{"id":11544,"date":"2011-12-07T11:21:37","date_gmt":"2011-12-07T10:21:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11544"},"modified":"2014-12-28T13:45:03","modified_gmt":"2014-12-28T12:45:03","slug":"marktordnung-fur-lobbyisten-eine-neue-studie-der-otto-brenner-stiftung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11544","title":{"rendered":"\u201eMarktordnung f\u00fcr Lobbyisten\u201c \u2013 eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung"},"content":{"rendered":"<p>Der Lobbyismus hat sich &uuml;ber die Jahre zu einer echten Gef&auml;hrdung der Demokratie entwickelt. Zwar sind die Grundz&uuml;ge der politischen Interessenvertretung bereits im Grundgesetz verankert, ein groteskes Ungleichgewicht der finanziellen Mittel der Interessengruppen und eine erschreckende Intransparenz sorgen jedoch daf&uuml;r, dass finanzstarke Interessen sich in der politischen Welt ein ungleich besseres Geh&ouml;r verschaffen k&ouml;nnen. Die Otto-Brenner-Stiftung hat sich nun in <a href=\"http:\/\/www.lobby-studie.de\/\">einer aktuellen Studie<\/a> Gedanken dar&uuml;ber gemacht, wie man dieses Problem entsch&auml;rfen k&ouml;nnte. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Der Begriff &bdquo;Lobbyismus&ldquo; ist eindeutig negativ konnotiert. Kein Lobbyist nennt sich Lobbyist &ndash; je nach Pr&auml;gung bevorzugen Lobbyisten lieber die Berufsbezeichnung Politikberater, Kommunikationsberater, Verbandsvertreter, oder modern und englisch Public-Affairs- bzw. Public-Relations-Consultant. Achten Sie einmal darauf, wer Ihnen bei den Talkshows so alles als &bdquo;Politikberater&ldquo; pr&auml;sentiert wird &ndash; Sie werden staunen. Lobbyismus findet ansonsten jedoch unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit statt. Zwar gibt es eine durch den Bundestag gef&uuml;hrte &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/parlamentsarchiv\/sachgeb\/lobbyliste\/lobbylisteaktuell.pdf\">Lobbyliste [PDF &ndash; 5.9 MB]<\/a>&ldquo;, die immerhin 2.125 Interessengruppen (Stand 18.11.2011) auff&uuml;hrt, jedoch ansonsten keine besondere Funktion erf&uuml;llt. Transparenz scheint der gr&ouml;&szlig;te Feind des Lobbyismus zu sein. <\/p><p>Das Ph&auml;nomen &bdquo;Lobbyismus&ldquo; ist nicht neu. Fr&uuml;her nannte man dies &bdquo;Interessenvertretung&ldquo; und eine Politik ohne Beteiligung von Interessengruppen ist weder denkbar noch w&uuml;nschenswert. Die politische Interessenvertretung abseits der Parteien genie&szlig;t &uuml;ber die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit in Deutschland zudem den Schutz durch das Grundgesetz. Es k&auml;me wohl auch niemand auf die Idee, B&uuml;rgerinitiativen, Umweltschutzverb&auml;nde oder gar Gewerkschaften ihr Recht auf politische Einflussnahme streitig zu machen. <\/p><p>Greenpeace ist eine Lobbyorganisation, die in Deutschland immerhin 206 Mitarbeiter besch&auml;ftigt und sich ausschlie&szlig;lich &uuml;ber Mitgliedsbeitr&auml;ge und Spenden finanziert. Der Verband der chemischen Industrie (VCI) ist ebenfalls eine Lobbyorganisation und vertritt rund 1.600 Unternehmen, die 2010 einen Umsatz von mehr als 170 Milliarden Euro erzielen konnten. Von einer Waffengleichheit kann hier nur schwerlich die Rede sein.  Rein formal sind jedoch sowohl Greenpeache als auch der VCI Lobbyorganisationen. Und genau hier liegt ein Problem vor, wenn man &uuml;ber sch&auml;rfere Regeln f&uuml;r Lobbyisten nachdenkt. Unter einer &bdquo;zu&ldquo; rigiden Regulierung w&uuml;rden nicht nur wirtschaftsnahe Lobbyorganisationen, sondern auch Organisationen, die das Allgemeinwohl vertreten, leiden.<\/p><p>Es gibt wohl kaum ein politisches Feld, bei dem das Allgemeinwohl so sehr in Konflikt mit der parlamentarischen Realit&auml;t stehen wie beim Lobbyismus. Es ist vollkommen klar, dass finanzstarke Lobbys nicht im Interesse des Allgemeinwohls, sondern in ihrem eigenen Interesse agieren. Ohne jegliche Transparenz droht hier eine massive Schieflage zu entstehen, die von Jahr zu Jahr dramatischer wird. Leider muss jedoch auch konstatieren, dass es kaum ein politisches Feld gibt, bei dem die politischen Akteure derart reformunwillig sind, dass dem neutralen Betrachter nur der Verdacht kommen kann, dass die Politik gar kein Interesse daran hat, den Lobbyismus in die Schranken zu weisen.