{"id":11593,"date":"2011-12-14T08:38:52","date_gmt":"2011-12-14T07:38:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11593"},"modified":"2015-01-01T10:00:43","modified_gmt":"2015-01-01T09:00:43","slug":"sigmar-gabriels-intellektueller-offenbarungseid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11593","title":{"rendered":"Sigmar Gabriels intellektueller Offenbarungseid"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon ein kleines Kunstst&uuml;ck, sich selbst in einem zweiseitigen Aufsatz in gleich mehreren Kernpunkten zu widersprechen. Dieses kleine Kunstst&uuml;ck ist dem SPD-Vorsitzenden Gabriel in seinem uns&auml;glichen <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/kapitalismus\/eurokrise-was-wir-europa-wirklich-schulden-11560106.html\">Debattenbeitrag<\/a> im FAZ-Feuilleton gelungen, den <a href=\"\/?p=11585\">Albrecht M&uuml;ller bereits gestern kommentiert hat<\/a>. Mehr noch &ndash; Gabriel widerspricht sich nicht nur selbst, sondern auch dem erst letzte Woche verabschiedeten Positionspapier der rot-gr&uuml;nen Schattenregierung, das er h&ouml;chstpers&ouml;nlich mitunterzeichnet hat. All dies w&auml;re eigentlich nur ein weiteres Indiz f&uuml;r den maroden Zustand der SPD, ginge es dabei nicht um so elementare Fragen wie die &ouml;konomische und politische Zukunft Deutschlands und Europas. Wenn man sich die k&uuml;nftigen potentiellen Regierungskoalitionen anschaut, kann einem da nur angst und bange werden. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Si tacuisses, philosophus mansisses&ldquo; (H&auml;ttest Du geschwiegen, h&auml;tte man Dich weiterhin f&uuml;r einen Philosophen gehalten) &ndash; selten traf dieser bekannte Aphorismus so sehr ins Schwarze wie bei Sigmar Gabriels verungl&uuml;cktem Versuch, sich in die vielfach gelobte <a href=\"\/?p=11564\">Debatte des FAZ-Feuilletons<\/a> einzumischen und dabei indirekt mit den Federn seiner Vorredner zu schm&uuml;cken. Gabriel besitzt sogar die Chuzpe, sich gleich in der Einleitung auf den Philosophen Habermas zu berufen und dessen aufr&uuml;ttelnden <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/euro-krise-rettet-die-wuerde-der-demokratie-11517735.html\">Weckruf zur Verteidigung der Demokratie<\/a> inhaltlich weiterzuf&uuml;hren. Was Gabriel in seinem Aufsatz schreibt, l&auml;sst jedoch vermuten, dass er Habermas nicht einmal im Ansatz verstanden hat. Kritisiert Habermas die Erpressung der Politik durch die Finanzm&auml;rkte, erdreistet sich Gabriel, exakt diese Erpressung zum Kernelement seiner Argumentation zu machen, indem er fordert, dass &bdquo;den M&auml;rkten das Vertrauen in die Verl&auml;sslichkeit und den Willen zum gemeinschaftlichen Handeln in der W&auml;hrungsunion zur&uuml;ckgegeben&ldquo; werden m&uuml;sse. Dies klingt nicht ganz so plump wie Angela Merkels Forderung nach einer &bdquo;marktkonformen Demokratie&ldquo;, bedeutet im Kern aber nichts anderes, n&auml;mlich die Finanzm&auml;rkte zum eigentlichen Souver&auml;n der Politik zu machen. <\/p><p>W&auml;hrend Sigmar Gabriel in einigen Passagen seines Aufsatzes fordert, dass sich die Politik an den Interessen der M&auml;rkte zu orientieren habe, widerspricht er sich wiederum in anderen Passagen selbst, in dem er das exakte Gegenteil fordert. Die hohe Kunst des &bdquo;Von-sich-selbst-Distanzierens&ldquo; beherrscht offenbar <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/eklat-um-rede-oettinger-distanziert-sich-von-sich-selbst-1.779647\">nicht nur G&uuml;nther Oettinger<\/a>, sondern auch Sigmar Gabriel &ndash; und dies in Perfektion. W&auml;hrend er an einer Stelle nationale Alleing&auml;nge als Hauptursache der Eurokrise auszumachen glaubt, kritisiert er an einer Stelle die deutsche Regierung, dass sie in den jetzigen &bdquo;guten Zeiten&ldquo;(sic!) nicht die Staatsverschuldung durch weitere Sparprogramme abbaut. Offenbar geht auch Sigmar Gabriel &ouml;konomischer Sachverstand nicht &uuml;ber das Modell der Schw&auml;bischen Hausfrau hinaus. Wer soll denn bitte in einer Zeit, in der jeder ernstzunehmende &Ouml;konom vor einer kommenden Rezession in der Eurozone warnt, f&uuml;r einen Wachstumsimpuls sorgen, der die schlimmsten Folgen vielleicht noch abfedern k&ouml;nnte, wenn nicht das wirtschaftlich