{"id":115769,"date":"2024-05-27T09:00:42","date_gmt":"2024-05-27T07:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115769"},"modified":"2024-05-28T12:58:14","modified_gmt":"2024-05-28T10:58:14","slug":"wem-gehort-deutschland-zehn-vertane-jahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115769","title":{"rendered":"Wem geho\u0308rt Deutschland? Zehn vertane Jahre"},"content":{"rendered":"<p>Heute erscheint <strong>Jens Bergers<\/strong> neues Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/wem-gehoert-deutschland.html\">&bdquo;Wem geh&ouml;rt Deutschland&ldquo;<\/a> im Handel. Beim Buch handelt es sich um eine erg&auml;nzte und komplette &Uuml;berarbeitung des gleichnamigen Bestsellers, der vor genau zehn Jahren ver&ouml;ffentlicht wurde. Im heute exklusiv auf den NachDenkSeiten erscheinenden Vorwort zum Buch umrei&szlig;t Berger, was sich in diesen zehn Jahren ge&auml;ndert hat. Sein ern&uuml;chterndes Fazit: Chancen wurden vertan, die multiplen Krisen der letzten Jahre haben die Verm&ouml;gensschere noch einmal ge&ouml;ffnet &ndash; und das massiv. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1669\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-115769-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240527_Wem_gehoert_Deutschland_Zehn_vertane_Jahre_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240527_Wem_gehoert_Deutschland_Zehn_vertane_Jahre_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240527_Wem_gehoert_Deutschland_Zehn_vertane_Jahre_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240527_Wem_gehoert_Deutschland_Zehn_vertane_Jahre_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=115769-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240527_Wem_gehoert_Deutschland_Zehn_vertane_Jahre_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240527_Wem_gehoert_Deutschland_Zehn_vertane_Jahre_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als vor nunmehr zehn Jahren die erste Auflage von <em>Wem geho&#776;rt Deutschland? <\/em>in den Handel kam, betrat das Buch publizistisches Neuland, versuchte es doch, das komplexe und gesellschaftlich hoch-brisante Thema Vermo&#776;gensverteilung erstmals allgemeinversta&#776;ndlich einem gro&#776;&szlig;eren Publikum na&#776;herzubringen. Retrospektiv kann man wohl sagen, dass 2014 die Zeit fu&#776;r ein solches Buch war. Finanz- und Eurokrise offenbarten die ersten Risse im Kitt unseres Wirtschaftssystems, und europaweit setzte vor allem die politische Linke auf eine Ru&#776;ckabwicklung der neoliberalen Politik, die fu&#776;r das Auseinanderklaffen der Vermo&#776;gensschere verantwortlich zeichnet. Fu&#776;r kurze Zeit gab es wohl das, was man im Englischen als &raquo;Windows of opportunity&laquo; bezeichnet, also ein Zeitfenster, in dem die Politik, getrieben von der o&#776;ffentlichen Meinung, sinnvolle Reformen ha&#776;tte umsetzen ko&#776;nnen. <\/p><p>Dieses Zeitfenster hat sich wieder geschlossen. Sowohl in den gro&szlig;en Medien als auch in den sozialen Netzwerken rangiert das Thema Vermo&#776;gensverteilung heute wieder unter ferner liefen. Die gro&szlig;en Themen wie Corona oder Krieg und Frieden bestimmen die gesellschaftliche Debatte. Die politische Linke hat ihre Koordinaten verschoben und redet lieber u&#776;ber identita&#776;tspolitische Themen als u&#776;ber die Vermo&#776;gensverteilung. Der politische Wille, die Umverteilung von unten nach oben wieder umzukehren, ist &ndash; so scheint es &ndash; heute geringer denn je. Das ist erstaunlich, da das Problem in den vergangenen zehn Jahren nicht kleiner, sondern gro&#776;&szlig;er geworden ist. Global hat das letzte Jahrzehnt mit seinen multiplen Krisen zu einer noch dramatischeren Spreizung der Vermo&#776;gensschere gefu&#776;hrt. <\/p><p>Mehr als die Ha&#776;lfte des in den letzten zehn Jahren neu erwirtschafteten Vermo&#776;gens