<\/p><p>Dabei w&auml;re es noch nicht einmal allzu schwer, dem grassierenden Lobbyismus einen Riegel vorzuschieben &ndash; es muss ja nicht die Bannmeile um den Bundestag sein, die der Schriftsteller G&uuml;nther Gras unl&auml;ngst vorschlug. Die Autoren der Lobby-Studie der Otto-Brenner-Stiftung schlagen hier unter anderem die Einf&uuml;hrung einer Akkreditierungspflicht und einer Transparenzliste f&uuml;r Lobbyisten vor. N&auml;her Zugang zur parlamentarischen Arbeit (z.B. in Aussch&uuml;ssen oder Anh&ouml;rungen, Positionspapieren und Stellungnahmen) soll dann nur noch  akkreditierten Lobbyisten gestattet sein. Einen Schritt weiter geht die geforderte &ouml;ffentliche Transparenzliste, in die entscheidende Details zur lobbyistischen T&auml;tigkeit eingetragen werden sollen. Dies mag f&uuml;r Verb&auml;nde, wie den VCI, oder die Gewerkschaften kein Problem darstellen &ndash; bei PR- und Lobbyagenturen, die ihre Dienste gegen Bezahlung an jeden Kunden anbieten, der das n&ouml;tige Kleingeld hat, sieht dies schon etwas anders aus. Es w&auml;re f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit beispielsweise schon von Interesse, wer die Auftraggeber der <a href=\"http:\/\/www.cnc-communications.com\/de\/startseite.html\">Agentur CNC<\/a> des ehemaligen Tabaklobbyisten Christoph Walter sind, auf deren Gehaltsliste laut Bundestag unter anderem Otto Fricke (FDP), Dorothee B&auml;r, (CSU), Hermann Otto Solms (FDP), Carsten Schneider (SPD) und Christine Scheel (Gr&uuml;ne) als sogenannte &bdquo;Berater&ldquo; stehen.  Wof&uuml;r beziehen die Damen und Herren Geld von CNC? In welcher Funktion beraten die Spin-Doktoren der PR-Agentur? Beraten sie &uuml;berhaupt, oder werden sie nicht vielleicht doch eher beraten? All diese Fragen lassen sich aufgrund der mangelnden Transparenz nicht beantworten. Eine Transparenzliste w&uuml;rde hier Licht ins Dunkel bringen.<\/p><p>F&uuml;r den Gesetzgebungsprozess schl&auml;gt die Otto-Brenner-Stiftung neue Transparenzrichtlinien vor. So sollen beispielsweise die Namen aller am Gesetzgebungsprozess beteiligten Interessengruppen und wissenschaftlichen Institute genannt und ihre Quellen ver&ouml;ffentlicht werden. Auch dieser Punkt ist elementar wichtig, da auf diese Art und Weise verhindert werden kann, dass &bdquo;geheime Gutachten&ldquo; und &bdquo;vertrauliche Stellungnahmen&ldquo; ihren Weg in Gesetzesvorlagen finden. <\/p><p>Weitere Punkte der &bdquo;Marktordnung f&uuml;r Lobbyisten&ldquo; betreffen vor allem die Parlamentarier. So soll beispielsweise die <a href=\"http:\/\/www.lobbypedia.de\/index.php\/Lobbyisten_in_Ministerien\">Praxis der Leihbeamten<\/a> komplett verboten werden und Nebent&auml;tigkeiten sollen streng reglementiert werden. An diesem Punkt ist jedoch auch verhaltene Kritik an den Vorschl&auml;gen der Otto-Brenner-Stiftung angebracht. So schreiben die Autoren: &bdquo;Bezahlte und ehrenamtliche T&auml;tigkeiten fu&#776;r K&ouml;rperschaften, die in der Transparenzliste aufgefu&#776;hrt sind, und das Bundestagsmandat sind unvereinbar.&ldquo; Das wird nicht nur einigen Abgeordneten der SPD und der Linkspartei, die neben ihrem Mandat f&uuml;r die Gewerkschaften t&auml;tig sind, gar nicht schmecken.  Auch ein Abgeordneter wie der <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/abgeordnete17\/biografien\/A\/aken_jan.html\">Linken-Politiker Jan van Aken<\/a> m&uuml;sste bei einer solchen Regelung seine Beiratst&auml;tigkeit bei der Organisation IPPNW (&Auml;rzte gegen den Atomkrieg) einstellen. Daraus ergibt sich jedoch das Problem, dass gerade kleinere, dem Allgemeinwohl verpflichtete, Organisationen, noch gr&ouml;&szlig;ere Probleme bek&auml;men, sich politisch und &ouml;ffentlich Geh&ouml;r zu verschaffen. Der VCI und die IG-Metall verf&uuml;gen hingegen zweifelsohne &uuml;ber die Mittel, diese Nachteile zu kompensieren.