{"id":1139,"date":"2006-05-24T11:45:16","date_gmt":"2006-05-24T09:45:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1139"},"modified":"2019-02-15T13:19:31","modified_gmt":"2019-02-15T12:19:31","slug":"christoph-butterwegge-innere-und-ausere-aufrustung-und-sozialabbau-sind-zwei-seiten-einer-medaille-einige-argumente-gegen-das-neoliberale-konzept-zum-um-bzw-abbau-des-sozialstaates","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1139","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge: Innere und \u00e4u\u00dfere Aufr\u00fcstung und Sozialabbau sind zwei Seiten einer Medaille. Einige Argumente gegen das neoliberale Konzept zum Um- bzw. Abbau des Sozialstaates"},"content":{"rendered":"<p>Aufr&uuml;stung und Sozialabbau bilden immer schon zwei Seiten einer Medaille. Beide sind Teil eines Konzepts, das Gewalt als legitimes Mittel der Politik versteht. Massenarbeitslosigkeit und steigende (Kinder-)Armut sind in einem so wohlhabenden Land wie der Bundesrepublik &ldquo;strukturelle Gewalt&rdquo; (Johan Galtung). Gleichzeitig beteiligt sich die Bundesregierung im EU-Rahmen am Aufbau einer Schnellen Eingreiftruppe, womit sie das Ende der &ldquo;Zivilmacht Europa&rdquo; einleitet und milit&auml;rischer Gewalt nach au&szlig;en den Vorzug gegen&uuml;ber anderen M&ouml;glichkeiten der Konfliktl&ouml;sung gibt.<br>\nLesen Sie mehr in unserer Rubrik &bdquo;Andere interessante Beitr&auml;ge&ldquo;, den wir mit Zustimmung des Autors aus einem Referat vor der AG Friedensforschung an der Uni Kassel &uuml;bernommen haben.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Strukturschw&auml;chen des Sozialstaates<\/strong><\/p><p>Von Christoph Butterwegge<\/p><p>Erwerbsarbeits-, ehe- und erwachsenenorientiert, setzt die Konstruktionslogik des Sozialstaates in Deutschland seit Bismarcks Zeiten einen m&auml;nnlichen Familienern&auml;hrer voraus, der sich, seine Ehefrau und gemeinsame Kinder mittels eines sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsverh&auml;ltnisses unterh&auml;lt. Fragt man nach den tiefer liegenden Gr&uuml;nden f&uuml;r die Krisensymptome und Strukturprobleme des Wohlfahrtsstaates, spielen aufgrund der Globalisierung, Modernisierung und Individualisierung hoch entwickelter Industriegesellschaften wie der Bundesrepublik drei Tendenzen eine Schl&uuml;sselrolle:<\/p><ol>\n<li>Im Produktionsprozess l&ouml;st sich das Normalarbeitsverh&auml;ltnis, von der Kapitalseite unter den Stichworten &ldquo;Deregulierung&rdquo; und &ldquo;Flexibilisierung&rdquo; vorangetrieben, tendenziell auf. Es wird zwar keineswegs ersetzt, aber durch eine st&auml;ndig steigende Zahl atypischer, prek&auml;rer, befristeter, Leih- und (Zwangs-)Teilzeitarbeitsverh&auml;ltnisse, die den so oder gar nicht (mehr) Besch&auml;ftigten wie ihren Familienangeh&ouml;rigen weder ein ausreichendes Einkommen noch den erforderlichen arbeits- und sozialrechtlichen Schutz bieten, in seiner Bedeutung stark relativiert.<\/li>\n<li>Im Reproduktionsbereich b&uuml;&szlig;t die Normalfamilie, d.h. die z.B. durch das Ehegattensplitting im Einkommensteuerrecht staatlicherseits subventionierte traditionelle Hausfrauenehe mit ein, zwei oder drei Kindern, in vergleichbarer Weise an gesellschaftlicher Relevanz ein. Neben sie treten andere Lebens- und Liebesformen, die zumindest tendenziell weniger materielle Sicherheit f&uuml;r Frauen und Kinder gew&auml;hrleisten (sog. Ein-Elternteil-Familie, &ldquo;Patchwork-Familie&rdquo;, gleichgeschlechtliche Partnerschaft usw.).<\/li>\n<li>Hinsichtlich des Wohlfahrtsstaates bedingt der 1989\/91 zum Programm erhobene und seither im Konsens &ouml;konomischer, politischer und wissenschaftlicher Eliten immer mehr versch&auml;rfte Wettbewerb zwischen den &ldquo;Wirtschaftsstandorten&rdquo; einen drastischen Abbau von Sicherungselementen f&uuml;r &ldquo;weniger Leistungsf&auml;hige&rdquo;. Kinder und Jugendliche sind besonders stark von der steigenden Arbeitslosigkeit und\/oder Armut betroffen, weil das Projekt eines &ldquo;Umbaus&rdquo; des Sozialstaates auf Kosten vieler Eltern geht, die erheblich weniger Absicherung als vorherige Generationen genie&szlig;en.