{"id":115873,"date":"2024-05-29T10:00:58","date_gmt":"2024-05-29T08:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115873"},"modified":"2024-05-29T10:49:45","modified_gmt":"2024-05-29T08:49:45","slug":"fussball-em-kriegstauglichkeitsuebung-als-sommermaerchen-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115873","title":{"rendered":"Fu\u00dfball-EM: Kriegstauglichkeits\u00fcbung als \u201eSommerm\u00e4rchen 2.0\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Den Karneval der Kulturen an Pfingsten mit bis zu einer Million Besuchern beim gro&szlig;en Umzug und dem viert&auml;gigen Stra&szlig;enfest hat Berlin einigerma&szlig;en glimpflich &uuml;berstanden. Und das gro&szlig;e &bdquo;Fest der Demokratie&ldquo; anl&auml;sslich des 75. Geburtstages des Grundgesetzes, bei dem der gesamte Bereich zwischen Brandenburger Tor, Bundestag, Hauptbahnhof, Schloss Bellevue und Kanzleramt zu einer engmaschig &uuml;berwachten Sicherheitszone wurde, ist jetzt auch vorbei. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDoch Zeit zum Durchatmen ist einem in der Party-Overkill-Hauptstadt Berlin nicht verg&ouml;nnt, denn jetzt sind alle Blicke auf das bevorstehende &bdquo;Sommerm&auml;rchen 2.0&ldquo; gerichtet. Gemeint ist damit die Neuauflage der erst im Nachgang als &bdquo;Sommerm&auml;rchen&ldquo; bezeichneten gro&szlig;en Sause rund um die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft 2006, bei der Berlin der am st&auml;rksten von Besuchern aus aller Welt frequentierte Spielort in Deutschland war. Tats&auml;chlich pr&auml;sentierte sich die Hauptstadt seinerzeit ungewohnt locker, fr&ouml;hlich und entspannt. Dass die Vergabe dieses Mega-Events nach Deutschland auf massiver Korruption beruhte, wurde zwar bereits damals gemunkelt, aber verifiziert wurde das erst wesentlich sp&auml;ter. Gest&ouml;rt h&auml;tte es wohl ohnehin kaum jemanden, weil sowas im milliardenschweren Profisport-Zirkus halt vollkommen normal ist.<\/p><p>Von einem &bdquo;fr&ouml;hlichen Fest&ldquo;, bei dem sich Berlin &bdquo;Menschen aus aller Welt von seiner besten Seite&ldquo; zeigen werde, kann diesmal jedoch wohl kaum die Rede sein. Wer in den vergangenen Tagen Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und ihrer Polizeipr&auml;sidentin Barbara Slowik lauschte, k&ouml;nnte eher den Eindruck gewonnen haben, dass der Hauptstadt ein verheerender Angriff droht. Die Rede war von &bdquo;Bedrohungslagen&ldquo;, von Urlaubssperren f&uuml;r Sicherheitskr&auml;fte und Feuerwehrleute, von schwerem Blockadeger&auml;t gegen feindliche Angriffe und gar von der Beschaffung spezieller Technik gegen Drohnenangriffe und Vorbereitungen auf m&ouml;gliche Attacken mit biologischen, chemischen und nuklearen Kampfstoffen.<\/p><p>Entsprechende &Uuml;bungen h&auml;tten bereits stattgefunden, und auch neue Kapazit&auml;ten f&uuml;r Gesichtserkennung im &ouml;ffentlichen Raum, die Verfolgung von Fluchtfahrzeugen sowie die Dekontamination und Versorgung von Anschlagsopfern seien angeschafft worden und einsatzbereit. Zwar, so r&auml;umte Spranger ein, k&ouml;nne es &bdquo;hundertprozentige Sicherheit nicht geben&ldquo;, aber man st&uuml;nde &bdquo;in engem Austausch mit dem Verfassungsschutz und ausl&auml;ndischen Geheimdiensten, um die Sicherheit zu gew&auml;hrleisten&ldquo;. Wichtig sei aber trotz allem, sich &bdquo;keinesfalls die Vorfreude nehmen zu lassen&ldquo;, betonte Slowik.