{"id":114644,"date":"2024-05-03T09:00:46","date_gmt":"2024-05-03T07:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114644"},"modified":"2026-04-21T16:03:03","modified_gmt":"2026-04-21T14:03:03","slug":"russlands-botschafter-nicht-nur-an-die-geschichte-sondern-auch-an-die-zukunft-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114644","title":{"rendered":"Russlands Botschafter: \u201eNicht nur an die Geschichte, sondern auch an die Zukunft denken\u201c"},"content":{"rendered":"<p>An die einzigartigen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland nach dem Ende des Kalten Krieges erinnert der Botschafter Russlands in Deutschland, <strong>Sergej J. Netschajew<\/strong>, im Interview. Davon haben nicht nur beide L&auml;nder, sondern auch ganz Europa profitiert, sagt er. Mit Blick auf die heutige Situation betont er: &bdquo;Es tut weh, Zeuge der scharfmacherischen Russophobie der aktuellen deutschen Politik zu sein.&ldquo; Der Botschafter &auml;u&szlig;ert sich zu den Ursachen und den Folgen &ndash; und &uuml;ber den Kontakt zu einfachen B&uuml;rgern Deutschlands. Mit ihm sprachen<strong> &Eacute;va P&eacute;li und Tilo Gr&auml;ser<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9822\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-114644-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503_Russlands_Botschafter_Nicht_nur_an_die_Geschichte_sondern_auch_an_die_Zukunft_denken_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503_Russlands_Botschafter_Nicht_nur_an_die_Geschichte_sondern_auch_an_die_Zukunft_denken_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503_Russlands_Botschafter_Nicht_nur_an_die_Geschichte_sondern_auch_an_die_Zukunft_denken_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503_Russlands_Botschafter_Nicht_nur_an_die_Geschichte_sondern_auch_an_die_Zukunft_denken_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=114644-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503_Russlands_Botschafter_Nicht_nur_an_die_Geschichte_sondern_auch_an_die_Zukunft_denken_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240503_Russlands_Botschafter_Nicht_nur_an_die_Geschichte_sondern_auch_an_die_Zukunft_denken_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Botschafter, wie ist es als Botschafter in einem Land, dessen f&uuml;hrende Vertreter ebenso wie jene von EU und NATO Ihr Heimatland ruinieren wollen, sich im Krieg mit diesem sehen und es besiegen wollen, auf ukrainischem Boden und wahrscheinlich nicht nur dort? Ihr Au&szlig;enminister Sergej Lawrow hat k&uuml;rzlich &uuml;ber Informationen gesprochen, nach denen es EU-Diplomaten untersagt ist, Kontakt mit russischen Diplomaten bei Veranstaltungen, bei Kongressen, Treffen und anderem zu haben.<\/strong><\/p><p><strong>Sergej J. Netschajew<\/strong>: Wir arbeiten unter den Bedingungen, die der Aufnahmestaat f&uuml;r uns schafft. Ich stimme schon zu, dass diese aktuell nicht gerade die g&uuml;nstigsten sind. Es findet kein politischer Dialog statt, alle wichtigen Kooperationsformate liegen auf Betreiben der deutschen Seite auf Eis.<\/p><p>Das ist zu bedauern, denn wir haben in den Nachkriegsjahrzehnten, insbesondere in den 90er, in den Nullerjahren ein uniques, ein einzigartiges Netzwerk mit Deutschland aufgebaut. Absolut unique, kann ich offen sagen. Ich glaube, mit sehr wenigen anderen westlichen L&auml;ndern hatten wir so tiefgreifende, profunde Kontakte zum beiderseitigen Nutzen in allen m&ouml;glichen Feldern. Praktisch &uuml;berall gab es diese strategische Partnerschaft, wie wir das alles in den entsprechenden Vereinbarungen festgezurrt und verankert haben. Das funktionierte und war pragmatisch zum beiderseitigen Nutzen. Davon profitierten nicht nur Russland und Deutschland, sondern das ganze Europa.