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die g&auml;ngigen Muster zur Erkl&auml;rung der &ldquo;Misere des Sozialstaates&rdquo;<\/strong><\/p><p>Als f&uuml;r die Probleme des Sozialstaates urs&auml;chlich werden in der &ouml;ffentlichen Diskussion dar&uuml;ber haupts&auml;chlich vier Faktoren bzw. Entwicklungsdeterminanten genannt:<\/p><ol>\n<li>&Uuml;bertriebene Gro&szlig;z&uuml;gigkeit\/Generosit&auml;t: Der deutsche Wohlfahrtsstaat sei in seiner Leistungsgew&auml;hrung zu freigiebig, was ihn finanziell zunehmend &uuml;berfordere und das Gegenteil dessen bewirke, was eigentlich intendiert sei. Arbeitslosigkeit und Armut k&ouml;nnten nicht mehr wirksam bek&auml;mpft werden, weil es sich f&uuml;r die Betroffenen kaum lohne, Erwerbsarbeit zu leisten, wenn sich die H&ouml;he der Lohnersatzleistungen auf nahezu demselben Niveau bewege.<\/li>\n<li>Massenhafter Leistungsmissbrauch: Da es keine wirksamen Kontrollen gebe, lasse sich auch nicht verhindern, dass Menschen von Sozialleistungen profitieren, die gar nicht anspruchsberechtigt seien. Gem&auml;&szlig; der &ldquo;Logik des kalten B&uuml;fetts&rdquo; bediene man sich auch dann, wenn kein ernsthafter Hilfebedarf existiere. So w&uuml;rden z.B. medizinische Behandlungen nur deshalb in Anspruch genommen, weil der Arztbesuch f&uuml;r gesetzlich Krankenversicherte kostenfrei sei.<\/li>\n<li>Demografischer Wandel: Durch die sinkende Geburtenrate der Deutschen und die steigende Lebenserwartung aufgrund des medizinischen Fortschritts komme es zu einer &ldquo;Vergreisung&rdquo; der Bundesrepublik, die das &ouml;konomische Leistungspotenzial des Landes schw&auml;che und die sozialen Sicherungssysteme (Renten-, Pflege- und Krankenversicherung) &uuml;berfordere. Dem k&ouml;nne nur mittels einer (Teil-)Privatisierung auf der Beitrags- sowie einer Leistungsreduzierung auf der Kostenseite begegnet werden.<\/li>\n<li>Globalisierungsprozess und Standortschw&auml;che: Infolge der sich versch&auml;rfenden Weltmarktkonkurrenz m&uuml;sse der kr&auml;nkelnde &ldquo;Standort D&rdquo; entschlackt und der Sozialstaat &ldquo;verschlankt&rdquo; werden, wolle man die Konkurrenzf&auml;higkeit und das erreichte Wohlstandsniveau halten. Der (nordwest)europ&auml;ische Wohlfahrtsstaat gilt seinen Kritikern als von der &ouml;konomisch-technologischen Entwicklung &uuml;berholt, Hemmschuh der Wirtschaft und b&uuml;rokratisches Investitionshindernis.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Kritik an den dominierenden Erkl&auml;rungsmustern<\/strong><\/p><p>Diesen (gr&ouml;&szlig;tenteils &ldquo;interessierten&rdquo;, d.h. von Lobbyisten und neoliberalen Gegnern des Sozialstaates gezielt verbreiteten) Missverst&auml;ndnissen bzw. Fehlurteilen ist Folgendes zu erwidern:<\/p><ol>\n<li>Die empirische Wohlfahrtsstaatsforschung hat nachgewiesen, dass die Bundesrepublik &ndash; entgegen den hierzulande dominierenden Medienbildern wie dem davon gepr&auml;gten Massenbewusstsein &ndash; keineswegs den &ldquo;gro&szlig;z&uuml;gigsten&rdquo; europ&auml;ischen Sozialstaat besitzt, sondern hinsichtlich der Leistungsgew&auml;hrung im Vergleich mit den &uuml;brigen 14 EU-Staaten seit der Weltwirtschaftskrise 1974\/76 und vor allem nach dem Regierungswechsel Schmidt\/Kohl im Herbst 1982 weit zur&uuml;ckgefallen ist und heute h&ouml;chstens noch im unteren Mittelfeld (Platz 8 oder 9) rangiert. Die Sozialleistungsquote (Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt) ist heute nicht h&ouml;her als Mitte der 1970er-Jahre, obwohl die Arbeitslosenquote seither stark gestiegen ist und die Lasten der deutschen Vereinigung hinzugekommen sind.<\/li>\n<li>Auch der Missbrauch des Wohlfahrtsstaates durch nicht Anspruchsberechtigte h&auml;lt sich trotz zahlreicher Berichte (vor allem der Boulevardpresse) &uuml;ber spektakul&auml;re Einzelf&auml;lle, ausgepr&auml;gter Vorurteile bez&uuml;glich sozialer Randgruppen, die existenziell auf Sozialleistungen angewiesen sind, und des Stammtischgeredes &uuml;ber &ldquo;Sozialschmarotzer&rdquo; in Grenzen. Alle seri&ouml;sen Studien gelangen zu dem Schluss, dass es sich bei dem beklagten Leistungsmissbrauch weder um ein Massenph&auml;nomen handelt noch der Sozialstaat dadurch finanziell ausgezehrt wird. Vielmehr lenkt man dadurch von einem extensiveren Missbrauch in anderen Bereichen (Einkommensteuererkl&auml;rungen von Besserverdienenden und Kapitaleigent&uuml;mern; Subventionsschwindel) ab.