{"id":114734,"date":"2024-05-05T12:00:55","date_gmt":"2024-05-05T10:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114734"},"modified":"2024-05-05T20:56:28","modified_gmt":"2024-05-05T18:56:28","slug":"grossmaechte-im-weltordnungskrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114734","title":{"rendered":"Gro\u00dfm\u00e4chte im Weltordnungskrieg"},"content":{"rendered":"<p>Ist die Kreml-F&uuml;hrung mit der Invasion in die Ukraine in eine &bdquo;strategische Falle&ldquo; getappt? Einen langj&auml;hrigen, verlustreichen Abnutzungskrieg hat man wahrscheinlich nicht vorausgesehen. &bdquo;Ruiniert&ldquo; werden konnte Russland nicht, vielmehr fallen uns in Europa die &bdquo;halbierte Globalisierung&ldquo; und die Militarisierung auf die F&uuml;&szlig;e. <strong>Georg Auernheimer<\/strong> meint in seinem neuen Buch &bdquo;Die Strategische Falle. Die Ukraine im Weltordnungskrieg&ldquo;, dass Russlands Angriff im US-Interesse war. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8868\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-114734-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503-Grossmaechte-im-Weltordnungskrieg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503-Grossmaechte-im-Weltordnungskrieg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503-Grossmaechte-im-Weltordnungskrieg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503-Grossmaechte-im-Weltordnungskrieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=114734-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240503-Grossmaechte-im-Weltordnungskrieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240503-Grossmaechte-im-Weltordnungskrieg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>So vieles gibt es schon zum Krieg in der Ukraine, dass man abwinken kann: Alles schon gesagt. Ohnehin stehen die Meinungen bei den meisten Leuten fest. Entweder beugt man sich der herrschenden Erz&auml;hlung: Russland habe aus imperialem Interesse die machtlose Ukraine angegriffen. Das Wort &bdquo;v&ouml;lkerrechtswidrig&ldquo; muss unbedingt hinzugef&uuml;gt werden. Oder man zieht die Vorgeschichte &ndash; und die Folgen &ndash; in Betracht, die zahlreiche Autorinnen und Autoren &ndash; ob Gabriele Krone-Schmalz oder Daniela Dahn, Kai Ambos oder Arne Seifert, Michael L&uuml;ders oder Lothar Schr&ouml;ter und andere &ndash; schon recherchiert und erkl&auml;rt haben. <\/p><p>Prof. Georg Auernheimer ist kein Historiker und kein Politologe. Er lehrte Erziehungswissenschaft in Marburg und K&ouml;ln. Sein Schwerpunkt &bdquo;Interkulturelle P&auml;dagogik&ldquo; macht ihn indes sensibel f&uuml;r das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Zudem hat er das Talent, sehr pr&auml;gnant und eing&auml;ngig zu formulieren. Schon im Titel seines Buches steckt etwas, das aufmerken l&auml;sst: &bdquo;Die strategische Falle&ldquo;. Sollen wir das so verstehen, dass Russland durch seinen geopolitischen Rivalen aus der Reserve gelockt werden sollte, um diesen Krieg zu f&uuml;hren? Die Lekt&uuml;re packt, regt zum Weiterdenken an. Man zieht Schl&uuml;sse, stellt sich Fragen &ndash; und findet im Autor dieses Bandes einen &uuml;beraus kundigen Gespr&auml;chspartner.