{"id":115655,"date":"2024-05-24T12:12:23","date_gmt":"2024-05-24T10:12:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115655"},"modified":"2024-05-24T13:28:36","modified_gmt":"2024-05-24T11:28:36","slug":"iran-ein-koloss-auf-toenernen-fuessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115655","title":{"rendered":"Iran, ein Koloss auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Was haben der Iran und Schweden gemeinsam?&ldquo; Beide Nationen f&uuml;hrten ihre letzten Angriffskriege im 19. Jahrhundert. W&auml;hrend Schweden gemeinhin als friedliebende Nation anerkannt ist, wird der Iran in der internationalen Berichterstattung aber gr&ouml;&szlig;tenteils als kriegstreibende Nation oder als Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden gebrandmarkt, obwohl daf&uuml;r &ndash; aus den genannten historischen Gr&uuml;nden &ndash; bisher kein Anlass bestand. Von <strong>Ramon Schack<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie au&szlig;enpolitische Identit&auml;t des Iran ist defensiver Natur. Sicherlich, die Regierung in Teheran steht bei ihrer eigenen Bev&ouml;lkerung nicht hoch im Kurs, innenpolitisch sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung, wie vor und nach der Islamischen Revolution von 1979, diesbez&uuml;glich verf&uuml;gt Iran aber &uuml;ber kein Alleinstellungsmerkmal.<\/p><p>Was die Au&szlig;enpolitik angeht, so war der Iran im Laufe seiner Geschichte gezwungen, sich Angriffen von ausw&auml;rtigen M&auml;chten zu erwehren, sei es gegen&uuml;ber dem britischen Empire, der Sowjetunion, den USA oder gegen den &Uuml;berfall des Irak 1980, um nur die relevantesten historischen F&auml;lle im 20. Jahrhundert zu benennen.<\/p><p>Sicherlich, auch der Iran &uuml;bt Einfluss auf sein geopolitisches Umfeld aus, durch milit&auml;rische Hilfe wie bei der Bek&auml;mpfung der IS-Terrorbanden im Irak oder Syrien, durch Spionage und Agentent&auml;tigkeit wie andere M&auml;chte auch, mit einem gewissen Gewicht. Sauber geht es dabei selten zu. Seit 1979 stehen sich Washington, Tel Aviv und Teheran feindselig gegen&uuml;ber.<\/p><p><strong>Israel und Iran<\/strong><\/p><p>Das war aber nicht immer so. Wer wei&szlig; denn heute noch, dass bis 1979 israelische Flugzeuge im iranischen Hochland trainierten? Unter der Pahlavi-Herrschaft und besonders seit dem Beginn der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts pflegten Israel und der Iran intensivste Beziehungen, welche seinerzeit mit Recht als eine Art strategische Allianz charakterisiert wurden. Obwohl zwischen beiden Staaten damals nur informelle Beziehungen bestanden, pflegte man auf dem internationalen diplomatischen Parkett das Bonmot von &bdquo;einer Liebesbeziehung ohne Heiratsurkunde&ldquo;.<\/p><p>Iran ist ein schiitischer, nichtarabischer Staat in einer &uuml;berwiegend sunnitischen und arabischen Region, mit einer reichen Geschichte von Konflikten und Kriegen mit seinen arabischen und auch nicht arabischen muslimischen Nachbarn. Aufgrund dieser geografischen und ethnokulturellen Rahmenbedingungen, der permanenten Bedrohung seitens der fr&uuml;heren UdSSR und unter dem Aspekt der au&szlig;enpolitischen Westorientierung des Pahlavi-Regimes betrachtete man damals in Teheran Israel als einen nat&uuml;rlichen Verb&uuml;ndeten.