{"id":114896,"date":"2024-05-08T09:00:43","date_gmt":"2024-05-08T07:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114896"},"modified":"2024-05-08T19:44:06","modified_gmt":"2024-05-08T17:44:06","slug":"deutschland-zeigt-zaehne-kanonenbootpolitik-groessenwahn-und-selbstbesoffenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114896","title":{"rendered":"Deutschland zeigt Z\u00e4hne? Kanonenbootpolitik, Gr\u00f6\u00dfenwahn und Selbstbesoffenheit"},"content":{"rendered":"<p>Der <em>SPIEGEL<\/em> war gestern <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/warum-deutschland-im-indopazifik-zaehne-zeigt-zumindest-ein-bisschen-a-8d3df372-9114-4074-b263-5276fc46dcaf\">mal wieder ganz au&szlig;er sich<\/a>. In Wilhelmshaven stach ein deutscher Einsatzgruppenversorger in See. Zusammen mit einer deutschen Fregatte wird er die Welt umrunden und dabei auch &ndash; mit geh&ouml;rigem Abstand &ndash; China passieren. Deutschland zeige Z&auml;hne und sende eine Warnung an China aus, so der <em>SPIEGEL<\/em>. Man f&uuml;hlt sich in wilhelminische Zeiten zur&uuml;ckversetzt. Der extra nach Wilhelmshaven angereiste Verteidigungsminister Pistorius beruhigt &ndash; es ginge nur um die Sicherung deutscher Handelswege. F&uuml;r so einen Spruch musste Bundespr&auml;sident K&ouml;hler vor gerade einmal 14 Jahren zur&uuml;cktreten. Wie schnell sich die Zeiten doch ge&auml;ndert haben. Dass ausgerechnet Deutschland nun wie ein Zwerg auf Steroiden unter Gr&ouml;&szlig;enwahn leidet und im Indopazifik eine Kanonenbootpolitik probt, ist jedoch kaum mehr als eine bittere Farce. Sind unsere politischen und medialen Eliten der kollektiven Selbstbesoffenheit verfallen? Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1515\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-114896-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508_Deutschland_zeigt_Zaehne_Kanonenbootpolitik_Groessenwahn_und_Selbstbesoffenheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508_Deutschland_zeigt_Zaehne_Kanonenbootpolitik_Groessenwahn_und_Selbstbesoffenheit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508_Deutschland_zeigt_Zaehne_Kanonenbootpolitik_Groessenwahn_und_Selbstbesoffenheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508_Deutschland_zeigt_Zaehne_Kanonenbootpolitik_Groessenwahn_und_Selbstbesoffenheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=114896-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508_Deutschland_zeigt_Zaehne_Kanonenbootpolitik_Groessenwahn_und_Selbstbesoffenheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240508_Deutschland_zeigt_Zaehne_Kanonenbootpolitik_Groessenwahn_und_Selbstbesoffenheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die chinesische Marine verf&uuml;gt laut einem <a href=\"https:\/\/news.usni.org\/2024\/02\/01\/report-to-congress-on-chinese-naval-modernization-20\">US-Kongressbericht<\/a> zurzeit &uuml;ber 120 Fregatten und Korvetten. Die Bundesmarine hat 18 dieser Schiffe &ndash; wenn denn, was selten vorkommt, mal alle gleichzeitig einsatzf&auml;hig sind. Eines dieser Schiffe, die Fregatte Baden-W&uuml;rttemberg, tritt nun zur gro&szlig;en Weltumrundung an. Sieben Monate wird dieser Ausflug dauern. Fernando Magellans Segelschiffe hatten im 16. Jahrhundert daf&uuml;r fast drei Jahre gebraucht. Der technische Fortschritt ist schon was Feines. Vor Hawaii d&uuml;rfen die deutschen S&uuml;&szlig;wassermatrosen dann sogar mit den Gro&szlig;en spielen &ndash; ein echtes &bdquo;Seekriegsman&ouml;ver&ldquo; der Amerikaner, bei dem man als Deutscher viel lernen kann. Ich war vor vielen, vielen Jahren selbst bei der Marine und kann mich noch an die ehrf&uuml;rchtige Unterw&uuml;rfigkeit des deutschen Offizierskorps und die offensichtliche Limitierung der Bundesmarine bei solchen Veranstaltungen erinnern. Peinlich. <\/p><p>Drollig ist es jedoch, wenn der <em>SPIEGEL<\/em> und die Falken der deutschen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik in eine solche Fahrt nun eine warnende Geste in Richtung Peking hineininterpretieren. Es ist fraglich, ob Deutschlands Seestreitkr&auml;fte &uuml;berhaupt &uuml;ber der Wahrnehmungsschwelle