{"id":1152,"date":"2006-04-25T14:37:45","date_gmt":"2006-04-25T12:37:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1152"},"modified":"2016-02-11T12:13:16","modified_gmt":"2016-02-11T11:13:16","slug":"denkfehler-36-der-staat-ist-zu-fett-geworden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1152","title":{"rendered":"Denkfehler 36: &#8220;Der Staat ist zu fett geworden.&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Auszug aus Albrecht M&uuml;ller, &bdquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Variationen zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li>&raquo;Die Staatsquote ist zu hoch.&laquo;<\/li>\n<li>&raquo;Wir wollen einen schlanken Staat.&laquo;<\/li>\n<li>&raquo;Weniger Staat &ndash; mehr Wachstum.&laquo;<\/li>\n<\/ul><p>Es ist heute &uuml;blich geworden, die au&szlig;erordentliche H&ouml;he der Staatsquote zu beklagen, also jenen Teil des geschaffenen Volkseinkommens, der vom Staat f&uuml;r seine Zwecke beansprucht wird. Bei uns steigt die Stimmung gegen den Staat. Sie w&auml;chst in &shy;Kreisen, die man, wie das konservative B&uuml;rgertum, fr&uuml;her einmal zu den St&uuml;tzen des Staates z&auml;hlte. Viele von ihnen wechseln mit wehenden Fahnen &ndash; und manche mit der Staatspension im R&uuml;cken &ndash; zu den Staatsfeinden &uuml;ber. Im Gep&auml;ck haben sie vor allem Denkfehler, Vorurteile und Fehlinformationen. Schon im ersten Satz dieses Kapitels stecken eine Reihe von solchen Irrt&uuml;mern und Vorurteilen. &raquo;Au&szlig;erordentliche H&ouml;he&laquo;? &raquo;F&uuml;r seine Zwecke&laquo; beansprucht?<\/p><p><strong>Die H&ouml;he der Staatsquote im internationalen Vergleich<\/strong><\/p><p>Mit einer Staatsquote von 49,4 Prozent im Jahr 2003 liegt Deutschland trotz der hohen Vereinigungskosten nicht an der Spitze der vergleichbaren L&auml;nder, sondern leicht &uuml;ber dem Niveau des Durchschnitts der Europ&auml;ischen Union mit 48,4 Prozent (siehe Tabelle 28). Weit &uuml;ber der Staatsquote Deutschlands liegen Schweden mit 59,0 Prozent, D&auml;nemark mit 56,6 Prozent, Frankreich mit 54,4 Prozent und &Ouml;sterreich mit 51,6 Prozent.<br>\n&raquo;Eine Staatsquote &uuml;ber 50 Prozent ist wachstums- und besch&auml;ftigungsfeindlich.&laquo; Prof. Wolfgang Wiegard, Vorsitzender des Sachverst&auml;ndigenrats<\/p><p><em>Tabelle 28: Entwicklung der Staatsquote in verschiedenen L&auml;ndern (&shy;Gesamtausgaben der &ouml;ffentlichen K&ouml;rperschaften und der Sozial&shy;versicherungen in Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts)<\/em><\/p><table>\n<tr>\n<th>&nbsp;<\/th>\n<th>1985<\/th>\n<th>1990<\/th>\n<th>1995<\/th>\n<th>2000<\/th>\n<th>2001<\/th>\n<th>2002<\/th>\n<th>2003<\/th>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>&Ouml;sterreich<\/td>\n<td>54,7<\/td>\n<td>53,1<\/td>\n<td>57,3<\/td>\n<td>52,4<\/td>\n<td>51,8<\/td>\n<td>51,3<\/td>\n<td>51,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>D&auml;nemark<\/td>\n<td>57,3<\/td>\n<td>57,0<\/td>\n<td>60,3<\/td>\n<td>54,7<\/td>\n<td>55,3<\/td>\n<td>55,5<\/td>\n<td>56,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Frankreich<\/td>\n<td>53,3<\/td>\n<td>50,7<\/td>\n<td>55,2<\/td>\n<td>52,5<\/td>\n<td>52,5<\/td>\n<td>53,4<\/td>\n<td>54,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Deutschland<\/td>\n<td>46,3<\/td>\n<td>44,5<\/td>\n<td>49,4<\/td>\n<td>45,7<\/td>\n<td>48,3<\/td>\n<td>48,5<\/td>\n<td>49,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Italien<\/td>\n<td>50,9<\/td>\n<td>54,3<\/td>\n<td>53,