{"id":115212,"date":"2024-05-15T09:15:29","date_gmt":"2024-05-15T07:15:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115212"},"modified":"2026-01-27T11:44:54","modified_gmt":"2026-01-27T10:44:54","slug":"verfassungsrechtler-was-wir-waehrend-der-coronakrise-erlebt-haben-war-eines-rechtsstaats-nicht-wuerdig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115212","title":{"rendered":"Verfassungsrechtler: \u201eWas wir w\u00e4hrend der Coronakrise erlebt haben, war eines Rechtsstaats nicht w\u00fcrdig\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;W&auml;hrend Corona haben wir die extremsten Grundrechtseinschr&auml;nkungen gesehen, die es in der Bundesrepublik bisher gegeben hat. Die Richter h&auml;tten sehr kritisch und sehr genau hinschauen m&uuml;ssen, was die staatlichen Institutionen machen. Sie h&auml;tten Rote Linien der Freiheit ziehen m&uuml;ssen. Das h&auml;tte eine Signalwirkung f&uuml;r die anderen Gerichte gehabt. Stattdessen haben sie unkritisch fast alle staatlichen Ma&szlig;nahmen mit dem Stempel der Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit versehen.&ldquo; &ndash; mit diesen Worten &auml;u&szlig;ert sich der Verfassungsrechtler <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NeBoehme\"><strong>Volker Boehme-Ne&szlig;ler<\/strong><\/a> im Interview mit den NachDenkSeiten. Scharf kritisiert er das Bundesverfassungsgericht, aber auch generell die Justiz im Hinblick auf die &bdquo;Corona-Rechtsprechung&ldquo;. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/terran_liberty\/status\/1766903172507869269\">Boehme-Ne&szlig;ler<\/a> spricht von einem &bdquo;Verrat am Gedanken des Rechtsstaats&ldquo;. Der Rechtswissenschaftler h&auml;lt au&szlig;erdem die Impfpflicht bei der Bundeswehr f&uuml;r &bdquo;verfassungswidrig&ldquo; und fordert eine Aufarbeitung die Justiz betreffend. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1711\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-115212-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240517-Coronakrise-Verfassungsrecht-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240517-Coronakrise-Verfassungsrecht-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240517-Coronakrise-Verfassungsrecht-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240517-Coronakrise-Verfassungsrecht-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=115212-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240517-Coronakrise-Verfassungsrecht-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240517-Coronakrise-Verfassungsrecht-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Marcus Kl&ouml;ckner: Herr Boehme-Ne&szlig;ler: Wo war das Recht in der Coronakrise?<\/strong><\/p><p><strong>Volker Boehme-Ne&szlig;ler<\/strong>: Es war nicht da, wo es gebraucht wurde. Das Recht war teilweise faktisch au&szlig;er Kraft gesetzt. Vor allem die Gerichte haben ihre Aufgabe nahezu nicht erf&uuml;llt. Was wir w&auml;hrend der Coronakrise erlebt haben, war eines Rechtsstaats nicht w&uuml;rdig. Die Idee des Rechtsstaats ist ja: Das Recht gilt immer, auch und gerade in der Krise. Das haben wir leider anders erlebt.