<\/p><p>Dennoch versuchen wir, unser Land w&uuml;rdevoll zu vertreten. Unsere Aufgaben bleiben unver&auml;ndert. Es gilt, die Interessen der in Deutschland lebenden russischen Staatsb&uuml;rger zu sch&uuml;tzen und angemessen auf die Gegebenheiten hierzulande zu reagieren. Wir versuchen, die russische Position gegen&uuml;ber denjenigen deutlich zu machen, die bereit sind, diese zu h&ouml;ren und aufzunehmen. Von ihnen gibt es in Deutschland &uuml;brigens recht viele.<\/p><p><strong>Warum hat sich dieses einzigartige Verh&auml;ltnis zwischen Deutschland und Russland seit Jahren bereits so verschlechtert? Viele im Westen geben Russland daf&uuml;r die Schuld und erkl&auml;ren, Moskau habe die Gespr&auml;chsangebote nicht angenommen. Das war schon in den Jahren vor der jetzigen zugespitzten Situation zu h&ouml;ren und zu lesen. Warum und wann hat die Eiszeit angefangen?<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Nach dem Ende des Kalten Krieges waren viele im Westen der Auffassung, Russland habe verloren. Es hie&szlig;, von nun an brauche man keine R&uuml;cksicht mehr auf Russlands Interessen zu nehmen. Der Westen glaubte, unserem Land diktieren zu k&ouml;nnen, wo es langgehen sollte.<\/p><p>Wir hingegen haben in dieser neuen Situation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs enorme M&ouml;glichkeiten gesehen, auf unsere gestrigen geopolitischen und ideologischen Gegner zuzugehen. Mein Land zeigte sich absolut offen und bereit, die Beziehungen nach au&szlig;en in jedweder Hinsicht auszubauen. Aber dieses Zugehen war nicht gegenseitig. Irgendwann wurde klar, dass man doch nicht bereit war, uns auf Augenh&ouml;he zu begegnen.<\/p><p>Gleichwohl konnten meiner Meinung nach gerade mit Deutschland pragmatische Beziehungen aufgebaut werden. Die Amtszeiten von Helmut Kohl, Gerhard Schr&ouml;der und Angela Merkel standen ganz im Zeichen einer fortschreitenden Zusammenarbeit in den Bereichen Handel und Wirtschaft, Energie und Investitionen, Wissenschaft und Kultur, interparlamentarischer und zivilgesellschaftlicher Dialog sowie Jugendaustausch. All das lag im Interesse beider L&auml;nder und ganz Europas. Leider hat sich Deutschland zu einem gewissen Zeitpunkt entschieden, seine nationalen Interessen der politischen Gro&szlig;wetterlage zu opfern.<\/p><p>Wir haben den Deutschen &uuml;berhaupt nichts angetan. Mehr noch: Aus meiner Sicht war das Werden der politischen und der wirtschaftlichen, europ&auml;ischen Gro&szlig;macht Deutschland eng und sehr tief mit den Beziehungen zu Russland verbunden. Wirtschaftlich war Deutschland bis 2013 unser Handelspartner Nummer 1 mit 80 Milliarden Euro Warenumsatz. Politisch war es eine Br&uuml;cke zwischen Ost und West und funktionierte als guter Makler. Das brachte Deutschland politische Gr&ouml;&szlig;e und politisches Ansehen, und auch die f&uuml;hrende Rolle in der Europ&auml;ischen Union. Alle T&uuml;ren in Russland waren offen f&uuml;r Deutschland. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in den 70er Jahren und bis zur letzten Zeit basierte auf den guten und gewissenhaften Lieferungen unserer Energietr&auml;ger &ndash; zum guten Freundschaftspreis. Das war stabil in guten Mengen. Wir haben nichts gestoppt. Wir haben von uns aus nichts auf Eis gelegt. Wir haben kein einziges der rund 6.300 deutschen Unternehmen, die in Russland bis 2022 aktiv waren, vertrieben.