{"id":115189,"date":"2024-05-14T09:00:58","date_gmt":"2024-05-14T07:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115189"},"modified":"2024-05-14T09:37:02","modified_gmt":"2024-05-14T07:37:02","slug":"blinde-eskalation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115189","title":{"rendered":"Blinde Eskalation"},"content":{"rendered":"<p>Ein weiterer Eskalationsschritt hin in Richtung eines m&ouml;glichen gro&szlig;en Krieges fand in den letzten Tagen statt: Der russische Pr&auml;sident gab den Befehl, im Milit&auml;rbezirk S&uuml;d, nahe der Ukraine, taktische Atomwaffen&uuml;bungen zu starten. Diese Ma&szlig;nahme soll ein starkes Abschreckungssignal an den Westen senden, sich nicht noch tiefer im russisch-ukrainischen Krieg zu &bdquo;engagieren&ldquo;. Vorausgegangen waren drei wohl bewusst provokant formulierte Erkl&auml;rungen aus Polen, Frankreich und Gro&szlig;britannien zur Stationierung von US-Atomwaffen in unmittelbarer N&auml;he zur russischen Grenze, die Freigabe des Einsatzes britischer Lenkwaffen gegen Ziele in Russland sowie zur m&ouml;glichen Verlegung von franz&ouml;sischen Truppen in die Ukraine. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nPolens Pr&auml;sident Duda formulierte das Interesse, US-Atomwaffen in Polen zu stationieren. Mit dieser Ma&szlig;nahme w&uuml;rde die Vorwarnzeit f&uuml;r Moskau bei einem m&ouml;glichen nuklearen Erstschlag der USA\/NATO nochmals erheblich verk&uuml;rzt. Die russische Regierung reagierte prompt, indem sie erkl&auml;rte, eine Stationierung von US-Atomwaffen in Polen w&uuml;rde die entsprechenden polnischen Einrichtungen zu einem direkten legitimen Ziel eines russischen Angriffs machen. Der stellvertretende russische Au&szlig;enminister Rjabkov sprach sogar davon, einen Schlag gegen diese Einrichtungen vorzunehmen, sobald die Atomwaffen in Polen auftauchten.<\/p><p>Gro&szlig;britanniens Au&szlig;enminister Cameron erkl&auml;rte im Rahmen seines Besuchs in Kiew, die Ukraine m&uuml;sse selbst dar&uuml;ber entscheiden, wie und gegen welche Ziele &ndash; auch m&ouml;glicherweise in Russland selbst &ndash; sie die auch von Gro&szlig;britannien gelieferten Waffen im Abwehrkampf gegen Russland einsetze. W&ouml;rtlich:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Das ist eine Entscheidung f&uuml;r die Ukraine, und die Ukraine hat dieses Recht.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das mag unter v&ouml;lkerrechtlichem Aspekt sogar stimmen, ob es aber sicherheitspolitisch klug ist, ist zu bezweifeln. Russland reagierte auch hier zun&auml;chst auf diplomatischer Ebene und berief am 6. Mai den britischen (am selben Tag auch den franz&ouml;sischen) Botschafter in das russische Au&szlig;enministerium ein. Dem britischen Botschafter wurde dargelegt, im Falle des Einsatzes britischer Waffensysteme seitens der Ukraine gegen russisches Staatsgebiet k&ouml;nnte dies zu russischen Vergeltungsschl&auml;gen gegen britische Milit&auml;reinrichtungen in und jenseits der Ukraine f&uuml;hren. Mit Verweis auf die Erkl&auml;rungen der britischen Regierung sah sich die italienische Regierung offensichtlich gen&ouml;tigt zu erkl&auml;ren, man liefere lediglich Waffen zur Verteidigung der Ukraine, jedoch nicht zu Angriffen auf russisches Gebiet.<\/p><p>Und Frankreichs Pr&auml;sident Macron schwadronierte erneut von einer m&ouml;glichen Verlegung franz&ouml;sischer Truppen in die Ukraine. Die Zeitung <em>Asia Times<\/em> berichtete am 4. Mai unter dem Titel &bdquo;France sends troops to Ukraine&ldquo; &uuml;ber eine franz&ouml;sische Truppenverlegung und beruft sich auf russische Quellen. Inwieweit dies nun zutrifft oder nicht, ist im Dschungel der jeweiligen Kriegspropaganda nicht zu kl&auml;ren. Jedenfalls beeilte sich das franz&ouml;sische Au&szlig;enministerium, am 6. Mai via <em>X<\/em> zu erkl&auml;ren:<\/p><blockquote><p>&bdquo;NEIN, Frankreich hat keine Truppen in die Ukraine geschickt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"fr\" dir=\"ltr\">Alerte INFOX&#128680;<\/p>\n<p>Les campagnes de d&eacute;sinformation sur le soutien de la France &agrave; l&rsquo;Ukraine ne faiblissent pas, la preuve &#128270;<\/p>\n<p>NON, la France n'a pas envoy&eacute; de troupes en <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Ukraine?