<\/li>\n<li>Die demografischen Entwicklungsperspektiven werden in &Ouml;ffentlichkeit und Medien zu einem wahren Schreckensszenario verd&uuml;stert. Mittels der Forderung nach (mehr) Generationengerechtigkeit werden soziale Ungerechtigkeiten innerhalb aller Generationen in einen &ldquo;Kampf von Alt gegen Jung&rdquo; umgedeutet. Der politische Kampfbegriff &ldquo;Generationengerechtigkeit&rdquo; lenkt von einer hier wie in anderen Teilen der Welt dramatisch wachsenden Ungleichheit innerhalb aller Generationen ab. Kinderarmut wird als geistig-politischer Hebel benutzt, um Alte und Junge, aber auch Eltern und Kinderlose gegeneinander auszuspielen. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r Diskussionen zum demografischen Wandel, zur &ldquo;Vergreisung&rdquo; unserer Gesellschaft und zu den daraus (angeblich) erwachsenden Finanzierungsproblemen f&uuml;r das System der sozialen Sicherung. Insofern degeneriert die Demografie zur Ideologie und fungiert als Mittel einer familien- und sozialpolitischen Demagogie. Dabei fehlen keine Babys, sondern Beitragszahler\/innen, die man etwa durch eine konsequente(re) Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit, die Erh&ouml;hung der Frauenerwerbsquote, die Erleichterung der Zuwanderung und\/oder die Erweiterung des Kreises der Versicherten gewinnen kann. Statt zu kl&auml;ren, wie man aus einer l&auml;ngerfristigen Ver&auml;nderung der Altersstruktur resultierende Schwierigkeiten solidarisch (z.B. durch die Aufhebung\/Erh&ouml;hung der Beitragsbemessungsgrenze und\/oder die Verbreiterung der Basis des Rentensystems, also die Einbeziehung von Selbstst&auml;ndigen, Freiberuflern und Beamten) bew&auml;ltigen kann, benutzt man sie als Hebel zur Durchsetzung unsozialer &ldquo;Sparma&szlig;nahmen&rdquo;.<\/li>\n<li>Leistungsk&uuml;rzungen sind keine Sozialreform, sondern ein R&uuml;ckfall ins vorletzte Jahrhundert, als die Gesellschaft ihre Mitglieder nicht vor allgemeinen Lebensrisiken aufgrund fehlender Ressourcen zu sch&uuml;tzen vermochte. Heute ist sie so reich wie nie und der Wohlfahrtsstaat f&uuml;r die Gesellschaft insgesamt und erst recht f&uuml;r sozial Benachteiligte unverzichtbar. Gerade die Bundesrepublik, deren exportorientierte Wirtschaft zu den Hauptgewinner(inne)n des Globalisierungsprozesses z&auml;hlt, kann sich einen entwickelten Sozialstaat aufgrund ihres kontinuierlich wachsenden Wohlstandes, der allerdings immer ungleicher verteilt ist, nicht nur weiterhin leisten, sondern darf ihn auch nicht abbauen, wenn sie einerseits die Demokratie und den inneren Frieden bewahren sowie andererseits konkurrenzf&auml;hig bleiben will. Selbst im Rahmen der neoliberalen Standortlogik gibt es gute Gr&uuml;nde f&uuml;r eine &ndash; im Vergleich mit anderen, weniger erfolgreichen &ldquo;Wirtschaftsstandorten&rdquo; &ndash; expansive Sozialpolitik.<\/li>\n<\/ol><p><strong>&ldquo;Umbau&rdquo;-Folgen f&uuml;r die Staatsentwicklung: Bedeutet die neoliberale Wende das Ende des Sozialstaates?<\/strong><\/p><p>Bei der gegenw&auml;rtigen &ldquo;Umbau&rdquo;-Diskussion handelt es sich um den umfassendsten Angriff auf den Sozialstaat in seiner gewohnten Gestalt. Hierbei geht es l&auml;ngst nicht mehr um blo&szlig;e Leistungsk&uuml;rzungen (wie noch unter der Regierung Kohl), sondern um einen Systemwechsel. Damit verbunden ist eine gesellschaftspolitische Richtungsentscheidung von historischer Tragweite. Zwar steht nicht der Sozialstaat selbst zur Disposition, aber es geht um seine grundlegende Transformation, deren Richtung, Radikalit&auml;t und Realisierungschancen nunmehr er&ouml;rtert werden sollen. Statt in der Globalisierung einen naturw&uuml;chsigen Prozess zu sehen, der entwickelte Industriestaaten wie die Bundesrepublik zwingt, soziale und Umweltstandards zu senken, damit sie auf dem Weltmarkt konkurrenzf&auml;hig bleiben k&ouml;nnen, ist es notwendig, die neoliberale Modernisierung bzw. Umstrukturierung fast aller Lebensbereiche nach dem Vorbild des Marktes als gesellschaftspolitisches Gro&szlig;projekt zu kritisieren.