<\/p><p><strong>Viele B&uuml;rger, die die Ma&szlig;nahmen kritisch betrachtet haben, sprechen immer wieder auch das Verhalten der Justiz an. Lassen Sie uns bitte genauer auf die Gerichte und die Vertreter der Gesetze schauen. Wie h&auml;tten sich denn aus Ihrer Sicht die Gerichte verhalten m&uuml;ssen? Was w&auml;re der grundlegende Weg gewesen?<\/strong><\/p><p>Die Gerichte h&auml;tten die Aufgabe erf&uuml;llen m&uuml;ssen, die sie im Rechtsstaat haben.<\/p><p><strong>N&auml;mlich?<\/strong><\/p><p>Sie m&uuml;ssen pr&uuml;fen, ob das Recht eingehalten wird. Ist das, was geschieht, mit dem geltenden Recht vereinbar? Das ist die Frage, die Gerichte kl&auml;ren m&uuml;ssen, wenn sie von B&uuml;rgern angerufen werden.<\/p><p><strong>Und das war nicht der Fall? Was h&auml;tten die Gerichte noch tun m&uuml;ssen?<\/strong><\/p><p>Die Gerichte h&auml;tten in jedem einzelnen Fall akribisch und konkret pr&uuml;fen m&uuml;ssen, ob die einschl&auml;gigen Rechtsnormen eingehalten werden. Das gilt f&uuml;r jedes Rechtsgebiet. Sie h&auml;tten etwa im Arbeitsrecht in den vielen konkreten F&auml;llen, die ihnen zur Entscheidung vorlagen, pr&uuml;fen m&uuml;ssen, ob alle coronabedingten Ma&szlig;nahmen der Arbeitgeber rechtm&auml;&szlig;ig waren. In der Arbeitswelt gab es zahllose, nicht selten an die Existenz gehende Konflikte. Da w&auml;ren Arbeitsgerichte mit abgewogenen Konfliktl&ouml;sungen sehr n&ouml;tig gewesen. Sie h&auml;tten &ndash; anderes Beispiel &ndash; im Verwaltungsrecht alle Coronama&szlig;nahmen der staatlichen Beh&ouml;rden auf ihre Rechtm&auml;&szlig;igkeit pr&uuml;fen m&uuml;ssen. Viel zu oft haben sich die Richter darauf beschr&auml;nkt, staatliche Ma&szlig;nahmen v&ouml;llig unkritisch als rechtm&auml;&szlig;ig anzusehen.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie ein Beispiel anf&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Beh&ouml;rden haben fast routinem&auml;&szlig;ig Demonstrationen gegen Coronama&szlig;nahmen verboten &ndash; ein harter Eingriff in die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit der B&uuml;rger. Das haben Verwaltungsgerichte viel zu oft und viel zu voreilig als rechtm&auml;&szlig;ig akzeptiert.<\/p><p><strong>Wie sieht es denn mit dem Bundesverfassungsgericht aus?<\/strong><\/p><p>Da sprechen Sie ein ganz wichtiges und sensibles Thema an. Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagt man. Das zeigt sich auch hier wieder. Das Bundesverfassungsgericht ist das oberste deutsche Gericht. Es pr&auml;gt nat&uuml;rlich die gesamte Justiz. Es legt die Verfassung aus. Damit macht es Vorgaben f&uuml;r alle Gerichte.<\/p><p>Das Gericht in Karlsruhe sieht sich selbst als &bdquo;H&uuml;ter der Verfassung&ldquo;. Es passt auf, dass die Verfassung durch staatliches Handeln nicht besch&auml;digt wird. In der Coronazeit w&auml;re es deshalb seine Aufgabe gewesen, die staatlichen Coronama&szlig;nahmen auf ihre Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit zu pr&uuml;fen. Diese Aufgabe hat es &ndash; leider &ndash; w&auml;hrend der Coronakrise nicht erf&uuml;llt. W&auml;hrend Corona haben wir die extremsten Grundrechtseinschr&auml;nkungen gesehen, die es in der Bundesrepublik bisher gegeben hat. Die Richter h&auml;tten sehr kritisch und sehr genau hinschauen m&uuml;ssen, was