<\/p><p>Israel, welches in den Jahren nach der Staatsgr&uuml;ndung ums &Uuml;berleben k&auml;mpfte und sich um Anerkennung und Legitimit&auml;t in der islamischen Welt bem&uuml;hte, erkannte deshalb schon fr&uuml;h, dass Iran einen idealen Alliierten darstellt. Der vom damaligen &auml;gyptischen Pr&auml;sidenten militant propagierte Panarabismus wurde nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in Teheran als ernstzunehmende Herausforderung interpretiert. Das vom ersten israelischen Ministerpr&auml;sidenten David Ben Gurion entwickelte Konzept der &bdquo;peripheren Staaten&ldquo; wurde umgehend so etwas wie ein au&szlig;enpolitisches Credo Tel Avivs in den fr&uuml;hen Jahren des j&uuml;dischen Staates.<\/p><p>Israel war damals von feindseligen arabischen Staaten umgeben, deshalb war es nach Auffassung Ben Gurions zwingend erforderlich, freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarn der Nachbarstaaten aufzubauen, um die geografische Isolation in der Region zu &uuml;berwinden. Zu diesen &bdquo;peripheren Staaten&ldquo; z&auml;hlten neben dem kaiserlichen Iran auch die T&uuml;rkei und &Auml;thiopien. Diesbez&uuml;glich spielte der Iran f&uuml;r Israel eine besondere Rolle, schon aufgrund der geografischen und demografischen Gr&ouml;&szlig;e, des &ouml;konomischen Potentials und nat&uuml;rlich, weil es sich um einen islamischen, nicht arabischen Staat handelte, welcher keinen Grund f&uuml;r eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem j&uuml;dischen Staat hatte. Die historische Erinnerung an den persischen Kaiser Kyros des Gro&szlig;en, der die babylonische Gefangenschaft der Juden beendete, spielte m&ouml;glicherweise in der an Geschichtsmythen nicht armen Region auch eine Rolle.<\/p><p>Die engen Beziehungen beider Staaten wurden unmittelbar nach dem Sturz der Pahlavi-Dynastie beendet. Die Islamische Republik betrachtet Israel bis heute als Feindesland und als ein nicht legitimes Gebilde, dessen Existenz den nationalen Interessen als auch der Verbreitung der islamischen Revolution fundamental gegen&uuml;bersteht. Die Wurzeln dieser feindseligen Haltung gegen&uuml;ber Israel liegen unter anderem in Khomeinis Dogmen begr&uuml;ndet.<\/p><p><strong>Die Z&auml;sur von 1979<\/strong><\/p><p>Damit war es nun vorbei. Kurz nach der Flucht des Shahs kehrte Ayatollah Khomeini aus dem Exil zur&uuml;ck. Peter Scholl-Latour erz&auml;hlte mir einmal, es steht auch in einigen seiner B&uuml;cher, wie er Khomeini an diesem Tag im Flugzeug nach Teheran in gel&ouml;ster, ja heiterer Grundstimmung antraf. Er ging wohl davon aus, die Maschine w&uuml;rde beim Landeanflug auf Teheran von monarchistischen Piloten abgeschossen. Eine Aussicht, die ihn, gem&auml;&szlig; seinem schiitischen Glaubensbekenntnis, nur erfreuen konnte. Es kam bekanntlich anders. Zuvor hatten einige Mitarbeiter aus Khomeinis Umfeld Scholl-Latour eine gelbe Mappe zugesteckt, mit der Bitte um eine sp&auml;tere R&uuml;ckgabe. Es handelte sich um die Verfassung der Islamischen Republik Iran.<\/p><p>Dieser Staat, dieses Regime, war von Anfang an eine Provokation gegen den Lauf der Welt. Diese Revolution entzog sich den Regeln des Kalten Krieges. Eine Parole lautete &ldquo;Nicht Ost, Nicht West, sondern islamisch!&ldquo;. Diese Revolution war sowohl ein Aufstand gegen die islamische Welt und deren sunnitisch-arabische Vorherrschaft als auch gegen die s&auml;kular-nationalistischen und marxistischen Regime in der Region. Schnell fra&szlig; auch hier die Revolution ihre Kinder, wurden Hoffnungen zerst&ouml;rt und Menschenrechte verletzt.