ging laut einer Studie der globalisierungskritischen NGO Oxfam auf die Konten des reichsten Prozents der Menschheit[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] &ndash; seit 2020 hat sich diese Entwicklung u&#776;brigens noch weiter forciert, und der Anteil ist seitdem auf fast zwei Drittel gestiegen. Von 100 US-Dollar Vermo&#776;gen, die in den letzten zehn Jahren erwirtschaftet wurden, gingen demnach 54,40 US-Dollar an das reichste Prozent, wa&#776;hrend die gesamte untere Ha&#776;lfte, also die a&#776;rmeren 50 Prozent der Weltbevo&#776;lkerung, gerade einmal 0,70 US-Dollar, also 0,7 Prozent des Vermo&#776;genszuwachses, fu&#776;r sich verbuchen konnten.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Die mittlerweile weltweit 2.640 Milliarda&#776;re konnten ihr Vermo&#776;gen in Summe in den vergangenen zehn Jahren verdoppeln. Ihr Vermo&#776;genszuwachs ist dabei fast sechsmal so hoch wie bei den a&#776;rmsten 50 Prozent zusammen. Ein paar Tausend Menschen am oberen Ende der Vermo&#776;gensskala haben also fast sechsmal so viel Vermo&#776;gen zugelegt wie die vier Milliarden Menschen am unteren Ende. <\/p><p>Und selbst diese Zahlen, die sich auf die letzten zehn Jahre beziehen, wurden seit Beginn der multiplen Krisen im Jahre 2020 noch einmal u&#776;bertroffen. In den Jahren 2020 bis 2022 hat sich das reichste Prozent der Bevo&#776;lkerung mit 26 Billionen US-Dollar ganze 63 Prozent des weltweiten Vermo&#776;genszuwachses angeeignet. 26 Billionen US-Dollar: Das sind 26 000 Milliarden oder 26 Millionen Millionen. Und wir sprechen hier nur u&#776;ber den Vermo&#776;genszuwachs, und das nur in drei Jahren. Fu&#776;r jeden einzigen seit 2020 neu erwirtschafteten US-Dollar, den ein Mensch, der zur unteren Ha&#776;lfte der globalen Vermo&#776;gensverteilung geho&#776;rt, gewonnen hat, hat gleichzeitig ein Milliarda&#776;r sein Vermo&#776;gen um 1,7 Millionen US-Dollar gesteigert.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Als ich vor zehn Jahren <em>Wem geho&#776;rt Deutschland? <\/em>schrieb, betrug das Gesamtvermo&#776;gen der in der <em>Forbes<\/em>-Liste vertretenen Milliarda&#776;re rund 7 Billionen US-Dollar. 2022 waren es 12,7 Billionen US-Dollar.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Insgesamt besitzt das reichste Prozent der Bevo&#776;lkerung heute 45,6 Prozent des weltweiten Vermo&#776;gens und die a&#776;rmere Ha&#776;lfte nur 0,75 Prozent. <\/p><p>Diese historisch ungerechte Vermo&#776;genskonzentration wurde durch die Krisenpolitik der Regierungen in den letzten Jahren verscha&#776;rft. O&#776;ffentliche Gelder wurden zum Abfedern der multiplen Krisen in die Wirtschaft gepumpt. Das ist im Prinzip richtig, um einen o&#776;konomischen Fla&#776;chenbrand zu verhindern. Jedoch vermied man wohlweislich, die daraus resultierenden Vermo&#776;gensgewinne, die beispielsweise durch einen Wertzuwachs von Anlageprodukten wie Aktien oder Immobilien entstanden, u&#776;ber eine progressive Besteuerung wieder abzuscho&#776;pfen. So landeten die Milliarden und Abermilliarden der weltweit aufgelegten steuerfinanzierten Rettungsschirme und Konjunkturprogramme am Ende der Wirtschaftskette als Vermo&#776;genszuwa&#776;chse bei den Reichsten der Reichen. Ha&#776;tte man dies verhindern wollen, was weder technisch noch rechtlich ein gro&szlig;es Problem gewesen wa&#776;re, ha&#776;tte man jedoch das System infrage stellen mu&#776;ssen. Und das wollte man nicht; sehr zur Freude der Reichen. <\/p><p>Extremer Reichtum nimmt weltweit schon seit Jahrzehnten zu. Immerhin gab es bis vor wenigen Jahren global noch den kleinen Lichtblick, dass die extreme Armut zumindest in kleinen Schritten zuru&#776;ckgegangen ist. Doch auch das hat sich 2020 erstmals seit mehreren Jahrzehnten wieder gea&#776;ndert: U&#776;ber 70 Millionen Menschen wurden auf der Welt zusa&#776;tzlich in die extreme Armut gedra&#776;ngt und mu&#776;ssen mit weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag auskommen. Dieser Trend wird sich die na&#776;chsten Jahre fortsetzen, da die gestiegenen Lebensmittel- und Energiekosten hauptsa&#776;chlich die A&#776;rmsten besonders hart treffen, geben sie doch etwa zwei Drittel ihres Einkommens fu&#776;r Lebensmittel aus. Das UN-Entwicklungsprogramm scha&#776;tzt, dass die steigende Inflation allein 2022 in den drei Monaten Ma&#776;rz bis Mai 71 Millionen Menschen in die Armut getrieben hat.