{"id":114968,"date":"2024-05-09T14:00:25","date_gmt":"2024-05-09T12:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114968"},"modified":"2024-05-09T14:17:28","modified_gmt":"2024-05-09T12:17:28","slug":"vor-10-jahren-ukrainische-soldaten-beschiessen-demonstration-zum-9-mai-und-polizei-zentrale-in-mariupol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114968","title":{"rendered":"Vor zehn Jahren: Ukrainische Soldaten beschie\u00dfen Demonstration zum 9. Mai und Polizei-Zentrale in Mariupol"},"content":{"rendered":"<p>Der Angriff ukrainischer Soldaten, Nationalgardisten und Asow-Mitglieder auf eine Demonstration zum Tag des Sieges &uuml;ber Hitler-Deutschland am 9. Mai 2014 in Mariupol und die Beschie&szlig;ung der &ouml;rtlichen Polizeizentrale, wo sich meuternde Polizisten verbarrikadiert hatten, am gleichen Tag waren nach <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114630\">dem Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa<\/a> ein weiterer Z&uuml;ndfunken im ukrainischen B&uuml;rgerkrieg. In Mariupol starben am 9. Mai 2014 durch die Kugeln ukrainischer Sicherheitskr&auml;fte 26 Menschen. 35 Personen wurden verletzt. Aus Moskau berichtet <strong>Ulrich Heyden<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4714\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-114968-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=114968-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Gewalt in Mariupol war Folge des ukrainischen B&uuml;rgerkrieges, der nach dem Staatsstreich in Kiew am 22. Februar 2014 begann. Am 23. Februar wurde von der Werchowna Rada das Gesetz &uuml;ber die Regionalsprachen zur&uuml;ckgerufen. Nach dem Gesetz war die russische Sprache in den Regionen, in denen mehr als zehn Prozent der Einwohner russischer Abstammung waren, zweite offizielle Sprache. In die neue ukrainische Regierung wurden mehrere Minister der rechtsradikalen Partei Swoboda berufen. <\/p><p>Im vorwiegend russischsprachigen S&uuml;dosten der Ukraine kochten die Emotionen nach diesen Entscheidungen hoch. Am 6. April 2014 besetzten im Anschluss an gro&szlig;e Demonstrationen Anti-Maidan-Aktivisten die Gebietsverwaltungen der St&auml;dte Charkow, Lugansk und Donezk. <\/p><p>Am 12. April 2014 besuchte der CIA-Direktor John Brennan Kiew. Bei den Beratungen mit der ukrainischen Regierung wurde offenbar der Beschluss gefasst, eine Anti-Terror-Operation in der S&uuml;dost-Ukraine zu starten. Am Tag darauf gab der gesch&auml;ftsf&uuml;hrende ukrainische Pr&auml;sident, Aleksandr Turtschinow, den Beginn einer Anti-Terror-Operation im S&uuml;dosten der Ukraine bekannt. <\/p><p><strong>Den 9. Mai 2014 wird man in Mariupol nie vergessen<\/strong><\/p><p>In Mariupol hatte es schon seit Mitte April 2014 gewaltt&auml;tige Auseinandersetzungen zwischen Anh&auml;ngern der am 7. April ausgerufenen &bdquo;Volksrepublik Donezk&ldquo; und ukrainischen Sicherheitskr&auml;ften gegeben. Am 13. April besetzten Anh&auml;nger der Volksrepublik die Stadtverwaltung von Mariupol. Am 7. Mai eroberten ukrainische Sicherheitskr&auml;fte unter Einsatz von Tr&auml;nengas die besetzte Stadtverwaltung zur&uuml;ck und verhafteten die Besetzer. <\/p><p>Die Spannung in der Industriestadt Mariupol stieg von Tag zu Tag. In die Stadt waren ukrainische Milit&auml;reinheiten der 72. Brigade, Einheiten der Nationalgarde und des neu gegr&uuml;ndeten rechtsradikalen Freiwilligenbataillons Asow einger&uuml;ckt. <\/p><p>Mariupol geh&ouml;rte zum ukrainischen Verwaltungsgebiet Donezk. F&uuml;r den 11. Mai 2014 hatten die Aufst&auml;ndischen, die in Donezk und Lugansk bereits Regierungsgeb&auml;ude besetzt hatten, ein Referendum &uuml;ber die Unabh&auml;ngigkeit der Volksrepublik Donezk und Lugansk angesetzt. Diese Referenden versuchte die Regierung in Kiew durch den Einsatz von Milit&auml;r zu verhindern.