{"id":113467,"date":"2024-04-07T13:00:25","date_gmt":"2024-04-07T11:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113467"},"modified":"2024-04-05T15:24:10","modified_gmt":"2024-04-05T13:24:10","slug":"brasilien-im-aufschwung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113467","title":{"rendered":"Brasilien im Aufschwung?"},"content":{"rendered":"<p>Nach mehr als einem Jahr im Amt hat die Regierung Lula da Silva 3.0 unter neuen internationalen Bedingungen wesentliche demokratische, wirtschaftliche und politische Ver&auml;nderungen vorgenommen und wichtige au&szlig;enpolitische Aktivit&auml;ten eingeleitet. Die innenpolitischen Bedingungen gestalten sich durch die Auseinandersetzungen mit der neoliberalen Rechten schwierig. Von <strong>Achim Wahl<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Ultrarechte hat sich als politisches Subjekt in Brasilien etabliert und mit den Neoliberalen verb&uuml;ndet. Ihre St&auml;rke besteht in der F&auml;higkeit, Menschen zu mobilisieren und politisch zu intervenieren. Um dieser Situation zu begegnen, war Pr&auml;sident Luiz In&aacute;cio Lula da Silva gezwungen, eine breite Koalition mit Parteien des &bdquo;Zentrums&rdquo; (centrao) einzugehen. Die Regierungskoalition besteht aus elf Parteien, die neben der regierenden Arbeiterpartei (PT) dem Mitte-links-Spektrum zuzuordnen sind. Vizepr&auml;sident Geraldo Alckmin, einst Mitbegr&uuml;nder der gegenw&auml;rtig oppositionellen PSDB, war 2022 aus der rechts-sozialdemokratischen Partei ausgetreten und Mitglied der Mitte-links-Partei PSB geworden. Er ist gleichzeitig Minister f&uuml;r Entwicklung, Industrie und Handel. Drei Zentrums-Parteien stellen f&uuml;nf von insgesamt 38 Ministern.<\/p><p>Der &bdquo;Chef&rdquo; des Zentrums aber, der Pr&auml;sident des Abgeordnetenhauses Arthur Lira von der konservativen Partido Popular (PP), arbeitet auch mit den Bolsonaristen im Parlament zusammen. Diese starke Opposition kann Regierungsvorhaben ausbremsen und im Interesse konservativer Kr&auml;fte der Gesellschaft verhindern.<\/p><p>Im Mittelpunkt der innenpolitischen Auseinandersetzungen stehen immer noch die Ereignisse des 8. Januar 2023, als ultrarechte Kr&auml;fte Regierungsgeb&auml;ude in Brasilia st&uuml;rmten. Ermittlungen der Justiz und der Bundespolizei ergaben eindeutig: Ex-Pr&auml;sident Jair Bolsonaro hatte Absprachen mit Milit&auml;rs getroffen, um die Regierung Lulas zu st&uuml;rzen. Der Minister des Obersten Gerichts Alexandre de Morais best&auml;tigte k&uuml;rzlich in einer Erkl&auml;rung, dass Bolsonaro mit dem ehemaligen Armeechef Freire Gomez und anderen Milit&auml;rs vereinbart hatte, ihn wieder als Pr&auml;sident einzusetzen. Inzwischen sind einige der Akteure verurteilt worden, gegen andere &ndash; wie auch gegen Bolsonaro &ndash; laufen entsprechende Verfahren.<\/p><p>Am 25. Februar fand in S&atilde;o Paulo eine &bdquo;Protestveranstaltung&rdquo; der Bolsonaristen statt, an der etwa 200.000 Menschen teilnahmen. Der Protest richtete sich haupts&auml;chlich gegen die Ma&szlig;nahmen der Justiz zur Verfolgung der an der Verschw&ouml;rung beteiligten Milit&auml;rs. Bolsonaro selbst lancierte die Forderung nach einer allgemeinen Amnestie, durch die eine eine &bdquo;Vers&ouml;hnung von oben&rdquo; angestrebt wird. Beispiele f&uuml;r &auml;hnliche Absprachen sind in der brasilianischen Geschichte nicht selten.