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Was fu&#776;r die Welt gilt, gilt auch fu&#776;r Deutschland. Wo es gro&szlig;en Reichtum gibt, gibt es meist auch gro&szlig;e Armut. In der deutschen Nachkriegsgeschichte war beides vergleichsweise selten anzutreffen. Heute geho&#776;ren Reichtum und Armut zur gesellschaftlichen Normalita&#776;t. Wir haben offenbar akzeptiert, dass im o&#776;konomischen Bereich Darwins Lehre vom U&#776;berleben der Sta&#776;rksten wieder ihre Geltung hat &ndash; fressen oder gefressen werden. <\/p><p>Schon vor der Coronakrise hatte Deutschland im OECD-Vergleich mit die ho&#776;chste Ungleichheit bei privaten Vermo&#776;gen. Milliona&#776;re und Milliarda&#776;re besitzen hierzulande fast die Ha&#776;lfte des gesamten Privatvermo&#776;gens &ndash; dies sind 1,5 Prozent der Bevo&#776;lkerung. Den obersten 25 Prozent geho&#776;ren 89 Prozent des Vermo&#776;gens. Die untersten 50 Prozent der Bevo&#776;lkerung kommen zusammen auf gerade einmal 1,1 Prozent. Das Vermo&#776;gen der 226 wohlhabendsten deutschen Familien ist 15-mal so gro&szlig; wie das Vermo&#776;gen der unteren 40 Millionen Deutschen zusammen und ungefa&#776;hr so gro&szlig; wie das Vermo&#776;gen der unteren zwei Drittel. Heruntergebrochen auf eine hypothetische Gro&szlig;stadt mit 350 000 Einwohnern hie&szlig;e dies, dass ein einziger Reicher mehr als 15-mal so viel besitzt wie die Ha&#776;lfte der Stadt. So wu&#776;rde man sich 15-mal eine Gro&szlig;stadt im feudalistischen Mittelalter vorstellen &ndash; aber diese Zahlen stammen aus dem Jahre 2021. <\/p><p>Die multiplen Krisen der letzten Jahre haben Deutschland dementsprechend hart getroffen. In seinem <em>Armutsbericht 2022<\/em>[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] musste der Parita&#776;tische Wohlfahrtsverband vermelden, dass die Armutsquote im zweiten Pandemiejahr 2021 mit 16,9 Prozent einen neuen traurigen Ho&#776;chststand erreicht hatte. Innerhalb der zwei Coronajahre ist die Armutsquote damit um einen ganzen Prozentpunkt gestiegen. 2021 mussten demnach 14,1 Millionen Menschen in Deutschland zu den Armen gerechnet werden &ndash; 840 000 mehr als vor der Pandemie. Diese Zahlen stammen wohlgemerkt von 2021, also noch vor dem Preisschock im Jahr darauf, der die Armutsquote noch einmal deutlich nach oben getrieben haben du&#776;rfte. Ende 2022 meldeten die Tafeln,[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] dass mittlerweile zwei Millionen Menschen diese Einrichtung besuchen, 50 Prozent mehr als im Vorjahr. <\/p><p>Der Sparkassenverband scha&#776;tzte im August 2022,[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] dass schon bald bis zu 60 Prozent der deutschen Haushalte ihre gesamten verfu&#776;gbaren Einku&#776;nfte &ndash; oder mehr &ndash; fu&#776;r die reine Lebenshaltung einsetzen mu&#776;ssen. Noch 2021 habe dieser Wert bei &raquo;nur&laquo; 15 Prozent gelegen. Wer kein Geld sparen oder investieren kann, kann auch keine Vermo&#776;genswerte aufbauen. Wer dann auch noch seine Ru&#776;cklage anzapfen muss, wenn etwa das Auto kaputt ist oder eine neue Waschmaschine angeschafft werden muss, baut sein Vermo&#776;gen sogar ab. Die Armen werden a&#776;rmer. Und die Reichen? <\/p><p>Denen geht es besser denn je. Im Jahr 2021 stieg der Zahl der Milliona&#776;re