{"id":115935,"date":"2024-05-31T10:00:53","date_gmt":"2024-05-31T08:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115935"},"modified":"2024-06-02T01:57:47","modified_gmt":"2024-06-01T23:57:47","slug":"halleluja-wunder-gibt-es-immer-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115935","title":{"rendered":"Halleluja! \u2013 Wunder gibt es immer wieder"},"content":{"rendered":"<p>Der Vatikan hat erstmals seit 1978 seine Richtlinien zur Beurteilung von Wundern aktualisiert. K&uuml;nftig wird angeblich &Uuml;bernat&uuml;rliches in sechs Kategorien eingeteilt. Wer fromm betet und bettelt, kann weiterhin mit g&ouml;ttlichem Zuspruch rechnen. Von <strong>Helmut Ortner.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nMadonnen, die blutige Tr&auml;nen weinen, Menschen, die Jesu Leidensmale an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en tragen, Priester, die Sterbenskranke heilen und b&ouml;se Geister austreiben &ndash; das alles klingt nach finsterem Mittelalter und ist doch Realit&auml;t in der katholischen Kirche des 21. Jahrhunderts. F&uuml;r Christen sind Wunder Zeichen g&ouml;ttlichen Wirkens. Ein Fingerzeig. Ein Hoffnungs-Versprechen.<\/p><p>Seit Jahrhunderten verf&uuml;gt die katholische Kirche sogar &uuml;ber eine Fachabteilung f&uuml;r Wunder. Es ist die Selig- und Heiligsprechungs-Kongregation des Papstes. Hier pr&uuml;fen Mediziner, Naturwissenschaftler und Theologen, welche Menschen in den Heiligenstand bef&ouml;rdert werden sollen. Die &raquo;Hall of Fame&laquo; der Kirche. Einlass erhalten M&auml;nner und Frauen, die Wunder bewirkt haben. Das sogenannte <em>&raquo;Martyrologium Romanum&laquo;,<\/em> das &raquo;Who is who&laquo; katholischen Spitzenpersonals, umfasst derzeit 6.650 Selige und Heilige und mehr als 7.400 M&auml;rtyrer.&nbsp;Weitere Aspiranten warten auf Aufnahme.<\/p><p>F&uuml;r den Prozess der Heiligsprechung ist ein Wunder n&ouml;tig, das auf die F&uuml;rsprache des Verstorbenen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Die Ausnahme sind M&auml;rtyrer, die f&uuml;r ihren Glauben gestorben sind. Ist das nicht der Fall, wird es mit dem Wundern mitunter schwierig.&nbsp;In Grenzf&auml;llen hat der Papst das letzte Wort. <\/p><p>Mit den Wundern ist es ja ohnehin so eine Sache. Nehmen wir die &raquo;Marienerscheinung&laquo;: die H&auml;lfte aller weltweit &raquo;best&auml;tigten&laquo; Erscheinungen haben bisher &ndash; warum auch immer? &ndash; vor allem in Frankreich und Belgien stattgefunden, vereinzelt auch in Polen und Tschechien. Warum die Mutter Gottes ausgerechnet in diesem Fleckchen des Globus immer wieder eine Stippvisite gemacht hat, wissen selbst die Wunder-Advokaten nicht so recht. Sei&lsquo;s drum! Wer sich auf die Suche nach Antworten macht, ist wie bei allen Wunder-Recherchen ohnehin gut beraten, auf eines zu verzichten: auf Vernunft und Verstand. Wichtig ist allein ein unersch&uuml;tterlicher Glaube. Das ist der Schl&uuml;ssel zum Heiligen Geist und zur ewig w&auml;hrenden himmlischen Gl&uuml;ckseligkeit. <\/p><p>Wer nicht an g&ouml;ttliche Wunder glaubt, muss heute nicht mehr den Ausschluss und die Verdammnis f&uuml;rchten. Vorbei die Zeiten, als die katholische Kirche den Wissenschaften argw&ouml;hnisch fasziniert beim rationalen Denken zusah &ndash; und versuchte zu entschl&uuml;sseln, was es damit zum Teufel auf sich hat. Dass es ihre eigenen Anspr&uuml;che auf Welterkl&auml;rung infrage stellt, leuchtete ihr von Anfang an ein. Daher warf die heilige Kirche Wissenschaftler &ndash; als