<\/p><p>Auf der politischen Agenda, die sich in der rot-gr&uuml;nen Regierungspraxis widerspiegelt, steht nicht etwa weniger, sondern ein anderer Staat. Es geht also keineswegs um die Liquidation des Sozialstaates, vielmehr um seine Reorganisation nach einem neoliberalen Konzept, das Leistungsreduktionen (z.B. &ldquo;Nullrunden&rdquo; f&uuml;r Rentner\/innen), Versch&auml;rfung der Anspruchsvoraussetzungen (Erh&ouml;hung des Rentenzugangsalters) bzw. Verk&uuml;rzung der Bezugszeiten (von Arbeitslosengeld) und die Reindividualisierung sozialer Risiken beinhaltet. Dadurch ver&auml;ndert sich der Sozialstaat grundlegend, und zwar in mehrfacher Hinsicht:<\/p><ol>\n<li>Aus dem Wohlfahrtsstaat wird ein &ldquo;nationaler Wettbewerbsstaat&rdquo; (Joachim Hirsch), der die Aufgabe hat, durch seine Politik die Konkurrenzf&auml;higkeit des &ldquo;eigenen&rdquo; Wirtschaftsstandortes auf dem Weltmarkt, Wachstum und Besch&auml;ftigung zu f&ouml;rdern. Sozialstaatlichkeit, die in der Bundesrepublik urspr&uuml;nglich Verfassungsrang hatte, besitzt f&uuml;r Neoliberale keinen Eigenwert mehr. Vielmehr muss sich die Wohlfahrt im weitesten Sinne nach der Standortlogik wirtschaftlichen und Machtinteressen unterwerfen. Dies zeigt sich etwa bei Debatten &uuml;ber die Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes oder die Aufweichung des Fl&auml;chentarifvertrages.<\/li>\n<li>Aus dem Sozialstaat wird ein Minimalstaat. Der &ldquo;schlanke Staat&rdquo; des Neoliberalismus ist magers&uuml;chtig im Hinblick auf die Sozialpolitik, aber keineswegs frei von b&uuml;rokratischen Ausw&uuml;chsen &ndash; ganz im Gegenteil! Beispielsweise werden f&uuml;r Zertifizierungsagenturen, Evaluationsb&uuml;rokratien und Leistungskontrollen aller Art wom&ouml;glich mehr Sach- und Personalmittel ben&ouml;tigt als vorher.<\/li>\n<li>Der neoliberale Residualstaat ist eher Kriminal- als Sozialstaat, weil ihn die drastische Reduktion der Wohlfahrt zur Repression gegen&uuml;ber all jenen Personengruppen zwingt, die als Modernisierungs- bzw. Globalisierungsverlierer\/innen zu Opfern seiner r&uuml;ckw&auml;rts gerichteten &ldquo;Reformpolitik&rdquo; werden. Je weniger gro&szlig;z&uuml;gig die Sozialleistungen einer reichen Gesellschaft ausfallen, umso schlagkr&auml;ftiger muss ihr Sicherheits- bzw. Gewaltapparat sein. Nicht nur in den Vereinigten Staaten (US Patriot Act) wurden die Terroranschl&auml;ge des 11. September 2001 als Vorwand f&uuml;r Einschr&auml;nkungen der B&uuml;rgerrechte benutzt, was die M&ouml;glichkeiten verringert, Widerstand gegen soziale Demontage zu leisten.<\/li>\n<li>An die Stelle des aktiven Sozialstaates, wie man ihn bisher kannte, tritt &ndash; vom Kommunitarismus, einer US-amerikanischen Denkrichtung, beeinflusst &ndash; ein &ldquo;aktivierender Sozialstaat&rdquo;. Ausgerechnet in einer Besch&auml;ftigungskrise, wo Millionen Arbeitspl&auml;tze &ndash; nicht: Arbeitswillige &ndash; fehlen, wird so getan, als seien die von Arbeitslosigkeit Betroffenen an ihrem Schicksal selbst schuld. Unter der positiv anmutenden Formel des &ldquo;ermunternden Staates&rdquo; verst&auml;rkt man den Arbeitszwang und damit den Druck auf die Erwerbslosen. Trotz des Mottos &ldquo;F&ouml;rdern und fordern!&rdquo;, das Leistungsgesetze von Gegenleistungen der Beg&uuml;nstigten abh&auml;ngig macht, bem&uuml;ht man sich aber gar nicht darum, die Chancen von sozial Benachteiligten zu verbessern, wie man im Weiterbildungsbereich sieht, wo sich die Bundesagentur (fr&uuml;her: -anstalt) f&uuml;r Arbeit immer st&auml;rker auf Hochqualifizierte und leicht Vermittelbare konzentriert. Durch den Verzicht auf Zielgruppenf&ouml;rderung und sozialp&auml;dagogische Zusatzbetreuung sowie die unsoziale, aber auch kurzsichtige Fixierung auf den zu erwartenden Vermittlungserfolg (&ldquo;Output-Orientierung&rdquo; mit der Festlegung einer &ldquo;Verbleibsquote&rdquo; von mindestens 70 Prozent als Voraussetzung f&uuml;r die Finanzierung von wie auch die Teilnahme an Weiterbildungsma&szlig;nahmen) bleiben die sog. Hauptproblemgruppen des Arbeitsmarktes (Langzeitarbeitslose, &Auml;ltere und Berufsr&uuml;ckkehrerinnen) von Qualifizierungs- bzw. F&ouml;rderma&szlig;nahmen praktisch ausgeschlossen.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Folgen der neoliberalen Hegemonie f&uuml;r die soziale Symmetrie, den inneren Frieden und die Demokratie<\/strong><\/p><p>Die gegenw&auml;rtige US-Amerikanisierung des Sozialstaates f&uuml;hrt perspektivisch auch zu einer US-Amerikanisierung der Sozialstruktur, d.h. einer wachsenden Polarisierung zwischen Arm und Reich. Ulrich Beck sprach in seinem 1986 erschienenen Buch &ldquo;Risikogesellschaft&rdquo; von einem sozialen &ldquo;Fahrstuhl-Effekt&rdquo;, der alle Klassen und Schichten gemeinsam nach oben bef&ouml;rdert habe. Betrachtet man die j&uuml;ngste Gesellschaftsentwicklung, kann eher von einem Paternoster-Effekt die Rede sein: In demselben Ma&szlig;e, wie die einen nach oben gelangen, geht es f&uuml;r die anderen nach unten. Mehr denn je gibt es im Zeichen der Globalisierung ein soziales Auf und Ab, das Unsicherheit und Existenzangst f&uuml;r eine wachsende Zahl von Menschen mit sich bringt.