{"id":1158,"date":"2006-06-09T16:53:10","date_gmt":"2006-06-09T14:53:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1158"},"modified":"2016-02-06T10:38:54","modified_gmt":"2016-02-06T09:38:54","slug":"denkfehler-18-inflation-ist-unsozial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1158","title":{"rendered":"Denkfehler 18: \u00bbInflation ist unsozial.\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller. Auszug aus &bdquo;Die Reforml&uuml;ge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&ldquo; Seiten 216ff.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Variationen zum Thema:<\/strong><\/p><ul>\n<li>&raquo;Preissteigerungen schaden den Sparern, den Rentnern, den Arbeitnehmern.&laquo;<\/li>\n<li>&raquo;5 Prozent Preissteigerung seien leichter zu ertragen als 5 Prozent Arbeitslosigkeit &ndash; ein fataler Irrtum.&laquo;<\/li>\n<\/ul><p>Freunde, die es gut meinen, haben mir davon abgeraten, dieses Thema zu behandeln. Man k&ouml;nne &uuml;ber diese sensible Frage nicht rational diskutieren. Die Deutschen h&auml;tten beim Thema Inflation eine fast traumatische Erinnerung. Ich respektiere diese Gef&uuml;hle, aber ich will dennoch zu erl&auml;utern versuchen, warum der damalige Superminister Helmut Schmidt recht hatte, als er 1972 meinte, das deutsche Volk k&ouml;nne 5 Prozent Preissteigerung besser vertragen als 5 Prozent Arbeitslosigkeit.<\/p><p>Da die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland rational jedoch nur schwer zu f&uuml;hren ist, will ich ein paar S&auml;tze vorausschicken:<\/p><p>Ich bin f&uuml;r Preisstabilit&auml;t und daf&uuml;r, alles zu tun, um nicht in eine inflation&auml;re Entwicklung abzugleiten. Wenn ich hier dennoch daf&uuml;r pl&auml;diere, eine leichte Preissteigerung gegen die realen Folgen hoher Arbeitslosigkeit, der Unterbesch&auml;ftigung und des Zusammenbruchs vieler selbst&auml;ndiger Existenzen abzuw&auml;gen, dann nicht aus Leichtfertigkeit. Wenn Hunderttausende junger Menschen &uuml;ber l&auml;ngere Zeit keine Arbeit finden, dann ist diese Situation auf Dauer nicht tragbar. Wenn F&uuml;nfundvierzigj&auml;hrige und F&uuml;nfzigj&auml;hrige und F&uuml;nfundf&uuml;nfzigj&auml;hrige keine Chance mehr sehen, eine neue Stelle zu finden, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren, dann hat das gravierende reale Folgen. Diese Folgen vor Augen, kann man einfach nicht daran vorbei, &uuml;ber alle Wege nachzudenken, um diesen Zustand zu &auml;ndern oder abzumildern.<\/p><p>Das war im &uuml;brigen genau der historische Hintergrund der &Auml;u&szlig;erung von Helmut Schmidt. Die damalige Regierung stand unter massivem Druck; es wurden mit einer Riesenpropaganda &ndash; zum Beispiel mit Anzeigen von einem brennenden Hundertmarkschein &ndash; &Auml;ngste vor der Inflation gesch&uuml;rt. In dieser Situation gab Helmut Schmidt den Rat, abzuw&auml;gen zwischen den verschiedenen Zielen der Wirtschaftspolitik. Zu dieser Abw&auml;gung ist die Bundesregierung verpflichtet.<\/p><p>Diesen Rat zur Abw&auml;gung zu geben hei&szlig;t nicht, f&uuml;r Inflation zu sein. Es hei&szlig;t nur, im konkreten Fall die Frage zu stellen: H&auml;tten wir die Chance, mit der bedr&uuml;ckenden Arbeitslosigkeit und der Unterbesch&auml;ftigung unserer Volkswirtschaft besser fertigzuwerden, wenn wir in Kauf n&auml;hmen, dass die Preise auch einmal um 3 oder 4 Prozent steigen, wenn die Wirtschaft endlich boomt? Oder m&uuml;ssen wir das Preissteigerungsziel der Europ&auml;ischen Zentralbank von weniger als 2 Prozent auf Teufel komm raus einhalten? Auch dann, wenn unsere Wirtschaft dadurch gel&auml;hmt wird? Auch dann, wenn auf diese Weise zarte Pfl&auml;nzchen konjunktureller Belebung zertreten werden? Diese Fragen zu stellen