<\/p><p><strong>Wo kam aber der Wandel her? Manche sagen, das fing 2008 an, als Bundeskanzlerin Angela Merkel begann, von Werten in der Politik zu reden.<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Auch damals hatten wir gut miteinander eine gemeinsame Sprache gefunden. Wir haben auch fr&uuml;her verschiedene Vorschl&auml;ge f&uuml;r die europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur gemacht. Wir waren sehr skeptisch, was die Osterweiterung der NATO betrifft. Es gab die Versprechen, dass die NATO keinen Zentimeter nach Osten geht. Das ist heute kein Geheimnis mehr. Das steht schwarz auf wei&szlig; in verschiedenen Gespr&auml;chsvermerken aus der Zeit und in einigen Artikeln von f&uuml;hrenden Politikern der damaligen westlichen Welt. Aber dann haben wir gesehen, dass die NATO immer n&auml;her an unsere Grenzen kommt. Es geht nicht um die einfache Mitgliedschaft, sondern um die Stationierung der entsprechenden milit&auml;rischen Infrastruktur. Das war schon nicht akzeptabel f&uuml;r uns.<\/p><p>Da mussten wir uns Gedanken machen, wie wir reagieren sollen. Das hat Pr&auml;sident Wladimir Putin damals 2007 in M&uuml;nchen in entsprechender Weise erl&auml;utert. Wir haben gesagt, das kommt nicht &uuml;berein mit der gesamteurop&auml;ischen Sicherheitsarchitektur, die wir gemeinsam bauen wollten. Das alles wurde vom Westen verworfen. Da waren wir nat&uuml;rlich sehr skeptisch. Man kann uns nicht so behandeln, als ob wir die Looser des Kalten Krieges waren und dass man uns alles diktieren kann, wie wir uns benehmen m&uuml;ssen. Wie wir behandelt wurden, war f&uuml;r unser Verst&auml;ndnis ungerecht und widersprach unseren Vorstellungen &uuml;ber das Zusammenwachsen in Europa, &uuml;ber die Partnerschaft und &uuml;ber die strategischen Aussichten f&uuml;r die Zukunft. Ich glaube, diese Ann&auml;herung zwischen Russland und Europa brachte nicht allen ein Vergn&uuml;gen.<\/p><p><strong>Bei alldem spielen ja auch die USA eine Rolle &hellip;<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Anscheinend betrachteten die USA diese wachsende Kompatibilit&auml;t zwischen Russland und Westeuropa als eine Gefahr f&uuml;r die amerikanischen Interessen. Das war ein riesiges Konkurrenzzentrum, wirtschaftlich, technologisch, bei den Energietr&auml;gern und angesichts gemeinsamer Projekte auch in der Wirtschaft und Wissenschaft.<\/p><p><strong>Der russische Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 gilt als Einschnitt. Deutsche Politik und Medien lassen bis heute die Vorgeschichte weg. Wie h&auml;tte das, was zu einem Stellvertreterkrieg des Westens gegen Russland auf ukrainischem Boden wurde, verhindert werden k&ouml;nnen? Der britische Politikwissenschaftler Richard Sakwa schrieb k&uuml;rzlich vom wahrscheinlich &bdquo;vermeidbarsten Krieg in der Geschichte&ldquo;.<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Jeder geopolitische Zug ergibt sich wie in einer Schachpartie aus der jeweils vorangehenden Position. Die Entwicklungen der Vergangenheit zu vergessen beziehungsweise zu versuchen, diese zu verdr&auml;ngen, ist zumindest kontraproduktiv.<\/p><p>Von Anfang an formte der Westen aus der Ukraine eine Art Gegengewicht zum zunehmenden Einfluss Russlands. Mit Hilfe der &bdquo;Farbrevolutionen&ldquo; wurden antirussische Marionetten-Politiker an die Macht gef&uuml;hrt, deren Aufgabe es war, die engen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen sowie den Kultur- und zwischenmenschlichen Austausch zwischen Russland und der Ukraine zu untergraben. Es wurden nationalistisch orientierte Eliten in der Ukraine hochgep&auml;ppelt. Es wurde mit Nachdruck auf eine Ann&auml;herung der Ukraine an die NATO und auf den Beitritt der Ukraine zu diesem aggressiven Milit&auml;rb&uuml;ndnis hingearbeitet. Ultimativ wurde Kiew vor ein Entweder-Oder gestellt: Eine Hinwendung zum Westen schloss jeden Austausch mit Russland aus.