<\/p><p>Jenseits des Atlantiks ist die sozialr&auml;umliche Trennung von Bev&ouml;lkerungsgruppen schon viel klarer erkennbar, samt ihren verheerenden Folgen f&uuml;r den Zusammenhalt der Gesellschaft: einer gestiegenen (Gewalt-)Kriminalit&auml;t, des Drogenmissbrauchs und einer Verwahrlosung der &ouml;ffentlichen Infrastruktur. Die neoliberale Hegemonie, wie man die &ouml;ffentliche Meinungsf&uuml;hrerschaft des Marktradikalismus nennen kann, versch&auml;rft aber nicht nur die soziale Asymmetrie, ist vielmehr auch eine Gefahr f&uuml;r den inneren Frieden und die Demokratie.<\/p><p>Deregulierung bedeutet nicht Verzicht auf staatliche Rahmensetzung, vielmehr deren Konzentration auf die F&ouml;rderung des wirtschaftlichen Leistungswettbewerbs und der rentablen Kapitalverwertung. Flexibilisierung der Arbeitsverh&auml;ltnisse und -zeiten bringt f&uuml;r die Besch&auml;ftigten keine oder nur wenige Vorteile, weil sie sich den wirtschaftlichen Verwertungsbedingungen unterordnen m&uuml;ssen und nicht selbst bestimmen k&ouml;nnen, wann und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen. Privatisierung &ouml;ffentlichen Eigentums und sozialer Dienstleistungen l&auml;uft auf Entpolitisierung, diese wiederum auf die Entdemokratisierung der Gesellschaft hinaus, weil nunmehr der Bourgeois jene Entscheidungen trifft, die eigentlich dem Citoyen bzw. dem Gemeinwesen und seinen gew&auml;hlten Repr&auml;sentant(inn)en vorbehalten bleiben sollten. &Uuml;berhaupt werden Menschen der M&ouml;glichkeit beraubt, in gesamtgesellschaftliche Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse einzugreifen. Wie soll z.B. eine alleinerziehende Mutter, die nicht einmal wei&szlig;, ob sie genug Geld f&uuml;r die nahende Klassenfahrt ihres Kindes er&uuml;brigen kann, am politischen Leben teilhaben?<\/p><p>In der neoliberalen Weltsicht erscheint Armut nicht als gesellschaftliches Problem, vielmehr als selbst verschuldetes Schicksal, das im Grunde eine gerechte Strafe f&uuml;r Leistungsverweigerung oder die Unf&auml;higkeit darstellt, sich bzw. seine Arbeitskraft auf dem Markt mit ausreichendem Erl&ouml;s zu verkaufen, wie der Reichtum umgekehrt als angemessene Belohnung f&uuml;r eine Leistung betrachtet wird, die auch ganz schlicht darin bestehen kann, den Tipp eines guten Anlageberaters zu befolgen. Dagegen sind hohe L&ouml;hne bzw. Lohnnebenkosten der wirtschaftliche S&uuml;ndenfall schlechthin und m&uuml;ssen als Ursache f&uuml;r die Arbeitslosigkeit und Wachstumsschw&auml;che in Deutschland herhalten.<\/p><p>Fast allen bekannten Pl&auml;nen, die den Sozialstaat sanieren sollen, wie den Konzepten der sog. Hartz-Kommission &ldquo;zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zur Umstrukturierung der Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit&rdquo; sowie der sog. R&uuml;rup-Kommission &ldquo;f&uuml;r die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme&rdquo; und der von Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der pr&auml;sentierten &ldquo;Agenda 2010&rdquo; liegt das neoliberale Dogma zugrunde, wonach die Arbeitslosigkeit in erster Linie durch Senkung der Lohnnebenkosten bek&auml;mpft werden muss. Es kommt aber in Wirklichkeit gar nicht auf die H&ouml;he der (gesetzlichen) Personalzusatzkosten, also der von den Arbeitgebern zu entrichtenden Sozialversicherungsbeitr&auml;ge, an. Entscheidend ist vielmehr die H&ouml;he der Lohnst&uuml;ckkosten, welche in der Bundesrepublik aufgrund einer &uuml;berproportional wachsenden Arbeitsproduktivit&auml;t seit Jahren st&auml;rker sinken als in den meisten mit ihr auf dem Weltmarkt konkurrierenden L&auml;ndern, was im letzten Jahr zu einem Rekord&uuml;berschuss in der Handelsbilanz von mehr als 100 Mrd. EUR f&uuml;hrte. Nicht zuf&auml;llig ist Deutschland &ndash; bezogen auf die Leistungsf&auml;higkeit pro Kopf der Bev&ouml;lkerung &ndash; mit gro&szlig;em Abstand &ldquo;Exportweltmeister&rdquo;. Hinge das Wohl und Wehe einer Volkswirtschaft von niedrig(er)en Lohn- bzw. Lohnnebenkosten ab, wie Neoliberale behaupten, m&uuml;ssten in Bangladesch und Burkina Faso l&auml;ngst Vollbesch&auml;ftigung und allgemeiner Luxus herrschen!