<\/p><p>Milit&auml;risch sind die USA und Israel dem Iran vielfach &uuml;berlegen. Aber ein Angriff auf den Iran bedeutet, den Nahen und Mittleren Osten insgesamt in Brand zu stecken. Die Iraner wissen um ihre milit&auml;rische Unterlegenheit und werden &bdquo;asymmetrisch&ldquo; reagieren, etwa in Form von Terroranschl&auml;gen. Die &Ouml;lpreise w&uuml;rden explodieren, die Auswirkungen des Krieges w&uuml;rden den S&uuml;dkaukasus und Zentralasien ebenso erfassen wie Libanon, Syrien, Iran und die Golfstaaten. Russland und China w&uuml;rden im Kriegsfall Teheran unterst&uuml;tzen, die USA, Deutschland und andere westliche Staaten Israel. Damit droht eine direkte Konfrontation mehrerer Gro&szlig;m&auml;chte.<\/p><p>Bis jetzt hat der Westen keine Antwort auf die Islamische Republik Iran gefunden. Im Gegenteil. Die einseitige Unterst&uuml;tzung Saudi-Arabiens, flankiert von der weltweiten Verbreitung der saudischen Variante des Islams &ndash; wie z.B. Salafismus &ndash; hat dem Westen selbst massiv geschadet und gef&auml;hrdet die Sicherheit der Welt.<\/p><p>Die Tatsache, dass sich der Iran im Visier des Westens befindet, liegt alleine darin begr&uuml;ndet, dass sich Teheran nicht den geostrategischen Interessen Washingtons beugt, ja diesen sogar im Wege steht, was auch an der demographischen, geographischen und milit&auml;rischen Potenz des Landes liegt, flankiert von seiner kulturellen Ausstrahlungskraft. Ebrahim Raisi war seit August 2021 Pr&auml;sident des Irans, galt als erzkonservativer Hardliner. Als Wunschkandidat und Proteg&eacute; des Religionsf&uuml;hrers Ayatollah Ali Chamenei hatte er die Pr&auml;sidentenwahl im Juni 2021 mit knapp 62 Prozent der Stimmen gewonnen.<\/p><p>Der Kleriker wurde damit offiziell Nachfolger des eher moderaten Hassan Ruhani, der nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten durfte. Jetzt ist Raisi im Alter von 63 Jahren beim Absturz eines Hubschraubers ums Leben gekommen &ndash; ebenso wie Au&szlig;enminister Hussein Amirabdollahian.<\/p><p>Der Tod des Pr&auml;sidenten und des Au&szlig;enministers wird au&szlig;enpolitisch keine gravierenden Ver&auml;nderungen verursachen. Trotz h&ouml;chst ung&uuml;nstiger geopolitischer Bedingungen, des &Uuml;berfalls des Iraks 1980, schwierigen innen- und au&szlig;enpolitischen Rahmenbedingungen, der Gegnerschaft mit den USA, Israel und Saudi-Arabien, der inkompetenten F&uuml;hrung und des gro&szlig;en Vertrauensverlustes innerhalb der Bev&ouml;lkerung hat dieses System 40 Jahre &uuml;berlebt. In Washington, Jerusalem und London ist man sich bewusst, dass man Iran nicht milit&auml;risch besiegen kann, sonst h&auml;tte man schon l&auml;ngst angegriffen. Der Iran ist heute Bestandteil der neuen politischen Achse im Nahen und Mittleren Osten, die von Peking und Moskau dominiert wird.<\/p><p>Wie andere Staaten der Region orientiert sich die Nation nach Osten. Die EU, in Ermangelung eigener au&szlig;enpolitischer Vorstellungen und Strategien, hat hier Einfluss verloren. Iran bleibt also ein au&szlig;enpolitischer Koloss, der aber innenpolitisch auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en steht.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Rokas Tenys<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115592\">&bdquo;Einigen gefallen unsere Erfolge nicht&ldquo; &ndash; Der Tod des iranischen Staatspr&auml;sidenten: Reaktionen und m&ouml;gliche Folgen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113973\">Irans Milit&auml;roperation gegen Israel &ndash; Vergeltung, Warnung oder Lehre?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113580\">Die iranische Strategie in der Nahmittelost-Region oder das Boiling-Frog-Syndrom<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Was haben der Iran und Schweden gemeinsam?&ldquo; Beide Nationen f&uuml;hrten ihre letzten Angriffskriege im 19. Jahrhundert. 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