4<\/td>\n<td>46,8<\/td>\n<td>48,5<\/td>\n<td>47,7<\/td>\n<td>48,5<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Niederlande<\/td>\n<td>57,3<\/td>\n<td>54,8<\/td>\n<td>51,4<\/td>\n<td>45,3<\/td>\n<td>46,6<\/td>\n<td>47,5<\/td>\n<td>48,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Spanien<\/td>\n<td>43,1<\/td>\n<td>43,4<\/td>\n<td>45,0<\/td>\n<td>39,8<\/td>\n<td>39,4<\/td>\n<td>39,7<\/td>\n<td>39,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Schweden<\/td>\n<td>63,7<\/td>\n<td>59,4<\/td>\n<td>67,6<\/td>\n<td>57,4<\/td>\n<td>57,1<\/td>\n<td>58,4<\/td>\n<td>59,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Gro&szlig;britannien<\/td>\n<td>45,9<\/td>\n<td>42,2<\/td>\n<td>44,6<\/td>\n<td>37,0<\/td>\n<td>40,3<\/td>\n<td>40,8<\/td>\n<td>42,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>USA<\/td>\n<td>36,5<\/td>\n<td>36,5<\/td>\n<td>36,4<\/td>\n<td>33,6<\/td>\n<td>34,7<\/td>\n<td>35,5<\/td>\n<td>35,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>EU-15<\/td>\n<td>49,6<\/td>\n<td>48,3<\/td>\n<td>50,9<\/td>\n<td>45,9<\/td>\n<td>47,3<\/td>\n<td>47,5<\/td>\n<td>48,4<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p class=\"reference\">Quelle: OECD (Hrsg.): Economic Outlook 2003, Paris 2003, S. 220. F&uuml;r die Werte ab 2000: OECD (Hrsg.): Main Economic Indicators, Paris, Mai 2004, Annex Table 26. <\/p><p>Schweden, D&auml;nemark und &Ouml;sterreich sind L&auml;nder, von denen bei uns behauptet wird, sie seien mit der Globalisierung und den weltweiten Konjunktureinbr&uuml;chen ganz gut und sogar, wie Schweden, vorbildlich fertig geworden. Eine hohe Staatsquote ist daf&uuml;r offenbar kein Hindernis.<br>\nWer die H&ouml;he der deutschen Staatsquote richtig bewerten will, muss auch hier die Rolle der schw&auml;chelnden Konjunktur mit einbeziehen: Wenn die Kapazit&auml;ten der Volkswirtschaft nicht ausgelastet sind, das Wachstum stagniert und die Arbeitslosigkeit hoch ist, dann m&uuml;ssen die Zusch&uuml;sse des Staates f&uuml;r die sozialen Sicherungssysteme steigen, das hei&szlig;t, die Staatsquote erh&ouml;ht sich. Das Jahr 1996 macht dies besonders deutlich. Damals &uuml;berschritt die Staatsquote erstmals die 50-Prozent-Marke (50,3 Prozent). Die Kapazit&auml;tsauslastung war damals besonders niedrig und die Konjunktur schwach.<\/p><p><strong>Zum &raquo;Zwecke des Staates&laquo;?<\/strong><\/p><p>Ist es richtig zu sagen, ein gro&szlig;er Teil des gemeinsam geschaffenen Sozialprodukts werde vom Staat &raquo;f&uuml;r seine Zwecke&laquo; beansprucht? Das ist ein dicker Irrtum, denke ich. Sind es wirklich Ausgaben zum &raquo;Zwecke des Staates&laquo;,<\/p><ul>\n<li>wenn die Bundesl&auml;nder und Kommunen Schulen, Hochschulen, Kinderg&auml;rten, Weiterbildungseinrichtungen betreiben und das n&ouml;tige Personal bezahlen?<\/li>\n<li>wenn der Bund Nachrichtendienste betreibt, den Bundesgrenzschutz unterh&auml;lt, das Bundeskriminalamt ausbaut, weil nach Meinung der Fachleute die Gefahr durch internationale Mafia- und Terrororganisationen dies notwendig macht?<\/li>\n<li>wenn die Kinder eines Kindergartens von der &ouml;rtlichen Polizei Verkehrsunterricht erhalten?<\/li>\n<li>wenn das Ordnungsamt meiner Verbandsgemeinde die Schankanlagen der Gastst&auml;tten kontrolliert &ndash; in diesem Fall muss ich &shy;sagen: kontrolliert hat, denn diese Aufgabe ist inzwischen an Private &uuml;bertragen worden, die dies zu einem um vieles h&ouml;heren Preis erledigen?