<\/p><p>Wer die Massenarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik auf gestiegene Personalzusatzkosten zur&uuml;ckf&uuml;hrt, wie es die Arbeitgeber, der Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und die Bundesregierung tun, verwechselt Ursache und Wirkung: Die hohe Erwerbslosigkeit ist zwar f&uuml;r die hohen Lohnnebenkosten verantwortlich, aber nicht umgekehrt. Daher erwies sich der Glaube, die (teilweise) Umstellung des Sozialsystems von der Beitrags- auf Steuerfinanzierung schaffe Arbeitspl&auml;tze, wirtschaftliche Stabilit&auml;t und mehr soziale Gerechtigkeit, in der j&uuml;ngsten Vergangenheit genauso als Illusion wie die der Riester&rsquo;schen Rentenreform zugrunde liegende Auffassung, das Kapitaldeckungsprinzip l&ouml;se die Probleme der Alterssicherung einer schrumpfenden Erwerbsbev&ouml;lkerung (zumindest besser als das Umlageverfahren). Wer die Lohnnebenkosten senken will, um &ldquo;den Faktor Arbeit zu entlasten&rdquo;, macht ihn in Wahrheit billiger f&uuml;r das Kapital und belastet damit die Arbeitnehmer\/innen zus&auml;tzlich.<\/p><p>Gegen eine Zur&uuml;ckdr&auml;ngung der Beitrags- und einen Ausbau der Steuerfinanzierung des sozialen Sicherungssystems sprechen im Wesentlichen vier Gr&uuml;nde:<\/p><ol>\n<li>F&uuml;r die Betroffenen ist die Inanspruchnahme von Versicherungsleistungen erheblich weniger diskriminierend als die Abh&auml;ngigkeit von staatlicher Hilfe, deren Inanspruchnahme ihnen noch mehr Missbrauchsvorw&uuml;rfe eintragen w&uuml;rde, weil ihr keine &ldquo;Gegenleistung&rdquo; in Form eigener Beitragsleistungen entspricht.<\/li>\n<li>Da steuerfinanzierte &ndash; im Unterschied zu beitragsfinanzierten &ndash; Sozialausgaben den staatlichen Haushaltsrestriktionen unterliegen, fallen sie eher den Sparzw&auml;ngen der &ouml;ffentlichen Hand zum Opfer; au&szlig;erdem ist ihre H&ouml;he von wechselnden Parlamentsmehrheiten und Wahlergebnissen abh&auml;ngig. Wie sollen die st&auml;ndig sinkenden Steuereinnahmen des Staates zur Finanzierungsbasis eines funktionsf&auml;higen Systems der sozialen Sicherung werden? Schlie&szlig;lich haben alle Parteien die weitere Senkung von Steuern auf ihre Fahnen geschrieben.<\/li>\n<li>Man muss sich die Struktur der Steuereinnahmen ansehen, um zu erkennen, dass Unternehmer und Kapitaleigent&uuml;mer im &ldquo;Lohnsteuerstaat&rdquo; Deutschland kaum noch zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen. Die steuerliche Schieflage w&uuml;rde zu einer einseitigen Finanzierung der Sozialleistungen durch Arbeitnehmer\/innen f&uuml;hren, wohingegen die (bisher erst ansatzweise durchbrochene) Beitragsparit&auml;t der Sozialversicherung f&uuml;r eine angemessene(re) Beteiligung der Arbeitgeberseite an den Kosten sorgt.<\/li>\n<li>Gegenw&auml;rtig wird die Steuerpolitik im Wesentlichen von zwei Trends bestimmt: Einerseits findet unter dem Vorwand der Globalisierung bzw. der Notwendigkeit, durch Senkung der Einkommen- und Gewinnsteuern (potenzielle) Kapitalanleger zu k&ouml;dern und den &ldquo;Standort D&rdquo; zu sichern, eine Verlagerung von den direkten zu den indirekten Steuern statt. Andererseits neigt die &ouml;ffentliche Meinung, flankiert von einem Wandel des Gerechtigkeitsverst&auml;ndnisses im neoliberalen Sinne, viel st&auml;rker als fr&uuml;her zur Nivellierung der Steuers&auml;tze. Statt progressiver Einkommensteuern pr&auml;feriert man Stufensteuers&auml;tze, die sich nach US-Vorbild in Richtung der Einheitssteuer (flat tax) ann&auml;hern. Typisch daf&uuml;r sind das von Friedrich Merz, dem stellvertretenden Vorsitzenden der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, entwickelte Modell mit drei Steuers&auml;tzen (12, 24 und 36 Prozent) sowie das Konzept des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Paul Kirchhof, das nur noch einen Steuersatz (25 Prozent) kennt. Unter diesen Voraussetzungen w&auml;re es naiv anzunehmen, ein sozialer Ausgleich k&ouml;nne aus Steuermitteln erfolgen. Vielmehr sinkt das Steueraufkommen tendenziell, zumal sich die Parteien der Bundesrepublik &ndash; genauso wie die Nationalstaaten &ndash; in einem regelrechten Steuersenkungswettlauf befinden.