{"id":1142,"date":"2006-06-06T13:31:16","date_gmt":"2006-06-06T11:31:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1142"},"modified":"2019-03-02T13:49:49","modified_gmt":"2019-03-02T12:49:49","slug":"konsum-aus-dem-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1142","title":{"rendered":"Konsum aus dem Nichts"},"content":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck aus FR vom 03.06.2006.<br>\n<!--more--><br>\nWie leicht man sich doch in die eigene Tasche l&uuml;gen kann! In diesen Tagen sind die Medien voll von Kommentaren, in denen der festen &Uuml;berzeugung Ausdruck gegeben wird, dass in Deutschland nun endlich auch der private Verbrauch anspringt und der Konjunktur, neben dem ohnehin florierenden Export, zu dem dringend gebrauchten zweiten Standbein verhilft. Umfragen werden flei&szlig;ig zitiert, in denen die Verbraucher angeben, so konsumfreudig zu sein, wie schon viele Jahre nicht mehr, und die Prognosen werden fast durchweg nach oben revidiert.<\/p><p>Erstaunlich ist nur, dass man von den konsum-euphorischen Kommentatoren und Experten nichts geh&ouml;rt hat, als es um die laufende Lohnrunde ging. Wer hat die IG-Metall oder Verdi in ihren Forderungen unterst&uuml;tzt, wenigstens die Reall&ouml;hne zu sichern? Man m&ouml;chte zwar gerne einen boomenden Konsum in Deutschland haben, aber er soll bitte nichts kosten. Diese Einstellung nach dem Motto &ldquo;wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass&rdquo; f&uuml;hrt zu kuriosen Ideen, wie der Konsum anzukurbeln w&auml;re. So hat die Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Deutschlandbericht gerade festgestellt, der private Verbrauch m&uuml;sse dringend angekurbelt werden, aber die L&ouml;hne d&uuml;rften deswegen nicht steigen. Vielmehr sollten die Belastungen f&uuml;r die Verbraucher und die Unternehmen verringert werden, so dass die Besch&auml;ftigten mehr Einkommen bei den gleichen L&ouml;hnen haben und die Firmen mehr Menschen einstellen. Nur &uuml;ber staatliche Entlastung und mehr Besch&auml;ftigung sollten die Einkommen steigen.<\/p><p>Das klingt gut, hat aber den kleinen Haken, dass auch der Staat kein Geld zum Entlasten hat und ein bisschen B&uuml;rokratieabbau schon hundertmal versucht wurde und noch nie der gro&szlig;e Wurf war.<\/p><p>Noch abwegiger ist die Vorstellung, die Unternehmen m&uuml;ssten nun endlich entlastet werden und w&uuml;rden dann in gro&szlig;em Stil neue Arbeitspl&auml;tze schaffen. Die deutschen Unternehmen sind in den vergangenen Jahrzehnten erheblich vom Staat entlastet worden und haben weniger Arbeitskostenbelastung in den vergangenen zehn Jahren gehabt als in irgendeinem auch nur halbwegs vergleichbaren Land der Welt. Das ist ja gerade der Grund f&uuml;r die eklatante und anhaltende Konsumschw&auml;che: Die Reall&ouml;hne sind zwar weit weniger gestiegen als die Produktivit&auml;t, was die Unternehmen massiv entlastet hat, die Unternehmen haben aber im Gegenzug die Besch&auml;ftigung nicht so stark erh&ouml;ht, dass das Einkommen der Arbeitnehmer insgesamt, also die Summe von Lohn je Besch&auml;ftigten und der Zahl der Besch&auml;ftigten, gestiegen w&auml;re. Warum sollten wir glauben, dass sich das jetzt gerade &auml;ndert?<\/p><p><strong>Einfache Wahrheit<\/strong><\/p><p>Das deutsche Problem ist ein anderes: Jeder, der in den vergangenen Jahren mit gro&szlig;em Pathos &uuml;ber die verantwortungslosen Gewerkschaften hergezogen ist, jeder, der die hohen Lohnnebenkosten beklagt hat, jeder, der behauptet hat, die Lohnsteigerungen und das Lohnniveau seien in Deutschland total &uuml;berzogen, kann jetzt nat&uuml;rlich nicht sagen, dass die Lohnentwicklung etwas mit der danieder liegenden Binnennachfrage zu tun hat. Die einfache Wahrheit, dass in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre die Reall&ouml;hne brutto nicht mehr gestiegen und netto sogar in den meisten F&auml;llen gesunken sind, die k&ouml;nnen und wollen wir doch dem Volk nicht zumuten. Und die Tatsache, dass die massive Lohnzur&uuml;ckhaltung in Deutschland nicht zu der allseits erhofften Besch&auml;ftigungszunahme gef&uuml;hrt hat, muss unbedingt verschwiegen werden, weil ja sonst das ganze Fundament des auf Blut, Schwei&szlig; und Tr&auml;nen aufgebauten Ideologiegeb&auml;udes zusammenbr&auml;che.<\/p><p>In keinem gr&ouml;&szlig;eren Land der Welt hat es jemals Wachstum gegeben ohne die kr&auml;ftige Zunahme des privaten Verbrauchs. Und nirgendwo ist der private Verbrauch gestiegen, ohne dass das verf&uuml;gbare Einkommen und die L&ouml;hne je Arbeitnehmer gestiegen w&auml;ren. Und dort, wo die privaten Haushalte ihre Ersparnisse zus&auml;tzlich massiv heruntergefahren haben, um den Konsum zu steigern, hatten sie zumindest die Illusion, dass sich &ndash; &uuml;ber h&ouml;here Hauspreise zum Beispiel &ndash; ihre Verm&ouml;gensposition so stark verbessert hat, dass sie sich den Abbau der Ersparnisse leisten konnten. Von nichts kommt nichts, sagt der Volksmund, und er hat vollkommen Recht. Deshalb Vorsicht: Wer heute &uuml;ber Konsum spricht, ohne &uuml;ber die dahinter stehenden Einkommen zu sprechen, will wahrscheinlich verbergen, dass er in seiner Einsch&auml;tzung der Lohnzur&uuml;ckhaltung auf die Besch&auml;ftigung v&ouml;llig falsch gelegen hat.<\/p><p><em>&copy; FR online 2006<br>\nDokument erstellt am 02.06.2006 um 17:25:01 Uhr<br>\nErscheinungsdatum 03.06.2006<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck aus FR vom 03.06.2006.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,30],"tags":[290,689,319],"class_list":["post-1142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-konsumlaune","tag-lohnentwicklung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1142","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1142"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1142\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49755,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1142\/revisions\/49755"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}