Ketzer, Zweifler und abtr&uuml;nnige Denker gebrandmarkt &ndash; in Kerker, schickte sie in die Verbannung oder gleich auf den Scheiterhaufen. <\/p><p><strong>Maria und die Hot-Spots der Wunder<\/strong><\/p><p>Ungl&auml;ubige und Gl&auml;ubige m&uuml;ssen heute &ndash; zumindest in unseren Breitengraden &ndash; miteinander auskommen. Die Kirche verliert an Einfluss, Deutungsmacht und Mitglieder. Doch am Wunder-Monopol halten die Glaubens-Advokaten fest. Der Pilger-Markt wird straff organisiert und verwaltet. Ein lukratives Gesch&auml;ftsmodell &ndash; eine wundersame Geldmaschine.<\/p><p>Und so gibt es nah und fern Wunder-Hotspots, zu denen die hoffnungsfrohe Christenschar unaufh&ouml;rlich str&ouml;mt: ins bayerische Alt&ouml;tting, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsort im deutschsprachigen Raum, wohin j&auml;hrlich rund eine Million Pilger kommen, um der sogenannten &raquo;Schwarzen Madonna&laquo; ihre Sorgen und N&ouml;te mitzuteilen, aber auch ihren Dank zu &uuml;berbringen. Ins s&uuml;dfranz&ouml;sische Lourdes zieht es Hunderttausende, wo im Jahr 1858 Bernadette Soubirous nahe einer Grotte mehrfach die Gottesmutter Maria erschienen ist, oder nach Loreto, einem Wallfahrtsort in Italien, wohin der Legende nach Engel das &raquo;Heilige Haus&laquo; trugen, in dem Maria, die Mutter Jesu, geboren wurde und gelebt haben soll. Im Ranking der Wunder-Hotspots behauptet sich auch Tschenstochau auf den vorderen Pl&auml;tzen, so etwas wie das katholische Nationalheiligtum Polens. Hier wird seit dem Jahr 1384 das Bildnis einer weiteren &raquo;Schwarzen Madonna&laquo; verehrt. Ebenfalls Fatima in Portugal, wo Maria am 13. Mai 1917 drei Hirtenkindern erschien und sich ein Sonnenwunder vor zehntausenden anwesenden Menschen ereignet hat. Fatima z&auml;hlt mittlerweile zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche. <\/p><p>Wir d&uuml;rfen festhalten: Maria war eine umtriebige Frau, eine rastlose Globetrotterin. Landauf, landab ist sie den frommen Menschen ganz nahegekommen, hat sie verzaubert, ersch&uuml;ttert und zu Tr&auml;nen ger&uuml;hrt &ndash; vornehmlich in katholischen Gegenden, gerne in s&uuml;dlichen Gefilden. G&auml;nzlich gemieden hat sie Nordeuropa, vielleicht weil es ihr dort zu kalt war. Maria jedenfalls ist ein Dauer-Hit. Eine Hoffnungs-Spenderin, die, wo immer sie war und in Erscheinung trat, Menschen in ihren Bann zog. Alle, die an Maria glauben, d&uuml;rfen weiterhin auf Heilung und Begegnung hoffen &ndash; auf ein Zeichen vom lieben Herrgott oder anderem himmlischen Tr&ouml;stungs-Personal. Junge Frauen und alte M&auml;nner werden also auch k&uuml;nftig von Begegnungen mit dem G&ouml;ttlichen berichten und ihre spontane Heilungsgeschichten verk&uuml;nden. Der feste Glaube hilft dabei. <\/p><p>Ob es eine Marienerscheinung tats&auml;chlich gab, eine Statue wirklich&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/madonna-von-ostro-in-sachsen-angebliche-blutstropfen-waren-milben-kein-wunder-a-9b874f84-35ae-4607-b987-fcfb9b6e3a9f\">Blut geweint<\/a>&nbsp;hat oder eine Reliquie eine schwer kranke Person geheilt hat? Letztlich entscheidet dar&uuml;ber die Wunder-Kommission in Rom. Gerade hat der Vatikan seine Richtlinien zur Bewertung von Wundern &uuml;berarbeitet und will diese k&uuml;nftig auch etwas skeptischer beurteilen. Dies geht aus einem von Papst Franziskus unterzeichneten Dokument hervor, das der Vatikan im Mai ver&ouml;ffentlichte. Neben neuen Kategorien f&uuml;r die Bewertung soll das vatikanische Amt f&uuml;r die