<\/p><p>Nach dem von den Amerikanern finanzierten Maidan und dem blutigen Staatsstreich vom Februar 2014 hat die Ukraine endg&uuml;ltig den Weg einer militanten Russophobie betreten. Seitdem werden alle, die die Beziehungen zu Russland zu erhalten w&uuml;nschten &ndash; auf der Krim, im Donbass und &uuml;berall &ndash; hart unterdr&uuml;ckt.<\/p><p>Die Bilanz dieser unf&auml;higen Politik ist hinl&auml;nglich bekannt. Die Tragik besteht auch darin, dass die in der Ukraine erstarkenden neonazistischen Tendenzen, das sogenannte Banderatum, von den westlichen Regierungen nicht verurteilt wurden und sich als ideologische Normalit&auml;t des Regimes in Kiew etablieren konnten.<\/p><p><strong>Der ukrainische Politikwissenschaftler Konstantin Bondarenko, Leiter der Stiftung Ukrainskaya Politika, hat <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112337\">in einem Interview mit dem ungarischen Portal <em>Moszkvater<\/em> gesagt<\/a>: Im Jahr 2014 &bdquo;begann die tats&auml;chliche und effektive Kolonisierung der Ukraine. Die westlichen Institutionen haben im Wesentlichen die Kontrolle &uuml;ber die Ukraine &uuml;bernommen.&ldquo; Wie w&uuml;rden Sie das einsch&auml;tzen?<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Ich w&uuml;rde im Gro&szlig;en und Ganzen diesen Gedanken unterst&uuml;tzen. Die Ukraine ist heute leider nicht mehr selbstst&auml;ndig und ist an das Geld und an die Waffenlieferungen aus dem Westen total gebunden. Auch an die verschiedenen Ratschl&auml;ge, wie sie bis zum letzten Ukrainer k&auml;mpfen sollen. Es gibt in keiner Hinsicht eine Selbstst&auml;ndigkeit der Ukraine.<\/p><p><strong>In Deutschland erkl&auml;ren Politiker auch der SPD, Frieden gebe es nur noch gegen Russland. Die einstige Ostpolitik, f&uuml;r die Willy Brandt, Egon Bahr und andere standen, wird als &bdquo;Fehler&ldquo; behandelt und beiseite geschoben. Ex-Kanzler Helmut Schmidt schrieb noch 2008 in seinem Buch &bdquo;Au&szlig;er Dienst &ndash; Eine Bilanz&ldquo;: &bdquo;Jedenfalls habe ich bei Russen keinen Argwohn gegen&uuml;ber Deutschland gesp&uuml;rt. Man kann daf&uuml;r nur dankbar sein. Schon deshalb steht es uns nicht zu, antirussische Gef&uuml;hle zu hegen. Wenn jemand uns dazu verleiten will, sollten wir ihm die kalte Schulter zeigen.&ldquo; Kann ein Botschafter einer offensichtlich feindlich eingestellten Au&szlig;enministerin die &bdquo;kalte Schulter&ldquo; zeigen? <\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Auch in Deutschland hat sich in vieler Hinsicht ein Elitenwechsel vollzogen. Die heutigen Politiker erinnern sich immer seltener an die Zeit, da Millionen Sowjetsoldaten um den Preis des eigenen Lebens Deutschland und Europa vom Nationalsozialismus befreiten, das russische und das deutsche Volk sich nach dem Krieg die Hand zur Vers&ouml;hnung reichten und aus unvers&ouml;hnlichen Feinden Partner und gar Freunde werden konnten.<\/p><p>Die historische Verantwortung Berlins gilt heute der Schoah, aber nicht den Millionen von Sowjetb&uuml;rgern, die in einem grauenhaften Vernichtungskrieg dem V&ouml;lkermord zum Opfer fielen. Die Ostpolitik ist als fehlerhaft verworfen worden. Es ist mittlerweile verp&ouml;nt, an den entscheidenden Beitrag der UdSSR zur Deutschen Einheit zu erinnern. Vieles hat man schlichtweg dem Vergessen anheimfallen lassen.