{"id":114708,"date":"2024-05-03T11:00:38","date_gmt":"2024-05-03T09:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114708"},"modified":"2024-05-03T11:40:03","modified_gmt":"2024-05-03T09:40:03","slug":"eu-osterweiterung-fragwuerdiges-jubilaeum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114708","title":{"rendered":"EU-Osterweiterung: Fragw\u00fcrdiges Jubil\u00e4um"},"content":{"rendered":"<p>2004 traten acht osteurop&auml;ische Staaten der EU bei &ndash; aber vorher der NATO. &ndash; Auf Initiative der Europ&auml;ischen Kommission lie&szlig; die deutsche Bundesregierung am 1. Mai 2024 das Brandenburger Tor in Berlin in den Farben der EU-Flagge erstrahlen &ndash; wie schon 20 Jahre zuvor. Ebenso erstrahlten repr&auml;sentative Geb&auml;ude jetzt auch wieder in anderen Hauptst&auml;dten von EU-Mitgliedsstaaten, so in Paris, Rom und Budapest. Gefeiert wurde der 1. Mai 2004, ein &bdquo;historischer Moment&ldquo;, so jetzt die Bundesregierung: &bdquo;Ein entscheidender Schritt in Richtung politischer Stabilit&auml;t und wirtschaftlicher Prosperit&auml;t auf dem europ&auml;ischen Kontinent&ldquo;.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114708#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Von <strong>Werner R&uuml;gemer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZum 1. Mai 2004 war die EU-Mitgliedschaft von 10 Staaten vollzogen worden, vor allem von acht osteurop&auml;ischen Staaten: Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen, ebenso der beiden Mini-Staaten Malta und Zypern. Gefeiert wird jetzt auch der drei Jahre sp&auml;ter, 2007, erfolgte EU-Beitritt von Bulgarien und Rum&auml;nien sowie Kroatiens im Jahre 2013.<\/p><p><strong>Aber vorher die Mitgliedschaft in der NATO<\/strong><\/p><p>Was bei dieser Feier aber verschwiegen wird: Alle osteurop&auml;ischen Staaten mussten vorher der NATO beitreten, ausnahmslos:<\/p><p>*Bei den gr&ouml;&szlig;ten und im Sinne der NATO und der USA geostrategisch wichtigsten Staaten Polen, Ungarn und Tschechien lag der NATO-Beitritt schon f&uuml;nf Jahre vor dem EU-Beitritt, 1999: So lange dauerte es, bis hinter den Kulissen ausgehandelt war, was die NATO-Mitgliedschaft im Einzelnen bedeutet. Dann durften diese Staaten schlie&szlig;lich auch der EU beitreten.<\/p><p>*Bei Rum&auml;nien und Bulgarien, die zum 1.1.2007 der EU beitraten, war der NATO-Beitritt drei Jahre vorher vollzogen worden, 2004.<\/p><p>*Bei Kroatien war der EU-Beitritt 2013 vollzogen worden: vier Jahre nach dem NATO-Beitritt 2009.<\/p><p>*Die l&auml;ngste zeitliche Distanz gilt f&uuml;r die T&uuml;rkei: NATO-Mitglied seit 1952, aber immer noch nicht EU-Mitglied. Das zeigt zudem: F&uuml;r die von den USA vorgegebenen &bdquo;westlichen Werte&ldquo; hat das Milit&auml;rb&uuml;ndnis NATO absoluten Vorrang &ndash; ob da vielleicht eine Diktatur oder was &Auml;hnliches herrscht, was &bdquo;eigentlich&ldquo; den &bdquo;westlichen Werten&ldquo; widerspricht, das ist zweitrangig.<\/p><p><strong>EU-Anw&auml;rterstaaten: NATO-Mitgliedschaft in einigen F&auml;llen schon perfekt<\/strong><\/p><p>Die EU f&uuml;hrt eine immer l&auml;ngere Liste von Staaten, die Mitglieder der EU werden sollen. Sie werden als Anw&auml;rter- oder Kandidatenstaaten behandelt. Das macht die Europ&auml;ische Kommission auch dann, wenn die jeweiligen Regierungen das nicht unbedingt wollen.<\/p><p>Als Anw&auml;rterstaaten werden gegenw&auml;rtig behandelt: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, T&uuml;rkei, Kosovo, die Ukraine. Auch wenn sie absehbar noch lange nicht Mitglied in der EU sein werden, so sind einige aber schon NATO-Mitglied: Albanien seit 15 Jahren, n&auml;mlich seit 2009; Montenegro seit 2017, Nordmazedonien seit 2020.<\/p><p>Der EU-Anw&auml;rterstaat Kosovo wurde von der NATO durch den v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriff auf Serbien 1999 von Serbien abgetrennt und danach mithilfe einheimischer Oligarchen zum Staat gemacht. Er wird nicht von allen EU-Staaten diplomatisch anerkannt, ist aber auf Betreiben der Europ&auml;ischen Kommission schon Anw&auml;rterstaat.