<\/p><p>Dass es in den USA das Know-how gibt f&uuml;r geostrategisches Denken, wird niemand bestreiten. Die beanspruchte Vormachtstellung in der Welt wird sogar &ouml;ffentlich bekundet, erscheint geradezu als gutes Recht &ndash;&nbsp;als ob der F&uuml;hrungsanspruch gottgegeben sei. &bdquo;Gott sch&uuml;tze Amerika&ldquo;, sagen Pr&auml;sidenten gern am Ende ihrer Reden.<\/p><p><strong>Gorbatschows Friedensgeste wurde als Niederlage gedeutet<\/strong><\/p><p>Jahrzehntelang standen sich die Sowjetunion und die USA als Gro&szlig;m&auml;chte gegen&uuml;ber. Gorbatschow wollte die Konfrontation beenden. Auch weil der R&uuml;stungswettlauf im Kalten Krieg das Land &uuml;berforderte, streckte er die Hand aus zum einstigen Feind. Die Aufl&ouml;sung der Sowjetunion, die Aufgabe der DDR und die Aufl&ouml;sung des Warschauer Paktes wollte er als Friedensgeste verstanden wissen, doch war es naiv zu glauben, damit den Weltfrieden zu retten. <\/p><p>Das Gegenteil geschah. Dass der einstige geopolitische Rivale abdankte, wurde in den USA als Chance gesehen, die Stellung als einzige Gro&szlig;macht zu sichern. Da zitiert Auernheimer aus der au&szlig;enpolitischen Richtlinie &bdquo;Defence Policy Guidance&ldquo; von Staatssekret&auml;r Paul Wolfowitz (S. 31). So wie es &uuml;berhaupt ein entscheidender Vorzug des Buches ist, wie viele Fakten hier durch Dokumente belegt sind und wie sich dadurch Zusammenh&auml;nge herstellen.<\/p><p>Detailliert wird auf das Verh&auml;ltnis NATO-Russland eingegangen, und man erf&auml;hrt auch, dass die NATO im Rahmen der &bdquo;Partnership for Peace&ldquo; schon seit 1997 mit der Ukraine Truppenman&ouml;ver im Schwarzen und im Asowschen Meer durchgef&uuml;hrt hat. Wenige Tage nach der NATO-Osterweiterung 1999 erfolgte der Angriff auf Jugoslawien, der nicht nur dem V&ouml;lkerrecht, sondern auch dem bisherigen Auftrag der NATO widersprach. Denn nicht mehr um Territorialverteidigung ging es hier: &bdquo;Man erm&auml;chtigte sich selbst zur Krisenintervention in allen Weltregionen.&ldquo; (S. 37)<\/p><p>Im &bdquo;Weltordnungskrieg&ldquo;, von dem hier die Rede ist, hatte Russland lange schon mit Dem&uuml;tigungen zu leben, die kaum in unserem Blickfeld waren. 2014 hatte US-Pr&auml;sident Obama den einstigen Rivalen noch als &bdquo;Regionalmacht&ldquo; verspottet. Und 2015 dann der Milit&auml;reinsatz in Syrien zur Unterst&uuml;tzung von Pr&auml;sident Assad. Pl&ouml;tzlich, wie es vielen schien, hat Russland sich nicht mehr mit der Missachtung abgefunden und bestand auf eigenen Interessen in der Weltpolitik. Ist es nicht eigentlich das, was der Putin-Regierung hierzulande mit gro&szlig;er Emotionalit&auml;t vorgeworfen wird: ein Reagieren, wie Deutschland es sich nicht leisten k&ouml;nnte? Ein Gro&szlig;machtgebaren, w&auml;hrend die BRD eine &bdquo;Kleinmacht&ldquo; ist, nicht mal wirklich selbstbestimmt, sondern an der transatlantischen Leine.<\/p><p>Sind wir gar neidisch darauf, wie Russland jetzt immer rigoroser nationale Interessen verfolgt, w&auml;hrend hierzulande sogar deren Vorhandensein geleugnet wird? Nicht nur geleugnet, sondern verdr&auml;ngt, ausgeblendet, weil das wiederum den nationalen Interessen der USA widersprechen w&uuml;rde. <\/p><p><strong>Die Osterweiterung der NATO hat den Krieg provoziert<\/strong><\/p><p>Der &bdquo;Weltordnungskrieg&ldquo; w&auml;hrt schon lange. Beitrittsverhandlungen zur NATO 2002 mit Bulgarien, Rum&auml;nien, der Slowakei, Slowenien und auch den drei baltischen Staaten. Muss man da nicht einen Zusammenhang zur Etablierung des NATO-Russland-Rates im gleichen Jahr sehen? Ein Deckm&auml;ntelchen f&uuml;r Aktionen, die Russland widerstreben mussten? 