\n<p>Nur wenn der Staat weniger ausgebe, &raquo;er&ouml;ffnen sich neue Aktionsfelder f&uuml;r private Unternehmen&laquo;. Rolf Peffekoven, Direktor des Instituts f&uuml;r Finanzwissenschaften der Universit&auml;t Mainz laut Handelsblatt, 23.7.2002<\/p><\/li>\n<li>wenn Gemeinden die Betreuungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Kleinkinder erweitern, damit mehr M&uuml;tter und\/oder V&auml;ter Arbeit und Familie unter einen Hut bringen k&ouml;nnen?<\/li>\n<li>wenn sich Jugend&auml;mter um den zunehmenden Alkoholismus von Zehn- bis Sechzehnj&auml;hrigen k&uuml;mmern?<\/li>\n<li>wenn &ouml;ffentliche Stellen die Vermittlung von Arbeitspl&auml;tzen zu organisieren helfen?<\/li>\n<li>wenn der Bund, die Gemeinden und die L&auml;nder gemeinsam versuchen sollten, mehr f&uuml;r die Deutschkenntnisse der Aussiedler zu tun? Sie wurden von der Regierung Kohl ins Land geholt, und jetzt kann man sie nicht im Stich lassen. Sie zu f&ouml;rdern ist auch in unserem Interesse und erh&ouml;ht die Staatsquote.<\/li>\n<li>wenn Bundesregierung und Parlamente 1994 und dann mit &shy;einer zweiten Stufe 1997 eine Pflegeversicherung einf&uuml;hren, weil zu viele alte Menschen in die Sozialhilfe abgeglitten sind, wenn sie pflegebed&uuml;rftig wurden?<\/li>\n<li>wenn der Staat Neubaustrecken der Deutschen Bahn AG finanziert und Gelder f&uuml;r &ouml;ffentliche Nahverkehrssysteme an die L&auml;nder gibt? In meinem Bundesland, Rheinland-Pfalz, ist &shy;damit ein vern&uuml;nftiges System des &ouml;ffentlichen Nahverkehrs geschaffen worden, das viele Menschen nutzen.<\/li>\n<li>wenn der Staat f&uuml;r den Strafvollzug sorgt und deshalb Gef&auml;ngnisse unterh&auml;lt?<\/li>\n<li>wenn der Staat eine Zivilgerichtsbarkeit betreibt und damit &shy;daf&uuml;r sorgt, dass man im Konfliktfall sein Recht vor Gericht &shy;erstreiten kann?<\/li>\n<li>wenn der Staat Forschung und Innovation f&ouml;rdert, weil der Markt versagt, wenn es um langfristige Grundlagenforschung geht, die von einzelnen Unternehmen ohne staatliche Anst&ouml;&szlig;e gar nicht oder nur mit hohem Risiko geleistet werden kann?<\/li>\n<li>wenn der Bund f&uuml;r Leittechniken wie die Nanotechnik j&auml;hrlich 200 Millionen Euro zur Verf&uuml;gung stellt?<\/li>\n<li>wenn der Bund mit besonderen Stipendien Hochbegabte f&ouml;rdert?<\/li>\n<li>wenn die Gemeinden Bebauungspl&auml;ne erarbeiten und Reisep&auml;sse ausgeben?<\/li>\n<\/ul><p>An diesen Beispielen sieht man, dass die Eingangsformulierung &raquo;vom Staat f&uuml;r seine Zwecke&laquo; ziemlich unsinnig ist. Die meisten Leistungen, die Bund, L&auml;nder, Gemeinden und andere &ouml;ffentliche Einrichtungen erbringen, brauchen wir genauso wie Brot, Gem&uuml;se, Bier, das Auto, Computer oder Kleider. Jedenfalls steckt hinter der Staatsquote kein Klumpen Geld, der irgendwo im Nichts versenkt wird. Genau diese Vorstellung wird aber von vielen &shy;gen&auml;hrt, die heute ihre Stimme gegen die Staatsquote erheben.<br>\nEs gab einmal vor drei&szlig;ig bis vierzig Jahren in Frankreich &shy;einen Herrn Pierre Poujade und in D&auml;nemark einen Herrn Mogens Glistrup. Beide polemisierten in demagogischer und populistischer Weise gegen Staat, B&uuml;rokratie und &ouml;ffentliche Leistungen, beide waren die Begr&uuml;nder beziehungsweise Wegbereiter rechtsextremer Parteien. Die Texte von Arnulf Baring und Oswald Metzger, von Hans-Olaf Henkel, Meinhard Miegel und vielen anderen erinnern an die &Auml;u&szlig;erungen dieser beiden. Damals hat die demokratische Welt diese Demagogen gemieden. Heute werden ihre Nachahmer hofiert.