{"id":115681,"date":"2024-05-26T13:00:40","date_gmt":"2024-05-26T11:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115681"},"modified":"2024-05-31T14:53:13","modified_gmt":"2024-05-31T12:53:13","slug":"von-der-sprache-abhaengig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115681","title":{"rendered":"Von der Sprache abh\u00e4ngig"},"content":{"rendered":"<p>Vor ein paar Wochen hatte NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht M&uuml;ller im Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114247\">&bdquo;&acute;Das Narrativ steht im Fokus&acute; usw. &ndash; &Uuml;ber den Wandel unserer Sprache&ldquo;<\/a> den Missbrauch von Fremd- und Lehnw&ouml;rtern in der medialen Berichterstattung kritisiert und unsere Leser aufgefordert, uns ihre Einsch&auml;tzung zum Thema und weitere Beispiele einzusenden. Dem ist auch der Autor <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> gefolgt, der sich in einem 2002 erschienen Buch bereits mit der Thematik auseinandergesetzt hatte. Wir freuen uns, die Passage auf den NachDenkSeiten abdrucken zu d&uuml;rfen.<br>\n<!--more--><br>\nDie deutsche Sprache ist reich, die Wahl der richtigen W&ouml;rter oft recht m&uuml;hsam. Nicht immer l&ouml;st der Thesaurus im Computer die Probleme. Wir k&ouml;nnen in die Stadt gehen, schlendern, bummeln, trotten, pilgern, wandern, laufen &hellip;, wir k&ouml;nnen uns in die Stadt begeben, uns ihr zuwenden, dort zu tun haben, die Richtung einschlagen &hellip; Wir k&ouml;nnen &auml;rgerlich, aufgebracht, emp&ouml;rt, entr&uuml;stet, erbost, ungehalten, verstimmt, missmutig oder verdrossen sein. Es ist auch ein deutlicher Unterschied in der Sprachqualit&auml;t, ob ich &bdquo;sehr fr&uuml;h&ldquo; aufgestanden bin oder &bdquo;zu nachtschlafender Zeit&ldquo;. Die richtige Wortwahl ist ausschlaggebend f&uuml;r das Gelingen eines Textes.<\/p><p>Das zu Papier bringen oder in den Computer eingeben, was sich in Gedanken vorbereitet. &bdquo;Man kann S&auml;tze nicht machen, man kann sie nur entgegennehmen oder ablehnen&ldquo;, sagt Martin Walser. &bdquo;Sie fallen einem ja ein.&ldquo; Aber man kann daran arbeiten. S&auml;tze f&uuml;gen sich zu einem Text, der wiederum bearbeitet werden kann. Genauigkeit spielt dabei eine gro&szlig;e Rolle, die durch die Verwendung entsprechender Ausdr&uuml;cke, W&ouml;rter mit geeigneten Vokalen und Konsonanten (Ruhe ist nicht Stille, schreien ist nicht rufen), wie auch durch die Syntax, durch Wiederholungen, Reihungen, Metaphern usw. erreicht wird; einmal abgesehen von den Inhalten und einer eventuellen Handlung. Auf diese Weise l&auml;sst sich auch eine bestimmte Atmosph&auml;re erzeugen, die sich dem Leser &uuml;ber die &Auml;sthetik des Formalen hinaus mitteilt. Nun sind das Idealvorstellungen; in der Praxis geht es um Ann&auml;herungen, vieles geschieht intuitiv, je nach Talent und Sprachbegabung. [&hellip;]<\/p><p>Zurzeit ist Englisch (oder vielmehr &bdquo;Denglisch&ldquo;) angesagt. Man f&auml;hrt &bdquo;first class&ldquo;, registriert den &bdquo;sharholder value&ldquo;, hat &bdquo;emotions&ldquo; und geht zu einem &bdquo;event&ldquo;. Wie weit diese Sprachdeformation schon fortgeschritten ist, wird deutlich, wenn &uuml;ber der Einkaufsstra&szlig;e einer deutschen Gro&szlig;stadt auf einem riesigen Schild &bdquo;City Shopping&ldquo; steht, &uuml;ber einem Textilgesch&auml;ft in einer deutschen Kleinstadt &bdquo;fashion for the young&ldquo;, wenn der Treffpunkt am Bahnhof &bdquo;Meeting Point&ldquo;, die Auskunft &bdquo;Service Point&ldquo;, die Toilette &bdquo;McClean&ldquo; hei&szlig;t, der Flughafen &bdquo;Airport&ldquo;, das Ortsgespr&auml;ch &bdquo;City-Call&rdquo; oder das Ferngespr&auml;ch &bdquo;German-Call&ldquo; usw. &ndash; &bdquo;for a better understanding&ldquo;.<\/p><blockquote><p>\n<em>Eine Empfehlung f&uuml;rs &bdquo;Business&ldquo;:<\/em><\/p>\n<p><em>Zwinge den Gesch&auml;ftspartner, deine Sprache zu lernen, das kostet ihn Zeit und Energie und du wirst ihm &uuml;berlegen sein, weil du deine Sprache immer besser sprechen wirst als er!<\/em><\/p>\n<p><em>Verein Deutsche Sprache, Dortmund 1999.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Bezeichnend, dass das Deutsche Zentrum an der &sbquo;deutschen&rsquo; Tongji-Universit&auml;t nat&uuml;rlich &sbquo;German Centre for Industry and Trade&rsquo; hei&szlig;t &hellip; Vertreter deutscher Unternehmen etwa waren es, die in der Fakult&auml;t vom Studium der Germanistik abgeraten hatten &hellip; Diese Zur&uuml;ckhaltung deutscher Firmen ist nicht nur kulturell bedenklich, sondern auch wirtschafts- und unternehmenspolitisch kurzsichtig &hellip;&ldquo;<\/em><\/p>\n<p><em>Horst Hensel , Sprachverfall und kulturelle Selbstaufgabe, 1999.