{"id":113704,"date":"2024-04-11T15:58:18","date_gmt":"2024-04-11T13:58:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113704"},"modified":"2024-04-11T18:12:05","modified_gmt":"2024-04-11T16:12:05","slug":"zur-interpretation-der-gewalt-und-kriminalitaetsstatistik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113704","title":{"rendered":"Zur Interpretation der Gewalt- und Kriminalit\u00e4tsstatistik"},"content":{"rendered":"<p>Stellungnahme\/Kommentar eines langj&auml;hrigen ARD-ZDF-Filmemachers und Gewaltexperten zu der gegenw&auml;rtigen &ouml;ffentlichen Interpretation der Gewalt- und Kriminalit&auml;tsstatistik in Deutschland. Von <strong>Peter Schran<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNun sind alle politisch Verantwortlichen erstaunt bis irritiert. Hatte man doch das Thema Jugendgewalt in der politischen Agenda der letzten Jahre einfach so gut wie abgehakt. Mit dem heftigen Zuwachs der Gewaltbereitschaft bei Minderj&auml;hrigen hatte offenbar niemand aus der Riege professioneller und medial zugelassener Gewaltbeurteiler wirklich gerechnet. <\/p><p>Als Ursache f&uuml;r das Ph&auml;nomen werden nun wieder landauf landab dieselben Faktoren genannt wie all die Jahre. Vor allem fr&uuml;he &bdquo;Gewalterfahrungen&ldquo; und &bdquo;Armut&ldquo;, besonders im Elternhaus, rangieren ganz oben auf der stereotyp wiederholten Erkl&auml;rliste. Soll hei&szlig;en: Die gesellschaftlichen Grundstrukturen sind nicht schuld, aber &bdquo;die Eltern&ldquo; in den Strukturen, weil v.a. diese alles M&ouml;gliche &bdquo;falsch gemacht&ldquo; und es dadurch vers&auml;umt haben, ihren Kindern ein gewalt- und verzweiflungsfreies Leben und eine mit ausreichend b&uuml;rgerlichem Reichtum gesegnete Lebenszukunft zu servieren.<\/p><p>Aus &uuml;ber 20 Jahren Erfahrung als Filmemacher f&uuml;r <em>ARD<\/em> und <em>ZDF<\/em>, nach Hunderten von intensiven Interviews mit Gewaltt&auml;tern auf den&nbsp; Stra&szlig;en und in den Kn&auml;sten der Republik wei&szlig; ich heute, dass die g&auml;ngigen Gewaltanalysen, die uns seit Jahren von Politik und Medien serviert werden (und etliche meiner Filme w&uuml;rde ich da leider durchaus hinzurechnen) , viel zu kurz greifen. Sie blenden einen der entscheidenden Gr&uuml;nde f&uuml;r Gewaltt&auml;tigkeit von Jugendlichen und inzwischen auch Kindern einfach aus: Die Dem&uuml;tigung, die sie &ndash; schon in der Schulzeit &ndash; erfahren durch das Sortiertwerden in &bdquo;aufstiegsf&auml;hig&ldquo; bzw. &bdquo;wirtschaftlich brauchbar&ldquo; oder &bdquo;abstiegsverdammt&ldquo;. Darauf folgt f&uuml;r die Selektionsverlierer in der Regel die anschlie&szlig;ende Zur&uuml;ckweisung von Arbeitsm&ouml;glichkeiten jenseits von Drecksjobs u.a.m. Hei&szlig;t: Ein hoher Prozentsatz Kinder und Jugendlicher wird hierzulande systematisch schon sehr fr&uuml;h im Leben Opfer des staatlich beaufsichtigten Konkurrenzprinzips, das angeblich f&uuml;r alle gut sein soll. Dies produziert fundamentale Verzweiflung bei den schulisch geschaffenen &bdquo;Losern&ldquo;, viel mehr zumeist als etwaiger Hader mit den Eltern &ndash; ganz besonders auch bei jungen m&auml;nnlichen Migranten. <\/p><p>Das wiederum hat insgesamt auch eine sexuelle Komponente. Denn interessante und gutaussehende M&auml;dchen sind unter solchen Bedingungen kaum zu finden, allenfalls kurzfristig durch aufgeblasene Internet-Performance und durchsichtiges Herumposen, wie es z.B. geradezu vorbildhaft l&auml;ngere Zeit praktiziert wurde durch sogenannte &bdquo;Gangsta-Rapper&rdquo;. In der Realit&auml;t brechen diese Konstruktionen irgendwann zusammen. Etliche Jugendliche merken das aber erst nach ein paar Jahren. <\/p><p>Die Isolation der Corona-Zeit hat zudem den Eintritt der Realit&auml;tsschocks zus&auml;tzlich verz&ouml;gert. Die Reaktion in vielen F&auml;llen: eine tiefe Verzweiflung, in der die Zukunft vollkommen verd&uuml;stert ist bzw. in der sie zu Ende scheint, bevor sie &uuml;berhaupt richtig angefangen hat. Mit anderen Worten: Nach Jahren der Internet-Illusionen und ihrer dort in aller &bdquo;Freiheit&ldquo; konstruierten Ich-&bdquo;Wahrheiten&ldquo; erfolgt jetzt &ndash; generationshistorisch &ndash; das Platzen der Blase konstruierter Scheinwelten. Kriminelle Wege werden wieder attraktiver.