die staatlichen Institutionen machen. Sie h&auml;tten Rote Linien der Freiheit ziehen m&uuml;ssen. Das h&auml;tte eine Signalwirkung f&uuml;r die anderen Gerichte gehabt. Stattdessen haben sie unkritisch fast alle staatlichen Ma&szlig;nahmen mit dem Stempel der Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit versehen. Das hatte dann eine entsprechende Signalwirkung f&uuml;r die unteren Instanzen der Justiz und erkl&auml;rt die repressive Rechtsprechung der unteren Instanzen.<\/p><p><strong>Was haben Sie auf der juristischen Ebene im Hinblick auf die &bdquo;Coronarechtsprechung&ldquo; beobachtet?<\/strong><\/p><p>Ich habe vor allem Angst gesp&uuml;rt und beobachtet. Fast kein Gericht wollte etwas riskieren. Ich hatte den starken Eindruck, dass auch in der Justiz &ndash; wie in anderen Teilen der Gesellschaft &ndash; unausgesprochen der Ausnahmezustand herrschte. Die Richter haben sich mehr als loyale Staatsdiener gesehen statt als unabh&auml;ngige und kritische Richter. Kein Richter wollte riskieren, durch ein freiheitsfreundliches Urteil m&ouml;glicherweise Ansteckungen zu f&ouml;rdern. Keiner wollte in der Ecke der &bdquo;Querdenker&ldquo; oder &bdquo;Coronaleugner&ldquo; landen.<\/p><p>Angst verhindert klares und rationales Denken &ndash; und sie macht streng, freiheitsfeindlich und rigide. Wie f&uuml;r den gro&szlig;en Teil der Gesellschaft galt das auch f&uuml;r die Justiz. Das soll eigentlich die St&auml;rke der Gerichte sein: rational analysieren und pr&auml;zise Probleml&ouml;sungen auf der Grundlage des geltenden Rechts entwickeln. Dadurch sch&uuml;tzen sie die Freiheit der B&uuml;rger, wie sie die Gesetze garantieren. In der Coronazeit habe nicht nur ich fast ausnahmslos Angsturteile beobachtet, die im Zweifel repressiv die Einschr&auml;nkung der Freiheiten gerechtfertigt haben.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich das? Warum haben Gerichte sich so verhalten?<\/strong><\/p><p>Richter sind auch nur Menschen und k&ouml;nnen sich dem allgemeinen Klima in der Gesellschaft nicht entziehen. Wenn wir uns erinnern: Das gesellschaftliche Klima war gepr&auml;gt von Angst und Hysterie. Das ber&uuml;chtigte Angst-Papier aus dem Bundesinnenministerium vom M&auml;rz\/April 2020 belegt, dass diese Angst von der Spitzenpolitik bewusst und permanent gesch&uuml;rt wurde. Gleichzeitig wurden auch Kritiker b&ouml;sartig stigmatisiert und brutal ausgegrenzt. Das hat nat&uuml;rlich auch verhindert, dass Gerichte genau hingeschaut und staatskritisch geurteilt haben. Man brauchte schon viel Mut und Standhaftigkeit, um in diesen Zeiten kritisch aufzutreten, auch als Richter.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie an einem Beispiel zusammengefasst aufzeigen, wo konkret Sie die Rechtsprechung kritisieren? Vielleicht am Beispiel des Bundesverfassungsgerichts, Stichwort &bdquo;Bundesnotbremse&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Die beiden Beschl&uuml;sse zur Bundesnotbremse vom November 2021 zeigen deutlich, welche Defizite die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts in der Coronakrise hat. Im Verfassungsrecht geht es oft um Abw&auml;gungen zwischen unterschiedlichen Rechtsg&uuml;tern. Hier musste abgewogen werden zwischen der Gefahr durch das Virus f&uuml;r die Allgemeinheit einerseits und den Freiheitseinschr&auml;nkungen f&uuml;r die Einzelnen andererseits. Auff&auml;llig ist, dass das Gericht die Abw&auml;gungen des Gesetzgebers kaum nachpr&uuml;ft. Es r&auml;umt der Politik einen weiten &bdquo;Beurteilungsspielraum&ldquo; ein, mit anderen Worten: Es h&auml;lt sich raus. Das ist normalerweise anders.