<\/p><p>Und die USA haben im Kosovo schon gleich 1999 auf Dauer den Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt Camp Bondsteel eingerichtet, einen der gr&ouml;&szlig;ten au&szlig;erhalb der USA. Der Name feiert den Vietnamkriegsveteranen James Bondsteel. Die 7.000 US-Milit&auml;rs leben dort in einer abgetrennten, hochgesicherten US-Stadt mit Fastfood-Restaurants, Fitness-Studios, Bars, Sportpl&auml;tzen, Kinos, zwei Kirchen, Supermarkt und mit der M&ouml;glichkeit zum Fernstudium an den US-Universit&auml;ten von Maryland und Chicago &ndash; umgeben ist die US-Enklave von bitterarmer einheimischer Bev&ouml;lkerung, deren arbeitsf&auml;hige Teile sich meist als Wanderarbeiter im Ausland verdingen.<\/p><p><strong>Osteurop&auml;ische EU-Staaten: Volkswirtschaftliche Verarmung<\/strong><\/p><p>Europ&auml;ische Kommission und Bundesregierung feiern jetzt beim Jubil&auml;um auch die &bdquo;wirtschaftliche Prosperit&auml;t&ldquo;, die durch den EU-Beitritt gef&ouml;rdert worden sei. Doch das Gegenteil ist der Fall.<\/p><p>Westliche Unternehmen aus den USA, S&uuml;dkorea, Deutschland &ndash; insbesondere die Auto-, Pharma-, Agrar- und Handelskonzerne sowie Superm&auml;rkte und Banken &ndash; haben die osteurop&auml;ischen Staaten selektiv zu Standorten f&uuml;r Filialen und Zulieferketten ausgebaut. Die niedrigen L&ouml;hne, die schwachen Gewerkschaften, die hohen Subventionen sowohl der EU wie der oligarchisch und rechts-gef&uuml;hrten Regierungen sind ein einzigartiger Standortvorteil.<\/p><p>W&auml;hrend die Gewinne der westlichen Konzerne ebenso wie die Macht und der Reichtum der einheimischen Oligarchen-Clans &ndash; am bekanntesten in Polen, Ungarn und Tschechien &ndash; steigen, schrumpfen die Volkswirtschaften. Die hohen Subventionen der EU f&uuml;r das industrielle AgroBusiness verarmen die b&auml;uerliche Landwirtschaft.<\/p><p>So sind in den osteurop&auml;ischen EU-Staaten zwischen 20 und 30 Prozent der arbeitsf&auml;higen Menschen wie im Kosovo als Wanderarbeiter unterwegs. Entweder sind sie dauerhaft ausgewandert, bis in die weit entfernten USA. Oder sie sind kurzfristig als Saisonarbeiter in West-, Nord- und S&uuml;deuropa, auf dem Bau und in der Landwirtschaft. Oder sie sind auf unbestimmte Zeit und mit dem Leiharbeits-Status als h&auml;usliche Pflegerinnen besch&auml;ftigt, millionenfach als LkW-Fahrer, als Putz- und Sicherheitskr&auml;fte &ndash; und nicht zuletzt als Prostituierte, vor allem im &bdquo;Bordell Europas&ldquo;, n&auml;mlich Deutschland.<\/p><p>In allen diesen osteurop&auml;ischen Staaten wehren sich Gewerkschaften, aber auch neue Initiativen gegen das von der EU gef&ouml;rderte ArbeitsUnrecht, zu dem auch die Duldung von illegalen und halblegalen Arbeitsverh&auml;ltnissen geh&ouml;rt. Wenn sich etwa in Polen Amazon-Besch&auml;ftigte f&uuml;r Tarifvertr&auml;ge organisieren und sich dabei auch gegen die offizielle, regierungs- und amazon-freundliche Solidarnosc wehren m&uuml;ssen &ndash; dar&uuml;ber schweigt die EU und schweigen die Regierungen der EU-Staaten.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p><strong>Osteurop&auml;ische EU-Staaten: H&ouml;chste Milit&auml;rausgaben<\/strong><\/p><p>So erf&uuml;llen gerade die osteurop&auml;ischen Staaten die US- und NATO-Forderung, mindestens zwei Prozent des Bruttosozialprodukts f&uuml;r das Milit&auml;r auszugeben, am vorbildlichsten: Allen voran der neben der Ukraine wichtigste antirussische Staat Polen: Er gibt doppelt soviel f&uuml;r das Milit&auml;r aus, n&auml;mlich 4,3 Prozent. Nicht zuf&auml;llig hier in der polnischen Hauptstadt Warschau hatte US-Pr&auml;sident Barack Obama 2016 offiziell die Forderung verk&uuml;ndet: Die europ&auml;ischen NATO-Staaten m&uuml;ssen ab jetzt, wegen der &bdquo;russischen Gefahr&ldquo;, mindestens zwei Prozent f&uuml;r das Milit&auml;r ausgeben!<\/p><p>Und gerade die allerkleinsten und aller&auml;rmsten Staaten mit dem h&ouml;chsten Anteil an Auswanderern und Wanderarbeitern sind vorne mit dabei: Estland mit 2,9 Prozent, Litauen mit 2,6 Prozent, Lettland mit 2,2 Prozent. Dagegen geben gerade die politisch wichtigsten US-Alliierten und die zugleich (bisher) reichsten EU-Staaten Deutschland, Belgien, die Niederlande und Luxemburg am wenigsten f&uuml;r das Milit&auml;r aus, alle unter zwei Prozent. (Die Angaben beziehen sich auf das Jahr 2023.)