in Deutschland laut dem <em>World Wealth Report <\/em>von Cap Gemini[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] um 6,4 Prozent auf mittlerweile rund 1,6 Millionen Menschen. Nach Analysen von Oxfam gingen 81 Prozent des 2021 und 2022 erwirtschafteten Vermo&#776;genszuwachses an das reichste Prozent. Die &raquo;unteren 99 Prozent&laquo; der Bevo&#776;lkerung mussten sich demnach mit 19 Prozent zufriedengeben &ndash; oder eben Vermo&#776;gen abbauen, wenn das Einkommen nicht mehr ausreicht, um die no&#776;tigen Kosten zu decken. Aktuell gibt es in Deutschland 117 Milliarda&#776;re, die auf ein Gesamtvermo&#776;gen von 528,3 Milliarden US-Dollar kommen. Die sechs reichsten unter ihnen besitzen mit 158,5 Milliarden US-Dollar in etwa so viel wie die untersten 40 Prozent der Bevo&#776;lkerung zusammen, also 34 Millionen Menschen. Und der Trend setzt sich fort. <\/p><p>Auch in Deutschland kam es &ndash; wie wir spa&#776;ter noch lesen werden &ndash; neben den schon als normal geltenden Vermo&#776;genszuwa&#776;chsen der finanziellen Oberschicht wa&#776;hrend der Coronakrise auch zu sagenhaften Vermo&#776;gensgewinnen, die nur wegen der Krise entstanden &ndash; so beispielsweise bei den Anteilseignern von Impfstoffherstellern und E-Commerce-Unternehmen, wa&#776;hrend vor allem die meist kleinen Unternehmen aus den Bereichen Gastronomie, Tourismus und Kultur vor die Hunde gingen. Die 2022 fo&#776;rmlich explodierenden Energiekosten haben auf der anderen Seite auch mit staatlichen Subventionen zu sagenhaften U&#776;bergewinnen bei den weltweit gro&#776;&szlig;ten Energie- und Lebensmittelkonzernen gefu&#776;hrt und ihre Anteilseigner reicher gemacht, wa&#776;hrend sowohl die normalen Haushalte als auch die kleinen Betriebe unter den gestiegenen Kosten a&#776;chzen. Dies ist eine Umverteilung von unten nach oben, wie sie im Buche steht. <\/p><p>Es ist so, als befa&#776;nden wir uns bei einem Ringkampf zwischen einer Ameise und einem Lo&#776;wen und seien dabei selbst die Ameise. Nur sehr selten hat das Vermo&#776;gen einer Person etwas mit ihrer wie auch immer definierten Leistungsfa&#776;higkeit zu tun. Vermo&#776;gen werden in Deutschland in der Regel nicht erarbeitet oder gar zusammengespart, sondern ererbt. Der Unterschied zwischen Arm und Reich entscheidet sich also meist beim Spermienlotto. In einer Gesellschaft, die in ihren Sonntagsreden stets so viel Wert auf Chancengleichheit legt, ist dies ein seltsam anmutender Anachronismus. <\/p><p>Umso erstaunlicher ist &ndash; auch zehn Jahre nach der Erstauflage dieses Buchs &ndash; das immer noch weitverbreitete Desinteresse am Thema Vermo&#776;gensverteilung. Hohe Vermo&#776;gen schweben schlie&szlig;lich nicht im luftleeren Raum &ndash; sie bedeuten stets auch Macht. Wer Vermo&#776;gen besitzt, hat auch den Hebel in der Hand, gesellschaftliche Vera&#776;nderungen anzusto&szlig;en und die politische Debatte zu lenken. Dafu&#776;r sorgen nicht zuletzt die zahlreichen Denkfabriken, die auffa&#776;llig oft von Familienstiftungen der Superreichen finanziert werden. <\/p><p>Die Spreizung der Vermo&#776;gensschere ist nicht vom Himmel gefallen. Im Gegenteil &ndash; diese Entwicklung ist in der Bundesrepublik vergleichsweise neu. Bis Mitte der 1990er-Jahre haben sich die Vermo&#776;gen der Bundesbu&#776;rger sogar immer mehr angeglichen. Erst seit diesem Zeitpunkt o&#776;ffnet sich die Vermo&#776;gensschere mit ungeahnter Geschwindigkeit, und die Krisen der letzten Jahre haben die Entwicklung weiter beschleunigt. Verantwortlich dafu&#776;r sind vor allem sogenannte Reformen der Politik: Mit einem bunten Reigen an Steuersenkungen und Steuervereinfachungen wurde die Steuerlast der Vermo&#776;genden systematisch heruntergeschraubt, wa&#776;hrend der Rest der Bevo&#776;lkerung durch ho&#776;here Steuern zusa&#776;tzlich belastet wurde. Seit 1997 