Glaubenslehre das letzte Wort bei der endg&uuml;ltigen Entscheidung &uuml;ber &uuml;bernat&uuml;rliche Ph&auml;nomene haben. <\/p><p><strong>Mit neuen Normen gegen die Glaubens-Konkurrenz<\/strong><\/p><p>Angesichts einer Zunahme von &bdquo;falschen Ger&uuml;chten und der Verbreitung von Fake News im Internet&ldquo; seien die derzeitigen Richtlinien aus dem Jahr 1978 nicht mehr sinnvoll und praktikabel, begr&uuml;nden die Wunder-Experten ihre Entscheidung, die Normen grundlegend zu &uuml;berarbeiten. Au&szlig;erdem bestehe die Gefahr, dass Betr&uuml;ger mit angeblichen Wundern oder sonstigen Ph&auml;nomenen versuchen, Geld zu machen und Menschen zu manipulieren. Diese Risiken sollen mit den neuen Normen des Vatikans vermieden werden. Es geht also darum, unliebsamer Konkurrenz energischer als bisher zu begegnen. <\/p><p>In der digitalen Welt ist die Kern-Kompetenz in Sachen Wunder neuen Herausforderungen ausgesetzt &ndash; es gilt zu handeln. So soll es k&uuml;nftig sechs differenzierte Kategorien zur Beurteilung &uuml;bernat&uuml;rlicher Ph&auml;nomene geben. Im g&uuml;nstigsten Fall wird ein &raquo;angebliches&laquo; Wunder mit der Kategorie <em>&raquo;Nihil obstat&laquo;<\/em> (zu Deutsch etwa: &raquo;Es steht nichts entgegen&laquo;) bewertet. Das bedeutet den Angaben nach, dass es zwar keine Gewissheit &uuml;ber die &uuml;bernat&uuml;rliche Echtheit gibt, aber doch Anzeichen f&uuml;r ein Wirken des Heiligen Geistes. Die Gl&auml;ubigen d&uuml;rfen das Ph&auml;nomen ohne Weiteres verehren und w&uuml;rdigen. Die restlichen f&uuml;nf Kategorien besch&auml;ftigen sich mit allerlei Grauzonen, die letzte Kategorie sieht jedoch vor, ein Ph&auml;nomen klar als nicht &uuml;bernat&uuml;rlich zu betrachten. Ph&auml;nomene werden zun&auml;chst vom lokalen Bischof in die Kategorien eingeteilt, der Vatikan trifft jedoch nach wie vor die endg&uuml;ltige Entscheidung. Und der Papst.<\/p><p>Die katholische Kirche unterscheidet nun also zwischen echten, zweifelhaften und unechten Wundern. Das ist so, als erf&auml;nden H&uuml;tchenspieler ein H&uuml;tchenspieler-G&uuml;tesiegel (eine klerikale Marketing-Ma&szlig;nahme, die Klaus Ungerer schon vor Jahren in seiner Anti-Bibel <em>&raquo;Gott go home!&laquo;<\/em> treffend etikettierte). Partielles Irresein als &raquo;g&ouml;ttliche Erleuchtung&laquo; zu verkaufen, bleibt also auch zuk&uuml;nftig ein lukratives Gesch&auml;ftsmodell der katholischen Kirche. Weitere Innovationen warten im &raquo;Supermarkt der Wunder&laquo; auf Umsetzung: so k&ouml;nnte die kommende Pilger-Community ihren Herrgott via WhatsApp um Gnade und Erleuchtung bitten. Vorteil: Die oft beschwerliche Reise nach Lourdes, Fatima oder Alt&ouml;tting entf&auml;llt. G&ouml;ttliche Wunder k&ouml;nnten so ganz ohne Reise-Stress auf den frommen Follower niederkommen. Ein Halleluja auf die &Ouml;ko-Bilanz. Und auf Maria.<\/p><p><strong>LESETIPP:<\/strong><\/p><p>Helmut Ortner<br>\n<strong>DAS KLERIKALE KARTELL<\/strong><br>\n<strong>Warum die Trennung von Staat und Kirche &uuml;berf&auml;llig ist<\/strong><br>\nNomen Verlag<br>\n272 Seiten, 24 Euro<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Gorodenkoff<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vatikan hat erstmals seit 1978 seine Richtlinien zur Beurteilung von Wundern aktualisiert. K&uuml;nftig wird angeblich &Uuml;bernat&uuml;rliches in sechs Kategorien eingeteilt. Wer fromm betet und bettelt, kann weiterhin mit g&ouml;ttlichem Zuspruch rechnen. 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