<\/p><p>Es tut weh, Zeuge der scharfmacherischen Russophobie der aktuellen deutschen Politik zu sein. Zumindest gilt das f&uuml;r einen Teil des politischen Establishments. Die &ouml;ffentlichen Auslassungen, man m&uuml;sse sich auf einen Krieg gegen Russland vorbereiten, sowie die Aufrufe, Russland eine strategische Niederlage zuzuf&uuml;gen, seine Wirtschaft zu zerfetzen und seine Bev&ouml;lkerung durch immer neue Sanktionspakete leiden zu lassen &ndash; all das klingt barbarisch und ist mir unerkl&auml;rlich.<\/p><p>Russland hat Deutschland keinen Schaden zugef&uuml;gt, wollte es nie und will es nicht tun. Dass unsere Beziehungen dort sind, wo sie gerade sind, ist einzig und allein die Verantwortung der politischen F&uuml;hrung dieses Landes. Ich bezweifle, dass die &laquo;Zeitenwende&raquo; Deutschland zum unabh&auml;ngigen Wohlstand und Erfolg f&uuml;hren kann.<\/p><p>Was unsere Kontakte mit dem Ausw&auml;rtigen Amt anbelangt, so finden sie recht regelm&auml;&szlig;ig statt, auch wenn der Austausch auf Arbeitsebene auf ein Minimum reduziert ist. Leider sind die Anl&auml;sse zu den Gespr&auml;chen mit den Kollegen nicht immer die angenehmsten.<\/p><p>Nichtsdestoweniger besteht unsere wichtigste Aufgabe aus meiner Sicht darin, den Dialogfaden nicht endg&uuml;ltig abrei&szlig;en zu lassen und nach M&ouml;glichkeit zur L&ouml;sung der auftretenden Probleme beizutragen. Zumal es in Deutschland eine recht zahlreiche russische Diaspora gibt. Ich bin sicher, dass Emotionen nicht vor Professionalit&auml;t gehen d&uuml;rfen.<\/p><p><strong>Sie haben sich im Februar gegen&uuml;ber einer deutschen Zeitung f&uuml;r Verhandlungen ausgesprochen, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Wie k&ouml;nnen die m&ouml;glich sein angesichts des westlichen Wunsches, Russland ruinieren und besiegen zu wollen?<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Jeder Konflikt endet fr&uuml;her oder sp&auml;ter mit Verhandlungen. Wie Pr&auml;sident Wladimir Putin mehrmals betonte, haben wir uns niemals Gespr&auml;chen verweigert. Mehr noch, der Entwurf eines Friedensabkommens mit der Ukraine, das den Interessen beider Seiten entsprach, wurde bereits im Fr&uuml;hjahr 2022 ausgehandelt und lag zur Unterschrift bereit. Eine friedliche L&ouml;sung war aber nicht Teil der westlichen Planung. H&ouml;rt man sich deutsche Politiker an, die zur Aufr&uuml;stung der Ukraine nach dem Motto &bdquo;so lange wie n&ouml;tig&ldquo; aufrufen, ist es auch heute noch so.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus hat Wladimir Selenskij sich selbst per Gesetz verboten, Gespr&auml;che mit der russischen Seite zu f&uuml;hren und die Situation damit in eine Sackgasse gef&uuml;hrt. &bdquo;Friedenskonferenzen&ldquo; unter Ausschluss Russlands und ohne Ber&uuml;cksichtigung unserer Interessen sind nichts anders als sinnloses politisches Spektakel.<\/p><p>Wir sch&auml;tzen zum Beispiel sehr die Initiativen von unseren chinesischen Freunden, ebenfalls Initiativen von afrikanischen Freunden, auch aus Brasilien. Wichtig ist, dass unsere Sicherheitsinteressen in diesen Entw&uuml;rfen ebenfalls ber&uuml;cksichtigt werden. Das ist das Wichtigste, sozusagen ein Junktim. Ohne die Ber&uuml;cksichtigung unserer Interessen ergibt es keinen Sinn, zu reden. Friedensinitiativen aus dem Westen habe ich bis jetzt noch nicht gesehen.<\/p><p><strong>Auch nicht aus Berlin, der &bdquo;Stadt des Friedens&ldquo;?