<\/p><p>F&uuml;r Beunruhigung sorgte der 60. Jahrestag des Milit&auml;rputsches vom 31. M&auml;rz 1964. Armeechef General Tom&aacute;s Paiva hat jegliche &bdquo;W&uuml;rdigung&rdquo; dieses Tages per Befehl untersagt. Das schlie&szlig;t indes nicht aus, dass in Milit&auml;rklubs anders gehandelt wird.<\/p><p>Konfrontiert mit dieser Situation, ist die Regierung Lula bestrebt, soziale Programme beschleunigt zu realisieren und konkrete wirtschaftliche Ergebnisse zu erreichen. Von Bolsonaro erlassene Gesetze, auch zu Privatisierungen, werden zur&uuml;ckgenommen, Sozialprogramme (Familienbeihilfen, Mindestlohnerh&ouml;hung, Licht f&uuml;r alle, Wasser f&uuml;r alle) wieder in Kraft gesetzt.<\/p><p>Der Regierung geht es darum, die Fraktion der Bourgeoisie f&uuml;r ihr Projekt nationaler kapitalistischer Entwicklung zu gewinnen, das auf gr&ouml;&szlig;ere Autonomie &ndash; weniger Abh&auml;ngigkeit vom Auslandskapital &ndash; orientiert. Eine zentrale Rolle dabei spielt der Staat, der die Entwicklungsziele durch die Nutzung der Erd&ouml;lreserven und das Zusammenwirken gro&szlig;er Gruppen des nationalen Kapitals wie der Entwicklungsbank BNDES und dem Mineral&ouml;lunternehmen Petrobras durchsetzen will.<\/p><p>Mitte 2023 ver&ouml;ffentlichte die Regierung ein neues &bdquo;Programm beschleunigten Wachstums&rdquo; (PAC), in dessen Rahmen bis 2027 insgesamt 1,7 Billionen Reais (rund 313 Milliarden Euro) aus &ouml;ffentlichen, staatlichen und privaten T&ouml;pfen in Infrastrukturprojekte und in die Transformation der Wirtschaft auf der Basis nachhaltiger Energietr&auml;ger und neuester Technologien flie&szlig;en sollen. Die seit Jahren vor sich gehende Deindustrialisierung soll umgekehrt werden. Finanzminister Fernando Haddad erkl&auml;rte, Brasilien brauche daf&uuml;r die Einnahmen aus der Erd&ouml;lindustrie, weshalb alle Erd&ouml;lraffinerien verstaatlicht werden. Zentraler Akteur f&uuml;r diese Zielstellung ist die Petrobras, deren Aktienmehrheit in Regierungsh&auml;nden ist.<\/p><p>Brasilien als gr&ouml;&szlig;ter Erd&ouml;lproduzent Lateinamerikas mit einer Produktion von t&auml;glich 4,66 Millionen Fass will der OPEC-plus beitreten, um Einfluss auf den globalen Energiesektor und die Energiepolitik nehmen zu k&ouml;nnen. Im Juni 2024 soll das Land in Wien zun&auml;chst Beobachterstatus bei OPEC-plus, der Kooperationsplattform von OPEC-Staaten und Nicht-OPEC-Mitgliedern, erhalten.<\/p><p>Mit seinem Amtsantritt &uuml;bernahm Pr&auml;sident Lula zugleich erste au&szlig;enpolitische Schritte: Priorit&auml;r f&uuml;r die brasilianische Au&szlig;enpolitik ist die Integration Lateinamerikas. So trat das Land wieder in die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (Celac) und die Union S&uuml;damerikanischer Nationen (Unasur) ein, aus denen es unter Bolsonaro ausgetreten war.<\/p><p>Lula reiste zuerst ins Nachbarland Argentinien und in die USA. Die &Uuml;bernahme der Pr&auml;sidentschaft durch Javier Milei im Dezember 2023 schloss jedoch vorerst jede weitere Festigung der Beziehungen zu Buenos Aires aus.<\/p><p>Mit US-Pr&auml;sident Joe Biden vereinbarte Lula eine gemeinsame Erkl&auml;rung zur Verteidigung demokratischer Werte, die beide Staaten in etwa gleicher Weise bedroht sehen.