<\/p><p>Ungew&ouml;hnlich ist auch, wie auff&auml;llig selektiv und erschreckend oberfl&auml;chlich das Gericht die wissenschaftlichen Informationen zur Pandemie rezipiert und in den Urteilen verarbeitet. Normalerweise bringt sich das Gericht vor seinen Entscheidungen akribisch auf den aktuellen Stand des relevanten Wissens &ndash; hier &uuml;berhaupt nicht. Auch hier wieder: Das Gericht steigt nicht wirklich in die Thematik ein und h&auml;lt sich raus. Deshalb h&ouml;rt es in diesen Verfahren zur Bundesnotbremse vor allem Sachverst&auml;ndige und Experten, die die Linie der Bundesregierung st&uuml;tzen.<\/p><p><strong>Kann man sagen, dass es in der Coronakrise oftmals keine Rechtsprechung im Sinne des Rechts mehr gegeben hat, sondern eine Rechtsprechung im Sinne der Politik?<\/strong><\/p><p>Etwas zugespitzt kann man das sagen. Die Aufgabe gerade der Verwaltungsgerichte und des Verfassungsgerichts ist, die Politik und die staatlichen Beh&ouml;rden zu kontrollieren. Das haben die Gerichte in der Coronakrise viel zu selten gemacht. Dadurch haben sie letztlich die repressiven Ma&szlig;nahmen der Beh&ouml;rden unterst&uuml;tzt. Das ist ein Verrat am Gedanken des Rechtsstaats. Die Idee des Rechtsstaats ist n&auml;mlich gerade, die (politische) Macht durch das Recht zu begrenzen. Das funktioniert aber nur, wenn wir unabh&auml;ngige Gerichte und Richter mit Zivilcourage haben.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t es f&uuml;r eine Demokratie, was hei&szlig;t es f&uuml;r einen Rechtsstaat, wenn B&uuml;rger sp&uuml;ren, dass sie bei schwersten Grundrechtseingriffen kaum noch rechtliches Geh&ouml;r finden?<\/strong><\/p><p>Ich denke, dass dieses Verhalten der Gerichte den Rechtsstaat schwer besch&auml;digt hat. Grundrechte sollen ja die Freiheit der B&uuml;rger garantieren. Dazu geh&ouml;rt nat&uuml;rlich auch, dass Gerichte den B&uuml;rgern im Konfliktfall helfen, ihre Grundrechte gegen den &uuml;bergriffigen Staat durchzusetzen. Wie soll man denn im Rechtsstaat Grundrechte ohne Gerichte durchsetzen? Grundrechte, die nur auf dem Papier stehen, sind nichts wert. Das Verhalten der Justiz hat das Vertrauen in den funktionierenden Rechtsstaat heftig ersch&uuml;ttert. Das wird Sp&auml;tfolgen haben, die wir noch gar nicht absehen k&ouml;nnen. Schon jetzt zeigen Umfragen, dass das Vertrauen der B&uuml;rger in den Staat und seine Institutionen abgenommen hat &ndash; und immer weiter abnimmt.<\/p><p><strong>Eine ganze Weile stand die Corona-Impfpflicht im Raum. Auch wenn die allgemeine Corona-Impfpflicht abgelehnt wurde: Von staatlicher Seite wurde ein massiver Impfdruck erzeugt. B&uuml;rger waren aufgrund bestimmter Lebenssituationen regelrecht gezwungen, sich der Corona-Impfung zu unterziehen. Eine Weigerung h&auml;tte f&uuml;r manche schwere Folgen nach sich gezogen: Verlust des Arbeitsplatzes, &ouml;konomischer Zusammenbruch. Nun wissen wir: Diese Impfung war nicht &bdquo;nebenwirkungsfrei&ldquo;. Wir h&ouml;ren in Medien von schwersten Nebenwirkungen bis hin zum Tod. Wie bewerten Sie im Hinblick auf diese Schadensf&auml;lle das Verhalten des Staates?