<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Nein, auch nicht aus Berlin. Es tut mir wirklich sehr leid, was ich jetzt aus Berlin h&ouml;re, von noch mehr Waffenlieferungen, weiteren Sanktionen, dem Raub unserer Verm&ouml;genswerte im Westen. Das war, ehrlich gesagt, ein schwerer Fehler unserer deutschen Kollegen, die letalen Waffen in die Ukraine zu liefern, mit denen Russen get&ouml;tet werden. Das frischt einige historische Reminiszenzen auf, die wir nie vergessen. Das produziert eine klare Stimmung in Russland. Den Weg der russisch-deutschen historischen Auss&ouml;hnung f&ouml;rdert das ganz bestimmt nicht. Wir haben diesen Weg nach dem Zweiten Weltkrieg geebnet, von beiden Seiten, Russen und Deutsche.<\/p><p>Jetzt, im Zuge dieser &bdquo;Zeitenwende&ldquo;, h&ouml;re ich in Berlin: &bdquo;Wir m&uuml;ssen uns auf den Krieg vorbereiten, der unbedingt in ein paar Jahren nach Deutschland kommt&ldquo;. Die Bundeswehr ist an unserer Grenze, die endlosen Milit&auml;rman&ouml;ver an unseren Grenzen, das ist nat&uuml;rlich f&uuml;r das gute Verh&auml;ltnis kaum f&ouml;rderlich. Deutschland und Russland verschwinden nicht aus Europa, auch in Jahrzehnten nicht. Da m&uuml;ssen wir nat&uuml;rlich an unsere gemeinsame Geschichte denken, und nicht nur an die Geschichte, sondern auch an die Zukunft.<\/p><p><strong>Sie waren ja schon zu DDR-Zeiten hier in Berlin, als junger Diplomat. Das war die Zeit des Kalten Krieges. Da gab es eine ernste Konfrontation, auch Angst vor einem Atomkrieg. Ist das f&uuml;r Sie vergleichbar? War es schlimmer? Ist es heute schlimmer? <\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Ich w&uuml;rde sagen, heute ist es schlimmer. Jetzt sind die Akzente, w&uuml;rde ich sagen, ein bisschen anders. Russland wird von den westlichen Staaten total diskriminiert und unter Druck gesetzt. Mehr noch, es wird versucht, Russland eine strategische Niederlage zuzuf&uuml;gen, unsere Wirtschaft zu ruinieren. So etwas gab es damals nicht.<\/p><p>Es gab damals, in der Zeit des Kalten Krieges, vern&uuml;nftige Stimmen, die Sie vorhin zitiert haben, wie Egon Bahr. Die h&ouml;re ich heute leider von den hohen Politikern nicht mehr.<\/p><p><strong>Wie erfahren Sie von Pers&ouml;nlichkeiten wie Ex-Bundeswehr-General Harald Kujat, Ex-UN-Diplomat Michael von der Schulenburg, Oskar Lafontaine und anderen, die sich f&uuml;r Frieden aussprechen? Was halten Sie davon?<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Wir verfolgen die innerdeutsche Debatte zur ukrainischen Problematik sehr aufmerksam. Wir wissen, dass sich immer mehr Politiker und Experten auch mit Blick auf die j&uuml;ngsten Entwicklungen an der milit&auml;rischen Kontaktlinie realistisch zeigen und der Bundesregierung vorschlagen, &uuml;ber eine politische L&ouml;sung nachzudenken. Gleichzeitig stellen wir fest, dass Berlin noch nicht bereit ist, auf seine Dogmen zu verzichten. Die deutsche F&uuml;hrung setzt weiterhin auf immer neue Lieferungen von Waffen und Milit&auml;rtechnik an Kiew.<\/p><p><strong>Wie erleben Sie Deutschland heute, auch mit Blick auf die Gesellschaft? Welche Kontakte gibt es noch zur sogenannten Zivilgesellschaft, zu den normalen B&uuml;rgern? Sie haben k&uuml;rzlich bei einem Konzert im Russischen Haus auf die wichtige Rolle der Kultur f&uuml;r den Frieden und die V&ouml;lkerverst&auml;ndigung hingewiesen. Wie ist das heute m&ouml;glich?