<\/p><p>Mit China wurden im April vergangenen Jahres 50 Abkommen geschlossen, die f&uuml;r Brasiliens &bdquo;Neue Industriepolitik&rdquo; von Bedeutung sind. Die Pr&auml;sidenten Lula und Xi Jinping verst&auml;ndigten sich &uuml;ber die Erweiterung der Staatenvereinigung BRICS, die auf der folgenden Tagung in Johannesburg beschlossen wurde. Sie unternahmen eine Initiative zur Vermittlung im Ukraine-Krieg, die allerdings bisher nicht die erhofften Ergebnisse zeitigte. Beide Staaten halten jedoch an ihren friedenspolitischen Bestrebungen fest.<\/p><p>Widerspr&uuml;chlich war das Echo, das Lulas Erkl&auml;rung zu Israels Reaktion auf den Terror&uuml;berfall der Hamas am 7. Oktober fand: &bdquo;Was im Gazastreifen mit dem pal&auml;stinensischen Volk geschieht, hat es zu keinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte gegeben. Beziehungsweise hat es das schon gegeben: Als Hitler beschloss, die Juden zu t&ouml;ten.&rdquo; Israel erkl&auml;rte Lula daraufhin zur persona non grata, beiderseits wurden die Botschafter zu Konsultationen abberufen. Die Celac-Konferenz im M&auml;rz unterst&uuml;tzte derweil die Forderung Brasiliens nach Verurteilung Israels und die diesbez&uuml;gliche Klage S&uuml;dafrikas vor dem Internationalen Gerichtshof.<\/p><p>Brasilien kann aufgrund seiner historischen Erfahrungen, seines wirtschaftlichen Gewichts und seiner diplomatischen Tradition als privilegierter Partner und Vermittler in der westlichen Welt, in Lateinamerika und im Globalen S&uuml;den auftreten. Seine Au&szlig;enpolitik basiert auf Prinzipien der friedlichen L&ouml;sung von Konflikten und der Selbstbestimmung der V&ouml;lker. Schon im November 2022 erkl&auml;rte Lula auf der Weltklimakonferenz (COP 27) in &Auml;gypten, dass er eine multilaterale Kooperation zur L&ouml;sung der Klimakrise anstrebe. Und beim Gipfel der Afrikanischen Union in Addis Abeba schlug er allen Staaten vor, sich gemeinsam auf einen Vertrag zur Beseitigung der Armut und des Hungers auf der Welt zu einigen.<\/p><p><em>Der Beitrag erschien zuerst <a href=\"https:\/\/das-blaettchen.de\/2024\/03\/brasilien-im-aufschwung-68443.html\">in &ldquo;Das Bl&auml;ttchen&rdquo; Nummer 7 vom 25. M&auml;rz 2024<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Nelson Antoine<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\nMehr zum Thema:\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96059\">&bdquo;Sklaverei&auml;hnliche Bedingungen&ldquo;: Schwere Vorw&uuml;rfe gegen BASF in Brasilien<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96650\">Der brasilianische Journalist Luiz Carlos Prestes &uuml;ber die Geschichte Brasiliens, den Kampf gegen die Oligarchie und seine Zeit in Moskau<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92268\">Putschversuch in Brasilien: Was bisher bekannt ist<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89081\">Brasilien vor der Entscheidung<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach mehr als einem Jahr im Amt hat die Regierung Lula da Silva 3.0 unter neuen internationalen Bedingungen wesentliche demokratische, wirtschaftliche und politische Ver&auml;nderungen vorgenommen und wichtige au&szlig;enpolitische Aktivit&auml;ten eingeleitet. 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