<br>\nDie Ver&auml;nderung des Zeitgeists &ndash; korrekter m&uuml;sste ich sagen: die mit Propaganda gesteuerte Ver&auml;nderung des Zeitgeists &ndash; zeigt sich symbolhaft in der Ver&auml;nderung bei der SPD. Sie hat fr&uuml;her einmal Flugbl&auml;tter verteilt, auf denen zu lesen stand: &raquo;Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten.&laquo; Und sie hat ihre Programmatik und praktische Politik einigerma&szlig;en an dieser Erkenntnis orientiert. Aber das ist lange her. Heute, wie etwa im Wahlkampf 2002, wird der gleiche Slogan zwar noch benutzt, aber die praktische Politik, beispielsweise in Form der Agenda 2010, ist meilenweit davon entfernt.<\/p><p><strong>Teurer schlanker Staat<\/strong><\/p><p>Welch hohen Grad an Demagogie die Kampagne f&uuml;r den &raquo;schlanken&laquo; Staat und gegen den &raquo;fetten&laquo; Staat enth&auml;lt, wird klar, wenn man sich Leistungen anschaut, die sowohl staatlich als auch privat bereitgestellt werden k&ouml;nnen:<\/p><ul>\n<li>Wenn der Staat die Kontrolle von Schankanlagen der Verbandsgemeinde zuordnet, dann geht dies in die Staatsquote ein und erh&ouml;ht sie tendenziell. Wenn aber die Verbandsgemeinde die Kontrolle privatisiert und Au&szlig;enstehende damit beauftragt, dann senkt dies die Staatsquote. Gleichwohl kostet die Kontrolle im konkreten Fall etwa dreimal soviel, und die betroffenen Gastwirte werden versuchen, diese Kosten an die G&auml;ste weiterzugeben. Von einer niedrigeren Staatsquote hat der B&uuml;rger also &uuml;berhaupt nichts.<\/li>\n<li>Wenn wir die Vorsorge f&uuml;r das Alter und jene f&uuml;r den Fall, dass wir krank oder arbeitslos werden, &uuml;ber eine solidarische, vom Staat organisierte Versicherung betreiben, dann schl&auml;gt sich das in der Staatsquote nieder. Wenn es gar keine sozialen &shy;Sicherungssysteme g&auml;be, wenn jeder sich selbst versichern m&uuml;sste, k&ouml;nnte die Staatsquote sinken, weil die heutigen Beitr&auml;ge und die Zahlungen in die Staatsquote hineingerechnet werden. Aber w&auml;ren wir damit besser dran? (Siehe dazu auch Denkfehler Nr. 32, S. 313.)<\/li>\n<\/ul><p>Bei einer Staatsquote von knapp 50 Prozent beansprucht der Staat rund 20 Prozentpunkte f&uuml;r Staatsverbrauch und &ouml;ffent&shy;liche Investitionen. 30 Prozentpunkte sind nur durchlaufende Posten &ndash; das kann sich jede\/r am Beispiel Kindergeld gut klarmachen. Das wird ja nicht vom Staat &raquo;verspeist&laquo;. Er nimmt die daf&uuml;r n&ouml;tigen Steuern ein und zahlt den Betrag an die Familien mit Kindern aus. Statistisch wird er dabei &raquo;fetter&laquo; &ndash; um in der Sprache der modernen deutschen Poujadisten zu bleiben.<br>\nDie Fixierung auf die Staatsquote hat mit einer rationalen &shy;Debatte und auch mit einer rationalen Entscheidungsfindung zu Fragen unserer gesellschaftlichen und staatlichen Organisation wenig zu tun.<\/p><p><strong>Die Entwicklung der Staatsquote im Zeitablauf<\/strong><\/p><p>Wenn man verstehen will und verstanden hat, aus welchen Gr&uuml;nden die Staatsquote steigt oder sinkt (siehe Abbildung 15),80 kann man auch sachlicher mit dem Gesamtbild der Entwicklung umgehen. Dann vermag man auch die Polemik besser einzuordnen, an die wir uns in den letzten Jahren beim Umgang mit staatlicher T&auml;tigkeit haben gew&ouml;hnen m&uuml;ssen.