verzichtet die Politik sogar freiwillig auf die Erhebung der Vermo&#776;genssteuer, die das deutsche Recht vorsieht. <\/p><p>Arbeitsmarktreformen haben dafu&#776;r gesorgt, dass ein Gro&szlig;teil der Bevo&#776;lkerung immer weniger frei verfu&#776;gbares Einkommen hat, mit dem er ein eigenes Vermo&#776;gen aufbauen kann. Privatisierungen der o&#776;ffentlichen Sozialsysteme haben dazu gefu&#776;hrt, dass selbst die vorhandenen Ersparnisse der Bevo&#776;lkerung zunehmend in Finanzprodukte gelenkt werden, von denen oft die Anbieter selbst am meisten profitieren. <\/p><p>Die in diesem Buch beschriebene Entwicklung war vorauszusehen &ndash; ja, sie war geplant. Die folgenden Kapitel sollen zeigen, wie weit diese Entwicklung bereits geht, an welchen Stellen sich die Vermo&#776;gensschere besonders stark o&#776;ffnet und welche Auswirkungen dies auf unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem hat. Dazu geho&#776;ren auch immer wieder historische Analysen: Wie konnte es so weit kommen, welche Akteure haben ein Interesse an einer Spreizung der Vermo&#776;gensschere, und warum hat die Politik sich nicht ausreichend zur Wehr gesetzt? <\/p><p>Und warum ist in den vergangenen Jahren seit Vero&#776;ffentlichung der ersten Ausgabe von <em>Wem geho&#776;rt Deutschland? <\/em>so wenig passiert? Dabei gab es Ende der 2010er-Jahre sogar Gru&#776;nde fu&#776;r geda&#776;mpften Optimismus. Es schien so, als sei die oft mit dem Begriff &raquo;Neoliberalismus&laquo; bezeichnete Politik so langsam auf dem Ru&#776;ckzug. Insbesondere die brummende Weltwirtschaft und der sich abzeichnende Mangel an qualifizierten Arbeitskra&#776;ften in bestimmten Branchen haben den einen oder anderen Entscheider zum Nachdenken angeregt. Doch dann kam Corona, und mit der Pandemie und den Ma&szlig;nahmen zu deren Einda&#776;mmung verschwand das Thema Vermo&#776;gensverteilung wieder vom Tableau. Und nach Corona waren es der Ukrainekrieg und die damit verbundenen Preissteigerungen, die Fragen und Antworten rund um die Vermo&#776;gensverteilung in Vergessenheit geraten lie&szlig;en. <\/p><p>Wem geho&#776;rt Deutschland? Die Beantwortung dieser Frage ist keinesfalls so einfach, wie sie auf den ersten Blick scheint. Deutschland wei&szlig; zwar fast alles u&#776;ber seine Armen, die statistisch gru&#776;ndlich durchleuchtet werden. U&#776;ber seine Reichen wei&szlig; Deutschland jedoch so gut wie nichts. Die Beho&#776;rden erfassen keine statistischen Daten zum Reichtum, sa&#776;mtliche Daten zu Vermo&#776;gensverha&#776;ltnissen sind Verschlusssache. Wer sich diesen Fragen na&#776;hern will, muss schon Detektivarbeit aufbringen und sich durch Studien und Daten fressen, die der O&#776;ffentlichkeit leider nicht immer bekannt sind. <\/p><p>Ziel dieses Buchs ist es, die Debatte u&#776;ber die Vermo&#776;gensverteilung wieder neu anzuregen und gleichzeitig zahlreiche Zahlen, Daten und Zusammenha&#776;nge versta&#776;ndlich aufzubereiten. Diese Debatte ist u&#776;berfa&#776;llig, das Problem dra&#776;ngt mehr denn je. Denn bei der faktisch vorhandenen Vermo&#776;gensungleichverteilung handelt es sich um weit mehr als ein reines Gerechtigkeitsproblem. Die Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, steuert mit steigender Ungleichverteilung bedrohlich auf die na&#776;chste Krise zu &ndash; und ob unsere Demokratie krisenfest ist, darf heute mehr denn je bezweifelt werden. Es steht also einiges auf dem Spiel, das weit u&#776;ber den informativen Charakter, wem denn nun Deutschland geho&#776;rt, hinausgeht. Man kann nur hoffen, dass die na&#776;chsten zehn Jahre nicht weitere vertane Jahre sind. Wenn dieses Buch dazu etwas beitragen kann, hat es seinen Sinn erfu&#776;llt. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/c8b6fdbed7bb4058b46f5a21077d8685\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Oxfam (2022): <em>Survival of the Richest. <\/em><em>Methodology note<\/em>, Punkt 1.0.