2003 der Angriff auf Irak und die auch von Soros&lsquo; &bdquo;Open Society Foundation&ldquo; unterst&uuml;tzte &bdquo;Rosenrevolution&ldquo; in Georgien, die &bdquo;Orangene Revolution&ldquo; in der Ukraine ein Jahr sp&auml;ter &ndash; und Anfang April 2008 wurden die Ukraine und Georgien auf dem NATO-Gipfel in Bukarest in den &bdquo;Membership Action Plan&ldquo; aufgenommen, was der Zusage einer baldigen Mitgliedschaft gleichkam.<\/p><p>Der Russischen F&ouml;deration h&auml;tte die Umklammerung von S&uuml;den und Westen gedroht. William Burns, damals Botschafter in der Ukraine, warnte Au&szlig;enministerin Condoleezza Rice ausdr&uuml;cklich, dass damit eine &bdquo;rote Linie&ldquo; &uuml;berschritten sei und der Boden f&uuml;r russische Einmischungen auf der Krim und in der Ostukraine bereitet w&uuml;rde[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Bekanntlich haben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy durch ihren Einspruch diese Eskalation erst einmal verhindert. Aber in Russland sah man die Bedrohung wohl, zumal ebenfalls 2008 vom damaligen georgischen Pr&auml;sidenten Micheil Saakischwili, ermuntert durch die USA, der Angriff auf S&uuml;dossetien befohlen worden war. Daraufhin r&uuml;ckten russische Truppen bis kurz vor Tbilissi vor.<\/p><p>Ein Jahr vorher hatte Putin auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz die Entt&auml;uschung und Entr&uuml;stung Russlands zum Ausdruck gebracht und war auf Unverst&auml;ndnis gesto&szlig;en. Nun musste er sehen, wie seine Bef&uuml;rchtungen Realit&auml;t wurden. Nat&uuml;rlich hatte man dort auch &bdquo;The Grand Chessboard&ldquo; von Zbigniew Brzezinski gelesen. &bdquo;Allein schon die Existenz einer unabh&auml;ngigen Ukraine hilft, Russland zu ver&auml;ndern. Ohne die Ukraine h&ouml;rt Russland auf, ein eurasisches Imperium zu sein.&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p><strong>Europa sollte nicht mit Russland verbunden sein<\/strong><\/p><p>Die Urangst des US-Establishments &bdquo;vor der geballten Wirtschaftskraft eines mit Russland kooperativ verbunden Europas&ldquo; (S. 44) lag offen zutage, wohingegen Europa an einem eurasischen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok durchaus Interesse haben konnte. Gr&ouml;&szlig;er erschien in den USA allerdings die Bedrohung durch die Wirtschaftsmacht Chinas. Diesbez&uuml;glich nennt Georg Auernheimer zwei Optionen: Entweder &bdquo;die Russische F&ouml;deration zu schw&auml;chen und ihre Kooperationsbeziehungen zur EU zu kappen, wobei der Ukraine ein hoher Stellenwert zukam,&ldquo; oder &bdquo;China zu isolieren&ldquo;, indem man die Beziehungen zu Russland &bdquo;neu ausbalanciert&ldquo; (ebenda).<\/p><p>Aber Russland hatte begonnen, sich vom Petrodollar-System zu trennen und die in Dollar notierten US-Anleihen abzusto&szlig;en. Zudem gab es in den USA Gel&uuml;ste nach den Gasfeldern im Donbass und s&uuml;dlich der Krim, den Lithium-Vorkommen in der Ostukraine und den ertragreichen landwirtschaftlichen Nutzfl&auml;chen, von denen allein Cargill, DuPont und Monsanto 17 Millionen Hektar im Osten und S&uuml;den aufgekauft haben. Anteilseigner ist BlackRock, der weltgr&ouml;&szlig;te Verm&ouml;gensverwalter, der auch in zahlreiche R&uuml;stungskonzerne investiert hat.