{"id":11437,"date":"2011-11-25T16:49:04","date_gmt":"2011-11-25T15:49:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11437"},"modified":"2016-06-01T11:50:00","modified_gmt":"2016-06-01T09:50:00","slug":"wie-lange-machen-die-menschen-das-baumchen-wechsel-dich-spiel-ihrer-regierungen-noch-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11437","title":{"rendered":"Wie lange machen die Menschen das \u201eB\u00e4umchen, wechsel dich\u201c-Spiel ihrer Regierungen noch mit?"},"content":{"rendered":"<p>Die Krise in Europa brachte den portugiesischen Sozilisten Jos&eacute; S&oacute;crates zu Fall, danach musste der Sozialdemokrat Giorgos Andrea Papandreo gehen und zuletzt wurde die Rechtsregierung Silvio Berlusconis in Italien abgesetzt. Und jetzt erzielte der rechtsb&uuml;rgerliche Mariano Rajoy, mit seiner bis weit nach rechts und ins reaktion&auml;re, erzkatholische, nationalistische Lager reichenden Partido Popular einen historisch zu nennenden Kantersieg gegen die spanischen Sozialisten des bisherigen Regierungschefs Jos&eacute; Luis Rodriguez Zapatero.<br>\nAlle neuen Regierungen haben nur die Wahl die von EU-Kommission, der EZB und dem IWF vorgegebene neoliberale Agenda zu exekutieren: Drastisches Sparen, Schuldenbremse, Lohnsenkungen, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Einschnitte ins soziale Netz, Rente mit 67, Privatisierungen &ndash; den ganzen Kanon der herrschenden Lehre eben. Auch die neuen Regierungschefs werden geduldig am &bdquo;Marterpfahl ausharren und erleiden m&uuml;ssen, was ihnen die deutsche Regierungschefin diktiert. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><\/p><p>Man konnte von den fr&uuml;heren Regierungen und man kann von den neuen Regierungen der L&auml;nder, denen die Zahlungsunf&auml;higkeit droht, nicht erwarten, dass sie mit dem R&uuml;cken zur Wand stehend, einen politischen Kurswechsel in Europa herbeif&uuml;hren. Sie werden geduldig am &bdquo;Marterpfahl&ldquo; ausharren und erleiden m&uuml;ssen, was ihnen die &bdquo;Frankfurter Runde&ldquo; um Merkel, Sarkozy, EU-Ratspr&auml;sident van Rompuy, Eurogruppenchef Juncker und die Chefin des IWF, Lagarde, in die Regierungserkl&auml;rungen diktieren.  <\/p><p>Sicher, Rajoy kann wie das Tausende seiner erzkatholischen Anh&auml;nger am Wahlabend schon  lautstark gefordert haben, einige gesellschaftspolitische Reformen aus der siebenj&auml;hrigen Regierungszeit Zapateros wieder zur&uuml;ckdrehen, also etwa die Abtreibung wieder bestrafen und die Homo-Ehe wieder verbieten, aber ansonsten wird er nur Statthalter einer Art Generalgouvernement der von den Finanz-&bdquo;M&auml;rkten&ldquo; getriebenen derzeitigen EU-Nomenklatura sein. <\/p><p>Den abgew&auml;hlten oder abgesetzten Sozialdemokraten oder auch den rechten Parteien bleibt letztlich nur die Chance, abzuwarten, bis die jeweils neue Regierung wieder gescheitert ist um dann vielleicht selbst wieder an die Macht zu kommen, um dann selbst wieder zu scheitern. Jedenfalls wird dieses Wechselspiel so weiter gehen, sofern es keine Parteien gibt, die f&uuml;r einen radikalen Kurswechsel eintreten. <\/p><p>Solange sich keine Alternative zum herrschenden europ&auml;ischen Kurs auftut, wird es beim &bdquo;B&auml;umchen, wechsel dich&ldquo;-Spiel so weitergehen, bis die W&auml;hler die Lust an dem Spiel verlieren. In allen L&auml;ndern sinken die Wahlbeteiligungen auf historische Tiefstst&auml;nde. In Spanien gingen gerade noch 71,8 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne (nach 75,3 Prozent im Jahre 2008). <\/p><p>Die