<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Wie ich bereits gesagt habe, bem&uuml;hen wir uns, wo immer m&ouml;glich, positive Ans&auml;tze zu erhalten. Das gilt beispielsweise f&uuml;r die Bereiche Kunst und Kultur, zwischenmenschlicher Austausch sowie Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge und Gedenkarbeit. Wir kommen auch mit einfachen deutschen B&uuml;rgern ins Gespr&auml;ch, von denen viele mit dem heutigen Zustand der russisch-deutschen Beziehungen gelinde gesagt nicht zufrieden sind. Wir versuchen, sie mit der russischen Position und der russischen Sichtweise auf die aktuellen Probleme der Gegenwart zu erreichen. Auch mit Ihrer Hilfe.<\/p><p>Mit den einfachen B&uuml;rgern sprechen wir absolut offen. Vor wenigen Tagen waren wir in Seelow zur Kranzniederlegung. Auf den Seelower H&ouml;hen begann die Berliner Operation der sowjetischen Armee, die die letzten Tage des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges einleitete. Ich war wirklich sehr erstaunt und sehr begeistert, dass viele einfache Deutsche gekommen waren, um die sowjetischen Soldaten zu ehren. Das war wirklich f&uuml;r mich eine gro&szlig;e und angenehme &Uuml;berraschung. Da gab es auch polnische Staatsb&uuml;rger, die gekommen waren. Mit den einfachen B&uuml;rgern Deutschlands und auch Polens haben wir wirklich immer noch gute Kontakte. Das wissen wir auch zu sch&auml;tzen.<\/p><p>Ich habe die Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge erw&auml;hnt. Da sehen wir st&auml;ndig, wie entgegenkommend die einfachen Deutschen sind. Es tut mir wirklich leid, dass diese guten Stimmen nicht mehr so geh&ouml;rt werden. Schade, denn wir haben mit Deutschland wirklich sehr viel Gemeinsames. Was die Kultur anbetrifft, ich kenne kein anderes Land in Westeuropa, mit dem wir eine so inhaltsreiche kulturelle Geschichte teilen, in der die beiden Kulturen einander bereichert haben. Ich bin sicher, dass Kultur das ist, was uns nat&uuml;rlich n&auml;herbringt. Das ist eine sehr, sehr wichtige Br&uuml;cke.<\/p><p><strong>In K&uuml;rze begehen Sie, Ihr Land und seine B&uuml;rger wieder den Tag des Sieges &uuml;ber den Faschismus, am 9. Mai. Wie ist das derzeit angemessen m&ouml;glich? Und was haben Sie als Botschafter und die Botschaft daf&uuml;r geplant? Und wie steht es um die Zusammenarbeit mit den deutschen Beh&ouml;rden zum Schutz und zur Pflege der sowjetischen Ehrenm&auml;ler und Gedenkst&auml;tten in Deutschland, die Sie in den letzten Jahren immer wieder lobten?<\/strong><\/p><p><strong>Netschajew<\/strong>: Wir sind den deutschen Kommunen und Gemeinden f&uuml;r den f&uuml;rsorglichen Umgang mit den sowjetischen Kriegsgr&auml;berst&auml;tten in Deutschland sehr dankbar. Auch f&uuml;r schnelle Beseitigung von Besch&auml;digungen infolge von Vandalismus, den es leider Gottes auch gibt, danken wir sehr.<\/p><p>In diesem Jahr haben wir tats&auml;chlich wieder vor, Kr&auml;nze und Blumen an zentralen Kriegsgr&auml;berst&auml;tten und in ehemaligen Nazi-Konzentrationslagern niederzulegen und der Soldaten und Opfer des Nazi-Regimes zu gedenken. Dass der Verwaltung der Gedenkst&auml;tten und den Kommunalbeh&ouml;rden eindringlich empfohlen wurde, es nicht zu Begegnungen mit den russischen Vertretern kommen zu lassen, ist bedauernswert. Wir hoffen, dass sich diese Haltung fr&uuml;her oder sp&auml;ter &auml;ndert.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Tilo Gr&auml;ser<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An die einzigartigen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland nach dem Ende des Kalten Krieges erinnert der Botschafter Russlands in Deutschland, <strong>Sergej J. Netschajew<\/strong>, im Interview. 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