<\/p><p>Dass zugleich &bdquo;die Z&uuml;ndschnur der Gewalt immer k&uuml;rzer&ldquo; geworden ist (so ein konsternierter NRW-Innenminister Reul, CDU) und der Griff zum Messer aktuell immer schneller erfolgt, hat aber ganz sicher noch einen weiteren Grund, einen, der von Staat und Medien aktuell einfach au&szlig;en vor gelassen wird: <\/p><p>Es ist die mit der allgemeinen politischen Kriegstreiberei gegen das angeblich allein &bdquo;b&ouml;se&ldquo;&nbsp; Russland und andere einhergehende, seit Jahrzehnten so nicht mehr gekannte grunds&auml;tzliche Teillegitimation der Gewalt, wenn und weil sie denn im Namen des &bdquo;Guten&ldquo; und der &bdquo;Verteidigung&ldquo; erfolgt. Hei&szlig;t: Politik und Medien haben die Gewalt hierzulande grunds&auml;tzlich geadelt und aus der langj&auml;hrigen moralischen Verachtungsecke der P&auml;dagogik und der &ouml;ffentlichen Meinung geholt. Das erst, diese offizielle Adelung und Propaganda der Gewalt im Namen des &bdquo;Guten&rdquo;, l&auml;sst die D&auml;mme zur Bereitschaft pers&ouml;nlicher Gewaltaus&uuml;bung derzeit so richtig brechen &ndash;&nbsp;&uuml;brigens nicht nur bei Jugendlichen. <\/p><p>Meines Erachtens gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen t&auml;glicher Kriegspropaganda und der gegenw&auml;rtigen exorbitanten Zunahme der individuellen Gewalttaten. Anti-Gewalt-Projekte, in denen man bisher versuchte, die Legitimationskonstrukte, die sich jeder einzelne Gewaltt&auml;ter vor und w&auml;hrend der Aus&uuml;bung seiner Gewalt zurechtlegt (z.B. &bdquo;der andere hat ja angefangen&ldquo;; &bdquo;er hat mich so provozierend angeguckt&ldquo;), regelrecht zu zertr&uuml;mmern und grunds&auml;tzlich zu &auml;chten, d&uuml;rften mit dem Aufkommen der politisch gepushten&nbsp;&bdquo;guten&ldquo; Gewalt&nbsp;zwecks Vernichtung des &bdquo;B&ouml;sen&ldquo; in arge Schwierigkeiten geraten bei ihren Ans&auml;tzen zur Pr&auml;vention. Zu erwarten, dass in dieser Lage die Fortsetzung bisheriger &bdquo;Pr&auml;ventionsarbeit&ldquo; oder &bdquo;mehr Sozialarbeit&ldquo; eine L&ouml;sung zur Minderung von individueller Gewaltbereitschaft sein k&ouml;nnten, ist geradezu absurd, ja regelrecht heuchlerisch.<\/p><p>Es braucht schon eine grunds&auml;tzliche und auch selbstkritische Aufarbeitung der Ursachen der gegenw&auml;rtigen geopolitischen Gewaltzunahme samt Kriegsbereitschaft, soll die individuelle Bereitschaft zur Gewaltanwendung nachhaltig einged&auml;mmt werden. Realiter erleben wir genau Entgegengesetztes: die Einengung des Diskurskorridors, wie es ihn schon lange nicht mehr gegeben hat. Jede Talkshow zum Thema&nbsp; zeugt davon. Auch das ist letztlich Gewalt, eine, die vors&auml;tzlich die Vernebelung der Realit&auml;t zum Ziel hat &ndash; indem sie sich als Aufkl&auml;rungsinstitut b&uuml;rgerlicher Anst&auml;ndigkeit inszeniert, jede Form fundamentaler Kritik aber weitgehend ausschlie&szlig;t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme\/Kommentar eines langj&auml;hrigen ARD-ZDF-Filmemachers und Gewaltexperten zu der gegenw&auml;rtigen &ouml;ffentlichen Interpretation der Gewalt- und Kriminalit&auml;tsstatistik in Deutschland. 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