<\/p><p>Auch Innenministerin Nancy Faeser (SPD) sieht die Fu&szlig;balleuropameisterschaft, die au&szlig;er in Berlin noch in neun weiteren St&auml;dten ausgetragen werden soll, in erster Linie als &bdquo;riesige Sicherheitsherausforderung&ldquo;. Rund um alle Stadien werden Sonderzonen eingerichtet, mit Checkpoints noch weit vor den Eing&auml;ngen und Einfahrverboten (au&szlig;er f&uuml;r Anlieger). An allen Au&szlig;engrenzen gibt es vor und w&auml;hrend der EM wieder Personenkontrollen, also nicht nur wie ohnehin schon an den Grenzen zu Polen und Tschechien. Bundespolizei und Polizisten aus allen 24 Teilnehmerl&auml;ndern werden im Einsatz sein, ferner gebe es einen &bdquo;engen Austausch mit ausl&auml;ndischen Sicherheitsbeh&ouml;rden&ldquo;.<\/p><p>Dazu passt, dass seit rund einem Monat <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/terrorismus\/id_100403124\/em-2024-is-ableger-ispk-ruft-zu-anschlaegen-in-einigen-staedten-auf.html\">Meldungen<\/a> &ndash; man k&ouml;nnte meinen, wie bestellt &ndash; durch die Medien wabern, laut denen ein afghanischer Ableger der Terrormiliz IS namens ISPK ihre Anh&auml;nger in Deutschland zu Anschl&auml;gen w&auml;hrend der EM aufruft, und zwar konkret auf die Stadien in Berlin, M&uuml;nchen und Dortmund. Die Gruppe soll unter anderem f&uuml;r den Anschlag auf eine Musikhalle in Moskau verantwortlich sein, bei dem im M&auml;rz 140 Menschen get&ouml;tet wurden. Es sei ferner zu bef&uuml;rchten, &bdquo;dass auch andere Terrororganisationen wie Al-Qaida &uuml;ber ihre PR-Kan&auml;le f&uuml;r eine Anschlagsoffensive agitieren werden&ldquo;, wird ein Staatsschutzbeamter im <em>Focus<\/em> zitiert.<\/p><p><strong>Milliardenspektakel f&uuml;r ein paar Wochen gute Laune<\/strong><\/p><p>So richtig nach &bdquo;Sommerm&auml;rchen&ldquo; klingt das alles irgendwie nicht. Aber man scheut weder Kosten noch M&uuml;he, um die Stimmung ein bisschen aufzuhellen. In Berlin wird eine riesige Fanmeile f&uuml;r bis zu 130.000 Besucher pro Tag geschaffen, f&uuml;r die vor dem Brandenburger Tor sogar extra 24.000 Quadratmeter Kunstrasen verlegt wurden. Vor dem Tor wird ein &uuml;berdimensionales Fu&szlig;balltor aufgebaut (64 x 26 Meter), in das f&uuml;r Live-&Uuml;bertragungen der Spiele eine Leinwand eingeh&auml;ngt wird. Eine weitere gro&szlig;e Fanmeile gibt es vor dem Reichstag. F&uuml;r Rundumbespa&szlig;ung ist auch gesorgt, wenn gerade keine Spiele laufen. Geplant sind zahlreiche Konzerte, DJ-Sets, Tanzperformances, Lesungen, Ausstellungen und ein Sommerkino mit Fu&szlig;ballfilmen, insgesamt allein auf den beiden gro&szlig;en Fanmeilen 250 Stunden Programm. Dazu kommen noch etliche dezentrale Veranstaltungen, und wie es sich f&uuml;r eine &bdquo;weltoffene, tolerante Stadt&ldquo; geh&ouml;rt, wird es mit dem &bdquo;Pride House Berlin&ldquo; eine spezielle Anlaufstelle mit Public Viewing f&uuml;r queere Fans geben.