<\/p><p>Als am 9. Mai im Zentrum von Mariupol eine Demonstration zum Tag des Sieges &uuml;ber Hitler-Deutschland stattfand, schossen ukrainische Soldaten und Sicherheitskr&auml;fte wahllos auf unbewaffnete Demonstranten und Passanten, s&auml;uberten die Gebietsverwaltung, sch&uuml;chterten die Anwohner der Stadt mit Gewehrsalven ein und jagten mit ihren Sch&uuml;tzenpanzern &uuml;ber von Anwohnern errichtete Barrikaden. Anwohner versuchten, mit nackten H&auml;nden ukrainische Sch&uuml;tzenpanzer aufzuhalten und Soldaten zum R&uuml;ckzug zu &uuml;berreden.<\/p><p>Bereits am Morgen des 9. Mai hatten ukrainische Soldaten die Polizei-Zentrale von Mariupol mit schweren Waffen beschossen. Ukrainisches Milit&auml;r brach mit gepanzerten Fahrzeugen Breschen in die Polizei-Zentrale. Das Geb&auml;ude geriet in Brand. Polizisten versuchten, sich mit einem Sprung aus dem Fenster zu retten. Das offizielle Kiew begr&uuml;ndete die Beschie&szlig;ung damit, dass <a href=\"http:\/\/www.gazeta.ru\/politics\/2014\/05\/09_a_6024521.shtml\">60 Separatisten die Polizei-Zentrale angegriffen h&auml;tten<\/a>. Der wahre Grund f&uuml;r den Angriff auf die Polizeizentrale war jedoch, dass die Polizisten sich geweigert hatten, auf die Teilnehmer der Demonstration zum Siegestag zu schie&szlig;en. <\/p><p>Ausl&ouml;ser f&uuml;r die Beschie&szlig;ung der Polizeizentrale von Mariupol war der Hilferuf des st&auml;dtischen Polizei-Chefs Waleri Andrustschik gewesen. Dieser war erst am 1. Mai 2014 von der Regierung in Kiew als neuer Polizei-Chef eingesetzt worden. Als er seinen Untergebenen befahl, auf &bdquo;Provokateure&ldquo;, die angeblich in gro&szlig;er Zahl an der Parade zum Siegestag teilnehmen, ohne Vorwarnung zu schie&szlig;en, wollten seine Untergebenen den Befehl nicht ausf&uuml;hren. Um sich Respekt zu verschaffen, soll der Polizei-Chef dann angeblich einen seiner Untergebenen mit einem Schuss aus der Dienstwaffe verletzt und sich danach in seinem Dienstzimmer verbarrikadiert haben. Von dort rief er die ukrainischen Milit&auml;rs um Hilfe. Die r&uuml;ckten mit Sch&uuml;tzenpanzern sowie Angeh&ouml;rigen der Nationalgarde und Mitgliedern paramilit&auml;rischer Gruppen an und begannen, das Geb&auml;ude <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WExEvZYR6yU\">zu beschie&szlig;en<\/a>. <\/p><p>Die Anwohner von Mariupol waren emp&ouml;rt. Sie riefen &bdquo;fasst unsere Polizei nicht an!&ldquo;, &bdquo;verschwindet aus unserer Stadt&ldquo;, &bdquo;Faschisten&ldquo;. <\/p><p><strong>Das Referendum fand trotzdem statt<\/strong><\/p><p>Trotz der tragischen Ereignisse in Mariupol fanden in den von Separatisten kontrollierten Gebieten der Verwaltungseinheiten Donezk und Lugansk Referenden &uuml;ber die Unabh&auml;ngigkeit statt. Auf den Abstimmungszetteln stand in russischer und ukrainischer Sprache eine einzige Frage: &bdquo;Unterst&uuml;tzen sie den Akt der staatlichen Unabh&auml;ngigkeit der Volksrepublik Donezk?