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Nichts gegen Internationalismus, im Gegenteil. Aber es ist schon seltsam, wenn einerseits Regionalismus angesagt ist, Mundart, Brauchtum, Volksmusik und eine wie auch immer geartete &bdquo;kulturelle Identit&auml;t&ldquo;, und andererseits die Warriors, Aliens, Lieutenants und Coroners in die Kinder- und Wohnzimmer kommen, in Shuttles, Enterprises, Supershows und Reality-TV; sie machen starwar, action, talk und sex f&uuml;r Singles, Kids, Daddy und Mom. Wer das kritisiert, braucht kein Deutscht&uuml;mler oder Nationalist zu sein, zumal hinter dieser Entwicklung eine wahnsinnige Freizeit- und Unterhaltungsindustrie steht, die &uuml;ber jegliche Traditionen hinweggeht und die Gehirne verschmutzt, nicht nur in sprachlicher Hinsicht. Vielen ist offenbar nicht bewusst, dass der Verlust von Sprache den Verlust der eigenen kulturellen Identit&auml;t nach sich zieht. Kein Antiamerikanismus, keine Abschottung gegen andere Lebenssph&auml;ren, sondern eine Besinnung auch auf eigene kulturelle Werte.<\/p><p>Sprache ist auch Herrschaftsmittel. Sie hat Einfluss auf Gedanken, Einstellungen und Verhaltensweisen. Wir sollten uns die deutsche Sprache, die sehr reich, sehr vielf&auml;ltig ist und auch sch&ouml;n sein kann, erhalten. In Kanada wurde bis vor wenigen Jahrzehnten Indianerkindern, die man dort zwangsweise in Internaten zusammenfasste, bei Strafe verboten, ihre Stammessprachen zu sprechen. Sie wurden sprachlos, denn sie beherrschten bald ihre Muttersprache nicht mehr, und Englisch lernten sie auch nie perfekt. Dadurch verloren sie ihre kulturellen Wurzeln und ihre Identit&auml;t.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Sprache ist der Spiegel einer Nation. Wenn wir in diesen Spiegel schauen, so kommt uns ein gro&szlig;es, treffliches Bild von selbst daraus entgegen.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p><em>Friedrich von Schiller (1759-1805).<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Progressiv&ldquo; und &bdquo;modern&ldquo; zu erscheinen hei&szlig;t offenbar, sich seiner Identit&auml;t zu sch&auml;men. Ein Blick in die Vergangenheit best&auml;rkt uns in dem Eindruck, dass die Deutschen von einem Extrem ins andere fallen; sie neigen zur Selbstverleugnung, nach verlorenen Kriegen weniger zu Besinnung und Reue als vielmehr zu Verdr&auml;ngung oder Masochismus in vielerlei Auspr&auml;gung. Das zeigt sich unter anderem im Sprachgebrauch. Jedenfalls w&auml;re etwas mehr Sprachhygiene vonn&ouml;ten, und Schriftsteller k&ouml;nnen dazu beitragen.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Deutsch ist eine der musikalischsten Sprachen und kommt an Klangf&uuml;lle der Orgel, ja dem vollen Orchester vielleicht am n&auml;chsten.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p><em>Salvador de Madariaga y Rojo (1886-1978).<\/em>\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Muttersprache kann zu allem &uuml;brigen sagen: Ohne mich k&ouml;nnt ihr nichts tun. Wer mich verachtet, der wird wieder verachtet von seinem Zeitalter und schnell vergessen von der Nachwelt.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p><em>Gottfried August B&uuml;rger (1747-1794).<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Aus: Wolfgang Bittner, &bdquo;Beruf: Schriftsteller. Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will&ldquo;, Rowohlt 2002, Neuauflage: Allitera Verlag 2006<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116024\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Wikipedia<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Wochen hatte NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht M&uuml;ller im Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114247\">&bdquo;&acute;Das Narrativ steht im Fokus&acute; usw. &ndash; &Uuml;ber den Wandel unserer Sprache&ldquo;<\/a> den Missbrauch von Fremd- und Lehnw&ouml;rtern in der medialen Berichterstattung kritisiert und unsere Leser aufgefordert, uns ihre Einsch&auml;tzung zum Thema und weitere Beispiele einzusenden. Dem ist auch der Autor <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> gefolgt,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115681\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":114248,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,917],"tags":[797,690,2299],"class_list":["post-115681","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-bittner-wolfgang","tag-neusprech","tag-sprachkritik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/240422-Sprache.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115681","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=115681"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115681\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":116027,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115681\/revisions\/116027"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/114248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=115681"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=115681"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=115681"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}