<\/strong><\/p><p>Der Impfdruck war extrem. Daran sind Menschen zerbrochen. Und unz&auml;hlige Menschen haben sich impfen lassen, obwohl sie das nicht wirklich wollten.<\/p><p>Wir haben in dieser Zeit nicht den demokratischen Rechtsstaat gesehen, den die Verfassung will. Wir waren stattdessen mit einem autorit&auml;ren Obrigkeitsstaat konfrontiert, der &Auml;ngste gesch&uuml;rt, Ma&szlig;nahmen ohne R&uuml;cksicht auf Verluste durchgesetzt und Kritiker ausgegrenzt hat. Das Problem ist: Es geht so &auml;hnlich weiter. Als Wiedergutmachung w&auml;re es angebracht, wenn der Staat wohlwollend und gro&szlig;z&uuml;gig f&uuml;r die teilweise furchtbaren Impfsch&auml;den entsch&auml;digt. Davon ist nichts zu sehen, ganz im Gegenteil. Impfgesch&auml;digte m&uuml;ssen mit zahllosen b&uuml;rokratischen Hindernissen k&auml;mpfen und sich durch die Instanzen klagen. Das zeugt nicht von Einsicht bei den staatlichen Akteuren, eher von Vertuschung durch B&uuml;rokratie.<\/p><p><strong>Gestatten Sie mir, die Frage zu pr&auml;zisieren. Durften verantwortliche Politiker, durfte &bdquo;der Staat&ldquo; so vorgehen, wie er vorgegangen ist? Bei Lichte betrachtet konnte der Staat Nebenwirkungen und Langzeitfolgen der Impfung nicht ausschlie&szlig;en, im Gegenteil: Er h&auml;tte meines Erachtens geradezu wissen m&uuml;ssen, dass es zu Sch&auml;den kommen wird. Was ist hier passiert? Hat hier der Staat Leben gegen Leben aufgewogen? Hat hier der Staat bewusst die Sch&auml;digung des Lebens von zumindest einigen Staatsb&uuml;rgern in Kauf genommen, um &ndash; so der Tenor &ndash; doch das Leben &bdquo;von vielen&ldquo; zu sch&uuml;tzen? Wie sieht diesbez&uuml;glich eine rechtliche W&uuml;rdigung aus?<\/strong><\/p><p>Der Staat hat die Sch&auml;digung einiger Staatsb&uuml;rger in Kauf genommen, um das Leben von vielen zu sch&uuml;tzen. Das war die offizielle Linie. Das Problem dabei ist: Der Staat h&auml;tte wissen m&uuml;ssen, dass die Sachlage nicht so eindeutig ist, wie er sie kommuniziert. Die ma&szlig;gebenden Politiker waren nicht immer ehrlich. In der von Angst und Hysterie gepr&auml;gten Stimmung galt die Impfung als der K&ouml;nigsweg aus der Pandemie. Man konnte schon damals wissen, dass das eine falsche Hoffnung war. <\/p><p>Die Politik war aber schon auf dem autorit&auml;ren Weg, die B&uuml;rger unter Druck zu setzen und zu zwingen. Sie wollte &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &ndash; diese Strategie nicht mehr &auml;ndern. Das ging ma&szlig;geblich auf die damalige Bundeskanzlerin Merkel zur&uuml;ck. (Fast) alle Spitzenpolitiker waren sich mit ihr einig. Die Politik wollte den autorit&auml;ren Weg gehen und die B&uuml;rger zwingen. Das war nicht wirklich demokratisch. In der Demokratie h&auml;tte man einen vern&uuml;nftigen und ma&szlig;vollen Weg gehen und die B&uuml;rger zutreffend informieren m&uuml;ssen. Man h&auml;tte um Zustimmung f&uuml;r die Corona-Politik werben m&uuml;ssen. Der autorit&auml;re und manipulative Ansatz war in meinen Augen der grunds&auml;tzliche und schlimme Fehler des Staates in der Pandemie.