<\/p><p>Dringend erforderlich ist jedoch die Einf&uuml;hrung einer &bdquo;Stillhaltezeit&ldquo; f&uuml;r ehemalige Minister, Staatssekret&auml;re und die Fraktionsf&uuml;hrer der Parteien, um das Ph&auml;nomen &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.lobbypedia.de\/index.php\/Portal_Seitenwechsel\">Seitenwechsel<\/a>&ldquo; zu entsch&auml;rfen. Die Otto-Brenner-Stiftung nennt hier eine Karenzzeit von zwei Jahren f&uuml;r T&auml;tigkeiten, die nicht im Umfeld der politischen T&auml;tigkeit lagen und vier Jahre f&uuml;r T&auml;tigkeiten aus dem engeren Umfeld. Erst danach sollen ehemalige hohe politische Staatsdiener in die Privatwirtschaft oder einen Lobbyverband wechseln d&uuml;rfen.<br>\nDiese vier Jahre sollten reichen, um die Insiderinformationen und pers&ouml;nlichen Netzwerke zumindest zu einem nennenswerten Teil versiegen zu lassen, so dass eine weitere T&auml;tigkeit auf dem Fachgebiet keine allzu gro&szlig;en Nachteile f&uuml;r die Allgemeinheit h&auml;tte. F&uuml;r T&auml;tigkeiten bei K&ouml;rperschaften des &ouml;ffentlichen Rechts, gemeinn&uuml;tzigen Organisationen oder anderen staatlichen Stellen sieht man jedoch eine Ausnahmeregelung vor, da hier das &ouml;ffentliche und nicht das private Interesse von der beruflichen Vergangenheit des Amts- oder Mandatstr&auml;ger profitieren w&uuml;rde. <\/p><p>Die Forderungen der Otto-Brenner-Stiftung sind konsistent und richtig. Eigentlich sollte jeder Politiker, der sein Amt ernst nimmt, hinter solchen Forderungen stehen. Leider ist dem nicht so. Deutschland geh&ouml;rt beispielsweise zu den ganz wenigen L&auml;ndern, die immer noch nicht die UN-Konvention gegen Korruption ratifiziert haben. Da befinden wir uns in guter Nachbarschaft mit den anerkannten Freunden der Transparenz im Sudan, Syrien, Burma, Saudi-Arabien und Somalia. Russland, China, Angola und selbst Zimbabwe geh&ouml;ren zu den <a href=\"http:\/\/www.unodc.org\/images\/treaties\/UNCAC\/Status-Map\/UNCAC_Status_Map_Current_Large.jpg\">mittlerweile 158 Staaten<\/a>, in denen die Konvention ratifiziert wurde. Der einzige Grund warum Deutschland die Konvention noch nicht unterzeichnet hat und sich damit zusehends isoliert, ist ein Passus, nach dem die deutschen Regelungen f&uuml;r die Nebeneinkommen der Parlamentarier den Straftatbestand der Korruption erf&uuml;llen w&uuml;rden. Bimbesrepublik Deutschland &ndash; wenn sogar die meisten schwarzafrikanischen und zentralasiatischen L&auml;nder (zumindest auf dem Papier) wirkungsvollere Gesetze gegen Abgeordnetenbestechung haben als hierzulande, l&auml;uft irgendetwas ganz gewaltig schief. Hintergrundpapiere, wie die Lobby-Studie der Otto-Brenner-Stiftung sind wichtig, um konkrete Vorschl&auml;ge an der Hand zu haben. Ohne Druck von der Stra&szlig;e wird hier sicherlich so schnell nichts passieren. <\/p><p>Die Studie &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.lobby-studie.de\/\">Marktordnung f&uuml;r Lobbyisten<\/a>&ldquo; der Otto-Brenner-Stiftung ist online verf&uuml;gbar und kann auch als <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-shop.de\/publikationen\/obs-arbeitshefte\/shop\/marktordnung-fuer-lobbyisten.html\">gedrucktes Exemplar bestellt werden<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Lobbyismus hat sich &uuml;ber die Jahre zu einer echten Gef&auml;hrdung der Demokratie entwickelt. Zwar sind die Grundz&uuml;ge der politischen Interessenvertretung bereits im Grundgesetz verankert, ein groteskes Ungleichgewicht der finanziellen Mittel der Interessengruppen und eine erschreckende Intransparenz sorgen jedoch daf&uuml;r, dass finanzstarke Interessen sich in der politischen Welt ein ungleich besseres Geh&ouml;r verschaffen k&ouml;nnen. 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