<br>\nVon neoliberaler Seite wird zu gerne gegen den Anstieg des Staatsanteils polemisiert. Schauen wir uns die Zahlen an:<\/p><ul>\n<li>Im Anstieg der siebziger Jahre enthalten sind neue Aktivit&auml;ten der &ouml;ffentlichen H&auml;nde. Mag dies etatistisch nennen, wer will.81 Das waren, wie das Kindergeld, zum Teil nur &raquo;durchlaufende Posten&laquo;, zum Teil politische Entscheidungen f&uuml;r Reformen, wie man sie damals verstand. Man kann dar&uuml;ber diskutieren, ob diese Entscheidungen richtig waren &ndash; die meisten davon waren Entscheidungen zur Deckung eines Nachholbedarfs an &ouml;ffentlichen Leistungen wie etwa beim Umweltschutz, bei der St&auml;dtebauf&ouml;rderung und -sanierung oder bei der Mobilisierung von Begabungsreserven durch &Ouml;ffnung der weiterf&uuml;hrenden Schulen und Hochschulen auch f&uuml;r die Kinder aus Arbeitnehmerfamilien.\n<p><em>Abbildung 15: Staatsquote in Deutschland (Ausgaben des Staates in Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts)<\/em><br>\n<img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/denkfehler36.gif\" alt=\"Abbildung 15\" title=\"\"><\/p>\n<p class=\"reference\">Quelle: Statistisches Bundesamt<\/p>\n<\/li>\n<li>Mit der wesentlich von der ersten &Ouml;lpreiskrise und einer falschen Geldpolitik verursachten Wachstumsschw&auml;che in den Jahren 1975 und 1976 sprang die Staatsquote auf fast 50 Prozent. Nach der einigerma&szlig;en gelungenen Ankurbelung sank sie 1979 wieder auf 47,2 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt ver&auml;nderte sich und damit auch die Quote.<\/li>\n<li>&Auml;hnlich ging es mehrmals sp&auml;ter: In konjunkturell schwachen Zeiten wie etwa anfangs der Achtziger, in den Neunzigern ab 1992 und nach 2000 stieg die Staatsquote an, teilweise sogar stark.<\/li>\n<li>1996 erreichte die Staatsquote mit &uuml;ber 50 Prozent einen neuen H&ouml;hepunkt. War dies Ausdruck der besonderen Staatsversessenheit der damals regierenden Koalition aus CDU\/CSU und FDP? Wohl eher nicht. Urs&auml;chlich daf&uuml;r waren die schwache Konjunktur &ndash; 1993 zum Beispiel minus 1,2 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt &ndash; und die Kosten der deutschen Einheit.<\/li>\n<li>Die &raquo;finanzpolitische Solidit&auml;t&laquo; in Zeiten des Finanzministers Hans Eichel spiegelt sich vor allem in der so &raquo;niedrigen&laquo; Staatsquote der Jahre 1999 bis 2002 wider &ndash; im Schnitt lag sie deutlich h&ouml;her als in den geschm&auml;hten Siebzigern und &shy;ungef&auml;hr auf dem Schnitt der Kanzlerschaft Kohls in den Neunzigern.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Fazit:<\/strong> Die Entwicklung der Staatsquote belegt die unseri&ouml;se Arbeitsweise jener, die so auffallend massiv gegen Staat und &ouml;ffentliche Leistungen mobil machen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug aus Albrecht M&uuml;ller, &bdquo;Die Reforml&uuml;ge &ndash; 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,14],"tags":[300,1110,413,1273],"class_list":["post-1152","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzpolitik","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-schlanker-staat","tag-staatsquote"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1152","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1152"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1152\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31122,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1152\/revisions\/31122"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1152"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1152"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1152"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}