<\/p><p>Ich habe Anfang 2022 ein Rechtsgutachten zur verfassungsrechtlichen Zul&auml;ssigkeit einer allgemeinen Impfpflicht ver&ouml;ffentlicht. Darin komme ich klar zum Ergebnis: Eine allgemeine Impfpflicht w&auml;re verfassungswidrig gewesen. Und die existierenden (Teil-)Impfpflichten waren und sind verfassungswidrig. Also meine Antwort ist klar: Der Staat durfte so nicht handeln. Der Druck, der auf die B&uuml;rger ausge&uuml;bt wurde, entsprach faktisch fast einer rechtlichen Pflicht zur Impfung. Es war sozusagen eine &bdquo;Impfpflicht durch die Hintert&uuml;r&ldquo;. Das war verfassungswidrig.<\/p><p><strong>Karl Lauterbach schrieb im August 2021 in einem Tweet auf der Plattform <\/strong><i><strong>Twitter<\/strong><\/i><strong> (jetzt <\/strong><i><strong>X<\/strong><\/i><strong>) Folgendes: &bdquo;Und zus&auml;tzlich geht es darum, weshalb eine Minderheit der Gesellschaft eine nebenwirkungsfreie Impfung nicht will, obwohl sie gratis ist und ihr Leben und das vieler anderer retten kann.&ldquo; Was sagt der Jurist in Ihnen dazu?<\/strong><\/p><p>Die Aussage war schon nach dem damaligen Wissensstand v&ouml;llig falsch, und der Minister wusste das. Jedenfalls h&auml;tte er es wissen k&ouml;nnen und m&uuml;ssen. Der Verfassungsjurist in mir ist schockiert, dass ein herausragender Vertreter des demokratischen Rechtsstaats &ndash; ein Bundesminister &ndash; solche massiv falschen Behauptungen aufstellt. Und er findet es verst&ouml;rend, dass dieser Mann immer noch im Amt ist. Der Politikwissenschaftler in mir allerdings wundert sich nicht. Dass die Wahrheit in der Politik nicht das Wichtigste ist, ist nicht wirklich neu.<\/p><p><strong>Wie blicken Sie auf die noch immer geltende Corona-Impfpflicht bei der Bundeswehr?<\/strong><\/p><p>Ich halte diese Impfpflicht bei der Bundeswehr f&uuml;r verfassungswidrig. Sie muss sofort abgeschafft werden. Es ist eine Schande, dass sie immer noch besteht. Es gibt immer mehr Informationen dar&uuml;ber, dass die Impfung nur eine sehr begrenzte Wirkung hat, gleichzeitig aber zahlreiche schwere Nebenwirkungen. Abgesehen davon ist klar, dass das Virus viel von seinem Schrecken verloren hat. Vor diesem Hintergrund ist mir v&ouml;llig unverst&auml;ndlich, wie man die Soldaten und Soldatinnen zu einer Impfung zwingen kann, die ein tiefer Eingriff in ihre Gesundheit ist. Sie verletzt die Grundrechte der Soldaten. Und es erschreckt mich, wie sehr der Verteidigungsminister seine F&uuml;rsorgepflicht vernachl&auml;ssigt, die er gegen&uuml;ber seinen Soldaten hat.<\/p><p><strong>Wir haben bis jetzt weitestgehend &uuml;ber das Geschehen in den vergangenen Jahren gesprochen. Lassen Sie uns den Fokus auf die aktuelle Zeit richten. Wie sieht es denn nun aus? Noch immer laufen ja Verfahren wegen Verst&ouml;&szlig;en gegen die Coronama&szlig;nahmen. Verfolgen Sie die aktuelle Rechtsprechung? Was f&auml;llt Ihnen auf?