{"id":115950,"date":"2024-05-31T11:00:41","date_gmt":"2024-05-31T09:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115950"},"modified":"2024-06-05T15:44:35","modified_gmt":"2024-06-05T13:44:35","slug":"angriff-auf-das-atomraketen-fruehwarnsystem-russlands-und-das-desinteresse-der-bundesregierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115950","title":{"rendered":"Angriff auf das Atomraketen-Fr\u00fchwarnsystem Russlands und das Desinteresse der Bundesregierung"},"content":{"rendered":"<p>Innerhalb kurzer Zeit hat die Ukraine im Mai zweimal Radaranlagen des russischen Atom-Fr&uuml;hwarnsystems, das anfliegende interkontinentale Atomraketen erkennen soll, angegriffen. Im Gegensatz zum &ouml;sterreichischen Bundesheer, welches offiziell von einem &bdquo;hochbrisanten Z&uuml;ndstoff f&uuml;r eine neuerliche, gef&auml;hrliche Eskalation&ldquo; spricht und darauf verweist, dass der Angriff die Bedingungen erf&uuml;llt, &bdquo;die Russland im Jahr 2020 &ouml;ffentlich f&uuml;r gegnerische Angriffe festgelegt hat, die einen nuklearen Vergeltungsschlag ausl&ouml;sen k&ouml;nnten&ldquo;, gibt sich die deutsche Regierung auf Nachfrage der <em>NachDenkSeiten<\/em> auf der Bundespressekonferenz v&ouml;llig desinteressiert. Von <strong>Florian Warweg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/B0Mjm-DxbXc?si=Uxt0A8Ztvq88hQln\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p>W&auml;hrend wie im Video dokumentiert, die Bundesregierung in Form von Regierungssprecher Steffen Hebestreit zum einen die Angriffe selbst infrage stellt (&bdquo;so es sie denn gegeben haben sollte&ldquo;) und auch sonst keinen Grund sieht, die Angriffe auf eines der zentralen Elemente des nuklearen Gleichgewichts zwischen der Russischen F&ouml;deration und den USA zu kritisieren, spricht das &ouml;sterreichische Bundesherr Klartext und dies bereits am 26. Mai, also mehrere Tage vor der Bundespressekonferenz: <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240531-bpk-Screen1.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240531-bpk-Screen1.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Der weithin f&uuml;r seine n&uuml;chternen und objektiven Milit&auml;ranalysen bekannte und gesch&auml;tzte &ouml;sterreichische Milit&auml;rexperte, Oberst des Generalstabsdienstes, Dr. Markus Reisner, spricht <a href=\"https:\/\/www.bundesheer.at\/aktuelles\/detail\/drei-fragen-zum-angriff-auf-das-russische-atomraketen-fruehwarnsystem-oberst-reisner-antwortet\">auf der offiziellen Website des Bundesheers<\/a> zum einen, ganz im Gegensatz zur deutschen Bundesregierung, davon, &bdquo;dass zumindest eines der beiden in Armawir stationierten russischen Voronezh-DM-Fr&uuml;hwarnradarsysteme bei einem gezielten Angriff schwer besch&auml;digt wurde&ldquo;, und verweist ebenso darauf, dass die betroffenen Fr&uuml;hwarn-Radare (Voronezh-DMs) &bdquo;ein integraler Bestandteil des strategischen Fr&uuml;hwarnerkennungssystems Russlands&ldquo; sind und dass deren Ausfall &bdquo;die F&auml;higkeit des Landes, ankommende nukleare Bedrohungen zu erkennen&ldquo;, beeintr&auml;chtigt.