<\/p><p>Da ist es spannend, beim Lesen geistige Verbindungen zu ziehen. Dabei wird auch das Wissen &uuml;ber die Geschichte der Ukraine, das Dilemma der ukrainischen Nationalbewegung, Stepan Bandera, das Sprachgesetz, den Angriff auf die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche wieder aufgefrischt. <\/p><p>Was hinter den aktuellen Ereignissen fast verschwand: Schon 2009 begann die US-Regierung unter Barack Obama und mit Joseph Biden als Vizepr&auml;sident, die Ukraine aufzur&uuml;sten, dortiges Milit&auml;r auszubilden und in NATO-Strukturen zu integrieren. Im Dezember 2017 beschloss die Trump-Administration, Kiew mit &bdquo;Verteidigungswaffen&ldquo; auszustatten. Mehrere &Uuml;bungen mit NATO-Truppen &bdquo;zur Verbesserung der Interoperabilit&auml;t&ldquo; folgten (S. 66).<\/p><p>Warum das unterschriftsreife Assoziierungsabkommen mit der EU, von dem sich viele Ukrainer 2014 mehr Wohlstand erhofften, f&uuml;r Russland unannehmbar war, wird hier erkl&auml;rt und ebenso, was die Schock-Privatisierung nach dem Zerfall der Sowjetunion f&uuml;r die Ukraine bedeutete. Der Verlauf des sogenannten Euro-Maidan wird dargestellt, die Sezession der Krim und der Krieg gegen die abtr&uuml;nnigen &bdquo;Volksrepubliken&ldquo;. <\/p><p>Es war ja hierzulande wenig bekannt, dass die Bev&ouml;lkerung des Donbass seit 2014 im Rahmen einer &bdquo;Antiterroroperation&ldquo; immer wieder unter Beschuss genommen wurde. Zeitweise gekappt waren Wasser- und Stromversorgung. Die beiden Abkommen von Minsk h&auml;tten zu einer Deeskalation beitragen k&ouml;nnen, doch die Regierenden in Kiew wollten der russischsprachigen Bev&ouml;lkerung im Osten keinen Schritt entgegenkommen. Dass die europ&auml;ischen Vermittlungsversuche nur dazu gedient h&auml;tten, der Ukraine &bdquo;Zeit zu geben &hellip;, um st&auml;rker zu werden, wie man heute sieht&ldquo;, gestand Angela Merkel im Dezember 2022 ein. Was f&uuml;r ein Vertrauensbruch! Ich sehe noch vor mir, wie Putin in Sotschi die deutsche Kanzlerin mit einem riesigen Rosenstrau&szlig; erwartete.<\/p><p>Schon Pr&auml;sident Trump, der nun verspricht, den Krieg zu beenden, hatte die Ukraine massiv aufger&uuml;stet. Seit Kriegsbeginn wurden 44 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Wirtschaftssanktionen trafen die Russische F&ouml;deration schon 2014 f&uuml;r die &bdquo;Annexion der Krim&ldquo;.<\/p><p><strong>Russland unter Zugzwang<\/strong><\/p><p>Am 21. Februar 2022 hat Russland die Unabh&auml;ngigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk anerkannt, die lange schon darum gebeten hatten. Zu deren Unterst&uuml;tzung begann einen Tag sp&auml;ter die &bdquo;Milit&auml;roperation&ldquo;. Was nicht im Buch steht: Der innere Krieg um die abtr&uuml;nnigen Gebiete kam Russland insofern zupass, als er eine NATO-Mitgliedschaft hinausz&ouml;gerte. Die Osterweiterung des Milit&auml;rb&uuml;ndnisses war der wunde Punkt f&uuml;r Russland, was man im Westen h&auml;misch zur Kenntnis nahm. Der &bdquo;Vertragsentwurf f&uuml;r eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur&ldquo;, den die Kreml-F&uuml;hrung den USA und der NATO am 