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Ukraine<\/a>. <a href=\"https:\/\/t.co\/IYAxLXxzMJ\">pic.twitter.com\/IYAxLXxzMJ<\/a><\/p>\n<p>&mdash; France Diplomatie&#127467;&#127479;&#127466;&#127482; (@francediplo) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/francediplo\/status\/1787472799868571993?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 6, 2024<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p> <\/p><p>Ob die angesetzten Nuklear&uuml;bungen Russlands zu dem raschen franz&ouml;sischen Dementi gef&uuml;hrt haben, um eine m&ouml;gliche Eskalation aufgrund m&ouml;glicher Missverst&auml;ndnisse zu verhindern, sei dahingestellt.<\/p><p>Auch wenn die USA sich wiederholt und sehr deutlich gegen eine Entsendung von US-Bodentruppen in die Ukraine aussprechen, so hat der US-amerikanische Verteidigungsminister Austin sich dahingehend ge&auml;u&szlig;ert, eine ukrainische Niederlage f&uuml;hre zu einem direkten Konflikt mit der NATO, womit der Fall eintr&auml;te, der w&auml;hrend des Kalten Krieges nie eintrat &ndash; der dritte Weltkrieg. Wenn Russlands m&ouml;glicher Sieg als eine Niederlage und somit ein Machtverlust der NATO jenseits des NATO-Territoriums betrachtet wird, die durch den Einsatz von westlichen Bodentruppen verhindert werden m&uuml;sse, dann sagt das mehr &uuml;ber das inoffizielle Selbstverst&auml;ndnis der NATO als &bdquo;Verteidigungsb&uuml;ndnis&ldquo; aus, als ihren Protagonisten recht sein d&uuml;rfte.<\/p><p>All diese Ereignisse verweisen auf einen sich immer schneller drehenden Abw&auml;rtsstrudel hin zu einem m&ouml;glichen gro&szlig;en europ&auml;ischen respektive Weltkrieg hin, wenn nicht alsbald auf allen Seiten die Handbremsen gezogen werden.<\/p><p><strong>Ukrainekrieg &ndash; die zwei Dimensionen<\/strong><\/p><p>Angesichts der wachsenden Konfliktdynamik zwischen dem Westen und Russland d&uuml;rfte kaum noch jemand &ndash; mit Ausnahme von ein paar sich als Journalisten bezeichnenden Politaktivisten und selbsternannten &bdquo;Faktencheckern&ldquo; &ndash; ernsthaft bestreiten, dass der Krieg in der Ukraine zwei miteinander verwobene Konfliktdimensionen aufweist: Erstens der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und zweitens der Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland auf dem Boden des ukrainischen Staates. Die zweite Dimension, der Stellvertreterkrieg, ist zwar nicht so offensichtlich wie die erste Dimension, der direkte Krieg zwischen Russland und der Ukraine, aber sie ist miturs&auml;chlich und mitkriegsbestimmend f&uuml;r die erste Dimension. Und sie ist von besonderer Gef&auml;hrlichkeit aufgrund der m&ouml;glichen r&auml;umlichen Entgrenzung des Krieges auf ganz Europa sowie der qualitativen Entgrenzung, mithin der realen Gefahr eines Atomkrieges.<\/p><p><strong>Bodentruppen?<\/strong><\/p><p>Wenn westliche Experten die Aussage Macrons hinsichtlich der Verlegung franz&ouml;sischer Truppen in die Ukraine damit unterst&uuml;tzen, in einem Konflikt m&uuml;sse die Gegenseite &uuml;ber die eigenen Absichten im Dunkeln belassen werden, um den Gegner zu verunsichern, so mag das vor dem Nuklearzeitalter eine vertretbare Taktik gewesen sein. Im Nuklearzeitalter ist die Anwendung dieser Taktik &ndash; vor allem, wenn sie sich gegen die gr&ouml;&szlig;te Nuklearmacht der Welt, mithin Russland, wendet &ndash; mindestens verantwortungslos. Der Milit&auml;rphilosoph C. von Clausewitz w&auml;re entsetzt ob der Schlichtheit dieses Denkens. Mit diesem Verst&auml;ndnis wird das Politische als Bestimmungsort des Milit&auml;rischen ad acta gelegt. Das Milit&auml;rische &uuml;bernimmt die F&uuml;hrung. Der direkte und somit nahezu unvermeidliche totale Krieg wird zur Fortsetzung des bis dahin politisch gef&uuml;hrten (Stellvertreter-)Krieges mit anderen &ndash; wom&ouml;glich nuklearen &ndash; Mitteln.