo;Milit&auml;rgeheimnisse&ldquo; der USA verraten habe, was ja auch stimmt, aber dann auch zu kurz greift, weil es sich bei vielen dieser &bdquo;Milit&auml;rgeheimnisse&ldquo; um handfeste Verbrechen und Mord und Totschlag gehandelt hat.<\/p><p>Viele der Suchergebnisse zu &bdquo;Julian Assange&ldquo; im Internet f&uuml;hren zu diesen Berichten der Leitmedien, die oftmals auch nicht sehr aktuell sind. Wenn man die Suche durch Anklicken der Schaltfl&auml;che oben rechts unter dem Suchwort auf &bdquo;Letzte Woche&ldquo; oder &bdquo;Gestern&ldquo; eingrenzt, wird es interessanter und man st&ouml;&szlig;t auf Artikel wie diesen im <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/die-oeffentliche-unterlassung-im-fall-julian-assange\/\"><em>Overton-Magazin<\/em><\/a> oder diesen auf <a href=\"https:\/\/www.manova.news\/artikel\/die-passion-des-julian-assange\"><em>Manova<\/em><\/a>. Aber auch dann findet man abstruse Dinge, und es empfiehlt sich, wachsam zu sein wie bei allem, was man liest und h&ouml;rt &ndash; inklusive dieser von mir geschriebenen Zeilen.<\/p><p>Ich habe es vor langer Zeit aufgegeben, im Fall Assange &bdquo;neutral&ldquo; zu sein. Zu gro&szlig; sind die himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die ihm in den letzten Jahren widerfahren sind. Nat&uuml;rlich h&auml;tten auch <em>Wikileaks<\/em> und Julian Assange Dinge besser machen k&ouml;nnen, und es wurden Fehler gemacht. Ich sehe aber nichts, was die grausame Behandlung rechtfertigt, die seit Jahren bei Julian Assange angewendet wird.<\/p><p>Darum ist es gut, dass die Menschen, die man bei <a href=\"https:\/\/www.freeassange.eu\/#aktionsuebersicht\">FreeAssange.eu<\/a> findet, und die vielen weiteren Menschen, die sich f&uuml;r Julian Assange und Pressefreiheit einsetzen, Stellung beziehen. Am heutigen Freitag finden zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.freeassange.eu\/#veranstaltungen\">Mahnwachen<\/a> in Berlin, Dessau und Paderborn, morgen in Bonn und am Sonntag in M&uuml;nchen statt. Eine weitere wichtige Stellungnahme ist der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113379\">Newsletter von FreeAssangeBerlin<\/a>, der schon am gestrigen Donnerstag auf den NachDenkSeiten erschien.<\/p><p>Auf Englisch noch weitere erhellende Texte von: <a href=\"https:\/\/www.craigmurray.org.uk\/archives\/2024\/03\/the-assange-hearing-permission-appeal-judgment-mad-and-bad\/\">Craig Murray<\/a>, <a href=\"https:\/\/thedissenter.org\/uk-high-court-extradition-removes-cia-rationale-assassinating-assange\/\">Kevin Gosztola<\/a> und <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2024\/03\/28\/slowly-suffocating-assange-like-its-other-enemies\/\">Caitlin Johnstone<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem die Richter des Londoner High Court am Dienstag vergangener Woche dem Antrag von Julian Assange auf ein Berufungsverfahren mit Einschr&auml;nkungen stattgegeben haben, ist Zeit gewesen, den Richterspruch genau zu lesen. 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