{"id":115958,"date":"2024-06-01T10:00:28","date_gmt":"2024-06-01T08:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115958"},"modified":"2024-06-01T05:13:55","modified_gmt":"2024-06-01T03:13:55","slug":"fuenf-schwierigkeiten-beim-schreiben-der-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115958","title":{"rendered":"F\u00fcnf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p>Zur Einf&uuml;hrung: &bdquo;Diese Schrift verfasste BERTOLT BRECHT zur Verbreitung in Hitler-Deutschland. Sie wird als Sonderdruck der antifaschistischen Zeitschrift <em>Unsere Zeit<\/em>, herausgegeben vom &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/spdk\/brecht2.html\">Schutzverband Deutscher Schriftsteller<\/a>&ldquo;.&rdquo;<br>\n<!--more--><br>\nBERTOLT BRECHT<br>\n<strong>F&uuml;nf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Schreibende soll sich nicht den M&auml;chtigen beugen, er soll die Schwachen nicht betr&uuml;gen. Nat&uuml;rlich ist es sehr schwer, sich den M&auml;chtigen nicht zu beugen und sehr vorteilhaft, die Schwachen zu betr&uuml;gen.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wer heute die L&uuml;ge und Unwissenheit bek&auml;mpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest f&uuml;nf Schwierigkeiten zu &uuml;berwinden. Er muss den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdr&uuml;ckt wird; die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verh&uuml;llt wird; die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe; das Urteil, jene auszuw&auml;hlen, in deren H&auml;nden sie wirksam wird; die List sie unter diesen zu verbreiten. Diese Schwierigkeiten sind gro&szlig; f&uuml;r die unter dem Faschismus Schreibenden, sie bestehen aber auch f&uuml;r die, welche verjagt wurden oder geflohen sind, ja sogar f&uuml;r solche, die in den L&auml;ndern der b&uuml;rgerlichen <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/freiheit.html\">Freiheit<\/a> schreiben.<\/p><ol>\n<li><strong>Der Mut, die Wahrheit zu schreiben<\/strong>\n<p>Es erscheint selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; der Schreibende die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/wahrheit.html\">Wahrheit<\/a> schreiben soll in dem Sinn, da&szlig; er sie nicht unterdr&uuml;cken oder verschweigen und da&szlig; er nichts Unwahres schreiben soll. Er soll sich nicht den <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/macht.html\">M&auml;chtigen<\/a> beugen, er soll die Schwachen nicht betr&uuml;gen. Nat&uuml;rlich ist es sehr schwer, sich den M&auml;chtigen nicht zu beugen und sehr <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/nutzen.html\">vorteilhaft<\/a>, die Schwachen zu betr&uuml;gen. Den Besitzenden mi&szlig;fallen, hei&szlig;t dem <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/besitz.html\">Besitz<\/a> entsagen. Auf die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/101\/tugan1.html\">Bezahlung f&uuml;r geleistete Arbeit<\/a> verzichten, hei&szlig;t unter Umst&auml;nden, auf das Arbeiten verzichten und den Ruhm bei den M&auml;chtigen ausschlagen, hei&szlig;t oft, &uuml;berhaupt Ruhm ausschlagen. Dazu ist Mut n&ouml;tig. Die Zeiten der &auml;u&szlig;ersten <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/sklaver.html\">Unterdr&uuml;ckung<\/a> sind meist Zeiten, wo viel von gro&szlig;en und hohen Dingen die Rede ist.<\/p>\n<p>Es ist Mut n&ouml;tig, zu solchen Zeiten von so niedrigen und kleinen Dingen wie dem Essen und Wohnen der Arbeitenden zu sprechen, mitten in einem gewaltigen Geschrei, da&szlig; Opfersinn die Hauptsache sei. Wenn die Bauern mit Ehrungen &uuml;bersch&uuml;ttet werden, ist es mutig, von Maschinen und billigen Futtermitteln zu sprechen, die ihre geehrte Arbeit erleichtern w&uuml;rden. Wenn &uuml;ber alle Sender geschrieen wird, da&szlig; der Mann ohne <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/wissen.html\">Wissen<\/a> und Bildung besser sei als der Wissende, dann ist es mutig, zu fragen: f&uuml;r wen besser? Wenn von vollkommenen und unvollkommenen Rassen die Rede ist, ist es mutig zu fragen, ob nicht der Hunger und die Unwissenheit und der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/krieg.html\">Krieg<\/a> schlimme Mi&szlig;bildungen hervorbringen. Ebenso ist Mut n&ouml;tig, um die Wahrheit <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/gene\/scheler\/masc-selbst1.html\">&uuml;ber sich selber<\/a> zu sagen, &uuml;ber sich, den Besiegten. Viele, die verfolgt werden, verlieren die F&auml;higkeit, ihre Fehler zu erkennen. Die Verfolgung scheint ihnen das gr&ouml;&szlig;te Unrecht. Die Verfolger sind, da sie ja verfolgen, die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/sac\/hritter1.html\">B&ouml;sartigen<\/a>, sie, die Verfolgten, werden ihrer G&uuml;te wegen verfolgt. Aber diese G&uuml;te ist geschlagen worden, besiegt und verhindert worden und war also eine schwache G&uuml;te, eine schlechte, unhaltbare, unzuverl&auml;ssige G&uuml;te; denn es geht nicht an, der G&uuml;te die Schw&auml;che zuzubilligen, wie dem Regen seine N&auml;sse.<\/p>\n<p>Zu sagen, da&szlig; <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/moral.html\">die Guten<\/a> nicht besiegt wurden, weil sie gut, sondern weil sie schwach waren, dazu ist Mut n&ouml;tig<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich mu&szlig; die Wahrheit im Kampf mit der Unwahrheit geschrieben werden und sie darf nicht etwas <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/allge.html\">Allgemeines<\/a>, Hohes, Vieldeutiges sein. Von dieser allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art ist ja gerade die Unwahrheit. Wenn von einem gesagt wird, er hat die Wahrheit gesagt, so haben zun&auml;chst einige oder viele oder einer etwas anderes gesagt, eine L&uuml;ge oder etwas Allgemeines, aber er&nbsp;hat die Wahrheit gesagt, etwas Praktisches, Tats&auml;chliches, Unleugbares, <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/objekt1.html\">das, um was es sich handelte<\/a>.<\/p>\n<p>Wenig Mut ist dazu n&ouml;tig, &uuml;ber die Schlechtigkeit der Welt und den Triumph der Rohheit im Allgemeinen zu klagen und mit dem Triumph des Geistes zu drohen, in einem Teil der Welt, wo dies noch erlaubt ist. Da treten viele auf, als seien Kanonen auf sie gerichtet, w&auml;hrend nur Operngl&auml;ser auf sie gerichtet sind. Sie schreien ihre allgemeinen Forderungen in eine Welt von Freunden harmloser Leute. Sie verlangen eine allgemeine <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/spdk\/schmoller\/smo1ius.html\">Gerechtigkeit<\/a>, f&uuml;r die sie niemals etwas getan haben, und eine allgemeine Freiheit, einen Teil von der Beute zu bekommen, die lange mit ihnen geteilt wurde. Sie halten f&uuml;r Wahrheit nur, was sch&ouml;n klingt. Ist die Wahrheit etwas Zahlenm&auml;&szlig;iges, Trockenes, <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/realitas.html\">Faktisches<\/a>, etwas, was zu finden M&uuml;he macht und Studium verlangt, dann ist es keine Wahrheit f&uuml;r sie, nichts was sie in Rausch versetzt. Sie haben nur das &auml;u&szlig;ere Gehaben derer, die die Wahrheit sagen. Das Elend mit ihnen ist: sie wissen die Wahrheit nicht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Klugheit, die Wahrheit zu erkennen<\/strong>\n<p>Da es schwierig ist, die Wahrheit zu schreiben, weil sie allenthalben unterdr&uuml;ckt wird, scheint es den meisten eine <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/ideolog.html\">Gesinnungsfrage<\/a>, ob die Wahrheit geschrieben wird oder nicht. Sie glauben, dazu ist nur Mut n&ouml;tig. Sie vergessen die zweite Schwierigkeit, die der Wahrheitsfindung.&nbsp;Keine Rede kann davon sein, da&szlig; es leicht sei, die Wahrheit zu finden.<\/p>\n<p>Zun&auml;chst einmal ist es schon nicht leicht, ausfindig zu machen, welche Wahrheit zu sagen sich lohnt. So versinkt z.B. jetzt, sichtbar vor aller Welt, einer der gro&szlig;en zivilisierten Staaten nach dem andern in die &auml;u&szlig;erste Barbarei. Zudem wei&szlig; jeder, da&szlig; der innere Krieg, der mit den furchtbarsten Mitteln gef&uuml;hrt wird, sich jeden Tag in den &auml;u&szlig;eren verwandeln kann, der unsern Weltteil vielleicht als einen Tr&uuml;mmerhaufen hinterlassen wird. Das ist zweifellos eine Wahrheit, aber es gibt nat&uuml;rlich noch mehr Wahrheiten. So ist es z. B. nicht unwahr, <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/trad\/hp\/jmitterer.html\">da&szlig; St&uuml;hle Sitzfl&auml;chen haben<\/a> und der Regen von oben nach unten f&auml;llt. Viele Dichter schreiben Wahrheiten dieser Art. Sie gleichen Malern, die die W&auml;nde untergehender Schiffe mit Stilleben bedecken.