<\/p><p>Hinzu kommt der nicht zu untersch&auml;tzende Aspekt des ber&uuml;hmten Gesichts- und Autorit&auml;tsverlustes desjenigen, der lauthals entschiedene Ma&szlig;nahmen verk&uuml;ndet, sie jedoch dann nicht umsetzt. Die &Auml;u&szlig;erungen Macrons zu m&ouml;glichen Truppenverlegungen in die Ukraine, um einen russischen Durchmarsch zu verhindern, stehen nun im Kommunikationsraum. Sollte die ukrainische Front zusammenbrechen und Macron entsendet keine Truppen, so verl&ouml;re er auf internationaler B&uuml;hne sein Gesicht: Als Tiger gesprungen und als Bettvorleger vor der internationalen Gemeinschaft gelandet.<\/p><p>Dieser politischen Selbstentbl&ouml;&szlig;ung kann er nur dann entkommen, wenn er entweder einen genialen Spin erfolgreich verbreitet, der seine milit&auml;rische Zur&uuml;ckhaltung nachvollziehbar erkl&auml;ren kann, oder er muss Truppen entsenden &ndash; mit der damit sehr wahrscheinlichen Perspektive einer direkten milit&auml;rischen Auseinandersetzung mit Russland auf zun&auml;chst ukrainischem Staatsgebiet. Und bliebe diese milit&auml;rische Auseinandersetzung tats&auml;chlich auf ukrainisches Territorium begrenzt? Was passiert, wenn die franz&ouml;sischen Streitkr&auml;fte ebenfalls niedergeschlagen werden, massenhaft franz&ouml;sische Soldaten in S&auml;rgen nach Frankreich zur&uuml;ckkehren, oder eben auch russische? Die Bilder und damit einhergehenden Emotionen in Frankreich und Russland w&auml;ren verheerend.<\/p><p>Das Ergreifen weiterer gesichtswahrender Ma&szlig;nahmen w&auml;re nahezu alternativlos f&uuml;r die gedem&uuml;tigte Seite. Mit anderen Worten, die Eskalationsskala w&uuml;rde weiter nach oben beschritten werden. Und w&uuml;rden angesichts dieser Bilder und vor dem Hintergrund der viel beschworenen Solidarit&auml;t in der EU und der NATO Berlin, Warschau, London und auch Washington etc. Paris die Solidarit&auml;t tats&auml;chlich entsagen oder w&uuml;rden sie sich nicht vielmehr gezwungen sehen, Frankreichs Truppen mit eigenen Kr&auml;ften zu unterst&uuml;tzen? Dieses Negativszenario macht deutlich, wie man sich durch hasardeurhafte politische &Auml;u&szlig;erungen in einen Krieg hineinreden kann, aber nicht mehr gesichtswahrend herauskommt. Man beschreitet schneller einen Krieg, als man diesen wieder zu beenden vermag: Das 20-j&auml;hrige Afghanistan-Abenteuer der NATO beweist dies sehr eindrucksvoll. Und bei diesem Krieg spielte die Gefahr eines Nuklearkrieges keine Rolle. Und der geplante Kurzkrieg Russlands gegen die Ukraine dauert nun bereits mehr als zwei Jahre, mit Hunderttausenden Toten.<\/p><p><strong>Ukraine ist nicht NATO<\/strong><\/p><p>Nein, ein m&ouml;glicher Sieg Russlands &uuml;ber die Ukraine ist kein Angriff auf die NATO!<\/p><p>Es gilt zu bedenken: Eine Niederlage der Ukraine w&auml;re f&uuml;r das Land eine Katastrophe. Aber eine Niederlage der Ukraine w&auml;re bei rationaler Betrachtung keine Niederlage des Westens dergestalt, dass die westliche Staatlichkeit und das liberale Staatsverst&auml;ndnis im Westen f&uuml;r den Westen beeintr&auml;chtigt w&uuml;rden.<\/p><p>Das, was der Westen tats&auml;chlich mit einer m&ouml;glichen ukrainischen Niederlage verl&ouml;re, w&auml;re die ohnehin zu Neige gehende globale Hegemonie. Ist der Verlust der westzentrierten Globalordnung einen Weltkrieg wert? Nach diesem totalen Krieg g&auml;be es keine Ordnung mehr, die es zu verteidigen gelte. Diese Frage sollten sich all jene stellen, die leichtfertig der blinden Eskalation das Wort reden.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Bordovski Yauheni<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107072\">Deutschland: Vom Primat der Innenpolitik zum Primat der Au&szlig;enpolitik zum Primat des Milit&auml;rischen?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106000\">Die Welt wandelt sich &ndash; und der Westen schlafwandelt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101565\">Krieg und V&ouml;lkerrecht<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/5c808bd4371d4a8581c3727ee5ebbff6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiterer Eskalationsschritt hin in Richtung eines m&ouml;glichen gro&szlig;en Krieges fand in den letzten Tagen statt: Der russische Pr&auml;sident gab den Befehl, im Milit&auml;rbezirk S&uuml;d, nahe der Ukraine, taktische Atomwaffen&uuml;bungen zu starten. 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