{"id":113562,"date":"2024-04-09T09:00:22","date_gmt":"2024-04-09T07:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113562"},"modified":"2024-04-09T09:37:41","modified_gmt":"2024-04-09T07:37:41","slug":"der-versorger-thames-water-vorzeigeprojekt-der-thatcher-aera-und-sinnbild-einer-gescheiterten-privatisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113562","title":{"rendered":"Der Versorger Thames Water \u2013 Vorzeigeprojekt der Thatcher-\u00c4ra und Sinnbild einer gescheiterten Privatisierung"},"content":{"rendered":"<p>Der britische Wasserversorger Thames Water ist finanziell schon l&auml;nger angeschlagen. Nun aber wird es ernst, denn Ende April wird ein Kredit von 190 Millionen Pfund (umgerechnet 222 Millionen Euro) f&auml;llig. Wie die Zahlungen geleistet werden sollen, ist bislang noch unklar. Derzeit ist die Beratungsfirma Alvarez &amp; Marsal damit betraut, mit den Gl&auml;ubigern eine L&ouml;sung zu finden. Sollte es kurzfristig keinen Ausweg geben, <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/industrie\/wasserwirtschaft-finanzkrise-bei-thames-water-spitzt-sich-zu\/100028604.html\">droht gar die Verstaatlichung<\/a>. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Fall ist deswegen von Bedeutung, weil es sich bei Thames Water um ein Vorzeigeprojekt aus Zeiten der Thatcher-Regierung handelt. Das Unternehmen ist n&auml;mlich nicht nur der Wasserversorger der Metropolregion London, sondern mit 15,5 Millionen Kunden auch das gr&ouml;&szlig;te Unternehmen seiner Art in Gro&szlig;britannien &uuml;berhaupt. Zudem kann Thames Water auf eine jahrhundertealte Tradition zur&uuml;ckblicken. Gegr&uuml;ndet wurde das Unternehmen schon im Jahr 1609 (damals noch unter dem Namen New River Company), um ein 68 Kilometer langes Aqu&auml;dukt zur Versorgung von London zu betreiben.<\/p><p><strong>Hohe Schulden und st&auml;ndige Managerwechsel<\/strong><\/p><p>Heute jedoch droht Thames Water im Chaos zu versinken. Der Schuldenstand betr&auml;gt inzwischen mehr als 18 Milliarden Pfund, ein gro&szlig;er Teil davon ist variabel verzinst, was in Zeiten hoher Inflation eine enorme finanzielle Belastung ist. Allein in diesem Jahr summieren sich die F&auml;lligkeiten auf mehr als eine Milliarde Pfund. Derweil herrscht auf der F&uuml;hrungsetage ein st&auml;ndiges Kommen und Gehen. Der seit Januar amtierende Chris Weston ist bereits der f&uuml;nfte Vorstandschef in acht Jahren. Und nun haben sich auch noch die Eigent&uuml;mer (im Wesentlichen angels&auml;chsische Pensionsfonds und Staatsfonds aus China und Abu Dhabi) geweigert, dem Unternehmen mit einer Kapitalspritze unter die Arme zu greifen.<\/p><p>Die Probleme bei Thames Water kommen jedoch nicht von ungef&auml;hr, sondern sind das Ergebnis einer verfehlten und ideologiegetriebenen Privatisierungspolitik. Um das zu verstehen, ist es notwendig, sich die Besonderheiten des Wassermarktes einmal genauer anzuschauen. So ist die Versorgung der Bev&ouml;lkerung mit sauberem Trinkwasser ein nat&uuml;rliches Monopol. Das liegt daran, dass es &ndash; &auml;hnlich wie bei der Versorgung mit Strom und Gas &ndash; schlichtweg &ouml;konomisch ineffizient ist, mehrere Leitungsnetze parallel zu betreiben. Das hei&szlig;t, derjenige, der das Netz besitzt, ist Monopolist. Er kann potenzielle Konkurrenten vom Markt fernhalten und die Preise diktieren. Deswegen wird der Bereich der leitungsgebundenen Versorgung gesondert geregelt. In Deutschland etwa befindet sich die Wasserversorgung in kommunaler Hand.<\/p><p><strong>Breite Privatisierungsoffensive<\/strong><\/p><p>England und Wales sind jedoch Ende der Achtzigerjahre einen anderen Weg gegangen. Dort hat die damalige Premierministerin Margaret Thatcher eine breite Privatisierungsoffensive angesto&szlig;en, bei der mehr als 50 &ouml;ffentliche Unternehmen in private Hand &uuml;bergingen, darunter s&auml;mtliche Versorger. Das Vorgehen war ideologisch motiviert. Thatcher, die den Ideen des &ouml;sterreichischen &Ouml;konomen Friedrich August von Hayek anhing, verfolgte die Vision einer &bdquo;property-owning democracy&ldquo;. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Unternehmergeist und private Initiative grunds&auml;tzlich zu besseren Ergebnissen f&uuml;hren als staatliches Engagement &ndash; selbst im Bereich der leitungsgebundenen Monopole.