<\/strong><\/p><p>Ich verfolge nicht akribisch die gesamte aktuelle Rechtsprechung. Aber es h&auml;ufen sich Berichte &uuml;ber Urteile, die jetzt im Nachhinein Coronama&szlig;nahmen kritischer sehen und aufheben. Das macht mich vorsichtig optimistisch. Vielleicht fangen die Gerichte an, ihre Corona-Schockstarre und ihre Staatsfixiertheit zu &uuml;berwinden. Das w&auml;re wenigstens ein Anfang.<\/p><p>Aber schockierend ist, dass Beh&ouml;rden immer noch mit allen rechtlichen Mitteln Bu&szlig;gelder wegen Verst&ouml;&szlig;en gegen Coronaregeln eintreiben. Ein Beispiel: Man wei&szlig;, dass Maskenpflichten weitgehend sinnlos waren. Trotzdem werden immer noch &Auml;rzte vor Strafgerichten angeklagt und verurteilt, weil sie &ndash; angeblich &ndash; falsche Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt h&auml;tten. Ein Amtsrichter aus Weimar steht wegen Rechtsbeugung vor Gericht. Sein Vergehen: Er hatte 2021 verf&uuml;gt, dass die Kinder in zwei Schulen keine Masken tragen m&uuml;ssten. Staatliche Beh&ouml;rden treiben immer noch Bu&szlig;gelder von B&uuml;rgern ein, die das Maskentragen verweigert hatten. Rein formalrechtlich mag das alles vielleicht gehen, aber politisch und psychologisch ist das verheerend. <\/p><p>Slowenien geht einen anderen Weg. Dort werden Corona-Bu&szlig;gelder zur&uuml;ckgezahlt. Das w&auml;re auch in Deutschland ein guter Anfang auf dem Weg zur Aufarbeitung der Pandemie und zur Vers&ouml;hnung der Gesellschaft. Aus meiner Sicht w&auml;re auch eine generelle Amnestie f&uuml;r &bdquo;Corona-Taten&ldquo; ein wichtiger Schritt, das Unrecht, das in der Pandemie geschehen ist, wiedergutzumachen. Das Cannabis-Gesetz zeigt, dass solche Amnestien m&ouml;glich sind, wenn man politisch will.<\/p><p><strong>Derzeit wird viel &uuml;ber das Thema Aufarbeitung gesprochen. Wie denken Sie &uuml;ber eine Aufarbeitung im Hinblick auf die Rechtsprechung? Bedarf das Verhalten der Justiz einer eigenen Aufarbeitung?<\/strong><\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich muss auch die Rolle der Justiz in der Coronakrise aufgearbeitet werden. Es braucht akribische und detaillierte Forschung, warum die Justiz so staatsfromm, so wenig kritisch war. Und man muss dar&uuml;ber diskutieren, wie man in Zukunft verhindert, dass Gerichte in einer Krise ihre Kontrollaufgaben vergessen. Dazu braucht es eine doppelte Aufarbeitung &ndash; eine interne und eine externe. Die Justiz muss selbst einen Beitrag leisten. Ein selbstkritisches Reflektieren des eigenen Verhaltens k&ouml;nnte eine heilsame Wirkung innerhalb der Justiz entfalten. Das wird aber aus naheliegenden Gr&uuml;nden nicht ausreichen. Die Rolle der Justiz muss auch von anderen Instanzen der Gesellschaft aufgearbeitet werden. Das w&auml;ren etwa die Politik, die Gesellschaft, die Historiker und nicht zuletzt die Rechtswissenschaft.<\/p><p><strong>Das w&auml;re doch bestimmt eine Mammutaufgabe. Wie k&ouml;nnte eine Aufarbeitung im Bereich der Justiz ablaufen?