<\/p><p>Dabei geht es eigentlich nur um ein Fu&szlig;ballturnier, bei dem zwischen dem 14. Juni und 14. Juli 2024 Mannschaften zun&auml;chst in Vorrundengruppen und dann &uuml;ber Achtel-, Viertel- und Halbfinale schlie&szlig;lich die Finalisten und dann den Sieger ermitteln. Insgesamt gibt es 51 Spiele an zehn Spielorten, in Berlin finden sechs Spiele statt, darunter das Finale. Aber es ist eben nicht nur einfach ein Fu&szlig;ballturnier, sondern vor allem eine gigantische Geldmaschine. Der europ&auml;ische Fu&szlig;ballverband UEFA erwartet als Ausrichter <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/euro-2024-gelder-uefa-100.html\">Einnahmen<\/a> in H&ouml;he von 2,4 Milliarden Euro und einen weitgehend steuerfreien Gewinn von 1,7 Milliarden Euro durch das Turnier, vor allem durch Sponsoren und den Verkauf von Merchandising-Lizenzen, Werbe- und &Uuml;bertragungsrechten sowie die Erl&ouml;se aus dem Verkauf der Eintrittskarten f&uuml;r die Spiele. Die rund 2,7 Millionen Tickets (zu Preisen zwischen 30 und 1.000 Euro, je nach Kategorie und Turnierphase) sind schon seit einiger Zeit ausverkauft, die Nachfrage &uuml;berstieg deutlich das Angebot.<\/p><p>Auch Hoteliers und Gastronomen erwarten einen sehr kr&auml;ftigen Geldregen, zumal sie ihre Preise w&auml;hrend der EM &bdquo;anpassen&ldquo; werden. Den Steuerzahler kostet das Spektakel rund 650 Millionen Euro, verteilt auf Bund, L&auml;nder und Kommunen. Allein Berlin als &bdquo;EM-Hauptstadt&ldquo; rechnet mit Kosten von &uuml;ber 80 Millionen Euro. F&uuml;rs Volk gibt es immerhin einige neue Trinkwasserbrunnen in der Stadt, die auch nach der EM in Betrieb bleiben sollen. Und der Kunstrasen soll anschlie&szlig;end f&uuml;r Schulh&ouml;fe, Spiel- und Sportpl&auml;tze in der ganzen Stadt eingesetzt werden &ndash; nachhaltig halt.<\/p><p>Zum anderen sind derartige Events ein erprobtes Mittel zur tempor&auml;ren Schaffung einer gro&szlig;en, quasi klassenlosen Volksgemeinschaft, vor allem in einem fu&szlig;ballverr&uuml;ckten Land wie Deutschland. Oder, wie es Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) formulierte: &bdquo;Ob Arzt oder Handwerker &ndash; es geht nur darum, dass der Funke &uuml;berspringt.&ldquo; Doch was passiert eigentlich, wenn Deutschland wieder fr&uuml;hzeitig ausscheidet, wie es in den vergangenen zehn Jahren bei gro&szlig;en Turnieren stets &uuml;blich war?<\/p><p>Die Angst vor diesem stimmungsm&auml;&szlig;igen Super-GAU d&uuml;rfte bei den Verantwortlichen und auch bei Politikern &auml;hnlich gro&szlig; sein wie die Angst vor einem irgendwie gearteten Terroranschlag w&auml;hrend der EM. Kollektive Depression statt Euphoriewelle w&auml;re nun das Allerletzte, was die Bundesregierung in dem gesellschaftlich und &ouml;konomisch eh stark angeschlagenen Land jetzt gebrauchen k&ouml;nnte. Auf der Habenseite blieben dann au&szlig;er den neuen Trinkwasserbrunnen in einigen St&auml;dten nur die wertvollen Erfahrungen bei der Vorbereitung auf kriegerische oder b&uuml;rgerkriegs&auml;hnliche Auseinandersetzungen.<\/p><p><small>Titelbild: Animaflora PicsStock\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Karneval der Kulturen an Pfingsten mit bis zu einer Million Besuchern beim gro&szlig;en Umzug und dem viert&auml;gigen Stra&szlig;enfest hat Berlin einigerma&szlig;en glimpflich &uuml;berstanden. Und das gro&szlig;e &bdquo;Fest der Demokratie&ldquo; anl&auml;sslich des 75. 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