<\/p><p>Bei den britischen Wasserversorgern ist heute jedoch genau das Gegenteil zu beobachten. Denn hier treten inzwischen all die negativen Begleiterscheinungen auf, die Monopolen <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/unternehmen\/kein-bonus-fuer-abwasser-suender-mehr-19514499.html\">gemeinhin zugeschrieben werden<\/a> &ndash; hohe Preise, eine schlechte Produktqualit&auml;t, geringe Investitionen sowie eine Selbstbedienungsmentalit&auml;t bei Managern und Eigent&uuml;mern. Ablesen l&auml;sst sich dies unter anderem am schlechten Zustand der Infrastruktur, die zusehends auf Verschlei&szlig; gefahren wird. Im vergangenen Jahr etwa hat die nationale Umweltbeh&ouml;rde mehr als 300.000 Vorf&auml;lle festgestellt, bei denen Millionen Liter Dreckwasser in Fl&uuml;sse, Seen und an die K&uuml;ste geleitet wurden. Der Branchenverband Water UK musste sich sogar f&uuml;r die Verschmutzung von Fl&uuml;ssen und Str&auml;nden entschuldigen.<\/p><p><strong>Magenerkrankungen nach Ruderregatta<\/strong><\/p><p>Wie sich so etwas konkret anf&uuml;hlt, durften Ende M&auml;rz die Teilnehmer einer traditionellen Ruderregatta erfahren, die zwischen den Teams der Universit&auml;ten Oxford und Cambridge auf der Themse stattfand. <a href=\"https:\/\/www.pressreader.com\/germany\/thuringer-allgemeine-artern\/20240402\/281861533517127\">Medienberichten zufolge<\/a> haben sich dabei drei Mitglieder der Mannschaft aus Oxford bereits w&auml;hrend der Trainingsrunden schwere Magenerkrankungen zugezogen. Die Ursache habe man zwar nicht klar zuordnen k&ouml;nnen, die Mannschaft aus Oxford &auml;u&szlig;erte jedoch den Verdacht, dass das Wasser der Themse daf&uuml;r verantwortlich war. So sei der Fluss stark mit Abwasser verseucht gewesen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Rennens mussten durch menschliche Exkremente und Toilettenpapier rudern, hie&szlig; es.<\/p><p>Neben der minderen Produktqualit&auml;t ist bei den Versorgern auch noch eine Erosion der finanziellen Basis zu beobachten. Gewinne werden n&auml;mlich oftmals nicht reinvestiert, sondern an die Aktion&auml;re ausgesch&uuml;ttet. Meist handelt es sich dabei um Finanzinvestoren, f&uuml;r die nat&uuml;rliche Monopole ein lukratives Investment sind, da diese stetige und stabile Renditen versprechen. So haben die britischen Wasserversorger, die bei ihrer Privatisierung 1989 schuldenfrei starteten, inzwischen Verbindlichkeiten von 60 Milliarden Pfund angeh&auml;uft und zugleich Dividenden von 72 Milliarden Pfund ausgesch&uuml;ttet.<\/p><p><strong>Macquarie verdient sich goldene Nase<\/strong><\/p><p>Eine Adresse, die sich dabei eine goldene Nase verdient hat, ist die australische Gruppe Macquarie, die auch bei Thames Water aktiv war. Die auf Infrastruktur spezialisierte Investmentbank hatte den Londoner Versorger im Jahr 2006 dem deutschen Energiekonzern RWE abgekauft und 2017 an Investoren aus Kanada und Kuwait weiterver&auml;u&szlig;ert. In dieser Zeit sch&uuml;ttete Thames Water an seine Anteilseigner insgesamt 2,7 Milliarden Pfund aus, w&auml;hrend sich die Schulden auf fast elf Milliarden Pfund verdreifachten. Die im vergangenen Jahr zur&uuml;ckgetretene Thames-Water-Chefin Sarah Bentley sprach mit Blick auf die Zeit unter Macquarie von &bdquo;Jahren der Unterinvestition und der schlechten Entscheidungsfindung, die kritische F&auml;higkeiten (des Unternehmens) ausgeh&ouml;hlt&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/dienstleister\/grossbritannien-warum-die-britischen-wasserversorger-ein-sanierungsfall-sind\/29236196.html\">h&auml;tten<\/a>. <\/p><p>Wie es nun bei Thames Water weitergeht, ist noch unklar. Derzeit jedenfalls blockieren sich die verschiedenen Interessengruppen gegenseitig. W&auml;hrend die Regierung wohl aus Prestigegr&uuml;nden versucht, eine Verstaatlichung zu verhindern, weigern sich die Eigent&uuml;mer, Gelder von rund 500 Millionen Pfund freizugeben. Zudem pochen sie weiter auf ihre Dividenden. Das Management dagegen will Preiserh&ouml;hungen von bis zu 40 Prozent durchsetzen und die Aufsicht zu einer Begrenzung der Geldstrafen bewegen, die den britischen Wasserversorgern wegen zahlreicher Leckagen auferlegt wurden. Eine ganz andere Meinung haben dagegen die Briten selbst. Umfragen zufolge w&uuml;rden rund zwei Drittel eine erneute Verstaatlichung der Wasserversorger bef&uuml;rworten.<\/p><p><small>Titelbild: JessicaGirvan\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/ee04674087b44edba07fc765fa5d103a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der britische Wasserversorger Thames Water ist finanziell schon l&auml;nger angeschlagen. Nun aber wird es ernst, denn Ende April wird ein Kredit von 190 Millionen Pfund (umgerechnet 222 Millionen Euro) f&auml;llig. Wie die Zahlungen geleistet werden sollen, ist bislang noch unklar. 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