<\/p><p>Bezeichnend ist auch, wie der Oberst des &ouml;sterreichischen Generalstabs die Rolle der USA bei diesem Angriff einsch&auml;tzt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist daher durchaus schl&uuml;ssig, dass die USA mit dem durch die Ukraine ausgef&uuml;hrten Angriff auf die Voronezh-DMs in Armawir Russland zeigen m&ouml;chte, dass man die unertr&auml;gliche Situation der russischen Drohungen mit Atomwaffen nicht l&auml;nger akzeptieren m&ouml;chte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Darauf aufbauend erkl&auml;rt er dann abschlie&szlig;end: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es bleibt nun abzuwarten, wie oder ob Russland auf diesen Angriff auf seine nukleare Abschreckungskapazit&auml;t reagiert. Das russische Fr&uuml;hwarnerkennungssystem ist Teil der nuklearen Abschreckungsstrategie des Landes. Der Angriff auf Armavir k&ouml;nnte die Bedingungen erf&uuml;llen, die Russland im Jahr 2020 &ouml;ffentlich f&uuml;r gegnerische Angriffe festgelegt hat, die einen nuklearen Vergeltungsschlag ausl&ouml;sen k&ouml;nnten. Hinzu kommt der Umstand, dass eine m&ouml;gliche Zusammenarbeit Russlands mit seinen engen Verb&uuml;ndeten im Raum eingeschr&auml;nkt wurde, zum Vorteil von engen Partnern der USA.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Damit sich die <em>NachDenkSeiten<\/em>-Leser ein umfassendes Bild machen k&ouml;nnen, geben wir im Folgenden die gesamten Darlegungen von Oberst Reisner im Wortlaut wieder:<\/p><ol>\n<li><strong>Warum ist der mutma&szlig;liche ukrainische Drohnenangriff auf die russische Radarstation Armawir im S&uuml;dwesten der Region Krasnodar &uuml;beraus bemerkenswert?<\/strong>\n<p>Auf den vorgestern aufgetauchten Bildern ist zu erkennen, dass zumindest eines der beiden in Armawir stationierten russischen Voronezh-DM-Fr&uuml;hwarnradarsysteme bei einem gezielten Angriff schwer besch&auml;digt wurde. Russland verf&uuml;gt derzeit &uuml;ber bis zu zehn derartige Fr&uuml;hwarnradarsysteme. Sie sind &uuml;ber ganz Russland verteilt, auf Standorten in Murmansk, bei St. Petersburg, in Kaliningrad, in Barnaul, in Omsk, bei Irkutsk, bei Workuta, in Krasnogorsk und im genannten Armawir. Letztere aus zwei Radaren bestehende Anlage wurde gebaut, um &auml;hnliche, urspr&uuml;nglich in der Westukraine und auf der Krim installierte sowjetische Systeme zu kompensieren.<\/p>\n<p>Bei diesen Voronezh-DM-Radaren handelt es sich um &bdquo;Over-the-Horizon&ldquo; (OTH) &ndash; &bdquo;Ultra High Frequency&ldquo; (UHF)-Radare, welche Teil des russischen Fr&uuml;hwarnradarsystems zur Erkennung ballistischer Raketen sind. Die Radare haben eine Reichweite von horizontal 6.000 und vertikal 8.000 Kilometern. Ihr Ziel ist es, vor allem anfliegende amerikanische Atomraketen fr&uuml;h erkennen zu k&ouml;nnen, um rasch eigene Ma&szlig;nahmen, darunter im &auml;u&szlig;ersten Fall einen russischen nuklearen Gegenschlag, einleiten zu k&ouml;nnen. Denkbar ist auch die Weitergabe von Fr&uuml;hwarndaten an Verb&uuml;ndete, wie z.B. dem Iran, Nordkorea oder China.<\/p><\/li>\n<li><strong>Welchen Nutzen h&auml;tte die Ukraine von solch einem Angriff auf russische Fr&uuml;hwarnradarsysteme?