Medien, f&uuml;r die Demokratie offenbar nur noch daran gemessen wird, ob Wahlen stattfinden, sie jubeln, dass Rajoy einen &bdquo;historischen Wahlsieg&ldquo; erzielt habe und die absolute Mehrheit der Sitze im spanischen Parlament gewonnen hat. Was aber kann er als voraussichtlicher spanischer Regierungschef mit dieser Mehrheit anderes anfangen, als die Befehle aus Br&uuml;ssel durch seine Mehrheit im Parlament beschlie&szlig;en zu lassen. <\/p><p>Auch nach der Wahl in Spanien stiegen die Zinsen: Bei der Platzierung von Staatsanleihen mit dreimonatiger Laufzeit im Volumen von 2,01 Milliarden Euro wurde eine durchschnittliche Rendite von 5,11 Prozent f&auml;llig. Das ist mehr als doppelt so viel wie bei der vorherigen Auktion, als Spanien 2,29 Prozent auf den Tisch legen musste. F&uuml;r Papiere mit einer sechsmonatigen Laufzeit und einem Volumen von 0,97 Milliarden Euro musste Spanien die Anleger mit 5,227 Prozent <a href=\"http:\/\/de.reuters.com\/article\/topNews\/idDEBEE7AL05P20111122\">k&ouml;dern, nach zuvor 3,30 Prozent<\/a>.<\/p><p>Die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; ignorieren die Wahl einfach. Warum sollten sich auch die Risikoaufschl&auml;ge verringern? Im dritten Quartal hatte Spanien ein Nullwachstum, die Arbeitslosenquote ist mit 21,5 Prozent die h&ouml;chste Europas, fast jeder zweite Jugendliche unter 25 Jahren hat keine Arbeit. Die Staatsschuldenquote ist mit 61 Prozent des Bruttoinlandprodukts zwar geringer als in Deutschland (rund 80 Prozent), aber auch private Haushalte und Unternehmen sind hoch verschuldet. Wenn der spanische Staat die versprochene Senkung des Haushaltsdefizits auf 4,4 Prozent im kommenden Jahr erreichen wollte, m&uuml;sste er, &uuml;ber die bisherigen drastischen Einsparungen von 16 Prozent im laufenden Haushalt hinaus, im kommenden Jahr noch einmal 17 Milliarden einsparen &ndash; das entspricht ann&auml;hernd 2 Prozent des Bruttoinlandprodukts.<br>\nWie sollte angesichts der Pl&auml;ne die L&ouml;hne weiter zu k&uuml;rzen, die spanische Wirtschaft wieder ans Laufen kommen? Spanien muss sparen, wie aber sollte das Haushaltsdefizit reduziert werden, wenn gleichzeitig die Wirtschaft schrumpft?<\/p><p>Eine &auml;hnliche Spirale nach unten muss man in <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/impuls_2011_18_gesamt.pdf\">Griechenland beobachten [PDF &ndash; 1.3 MB]<\/a> und f&uuml;r Italien ist eine &auml;hnliche Entwicklung zu erwarten. Belgien kommt in Schwierigkeiten und &Ouml;sterreich und Frankreich wackeln. Selbst die Deutschen bekommen allm&auml;hlich Probleme ihre Staatsanleihen zu vergeben. Ein Ende des Teufelskreises ist nicht in Sicht. <\/p><p>Die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion ger&auml;t zur Europ&auml;ischen Verarmungsregion. Selbst hartgesottene Neoliberalen, wie dem Handelsblatt Chefredakteur Gabor Steingart kommen inzwischen Zweifel an dieser &bdquo;Schock&ldquo;-Therapie. &bdquo;Wenn ich Grieche w&auml;re, ich w&uuml;rde meinen Helfer wegen vors&auml;tzlicher K&ouml;rperverletzung verklagen. Und bei Einbruch der D&auml;mmerung st&uuml;nde ich mit den anderen auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament, um mein Missfallen &uuml;ber eine Krisenpolitik kundzutun, die krisenversch&auml;rfend wirkt&ldquo;, schreibt er in  der <a href=\"http:\/\/www.gaborsteingart.com\/\">griechischen Tageszeitung &bdquo;Kathimerini&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Ganz Europa wird unter Merkels F&uuml;hrung der deutsche Agenda-Kurs aufgen&ouml;tigt, der nichts anderes bedeutet als ein Br&uuml;ningscher Austerit&auml;tskurs mit verheerenden Folgen f&uuml;r die Wirtschaft und vor allem f&uuml;r die Mehrzahl der Menschen. Die Schuldner, die doch die Schulden zur&uuml;ckzahlen sollen, werden erw&uuml;rgt oder bildlich gesprochen: Man l&auml;sst die Kuh, die Milch geben soll, verhungern.