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Ebenda Punkt 1.2.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Ebenda, Punkt 1.4.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Rob LaFranco, Chase Peterson-Withorn. Forbes World&rsquo;s Billionaires List: The Richest in 2023. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] United Nations Conference on Trade and Development (2022): &raquo;Global cost-ofliving crisis catalyzed by war in Ukraine sending tens of millions into poverty, warns UN Development Programme&laquo;.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Parita&#776;tischer Gesamtverband: <em>Armutsbericht 2022<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/themen\/sozial-und-europapolitik\/armut-und-grundsicherung\/armutsbericht-2022-aktualisiert\">der-paritaetische.de\/themen\/sozial-und-europapolitik\/armut-und-grundsicherung\/armutsbericht-2022-aktualisiert<\/a>. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] &raquo;Viel mehr Menschen nutzen Tafeln&laquo;, <em>Tagesschau<\/em>, 30. Dezember 2022, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/mehr-menschen-nutzen-tafeln-101.html\">tagesschau.de\/inland\/mehr-menschen-nutzen-tafeln-101.html<\/a>. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] &raquo;Sparkassen-Chef u&#776;ber Ru&#776;cklagen. Sechs von zehn Haushalten werden nichts mehr sparen ko&#776;nnen&laquo;, <em>ntv<\/em>, 21. August 2022, <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Sechs-von-zehn-Haushalten-werden-nichts-mehr-sparen-koennen-article23538003.html\">n-tv.de\/wirtschaft\/Sechs-von-zehn-Haushalten-werden-nichts-mehr-sparen-koennen-article23538003.html<\/a>. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Christian Siedenbiedel: &raquo;In Deutschland leben jetzt 1,6 Millionen Milliona&#776;re&laquo;, <em>FAZ<\/em>, 14. Juni 2022, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/zahl-der-millionaere-in-deutschland-ist-deutlich-gestiegen-18100060.html\">faz.net\/aktuell\/finanzen\/zahl-der-millionaere-in-deutschland-ist-deutlich-gestiegen-18100060.html<\/a>. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute erscheint <strong>Jens Bergers<\/strong> neues Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/wem-gehoert-deutschland.html\">&bdquo;Wem geh&ouml;rt Deutschland&ldquo;<\/a> im Handel. Beim Buch handelt es sich um eine erg&auml;nzte und komplette &Uuml;berarbeitung des gleichnamigen Bestsellers, der vor genau zehn Jahren ver&ouml;ffentlicht wurde. Im heute exklusiv auf den NachDenkSeiten erscheinenden Vorwort zum Buch umrei&szlig;t Berger, was sich in diesen zehn Jahren ge&auml;ndert hat. Sein ern&uuml;chterndes<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115769\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":115770,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,206,132,133],"tags":[881,2225,1337,312,687,291],"class_list":["post-115769","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-chancengerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wichtige-wirtschaftsdaten","tag-armut","tag-leistungsgerechtigkeit","tag-oligarchen","tag-reformpolitik","tag-ungleichheit","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/240527Buch-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=115769"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115769\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":115833,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/115769\/revisions\/115833"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/115770"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=115769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=115769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=115769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}