<\/strong>\n<p>Die Ukraine verf&uuml;gt nur mehr &uuml;ber Raketenwaffen mit begrenzter Reichweite. Eigene Systeme wie Tochka-U sind verbraucht und an vom Westen gelieferten Systemen sticht das von den USA stammende System Army Tactical Missile System (ATACMS) heraus. Dieses hat eine Reichweite von 300 Kilometern bei einer Flugbahnh&ouml;he von bis zu 60 Kilometern. Man k&ouml;nnte nun mutma&szlig;en, dass die ukrainischen Streitkr&auml;fte Armawir ins Visier genommen haben k&ouml;nnten, weil sie bef&uuml;rchteten, dass der Standort dazu beitragen k&ouml;nnte, eine Vorwarnung f&uuml;r ihre Angriffe mit von den USA gelieferten ballistischen ATACMS zu geben. Armawir befindet sich jedoch knapp 700 Kilometer von m&ouml;glichen ATACMS Abschussr&auml;umen bei Cherson entfernt. D. h. aufgrund des Voronezh-DM-Radarhorizonts ist es bei dieser Reichweite schwierig, mit niedriger Scheitelbahnh&ouml;he fliegende ATACMS-Raketen zu detektieren. Die anvisierte einfliegende Rakete sollte sich zur exakten Messung zumindest in einer H&ouml;he von &uuml;ber eintausend Kilometern befinden. Interkontinentalraketen fliegen in der Regel in H&ouml;hen von bis zu 2.000 Kilometern &ndash; also im optimalen Detektionsbereich des Voronezh-DM-Radars. F&uuml;r taktische Kurzstreckenraketen, wie ATACMS, sind andere Radarsysteme vorgesehen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Gibt es noch ein anderes Erkl&auml;rungsmodell f&uuml;r einen Angriff und warum ist dieses bedeutungsvoll?<\/strong>\n<p>Die beiden russischen Voronezh-DMs in der Anlage bei Armawir sind ein integraler Bestandteil des strategischen Fr&uuml;hwarnerkennungssystems Russlands, und ihr Ausfall k&ouml;nnte die F&auml;higkeit des Landes, ankommende nukleare Bedrohungen zu erkennen, beeintr&auml;chtigen. Im Moment befinden sich die russischen Streitkr&auml;fte in der Ukraine in der Initiative. Dies wird zudem hinterlegt bzw. abgesichert mit fortlaufenden russischen Drohungen betreffend eines Einsatzes von Mitteln des eigenen Nuklearpotentials.<\/p>\n<p>Im Herbst 2022, kurz vor dem &uuml;berraschenden Abzug der vor dem Einschluss stehenden russischen Truppen aus dem Br&uuml;ckenkopf bei Cherson, berichteten die US-Geheimdienste von m&ouml;glichen Vorbereitungen eines russischen taktischen Nukleareinsatzes. Nicht zuletzt derartige Ereignisse erkl&auml;ren das &uuml;berlegte, aber nicht &uuml;berschie&szlig;ende Vorgehen der USA (Strategie &bdquo;Boiling the Frog&ldquo;) gegen&uuml;ber Russland. Es ist daher durchaus schl&uuml;ssig, dass die USA mit dem durch die Ukraine ausgef&uuml;hrten Angriff auf die Voronezh-DMs in Armawir Russland zeigen m&ouml;chte, dass man die unertr&auml;gliche Situation der russischen Drohungen mit Atomwaffen nicht l&auml;nger akzeptieren m&ouml;chte.<\/p>\n<p>Ist dies tats&auml;chlich der Fall, lassen sich zwei weitere Feststellungen treffen: Erstens ist die Lage in der Ukraine &uuml;beraus ernst und zweitens ist der Krieg um die Ukraine neuerlich eskaliert. Es bleibt nun abzuwarten, wie oder ob Russland auf diesen Angriff auf seine nukleare Abschreckungskapazit&auml;t reagiert. Das russische Fr&uuml;hwarnerkennungssystem ist Teil der nuklearen Abschreckungsstrategie des Landes. Der Angriff auf Armavir k&ouml;nnte die Bedingungen erf&uuml;llen, die Russland im Jahr 2020 &ouml;ffentlich f&uuml;r gegnerische Angriffe festgelegt hat, die einen nuklearen Vergeltungsschlag ausl&ouml;sen k&ouml;nnten. Hinzu kommt der Umstand, dass eine m&ouml;gliche Zusammenarbeit Russlands mit seinen engen Verb&uuml;ndeten im Raum eingeschr&auml;nkt wurde, zum Vorteil von engen Partnern der USA.