<\/p><p>Doch selbst dann, wenn dieser Kurs erfolgreich w&auml;re, was w&auml;re gewonnen, wenn alle L&auml;nder so wettbewerbsf&auml;hig w&auml;ren wie die Deutschen? Wohin wollte Deutschland, dessen Wirtschaftsleistung &uuml;ber 45 % vom Export lebt und das den L&ouml;wenanteil davon, n&auml;mlich 60% seiner Exporte in die EU-L&auml;nder liefert, k&uuml;nftig exportieren? Die Schwellenl&auml;nder, also die sog. BRICS-Staaten, k&ouml;nnten einen Einbruch der Lieferungen nach Europa nicht auffangen, zumal mit China ohnehin eine negative Au&szlig;enhandelsbilanz besteht.<\/p><p>Das Ende dieses Teufelskreises ist, dass es allen Menschen in Europa schlechter geht, dass alle L&auml;nder zwar vielleicht niedrigere Produktionskosten und weniger Sozialstaat h&auml;tten, aber ihre Exportg&uuml;ter nicht mehr los kriegten, weil die Bev&ouml;lkerungen so arm geworden sind, dass sie die Waren nicht mehr kaufen k&ouml;nnten. <\/p><p>Wir h&auml;tten den bekannten Trib&uuml;neneffekt: Wenn die erste Reihe (in diesem Fall die Deutschen) von ihren Sitzpl&auml;tzen aufstehen, dann m&uuml;ssen die hinteren Reihen auch aufstehen, um noch etwas zu sehen. Am Ende stehen alle und keiner sieht besser, es ist nur f&uuml;r alle erheblich unbequemer. <\/p><p>Politisch gesprochen: Wir w&auml;ren in Europa dort angekommen, wohin Deutschland seit der &bdquo;geistig moralischen Wende&ldquo; Kohls und mit dem vollst&auml;ndigen Paradigmenwechsel auch der Sozialdemokratie und der Gr&uuml;nen mit Schr&ouml;ders Agenda 2010 mit vielen politischen K&auml;mpfen angekommen ist: Bei einer Stagnation der L&ouml;hne, bei einem sich ausbreitenden Billig- und Niedriglohnsektor, bei einer riesigen Reservearmee von Arbeitskr&auml;ften und damit bei einer Entmachtung der Gewerkschaften, bei einer Zerst&ouml;rung der sozialen Sicherungssysteme und deren teilweisen oder gar kompletten Privatisierung, bei der Rente mit 67 europaweit, beim Unternehmensteuersenkungswahn, bei der Privatisierung der Daseinsvorsorge usw. usf.<br>\nDie neoliberale Agenda w&auml;re dann endlich in ganz Europa abgearbeitet. <\/p><p>Hier wird deutlich, um was es derzeit tats&auml;chlich geht.<\/p><p>Deshalb stellt sich die deutsche Regierung taub gegen&uuml;ber den Hilferufen der Bev&ouml;lkerungen und sie stellt sich blind gegen&uuml;ber dem &ouml;konomischen Niedergang. Wie ein Racheengel zieht Angela Merkel durch die europ&auml;ischen L&auml;nder und will diese f&uuml;r die Schulden bestrafen, die sie gemacht haben. Merkel leugnet die Tatsache, dass die akute Schuldenkrise ihre Hauptursache in der Finanz- und Bankenkrise hat und sie verweigert jeden Gedanken dar&uuml;ber, was der Kern der Krise der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion ist, n&auml;mlich die unterschiedliche Wettbewerbsf&auml;higkeit der europ&auml;ischen L&auml;nder und dabei vor allem die jahrelangen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands. Was in Deutschland &uuml;ber drei Jahrzehnte in m&uuml;hseligen politischen Auseinandersetzungen gelungen ist, n&auml;mlich Lohnsenkungen, Sozialabbau, Rente mit 67, Umverteilung von unten nach oben, soll nun mit dem Kampfbegriff der &bdquo;Staatsschulden-Krise&ldquo; in ganz Europa sozusagen von au&szlig;en