ist nach der Erfahrung der letzten zwanzig Jahre berechtigt. Schlie&szlig;lich wurde beispielsweise der Einigungsboom aus Sorge um die Preissteigerung abgebrochen &ndash; mit bitteren Folgen f&uuml;r viele Menschen. Damals setzte sich die Bundesbank mit ihrer eindimensionalen Ausrichtung auf die Preisstabilit&auml;t durch und erh&ouml;hte massiv die Zinsen, von 2,9 Prozent im Jahr 1988 auf 8,75 Prozent Diskontsatz (1992). Die Folge waren riesige Verluste wegen nicht ausgenutzter Produktionskapazit&auml;ten und hoher Arbeitslosigkeit &ndash; mit allen Konsequenzen f&uuml;r den Anstieg der Schulden und mit Beitragssatzerh&ouml;hungen in den sozialen Sicherungssystemen von 35,5 Prozent 1990 auf 42 Prozent 1998 (siehe auch Denkfehler Nr. 30, S. XXX).<\/p><p>Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen ist es berechtigt, wenigstens die Frage zu stellen, ob eine leichte Preissteigerung nicht eine Art von Schmiermittel f&uuml;r die wirtschaftliche Belebung und auch f&uuml;r die wirtschaftliche Umstrukturierung sein k&ouml;nnte, mit dessen Hilfe wir eine bessere Auslastung unserer Kapazit&auml;ten erreichen k&ouml;nnen.<\/p><p>Man muss auch offen dar&uuml;ber sprechen d&uuml;rfen, welche Folgen eine etwas h&ouml;here Preissteigerung f&uuml;r die reale Lage der Menschen hat. Es macht ja keinen Sinn, nur die nominellen Zahlen zu betrachten. Die Vergangenheit zeigt, dass h&auml;ufig dann, wenn die Preissteigerungen etwas h&ouml;her waren, auch die Zinsen h&ouml;her waren; die Lohnzuw&auml;chse fielen ebenfalls h&ouml;her aus und damit stiegen auch die Renten.<\/p><p>Wenn man den Geldschleier wegzieht, wie die &Ouml;konomen sagen, dann entdeckt man, dass die reale Lage der Menschen mit etwas h&ouml;heren Preissteigerungen nicht schlechter ist als ohne sie. Zieht man von einem nominellen Zins von 7 Prozent die Preissteigerung von 4 Prozent abzieht, dann bleiben immer noch 3 Prozent real &uuml;brig. 3 Prozent real, das erreichen heute nicht viele Sparer. Und wenn man von einer Rentensteigerung von 5 Prozent die 4 Prozent Preissteigerung abzieht, dann bleibt immer noch soviel wie heute. Das gleiche gilt f&uuml;r die L&ouml;hne.<\/p><p>Wenn man die Situation von Lohnbeziehern, Konsumenten, Rentnern und Sparern so betrachtet, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass wegen der Erleichterung des strukturellen Wandels, wegen der besseren Auslastung der Kapazit&auml;ten und wegen geringerer Arbeitslosigkeit die Hinnahme von etwas h&ouml;heren Preissteigerungen durchaus akzeptabel ist.<\/p><p>Um es noch einmal zu sagen: Niemand pl&auml;diert f&uuml;r Inflation und f&uuml;r Preissteigerungen. Es geht nur darum, um der realen Vorteile willen notfalls auch einen leichten Preisanstieg hinzunehmen, weniger rigoros zu sein und dem Bewegungsdrang der &Ouml;konomie etwas Raum zu geben.<\/p><p>Wenn wir gelernt haben, statt in Geldgr&ouml;&szlig;en in realen Gr&ouml;&szlig;en zu denken, dann interessieren uns bei diesem Thema nur die Antworten auf folgende Fragen:<\/p><ul>\n<li>Welche realen Folgen haben etwas h&ouml;here Preissteigerungen f&uuml;r die Auslastung unserer Kapazit&auml;ten, f&uuml;r die Arbeitslosigkeit, f&uuml;r den strukturellen Wandel und f&uuml;r die Insolvenzen? Wenn in diese Gr&ouml;&szlig;en positive Bewegung kommt, dann gibt es schon einmal ein positives Vorurteil.<\/li>\n<li>Was bleibt nach Abzug der Preissteigerungen von den Nominall&ouml;hnen &uuml;brig?<\/li>\n<li>Was bleibt nach Abzug von Preissteigerungen von den Nominalzinsen an realem Zins &uuml;brig?<\/li>\n<li>Wie steht es um die reale Rentenentwicklung?<\/li>\n<li>Ganz wichtig: Was muss man tun, um die Lage im Griff zu behalten, damit aus Preissteigerungen keine galoppierenden inflation&auml;ren Entwicklungen folgen?