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Auszug aus dem Wortprotokoll der Regierungspressekonferenz vom 29. Mai 2024: <\/strong><\/p><p><strong>Regierungssprecher Hebestreit: <\/strong><br>\n(&hellip;) Grunds&auml;tzlich hat der Bundeskanzler gestern auch noch einmal darauf verwiesen, dass die Ukraine von Russland &uuml;berfallen worden ist, kontinuierlich in einem brutalen Angriffskrieg verwickelt worden ist, dass das V&ouml;lkerrecht eindeutig ist, was die Rechte und M&ouml;glichkeiten der Ukraine, sich zu verteidigen, angeht, und dass ein solcher Verteidigungskampf nicht auf das eigene Staatsgebiet begrenzt ist, sondern selbstverst&auml;ndlich auch auf das Staatsgebiet des Aggressors erweitert werden kann.<\/p><p><strong>Frage Warweg<\/strong><br>\nHerr Hebestreit, Sie haben noch einmal das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung betont. Jetzt hat die Ukraine im Mai zweimal das russische Atomraketen-Fr&uuml;hwarnsystem angegriffen. Fallen f&uuml;r den Kanzler auch diese Angriffe unter den Bereich der Selbstverteidigung?<\/p><p><strong>Hebestreit<\/strong><br>\nIch bin hier nicht in einer Position, einzelne Ma&szlig;nahmen des ukrainischen Milit&auml;rs, so es sie denn gegeben haben sollte, zu beurteilen. Vielmehr habe ich die Position, die wir haben und die der Bundeskanzler auch formuliert hat, sehr klar gemacht, und dabei ist das V&ouml;lkerrecht das V&ouml;lkerrecht.<\/p><p><strong>Zusatzfrage Warweg<\/strong><br>\nMich w&uuml;rde es aber trotzdem interessieren. Das waren zwei Angriffe, die international f&uuml;r Aufmerksamkeit gesorgt haben. Selbst sehr ukrainefreundliche Analysten, auch Politiker, haben sie mit dem Verweis darauf, dass ein Angriff auf Fr&uuml;hwarnsysteme f&uuml;r Atomwaffen nicht zielf&uuml;hrend gewesen sei, kritisiert. Teilt der Kanzler diese Einsch&auml;tzung?<\/p><p><strong>Hebestreit<\/strong><br>\nGenau dar&uuml;ber habe ich mit dem Kanzler nicht gesprochen. Insofern kann ich Ihnen das nicht liefern. Der Kanzler war unl&auml;ngst emp&ouml;rt &uuml;ber den Beschuss eines Baumarkts in der Ukraine durch Russland. Das hat ihn sehr emp&ouml;rt, und dar&uuml;ber habe ich mit ihm gesprochen.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116226\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Screenshot vom NDS-Video der Bundespressekonferenz vom 29. Mai 2024<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115227\">Gesicherte Teilnahme der NachDenkSeiten an der Bundespressekonferenz bis August 2025<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115168\">Wieso ist die Bundesregierung gegen UN-gef&uuml;hrte Ermittlungen zum Nord-Stream-Anschlag?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113370\">Botschafter der Ukraine greift Berliner Zeitung an, diffamiert Mitarbeiter und ruft zum Boykott auf &ndash; Was sagt die Bundesregierung?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104151\">&bdquo;Brutaler Angriff Russlands&ldquo; &ndash; Baerbocks Aussagen zu Kostjantyniwka bringen Ausw&auml;rtiges Amt in Erkl&auml;rungsnot<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/2c9d828299ac425eaa96c32b841143cb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innerhalb kurzer Zeit hat die Ukraine im Mai zweimal Radaranlagen des russischen Atom-Fr&uuml;hwarnsystems, das anfliegende interkontinentale Atomraketen erkennen soll, angegriffen. 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