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die solidarische B&uuml;rgerversicherung als einzige Alternative zum neoliberalen Um- bzw. Abbau des Sozialstaates<\/strong><\/p><p>M.E. geht es darum, die spezifischen Nachteile des deutschen Sozialstaatsmodells auszugleichen, ohne seine besonderen Vorz&uuml;ge preiszugeben. Strukturdefekte des &ldquo;rheinischen&rdquo; Wohlfahrtsstaates bilden seine duale Architektur (Spaltung in die Sozialversicherung und die Sozialhilfe), seine strikte Lohn- und Leistungsbezogenheit (&Auml;quivalenzprinzip) sowie seine Barrieren gegen Egalisierungs-tendenzen (Beitragsbemessungsgrenzen; Versicherungspflicht- bzw. -fluchtgrenze in der Kranken- und Pflegeversicherung; Freistellung prek&auml;rer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse von der Sozialversicherungs- bzw. Steuerpflicht). Der entscheidende Pluspunkt des Bismarck&rsquo;schen Sozialsystems gegen&uuml;ber anderen Modellen liegt jedoch darin, dass seine Geld-, Sach- und Dienstleistungen keine Alimentation von Bed&uuml;rftigen und Benachteiligten aus Steuermitteln darstellen, die je nach politischer Opportunit&auml;t widerrufen werden kann, sondern durch Beitragszahlungen erworbene (und verfassungsrechtlich garantierte) Anspr&uuml;che.<\/p><p>Das in der Bundesrepublik bestehende System der sozialen Sicherung speist sich nur zu etwa einem Drittel aus Steuereinnahmen; zwei Drittel der Finanzmittel stammen aus Beitr&auml;gen der Versicherten und ihrer Arbeitgeber. Umso wichtiger w&auml;re es, durch eine &Uuml;bertragung des Prinzips der &ouml;konomischen Leistungsf&auml;higkeit auf dieses Gebiet f&uuml;r mehr Beitragsgerechtigkeit zu sorgen. Statt alle nicht dem &Auml;quivalenzprinzip entsprechenden Leistungen gleich als &ldquo;versicherungsfremd&rdquo; zu brandmarken, was der Logik gewinnorientierter Privatversicherungen entspricht, m&uuml;sste man &uuml;berlegen, wie ein Mehr an solidarischer Umverteilung innerhalb der Sozialversicherungzweige zu realisieren und die &Ouml;ffentlichkeit daf&uuml;r zu gewinnen ist.<\/p><p>An die Stelle der bisherigen Arbeitnehmer- muss m.E. eine allgemeine, einheitliche und solidarische B&uuml;rgerversicherung treten. Allgemein zu sein hei&szlig;t, dass die B&uuml;rgerversicherung s&auml;mtliche daf&uuml;r geeignete Versicherungszweige (Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung) umfasst. Schon jetzt stellt die Gesetzliche Unfallversicherung insofern einen Sonderfall dar, als sie sich nur aus Beitr&auml;gen der Arbeitgeber finanziert. Der letzte Versicherungszweig, die Arbeitslosenversicherung, k&ouml;nnte nach einem Vorschlag des &ldquo;Forums Demokratische Linke 21&rdquo; in eine &ldquo;Arbeitsversicherung&rdquo; umgewandelt werden, die auch s&auml;mtliche Selbstst&auml;ndigen und Freiberufler\/innen aufnehmen soll. Damit schl&ouml;sse sich der Kreis zu einer beinahe alle Einwohner\/innen als Mitglieder umfassenden Volksversicherung.<\/p><p>Einheitlich zu sein hei&szlig;t in diesem Zusammenhang, dass neben der B&uuml;rgerversicherung keine mit ihr konkurrierenden Versicherungssysteme existieren. Private Versicherungsunternehmen m&uuml;ssten sich auf die Abwicklung bestehender Vertr&auml;ge (Wahrung des Bestandsschutzes), Zusatzangebote und Erg&auml;nzungsleistungen beschr&auml;nken. Solidarisch zu sein hei&szlig;t, dass die B&uuml;rgerversicherung zwischen den &ouml;konomisch unterschiedlich Leistungsf&auml;higen einen sozialen Ausgleich herstellt. Nicht nur auf L&ouml;hne und Geh&auml;lter, sondern auf s&auml;mtliche Einkunftsarten (Zinsen, Dividenden, Tantiemen, Miet- und Pachterl&ouml;se) w&auml;ren Beitr&auml;ge zu erheben. Entgegen einem verbreiteten Missverst&auml;ndnis bedeutet dies nicht, dass Arbeitgeberbeitr&auml;ge entfallen. Sie sollten jedoch nicht mehr an die Bruttolohn- und -gehaltssumme gekoppelt werden, was besch&auml;ftigungsintensive Betriebe &uuml;berm&auml;&szlig;ig belastet. Ende der 1970er-\/Anfang der 1980er-Jahre wurde &uuml;ber alternative Erhebungsmethoden diskutiert. Damals schlugen sozialdemokratische Politiker\/innen, Gewerkschafter\/innen und Wissenschaftler\/innen vor, die Bruttowertsch&ouml;pfung eines Unternehmens als Bemessungsgrundlage zu w&auml;hlen. Durch den als &ldquo;Maschinensteuer&rdquo; bezeichneten Wertsch&ouml;pfungsbeitrag sollte eine ausgewogenere Belastung erreicht und ein positiver Besch&auml;ftigungseffekt erzielt werden. Auch wenn man sich davon keine Wunderdinge versprechen sollte, h&auml;tte es der Wertsch&ouml;pfungsbeitrag verdient, wieder mehr Aufmerksamkeit zu finden.