als alternativloser Sachzwang &uuml;ber Nacht fl&auml;chendeckend durchgepeitscht werden. <\/p><p>In perfider Weise macht Merkel in Deutschland f&uuml;r ihr europ&auml;isches Zerst&ouml;rungswerk Stimmung, indem sie auf die im kollektiven Ged&auml;chtnis verankerte Schuldenangst der Deutschen abhebt. Sie treibt dazu hin ein b&ouml;ses Spiel mit der (berechtigten) Sorge der deutschen Arbeitnehmer, dass diese nun doppelt bezahlen m&uuml;ssten, wenn sie sich gegen&uuml;ber ihren Nachbarn solidarisch zeigten, n&auml;mlich einmal, indem sie seit Jahren den G&uuml;rtel enger schnellen mussten, als die anderen und dass sie jetzt noch einmal zur Kasse gebeten werden k&ouml;nnten, um die Schulden der verschuldeten L&auml;nder aufzufangen.<\/p><p>Merkt eigentlich niemand, dass das Thema Bankenregulierung, eines der Hauptthemen nach dem Ausbruch der Finanzkrise, v&ouml;llig von der europ&auml;ischen Agenda verschwunden ist? F&auml;llt es niemand auf, dass die Verschuldung der Staaten zu einem gro&szlig;en Anteil auch darin seine Ursache hat, dass die Verm&ouml;genden einen ungeheuren Reichtum angesammelt haben und sich durch Kapitalflucht und Steuerhinterziehung vor der Abtragung der Staatschulden entziehen konnten und weiter k&ouml;nnen?<\/p><p>Wer nur vom &bdquo;Vertrauen der Finanzm&auml;rkte&ldquo; redet, l&uuml;gt dar&uuml;ber hinweg, dass es gerade die Finanzm&auml;rkte waren, die komplett versagt und die bestehende Krise verursacht haben. Wer behauptet, die europ&auml;ische Austerit&auml;tspolitik folge nur einem &bdquo;Sachzwang&ldquo; leugnet, dass es durchaus Alternativen gibt. Wir haben diese auf den NachDenkSeiten oftmals beschrieben und dokumentiert. W&uuml;rde z.B. &ndash; wenigstens vor&uuml;bergehend &ndash; die Europ&auml;ische Zentralbank die Rolle einer echten Notenbank wie in England oder in den USA wahrnehmen (d&uuml;rfen), so w&auml;re die Spekulation auf dem Markt der Staatsanleihen &uuml;ber Nacht gestoppt. W&uuml;rde man begreifen, dass die Schulden der europ&auml;ischen L&auml;nder vor allem dadurch wieder zur&uuml;ckbezahlt werden k&ouml;nnten, dass deren Wirtschaft aus der Rezession oder gar schon aus Depression herauskommt, so k&ouml;nnte man wieder Licht am Ende des Tunnels sehen. W&auml;re man bereit, anzuerkennen, dass die Gewinner der letzten Jahrzehnte ihren angemessenen Anteil am Steueraufkommen bezahlen m&uuml;ssen, so w&auml;ren die Schulden wieder unter Kontrolle zu bringen. Und w&uuml;rde man &ndash; vor allem in Deutschland &ndash; endlich einsehen, dass es auf Dauer in einer W&auml;hrungsunion aber auch in der Weltwirtschaft (schon logisch) nicht funktionieren kann, dass ein Land die &uuml;brigen L&auml;nder durch Lohn-, Sozial- und Steuerdumping niederkonkurriert. Es kann auf Dauer nicht aufgehen, dass die einen ihre Gewinne anh&auml;ufen und diese dann als Anleihen an die Verlierer ausgeben &ndash; und dann sogar noch auf deren Niedergang spekulieren und dabei weitere Zinsen kassieren. <\/p><p>In der Pr&auml;ambel zum Grundgesetz hei&szlig;t es &bdquo;von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen&ldquo; &ndash; gegen diesen Auftrag unserer Verfassung verst&ouml;&szlig;t die Bundesregierung str&auml;flich. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Krise in Europa brachte den portugiesischen Sozilisten Jos&eacute; S&oacute;crates zu Fall, danach musste der Sozialdemokrat Giorgos Andrea Papandreo gehen und zuletzt wurde die Rechtsregierung Silvio Berlusconis in Italien abgesetzt. 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