st&auml;rkste Mitgliedsland, das in der Tat das einzige Euroland ist, welches &uuml;berhaupt noch einen nennenswerten Spielraum hat, um gegen die Krise anzuk&auml;mpfen. Der Privatsektor ist durch jahrelange Lohnzur&uuml;ckhaltung nicht in der Lage, Wachstumsimpulse zu generieren, die Wirtschaft h&auml;lt sich in einem derart unsicheren und investitionsfeindlichen Klima ebenfalls zur&uuml;ck. Wer, wenn nicht der Staat, soll auf das Gaspedal dr&uuml;cken, um den auf einem Bahn&uuml;bergang stehengebliebenen Wagen von den Gleisen zu bekommen? Der Zug naht bereits und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er rechtzeitig zum Stehen kommen k&ouml;nnte. <\/p><p>Wie kommt Sigmar Gabriel eigentlich auf die Idee, sich ohne Not und erkennbaren Grund, ausgerechnet als besserer Sparer von Angela Merkel abheben zu wollen? Wenn Gabriel Merkel wegen ihrer verengten Sichtweise, die jegliche Interaktion der nationalen Volkswirtschaften ausblendet, kritisiert, ist ihm nur schwerlich zu widersprechen. Wie glaubhaft k&ouml;nnen solche wohlfeilen Oppositionsreden jedoch sein, wenn er selbst genau die verengte Sichtweise an den Tag legt, die er bei Merkel kritisiert?<\/p><p>Andere Kritikpunkte an Gabriels Aufsatz hat Albrecht M&uuml;ller gestern schon <a href=\"\/?p=11585\">zusammengetragen<\/a>. Hinzuzuf&uuml;gen w&auml;re noch, dass Sigmar Gabriel sich in seinem Aufsatz auch in mehreren Punkten sehr deutlich den Forderungen eines zusammen mit den Gr&uuml;nen und Peter Bofinger erarbeiteten <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/2.220\/punkte-gegen-merkels-krisenstrategie-spd-und-gruene-attackieren-die-kanzlerin-1.1229829\">Positionspapier<\/a> widerspricht. Weist das Papier ganz explizit darauf hin, dass die &bdquo;einseitige Diagnose&ldquo;, nach der die Eurokrise &bdquo;ausschlie&szlig;lich auf eine unkontrollierte Verschuldung der Staaten&ldquo; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei und dadurch gel&ouml;st werden k&ouml;nne, dass &bdquo;sich alle Staaten konsequent darum bem&uuml;hen, die Verschuldung so schnell wie m&ouml;glich abzubauen&ldquo;, das &bdquo;Grundproblem der deutschen Strategie&ldquo; sei, kommt man nicht darum herum, Gabriels Aufsatz als Kampfschrift gegen diese Aussage zu interpretieren. Gabriel macht in seinem FAZ-Aufsatz ja noch nicht einmal den Versuch, sich von dieser &bdquo;einseitigen Diagnose&ldquo; zu distanzieren. Im Gegenteil, sein Aufsatz ist vielmehr exakt das, was die Autoren des gemeinsames Positionspapier als intellektuelles Grundproblem brandmarken. <\/p><p>Auch in weiteren Punkten widerspricht der SPD-Vorsitzende dem gemeinsamen Positionspapier von SPD und Gr&uuml;nen diametral. Das Papier sieht in der Reaktion mit nationalen Sparprogrammen eine &bdquo;der wichtigen Ursache der Krise&ldquo;, w&auml;hrend Gabriel die europ&auml;ischen Regierungen daf&uuml;r kritisiert, nicht noch mehr und noch konsequentere nationale Sparprogramme aufgelegt zu haben. Im Papier wird die Vorstellung, die Krise durch &bdquo;Konsolidierungsma&szlig;nahmen in den Probleml&auml;ndern&ldquo; stabilisieren zu k&ouml;nnen, als &bdquo;naiv&ldquo; bezeichnet. Gabriel will nicht nur den &bdquo;Probleml&auml;ndern&ldquo;, sondern dar&uuml;ber hinaus auch noch Deutschland zu Konsolidierungsma&szlig;nahmen verdonnern. F&uuml;r eine solche Krisenl&ouml;sungsstrategie haben die Autoren des Papiers noch nicht einmal einen Begriff &uuml;brig &ndash; &bdquo;naiv&ldquo; w&auml;re jedoch sicherlich noch schmeichelhaft. Das Papier der beiden Oppositionsparteien ist mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Der Euroraum darf nicht an der Engstirnigkeit der deutschen Regierung scheitern&ldquo; &uuml;berschrieben &ndash; vielleicht h&auml;tte man doch besser erg&auml;nzen sollen, dass der Euroraum auch nicht an der Engstirnigkeit der heutigen deutschen Opposition scheitern darf.