17. Dezember 2021 zukommen lie&szlig;, wurde zur&uuml;ckgewiesen. Allerdings waren die Forderungen so weitreichend, dass ich damals schon die Gefahr eines Krieges sah. <\/p><p>Ein Ultimatum? Aus Verzweiflung, meint Georg Auernheimer. &bdquo;Mit der Stationierung strategischer Waffen in der N&auml;he ihrer Grenzen w&uuml;rde die NATO russische Ziele einschlie&szlig;lich Moskau mit Atomwaffen erreichen k&ouml;nnen, ohne dass der Kreml Zeit zur Reaktion h&auml;tte. Am 16. Februar 2022 begann ein Dauerbombardement des Donbass. Am 19. Februar stellte Selenskyj auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz den im Budapester Memorandum vereinbarten Verzicht der Ukraine auf Atomwaffen in Frage.&ldquo; (S. 93). Geleakte Informationen &uuml;ber einen geplanten Einmarsch der ukrainischen Armee auf die Krim kamen hinzu. Schon am 24. M&auml;rz 2021 hatte Selenskyj ein Dekret erlassen, in dem die &bdquo;De-Okkupation und Wiedereingliederung der Krim und der Stadt Sewastopol&ldquo; zum staatlichen Auftrag gemacht wurden. Truppen wurden in die s&uuml;dliche Ukraine verlagert.<\/p><p>Schon vier Tage nach der russischen Invasion hat es erste Friedensverhandlungen in Gomel gegeben. Sie scheiterten. Am 9. M&auml;rz lag nach Verhandlungen in Istanbul sogar ein russisch-ukrainischer 15-Punkte-Friedensplan vor. Der h&auml;tte freilich eine &Auml;nderung der ukrainischen Verfassung verlangt, die den Beitritt der Ukraine zur EU und zur NATO als Ziel formuliert. (S. 99) <\/p><p><strong>Das Leid der Zivilbev&ouml;lkerung<\/strong><\/p><p>Nach dem Scheitern der Friedensverhandlungen zielten die russischen Truppen ab April 2022 zunehmend auf Treibstofflager, Raffinerien und die Eisenbahninfrastruktur. Der Stellungskrieg gestaltete sich zu einer riesigen Materialschlacht. Die ukrainische F&uuml;hrung schickte &bdquo;die ukrainischen Soldaten erbarmungslos ins gegnerische Feuer, um den westlichen Partnern Erfolge vorweisen zu k&ouml;nnen&ldquo;. (S. 117) Auch die Armeef&uuml;hrung Russlands bekam Probleme mit der zunehmenden Ersch&ouml;pfung der k&auml;mpfenden Truppe. Was der Krieg f&uuml;r die ukrainische Zivilbev&ouml;lkerung bedeutet &ndash; die M&auml;nner sind ja st&auml;ndig von Mobilisierung bedroht &ndash;, erf&auml;hrt man in aller Deutlichkeit. &bdquo;Ersparnisse sind aufgebraucht, jeder F&uuml;nfte ist arbeitslos, Familien sind zerrissen, Wohnungen sind zerst&ouml;rt &hellip;&ldquo; Fast 40 Prozent der noch in der Ukraine lebenden Bev&ouml;lkerung ist auf humanit&auml;re Hilfe angewiesen. Hinzu kommt die Zerst&ouml;rung der Infrastruktur. Weite Teile des Landes sind vermint, Ackerboden ist durch den Einsatz von abgereichertem Uran verseucht &hellip; &bdquo;Die Wiederaufbaukosten f&uuml;r die Ukraine wurden 2023 von Weltbank auf 411 Milliarden Dollar veranschlagt.&ldquo; (S. 133)<\/p><p>Das klingt viel, doch w&auml;re es nur etwas mehr als die H&auml;lfte der Milit&auml;rausgaben in den USA. Zu den 800,7 Milliarden Dollar 2022 kann man ja sogar noch die 340 Milliarden aus den NATO-L&auml;ndern hinzurechnen. Russland brachte es &bdquo;nur&ldquo; auf 86,4 Milliarden. In den Krieg, um Russland zu &bdquo;ruinieren&ldquo;, wie es Au&szlig;enministerin Baerbock ausdr&uuml;ckte, hatten die NATO-Staaten Milliarden investiert: die USA bis Ende Juli 2023 42,1, Deutschland 17,1, Gro&szlig;britannien 6,6 Milliarden US-Dollar. (S. 136) Massive Erh&ouml;hung der R&uuml;stungsausgaben. Bundeskanzler Scholz verk&uuml;ndete ein &bdquo;Sonderverm&ouml;gen Bundeswehr&ldquo; von 100 Milliarden Dollar. (S. 138) F&uuml;r den deutschen Milit&auml;rhaushalt sind 2024 51,8 Milliarden Euro vorgesehen. Was f&uuml;r ein Geschenk f&uuml;r die R&uuml;stungsindustrie, zumal auch alle anderen EU-Staaten aufr&uuml;sten wollen.