<\/strong><\/p><p>Aufarbeitung ist in allen Bereichen der Gesellschaft n&ouml;tig &ndash; nicht nur in der Justiz, sondern nat&uuml;rlich auch in der Politik, den Medien, der Wissenschaft und der Medizin. Und in allen Bereichen ist es eine Mammutaufgabe. Das liegt weniger daran, dass unglaublich viele Informationen gesammelt, analysiert und bewertet werden m&uuml;ssten. Die Aufarbeitung ist vor allem deshalb schwierig, weil es weite Kreise in Politik und Gesellschaft gibt, die keine Aufarbeitung wollen. Viele der damaligen Entscheider sind noch im Amt. Sie wollen sich &ndash; fast h&auml;tte ich gesagt: nat&uuml;rlich &ndash; nicht der Kritik stellen. <\/p><p>Und auch die meisten Mitl&auml;ufer wollen keine Aufarbeitung. Sie haben ja bei der ma&szlig;losen, nicht selten brutalen Ausgrenzung der Kritiker und der Ungeimpften mitgemacht. Das war kein gutes Verhalten. Das m&ouml;chte sich keiner eingestehen. So ist die Lage nat&uuml;rlich auch in der Justiz. Die Richter, die w&auml;hrend der Coronakrise geurteilt haben, sind immer noch im Amt. Sie m&uuml;ssten ihre eigenen Fehler und Schw&auml;chen offenlegen und analysieren. Das macht die Aufarbeitung schwierig. Hoffentlich gibt es Impulse zur Aufarbeitung auch innerhalb der Justiz. In jedem Fall m&uuml;ssen sich aber die Gesellschaft und die Politik von au&szlig;en mit der Rolle der Justiz in der Pandemie besch&auml;ftigen.<\/p><p><strong>Jens Spahn hat gesagt, in Sachen Aufarbeitung d&uuml;rfe es keinen &bdquo;Querdenkergerichtshof&ldquo; geben. Sind Sie auch f&uuml;r eine Aufarbeitung in Bezug auf die Politik? Wie k&ouml;nnte eine Aufarbeitung, die dem Namen gerecht wird, aussehen?<\/strong><\/p><p>Es gibt sehr zu denken, dass Jens Spahn weiter die b&ouml;se Ausgrenzungsvokabel &bdquo;Querdenker&ldquo; benutzt. Das zeigt, dass es ihm nicht um echte Aufarbeitung geht.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich muss es eine schonungslose Aufarbeitung auch in der Politik geben. Man muss &ndash; nur als Beispiel &ndash; dar&uuml;ber sprechen, warum Angela Merkel und die anderen Spitzenpolitiker eine dezidierte Angst-Politik betrieben haben. Warum wurden die B&uuml;rger von der Politik permanent in Angst und Schrecken versetzt? In einer Demokratie w&auml;re es angemessen gewesen, die B&uuml;rger vern&uuml;nftig zu informieren und von rationalen Ma&szlig;nahmen und L&ouml;sungen zu &uuml;berzeugen. Wieso haben gro&szlig;e Teile der Politik so sehr gegen Kritiker und ungeimpfte B&uuml;rger gehetzt? Das passte nicht zur Demokratie des Grundgesetzes. Das hat Sp&auml;tsch&auml;den verursacht, die wir noch gar nicht alle &uuml;bersehen k&ouml;nnen. Selbstverst&auml;ndlich muss auch die Rolle von konkreten Personen untersucht und aufgearbeitet werden. Dabei ist sicherlich die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Schl&uuml;sselfigur. Auch ihre Rolle muss schonungslos und akribisch analysiert und bewertet werden. Im demokratischen Rechtsstaat geht es nicht um Rache, aber um Verantwortlichkeit und Schuld schon.<\/p><p><small>Titelbild: r.classen\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/6d7b2db0007c44388501f1f2e529b877\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;W&auml;hrend Corona haben wir die extremsten Grundrechtseinschr&auml;nkungen gesehen, die es in der Bundesrepublik bisher gegeben hat. Die Richter h&auml;tten sehr kritisch und sehr genau hinschauen m&uuml;ssen, was die staatlichen Institutionen machen. Sie h&auml;tten Rote Linien der Freiheit ziehen m&uuml;ssen. Das h&auml;tte eine Signalwirkung f&uuml;r die anderen Gerichte gehabt. 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