<\/p><p><strong>Rechte Politik, US-H&ouml;rigkeit, volkswirtschaftliche Verarmung<\/strong><\/p><p>Die EU im Einklang mit der NATO hat seit Beginn in Osteuropa verschiedene Richtungen rechtsgerichteter und oligarchischer Politik gef&ouml;rdert. Zwar wurden und werden manche osteurop&auml;ischen Regierungen kritisiert, etwa wenn sie &bdquo;westliche Werte&ldquo; wie das Gendern und LGBTQ+ diskriminieren, bek&auml;mpfen &ndash; aber die Verletzung von menschenrechtlichen Arbeitsrechten wird niemals kritisiert.<\/p><p>F&uuml;r diese rechtsgerichteten Regierungen, im Einklang mit westlichen Konzernen, gelten arbeits- und soziale Menschenrechte m&ouml;glichst wenig. Das Menschenrecht auf Streik, auf gleiche Bezahlung von Mann und Frau bei gleicher Arbeit, das Menschenrecht auf konzern- und staatsunabh&auml;ngige Gewerkschaften &ndash; solche Menschenrechte fordert die EU nirgends. Das fordert die EU auch dann nicht, wenn sie an Unternehmen und Staaten Subventionen vergibt.<\/p><p>Und selbst wenn LKW-Speditionen millionenfach die letzte EU-Richtlinie zu den Rechten von LKW- und Busfahrern verletzen &ndash; die Richtlinie richtet sich gegen Lohndumping, verbietet Ruhepausen im LKW statt einer ordentlichen Unterkunft, regelt das Recht auf eine Heimfahrt sp&auml;testens nach vier Wochen: Die EU hat das zwar beschlossen, aber die Einhaltung wird so gut wie nicht kontrolliert.<\/p><p>So hat die der NATO untergeordnete EU-Osterweiterung nicht die &bdquo;wirtschaftliche Prosperit&auml;t&ldquo; gef&ouml;rdert, sondern das Gegenteil. Und so hat diese EU-Osterweiterung auch nicht die jetzt wieder gefeierte &bdquo;politische Stabilit&auml;t&ldquo; Europas gef&ouml;rdert, sondern das Gegenteil, n&auml;mlich die Aufr&uuml;stung und den Stellvertreterkrieg der Ukraine gegen Russland.<\/p><p>Die Konsequenz daraus m&uuml;sste eigentlich lauten: Die Neugr&uuml;ndung Europas ohne NATO und ohne US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte, mit F&ouml;rderung der Volkswirtschaft und mit menschenrechtlichen Arbeits- und Sozialrechten!<\/p><p><small>Titelbild: Jahid Shahalizade \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Der Weg zum vereinten Europa: 20 Jahre EU-Osterweiterung; Die Bundesregierung 29.04.2024<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Genauere Darstellung mit Quellenangaben in: Werner R&uuml;gemer: Imperium EU &ndash; ArbeitsUnrecht, Krise, neue Gegenwehr. K&ouml;ln 2020 (auch in englischer Sprache: Imperium EU &ndash; Labor Industice, Crisis, New Resistances. Tredition\/Hamburg 2021, auch als eBook)<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2004 traten acht osteurop&auml;ische Staaten der EU bei &ndash; aber vorher der NATO. &ndash; Auf Initiative der Europ&auml;ischen Kommission lie&szlig; die deutsche Bundesregierung am 1. Mai 2024 das Brandenburger Tor in Berlin in den Farben der EU-Flagge erstrahlen &ndash; wie schon 20 Jahre zuvor. Ebenso erstrahlten repr&auml;sentative Geb&auml;ude jetzt auch wieder in anderen Hauptst&auml;dten von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114708\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":114730,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,22,212,30],"tags":[1740,2324,305,2069,466,1367,3055,443],"class_list":["post-114708","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europaische-union","category-gedenktagejahrestage","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-arbeitsbedingungen","tag-eu-erweiterung","tag-menschenrechte","tag-militaerstuetzpunkte","tag-nato","tag-ruestungsausgaben","tag-saisonarbeiter","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/shutterstock_2303459189.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=114708"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":114741,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114708\/revisions\/114741"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/114730"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=114708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=114708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=114708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}