<\/p><p>Die Begleitmusik dazu liefert eine Militarisierung der Gesellschaft, bei der man gerade in Deutschland auf &uuml;berkommene Klischees zur&uuml;ckgreifen kann. Be&auml;ngstigend ist es, wie da Bedrohungsszenarien aufgebaut werden. &bdquo;Wir m&uuml;ssen kriegst&uuml;chtig werden&ldquo;, erkl&auml;rte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius Ende Oktober 2023 im <em>ZDF<\/em>.<\/p><p>Derweil wendet sich die Russische F&ouml;deration China zu und baut an einem neuen Machtblock mit Asien und dem globalen S&uuml;den. &bdquo;Mit dem schrittweisen &Uuml;bergang zu den eigenen Landesw&auml;hrungen im Gesch&auml;ftsverkehr wird ein klarer Schnitt gegen&uuml;ber dem Euro- und Dollarraum gezogen.&ldquo; Da sei es nicht abwegig , &bdquo;f&uuml;r die Zukunft eine <em>halbierte Globalisierung<\/em> zu prognostizieren&ldquo;. (S. 158) Und auch ein Krieg zwischen den USA und China sei nicht l&auml;nger unwahrscheinlich. Auch die Brandherde im Nahen Osten sind wohl im Zusammenhang mit diesem Weltordnungskrieg zu denken. <\/p><p>Eine multipolare Weltordnung d&uuml;rfte kaum friedlicher sein. Und nicht nebenbei gesagt: W&auml;hrend hierzulande &uuml;ber die Notwendigkeit von Klimaschutz diskutiert wird und Privatautos in die Kritik geraten, st&ouml;rt sich niemand daran, dass der Aussto&szlig; von Treibhausgasen im Krieg Spitzenwerte erreicht. Dem widmet Georg Auernheimer ein ganzes Kapitel.<\/p><p>&bdquo;Unter einer universalen Perspektive kann man zu dem Schluss kommen: Allen Bedrohungen, Provokationen zum Trotz h&auml;tte Russland diesen Krieg nie beginnen d&uuml;rfen.&ldquo; Manchmal denke ich das auch. Was aber w&auml;re in einem System konkurrierender Staaten die Alternative? Das eigene Land mit R&uuml;cksicht auf das Schicksal der Menschheit fremden geopolitischen Interessen zum Opfer bringen? Gorbatschow ist im Vertrauen auf die andere Seite diesen Weg gegangen und hat alles nur noch schlimmer gemacht.<\/p><p><em>Georg Auernheimer: Die Strategische Falle. Die Ukraine im Weltordnungskrieg. PapyRossa, 191 S., br., 16,90 &euro;.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Ivan Marc \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] William J. Burns: The Black Channel (2019), S. 232 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht (1999), S. 76<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist die Kreml-F&uuml;hrung mit der Invasion in die Ukraine in eine &bdquo;strategische Falle&ldquo; getappt? Einen langj&auml;hrigen, verlustreichen Abnutzungskrieg hat man wahrscheinlich nicht vorausgesehen. &bdquo;Ruiniert&ldquo; werden konnte Russland nicht, vielmehr fallen uns in Europa die &bdquo;halbierte Globalisierung&ldquo; und die Militarisierung auf die F&uuml;&szlig;e. <strong>Georg Auernheimer<\/strong> meint in seinem neuen Buch &bdquo;Die Strategische Falle. 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