Chinas liegen. Neben den 120 Fregatten verf&uuml;gt China auch noch &uuml;ber 52 Zerst&ouml;rer und Kreuzer und drei Flugzeugtr&auml;ger &ndash; Deutschland hat keines dieser Waffensysteme. Es ist so, als &bdquo;drohe&ldquo; ein Dreij&auml;hriger einem Schwergewichtsboxer. Doch so absurd die ganze Sache ist, so &uuml;berzeugt wird sie vom <em>SPIEGEL<\/em> vorgetragen. Handelsrouten, Menschenrechte, blabla &ndash; Deutschlands Seestreitkr&auml;fte sollen sogar Taiwan und &bdquo;unsere Verb&uuml;ndeten im Westpazifik&ldquo;, also Australien und Neuseeland, gegen die b&ouml;sen Chinesen verteidigen. Auf die Idee, dass Deutschland mit solchen peinlichen Aktionen nur mehr und mehr in den amerikanischen R&uuml;ckzugskampf aus dem indopazifischen Raum hineingezogen wird und damit seine eigenen Interessen denen der USA opfert, kommt nat&uuml;rlich niemand. <\/p><p>Verst&ouml;rend ist zudem, mit welcher Begr&uuml;ndung diese Unterordnung unter amerikanische Hegemonialinteressen heruntergespielt wird. Um China nicht offen vors Schienbein zu treten &ndash; man wei&szlig; offenbar doch noch, wer im Welthandel Koch und wer Kellner ist &ndash;, werden die Machtprojektionsambitionen der USA von offizieller Seite zu einer Sicherung deutscher Handelsrouten umgedeutet. Wir erinnern uns. Im Mai 2010 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56209\">erz&auml;hlte der damalige Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler<\/a> in einem Interview mit dem Deutschlandfunk etwas davon, dass &bdquo;im Notfall auch milit&auml;rischer Einsatz notwendig [sei], um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege&ldquo;. <\/p><p>Die Aufregung war gro&szlig;. Der damalige SPD-Fraktionsf&uuml;hrer Thomas Oppermann verk&uuml;ndete, &bdquo;wir wollen keinen Wirtschaftskrieg&ldquo;. Gr&uuml;nen-Fraktionschef J&uuml;rgen Trittin sagte, &bdquo;wir brauchen weder Kanonenbootspolitik noch eine lose rhetorische Deckskanone an der Spitze des Staates&ldquo;, und befand, K&ouml;hlers &Auml;u&szlig;erungen st&uuml;nden nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes. Auch aus den Reihen der damaligen Regierungsparteien CDU und FDP gab es Kritik. Sogar sicherheitspolitischen Falken gingen diese &Auml;u&szlig;erungen zu weit. Michael Wolffsohn forderte K&ouml;hler auf, er solle sich &ouml;ffentlich korrigieren. Der Verfassungsrechtler Ulrich Preu&szlig; von der Berliner Hertie School of Governance res&uuml;mierte: &bdquo;Das ist eine durch das Grundgesetz schwerlich gedeckte Erweiterung der zul&auml;ssigen Gr&uuml;nde f&uuml;r einen Bundeswehreinsatz um wirtschaftliche Interessen. Da ist ein imperialer Zungenschlag erkennbar.&ldquo; K&ouml;hler nahm sich die Kritik zu Herzen und trat zur&uuml;ck. <\/p><p>Diese &Auml;u&szlig;erungen sind gerade einmal 14 Jahre alt! Und heute? Was damals noch ein Tabubruch war, ist heute nicht nur Normalit&auml;t, sondern wird sogar als diplomatische Ausrede f&uuml;r eine &ndash; vollkommen mit dem Grundgesetz inkompatible &ndash; Kriegspolitik im indopazifischen Raum gegen unseren wichtigsten Handelspartner China missbraucht. Braucht es noch einen Beleg daf&uuml;r, wie weit sich der Diskurs in den letzten Jahren verschoben hat? Germans to the front &hellip; wir spielen Imperialismus und schlafwandeln auf Kaiser Wilhelm Zwos Spuren. Wahnsinn. <\/p><p><small>Titelbild: Germans to the front! &ndash; Nach einem Gem&auml;lde von Carl R&ouml;chling 1855-1920<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/6c0a9c670a73414bacd69754497ff0d0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der <em>SPIEGEL<\/em> war gestern <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/warum-deutschland-im-indopazifik-zaehne-zeigt-zumindest-ein-bisschen-a-8d3df372-9114-4074-b263-5276fc46dcaf\">mal wieder ganz au&szlig;er sich<\/a>. In Wilhelmshaven stach ein deutscher Einsatzgruppenversorger in See. Zusammen mit einer deutschen Fregatte wird er die Welt umrunden und dabei auch &ndash; mit geh&ouml;rigem Abstand &ndash; China passieren. Deutschland zeige Z&auml;hne und sende eine Warnung an China aus, so der <em>SPIEGEL<\/em>. 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