<\/p><p>Da stellt sich nat&uuml;rlich die Frage, ob Sigmar Gabriel das von ihm unterzeichnete Positionspapier entweder nicht gelesen, nicht ernst genommen oder aber nicht verstanden hat. Am wahrscheinlichsten ist hier wohl die dritte Variante. Auch in der Vergangenheit konnte der ehemalige Goslarer Berufsschullehrer nicht den Eindruck erwecken, &uuml;berhaupt zu verstehen, wovon er da spricht, wenn es um volkswirtschaftliche Fragen geht. Das ist nicht so tragisch, f&uuml;r so etwas hat man schlie&szlig;lich Berater. Aber muss man dann einen Aufsatz in der FAZ schreiben? <\/p><p>Schon beinahe unfreiwillig komisch wirkt es  da, wenn Gabriel in seinem FAZ-Aufsatz der Bundesregierung gleich mehrfach vorwirft, seit zwei Jahren keinen konsistenten Plan gegen die Eurokrise zu haben. Seine Partei und er selbst haben bis heute keinen solchen Plan. Auf die eher peinlich anmutende Positionssuche der letzten zwei Jahren, die selbst hartgesottenen SPD-Skeptikern bisweilen die Stimme verschl&auml;gt, muss man an dieser Stelle noch nicht einmal eingehen. Was soll man von einem Parteivorsitzenden halten, der ein Land, das von den Finanzm&auml;rkten erpresst wird, mit einem Junkie vergleicht, den man die Drogen weggenommen hat? Was soll man einem Sozialdemokraten halten, dessen wichtigster Kritikpunkt an den Ergebnissen des EU-Gipfels ist, dass die verabschiedeten Schuldenbremsen nicht weit genug gehen und Hintert&uuml;ren beinhalten? Sigmar Gabriel hat nicht die L&ouml;sung der Probleme, die uns alle beunruhigen, in der Hand, er ist vielmehr ein Teil der Probleme. Selten gab es in der deutschen Geschichte eine Oppositionspartei, die derart planlos und uninspiriert wirkte, wie die aktuelle SPD. Wo sind denn die progressiven Denker in der SPD? Was macht eigentlich die Parteilinke? Gibt es einen Politiker des linken SPD-Fl&uuml;gels, der auch nur ansatzweise das Zeug h&auml;tte, Gabriel und die Seeheimer herauszufordern? Gibt es &uuml;berhaupt noch einen linken Fl&uuml;gel in der Partei, der die Traute hat, sich auch &ouml;ffentlich gegen diesen ganzen Wahnsinn zu stellen? <\/p><p>Noch vor kurzem galt Gabriel in progressiveren Kreisen als die beste von drei schlechten Alternativen f&uuml;r die Kanzlerkandidatur. &bdquo;Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten&ldquo;, wie Karl Kraus passend feststellte. Selbst diese vage Alternative hat sich mit Gabriels FAZ-Aufsatz wohl endg&uuml;ltig erledigt. Man muss noch nicht einmal zynisch sein, um festzustellen, dass es letzten Endes schon beinahe egal ist, wer die SPD als &bdquo;bester aller bestm&ouml;glichen Sparkanzler&ldquo; in den Wahlkampf f&uuml;hrt. <\/p><p>W&auml;re die Regierungskoalition nicht einer &auml;hnlich desolaten Lage wie die SPD, w&uuml;rde sich die Koalitionsfrage f&uuml;r die n&auml;chsten Bundestagswahlen &uuml;berhaupt nicht stellen. Schwarz-Gelb kann es nicht. Rot-Gr&uuml;n kann es jedoch ebenfalls nicht. Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass sich dies in den n&auml;chsten beiden Jahren &auml;ndern k&ouml;nnte. <\/p><p>Jeden konstruktiv denkenden Demokraten muss diese Lagebestimmung ver&auml;ngstigen. Wir befinden uns in einer &ouml;konomischen Krise, die von Tag zu Tag mehr zu einer Demokratiekrise wird und unser demokratisches Parteiensystem hat keine realistische Alternative zu bieten. Sicher, die Linkspartei hat in vielen Punkten sehr vern&uuml;nftige Vorstellungen, aber was nutzt dies, wenn bereits jetzt auszuschlie&szlig;en ist, dass die Linkspartei an einer k&uuml;nftigen Regierung beteiligt ist. Die Linken-Strategie, SPD und Gr&uuml;ne vor sich herzutreiben und inhaltlich zu beeinflussen, kann nach dem momentanen Kenntnisstand als glatter Reinfall gewertet werden. Weder SPD noch Gr&uuml;ne haben sich w&auml;hrend ihrer Oppositionszeit auch nur ein Jota von der Linken treiben lassen. Stattdessen veranstalten sie lieber einen Wettbewerb mit Union und FDP, wer denn nun der bessere Sparmeister sei und den Finanzm&auml;rkten den schmackhafteren Honig ums Maul schmieren kann. Als sei dies alles nicht schon schlimm genug, geben die Umfrageergebnisse nicht einmal einen Funken der Hoffnung, dass der W&auml;hler diese bizarre Groteske durchschaut und sich von den vier potentiellen Regierungsparteien abwendet. Noch nie war die politische Lage derart hoffnungslos wie heute.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/93739f754206439b92260518d9453218\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon ein kleines Kunstst&uuml;ck, sich selbst in einem zweiseitigen Aufsatz in gleich mehreren Kernpunkten zu widersprechen. 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