<\/li>\n<\/ul><p>Wie so oft, sind wir in Deutschland auch bei diesem Thema zur Zeit nicht zu einer n&uuml;chternen rationalen Abw&auml;gung in der Lage. Die Debatte ist voller Vorurteile, Klischees und Stereotypen. Dagegen hilft nur, sich die Fakten anzusehen: die Entwicklung der Preise f&uuml;r die Lebenshaltung, des realen Wachstums, der Reall&ouml;hne und der Realzinsen f&uuml;r Spareinlagen (siehe die Abbildungen 7 und 8 sowie die Tabelle A10 im Anhang, S. XXX).<\/p><p><em>Abbildung 7: Reallohn, Inflation und Wirtschaftswachstum<\/em><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/060609_01.gif\" alt=\"Abbildung 7\" title=\"\"><\/p><p class=\"reference\">Quelle: Bundesministerium f&uuml;r Gesundheit und soziale Sicherung (Hrsg.): Statistisches Taschenbuch 2003, Arbeits- und Sozialstatistik, Bonn 2003, 1.2, 1.13, 9,16<\/p><p>Abbildung 7 und in die Tabelle A10 im Anhang zeigen eindrucksvoll, dass die siebziger Jahre f&uuml;r die Bezieher von Lohneinkommen nicht nur nominal, sondern auch real insgesamt sehr erfolgreich waren und dass auch das reale Bruttoinlandsprodukt damals beachtlich gewachsen ist, jedenfalls deutlich mehr als in den darauffolgenden beiden Jahrzehnten.<\/p><p><em>Abbildung 8: Realzins, Inflation und Wirtschaftswachstum<\/em><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/060609_02.gif\" alt=\"Abbildung 8\" title=\"\"><\/p><p class=\"reference\">Quelle: Bundesministerium f&uuml;r Gesundheit und Soziale Sicherung (Hrsg.): Statistisches Taschenbuch 2003, Arbeits- und Sozialstatistik, Bonn 2003, 1.2. und 9.16; Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.): Staatsfinanzen konsolidieren &ndash; Steuersystem reformieren, Jahresgutachten 2003\/04, Berlin 2003, S. 575<\/p><p>Wir stellen weiter fest, wie Abbildung 8 zeigt, dass es negative Realzinsen f&uuml;r Spareinlagen sowohl in Perioden hoher Preissteigerungsraten &ndash; wie etwa zwischen 1971 und 75 &ndash; gab, wie auch in Phasen der Stagnation, etwa 1981\/82\/83 oder auch anfangs der neunziger Jahre und zu Anfang dieses Jahrhunderts, als wir bei geringen Preissteigerungsraten von 2 Prozent, von 2,5 Prozent und von 1,4 Prozent jeweils negative Realzinsen zu verzeichnen hatten. In dieser Phase lagen schon die Nominalzinsen kaum h&ouml;her als 1 Prozent. Die Sparer haben also sowohl in Zeiten steigender als auch in Zeiten stabiler Preise gelitten.<\/p><p>Wir stellen in beiden Grafiken fest, dass die Parallelit&auml;t zwischen relativ hohen Preissteigerungsraten und hohen realen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts bemerkenswert ist. Das ist verst&auml;ndlich: In einer Volkswirtschaft, die von einer aktiven und hohen Nachfrage gepr&auml;gt ist, werden vergleichsweise viele Ressourcen und Kapazit&auml;ten ausgenutzt und deshalb wird real viel produziert und geleistet; zugleich besteht wegen dieser lebendigen Nachfrage eine Tendenz zu h&ouml;heren Preissteigerungsraten. Wenn man dies hinnimmt, gewinnt man in der Regel: Millionen von Menschen &ndash; Arbeitnehmer und Unternehmer, Rentner und Sparer &ndash; gewinnen real.<\/p><p>Umgekehrt gilt: Seit 1992 nutzen wir unsere Kapazit&auml;ten nicht, weil unsere Geld- und Finanzpolitiker meinen, die Preise dr&uuml;cken zu m&uuml;ssen. Das haben sie geschafft &ndash; von 4 Prozent im Jahr 1992 auf 0,6 Prozent 1999. Aber es ist ein Pyrrhussieg, denn diese Kur hat uns sch&auml;tzungsweise 1,5 Billionen Euro realen Wohlstand gekostet und Millionen von Menschen in reale Existenzn&ouml;te gebracht.<\/p><p>Man sieht: bei der Er&ouml;rterung dieses Themas geht es nicht um graue Theorie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller. 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