<\/p><p>Nach oben darf es Beitragsbemessungs- sowenig wie Versicherungspflichtgrenzen geben, die es privilegierten Personengruppen erlauben w&uuml;rden, sich ihrer Verantwortung f&uuml;r sozial Benachteiligte zu entziehen und in exklusive Sicherungssysteme auszuweichen. Wer den nach Einkommensh&ouml;he gestaffelten Beitrag nicht selbst entrichten kann, muss finanziell aufgefangen werden. Vorbild daf&uuml;r k&ouml;nnte die Gesetzliche Unfallversicherung sein. Dort dient der Staat gewisserma&szlig;en als Ausfallb&uuml;rge f&uuml;r Vorschulkinder, Sch&uuml;ler\/innen und Studierende, die einen Kindergarten, eine allgemeinbildende Schule bzw. eine Hochschule besuchen.<\/p><p>B&uuml;rgerversicherung schlie&szlig;lich hei&szlig;t, dass Mitglieder aller Berufsgruppen, d.h. nicht nur abh&auml;ngig Besch&auml;ftigte, aufgenommen werden. Da s&auml;mtliche Wohnb&uuml;rger\/innen in das System einbezogen w&auml;ren, blieben weder Selbstst&auml;ndige, Freiberufler\/innen, Beamte, Abgeordnete und Minister noch Ausl&auml;nder\/innen mit Daueraufenthalt in der Bundesrepublik au&szlig;en vor. Es geht prim&auml;r darum, die Finanzierungsbasis des Sozialsystems zu verbreitern und den Kreis seiner Mitglieder, zu erweitern. B&uuml;rgerversicherung bedeutet, dass es sich um eine Versicherungsl&ouml;sung handelt, also gew&auml;hrleistet sein muss, dass ihre Mitglieder, soweit sie dazu finanziell in der Lage sind, Beitr&auml;ge entrichten und entsprechend gesch&uuml;tzte Anspr&uuml;che erwerben. Dies schlie&szlig;t keineswegs aus, dass sich der Staat mit Steuergeldern an ihrem Auf- und Ausbau beteiligt. Die geplante B&uuml;rgerversicherung k&ouml;nnte zum Einfallstor f&uuml;r einen Systemwechsel werden, sofern sie nicht nach dem Versicherungsprinzip konstruiert w&auml;re, sondern aus Steuermitteln finanziert w&uuml;rde.<\/p><p><em>* Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Leiter der Abteilung Politikwissenschaft an der Universit&auml;t K&ouml;ln. Der hier vorliegende Text enstpricht einem Referat, das der Autor beim 10. Friedenspolitischen Ratschlag am 6.\/7. Dezember 2003 in Kassel hielt. <\/em><\/p><p><strong>Buchver&ouml;ffentlichungen des Autors zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Butterwegge, Christoph: Wohlfahrtsstaat im Wandel. Probleme und Perspektiven der Sozialpolitik, 3. Aufl. Opladen (Leske &amp; Budrich) 2001<\/li>\n<li>Butterwegge, Christoph\/Klundt, Michael (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demografischen Wandel, 2. Aufl. Opladen (Leske &amp; Budrich) 2003<\/li>\n<li>Butterwegge, Christoph (u.a.): Armut und Kindheit. Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich, Opladen (Leske &amp; Budrich) 2003<\/li>\n<\/ul><p>Originalabdruck: <a href=\"http:\/\/www.uni-kassel.de\/fb5\/frieden\/themen\/Globalisierung\/butterwegge.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.uni-kassel.de\/fb5\/frieden\/themen\/Globalisierung\/butterwegge.html\">www.uni-kassel.de\/fb5\/frieden\/themen\/Globalisierung\/butterwegge.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufr&uuml;stung und Sozialabbau bilden immer schon zwei Seiten einer Medaille. Beide sind Teil eines Konzepts, das Gewalt als legitimes Mittel der Politik versteht. Massenarbeitslosigkeit und steigende (Kinder-)Armut sind in einem so wohlhabenden Land wie der Bundesrepublik &ldquo;strukturelle Gewalt&rdquo; (Johan Galtung). Gleichzeitig beteiligt sich die Bundesregierung im EU-Rahmen am Aufbau einer Schnellen Eingreiftruppe, womit sie das<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1139\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[145,132,157],"tags":[1658,333,288,413,1738,443],"class_list":["post-1139","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-buergerversicherung","tag-lohnstueckkosten","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-schlanker-staat","tag-sozialmissbrauch","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1139"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49392,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139\/revisions\/49392"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}