&ldquo; <\/p><p>Die Beteiligung an den Referenden lag nach Angaben der Zentralen Wahlkommission im Gebiet Donezk bei 71 Prozent und im Gebiet Lugansk, wo ebenfalls abgestimmt wurde, bei 80 Prozent. Im Gebiet Donezk stimmten 89 Prozent, im Gebiet Lugansk 96 Prozent f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit. <\/p><p><strong>Privatarmee des Oligarchen Kolomoiski schoss in die Menge<\/strong><\/p><p>Nicht &uuml;berall verlief das Referendum friedlich. In der Stadt Krasnoarmejsk im Gebiet Donezk blockierten Mitglieder einer bewaffneten Einheit aus Dnjepopetrowsk das in der Gebietsverwaltung untergebrachte Wahllokal. Weil die bewaffneten M&auml;nner mit gepanzerten Autos der &bdquo;Privatbank&ldquo; gekommen waren, gingen Beobachter davon aus, dass es sich um Mitglieder der Sicherheitstruppe von Privatbank-Besitzer Igor Kolomoiski handelte. <\/p><p>Als die unbewaffneten B&uuml;rger der Stadt den Mitgliedern der Spezialeinheit aus Protest gegen die Blockade des Wahllokals den Weg versperrten, schossen die Mitglieder der Spezialeinheit &ndash; offenbar in Panik &ndash; in die Menge. Wie der Korrespondent des westlich orientierten Radios <em>Echo Moskwy<\/em> per Twitter berichtete, wurde ein unbewaffneter B&uuml;rger get&ouml;tet, mehrere Menschen wurden verletzt. <\/p><p><strong>Oligarch Achmetow forderte Einstellung der Milit&auml;roperationen <\/strong><\/p><p>Der damals reichste Mann der Ukraine, der Oligarch Rinat Achmetow, dem im Donbass zahlreiche gro&szlig;e Betriebe geh&ouml;rten, unter anderem auch die Stahlh&uuml;tte in Mariupol mit 30.000 Mitarbeitern, rief die Regierung in Kiew Anfang Mai 2014 dazu auf, die Kiewer Milit&auml;roperation im S&uuml;dosten der Ukraine abzubrechen. Der <a href=\"http:\/\/www.metinvestholding.com\/ru\/press\/news\/show\/2903\">Oligarch argumentierte<\/a>, &bdquo;weitere Milit&auml;roperationen auf dem Territorium des Donbass f&uuml;hren nur dazu, dass die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung das Vertrauen und die Achtung vor der Macht verliert&ldquo;. <\/p><p>Oligarch Achmetow geh&ouml;rte zu den F&ouml;rderern des gest&uuml;rzten ukrainischen Pr&auml;sidenten Viktor Janukowitsch, wechselte aber sp&auml;ter ins Lager der Kiewer Staatsstreich-Regierung.<\/p><p>Bis zum Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine versuchte Kiew, die Stadt Mariupol zur &bdquo;Hauptstadt&ldquo; des Gebiets Donezk auszubauen. In der Stadt wurden zahlreiche Milit&auml;reinheiten mit schwerer Bewaffnung stationiert. <\/p><p>Als die russische Armee Mariupol Ende Februar 2022 angriff, verbarrikadierten sich ukrainische Milit&auml;reinheiten und Asow-Mitglieder &ndash; nach russischen Angaben &ndash; vorwiegend in Krankenh&auml;usern, Schulen und Wohnh&auml;usern. Das war offenbar einer der Gr&uuml;nde, warum ein gro&szlig;er Teil der Stadt bei den K&auml;mpfen Anfang 2022 zerst&ouml;rt wurde. <\/p><p>In den letzten zwei Jahren wurde zahlreiche Geb&auml;ude wieder instand gesetzt. Mariupol tr&auml;gt noch die Zeichen des Krieges. In der Stadt ist es aber nach Berichten von Augenzeugen ruhiger als in Donezk und Lugansk.<\/p><p><em>Von Ulrich Heyden erschien 2022 &bdquo;Der l&auml;ngste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass&ldquo;, tredition, Hamburg<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Sebastian_Photography \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/22290b437af74ab8a783bfd4b6f340c5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Angriff ukrainischer Soldaten, Nationalgardisten und Asow-Mitglieder auf eine Demonstration zum Tag des Sieges &uuml;ber Hitler-Deutschland am 9. Mai 2014 in Mariupol und die Beschie&szlig;ung der &ouml;rtlichen Polizeizentrale, wo sich meuternde Polizisten verbarrikadiert hatten, am gleichen Tag waren nach <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114630\">dem Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa<\/a> ein weiterer Z&uuml;ndfunken im ukrainischen B&uuml;rgerkrieg. 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