<\/p>\n<p>Unsere erste Schwierigkeit besteht nicht f&uuml;r sie, und doch haben sie ein gutes <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/trad\/moralt\/aritsch1.html\">Gewissen<\/a>. Unbeirrbar durch die M&auml;chtigen, aber auch durch die Schreie der Vergewaltigten nicht beirrt, pinseln sie ihre Bilder. Das Unsinnige ihrer Handlungsweise erzeugt in ihnen selber einen &bdquo;tiefen&rdquo; <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/trad\/moralt\/hartsen-p1.html\">Pessimismus<\/a>, den sie zu guten Preisen verkaufen und der eigentlich eher f&uuml;r andere angesichts dieser Meister und dieser Verk&auml;ufe berechtigt w&auml;re. Dabei ist es nicht einmal leicht zu erkennen, da&szlig; ihre Wahrheiten solche &uuml;ber St&uuml;hle oder den Regen sind, sie klingen f&uuml;r gew&ouml;hnlich ganz anders, so wie Wahrheiten &uuml;ber wichtige Dinge. Denn die k&uuml;nstlerische Gestaltung besteht ja gerade darin, einer Sache Wichtigkeit zu verleihen.<\/p>\n<p>Erst bei genauem Hinsehen erkennt man, da&szlig; sie nur sagen: <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/urteil\/dyroff1.html\">ein Stuhl ist ein Stuhl<\/a> und niemand kann etwas dagegen &bdquo;machen&rdquo;, da&szlig; der Regen nach unten f&auml;llt.<\/p>\n<p>Diese Leute finden nicht die Wahrheit, die zu schreiben sich lohnt. Andere wieder besch&auml;ftigen sich wirklich mit den dringendsten Aufgaben, f&uuml;rchten die Machthaber und die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/armut.html\">Armut<\/a> nicht, k&ouml;nnen aber dennoch die Wahrheit nicht finden. Ihnen fehlt es an Kenntnissen. Sie sind voll von altem <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/221149\/_woabgla.html\">Aberglauben<\/a>, von ber&uuml;hmten und in alter Zeit oft sch&ouml;n geformten Vorurteilen. Die Welt ist zu verwickelt f&uuml;r sie, sie kennen nicht die Fakten und sehen nicht die Zusammenh&auml;nge. Au&szlig;er der Gesinnung sind erwerbbare Kenntnisse n&ouml;tig und erlernbare Methoden. N&ouml;tig ist f&uuml;r alle Schreibenden in dieser Zeit der Verwicklungen und der gro&szlig;en Ver&auml;nderungen eine Kenntnis der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/spdk\/hschwarz\/hsc-mater1.html\">materialistischen<\/a> Dialektik, der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/ra2haus_.html\">&Ouml;konomie<\/a> und der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/ra2his_.html\">Geschichte<\/a>. Sie ist aus B&uuml;chern und durch praktische Anleitung erwerbbar, wenn der n&ouml;tige Flei&szlig; vorhanden ist.<\/p>\n<p>Man kann viele Wahrheiten aufdecken auf einfachere Weise, Teile der Wahrheit oder Sachbest&auml;nde, die zum Finden der Wahrheit f&uuml;hren. Wenn man suchen will, ist eine Methode gut, aber man kann auch finden ohne <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/methode.html\">Methode<\/a>, ja sogar ohne zu suchen. Aber man erreicht, auf so zuf&auml;llige Art, kaum eine solche Darstellung der Wahrheit, da&szlig; die Menschen auf Grund dieser Darstellung wissen, wie sie handeln sollten. Leute, die nur kleine Fakten niederschreiben, sind nicht imstande, die Dinge dieser Welt <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/begin\/matis0.html\">handhabbar zu machen<\/a>. Aber die Wahrheit hat nur diesen Zweck, keinen andern. Diese Leute sind der Forderung, die Wahrheit zu schreiben, nicht gewachsen.<\/p>\n<p>Wenn jemand bereit ist, die Wahrheit zu schreiben, und f&auml;hig, sie zu <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/erkennt.html\">erkennen<\/a>, bleiben noch drei Schwierigkeiten &uuml;brig.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Kunst, die Wahrheit handhabbar zu machen als eine Waffe<\/strong>\n<p>Die Wahrheit mu&szlig; der Folgerungen wegen gesagt werden, die sich aus ihr f&uuml;r das <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/verhalt.html\">Verhalten<\/a> ergeben. Als Beispiel f&uuml;r eine Wahrheit, aus der keine Folgerungen oder falsche Folgerungen gezogen werden k&ouml;nnen, soll uns die weitverbreitete Auffassung dienen, da&szlig; in einigen L&auml;ndern schlimme Zust&auml;nde herrschen, die von der Barbarei herr&uuml;hren. Nach dieser Auffassung ist der Faschismus eine Welle von Barbarei, die mit Naturgewalt &uuml;ber einige L&auml;nder hereingebrochen ist.<\/p>\n<p>Nach dieser Auffassung ist der Faschismus eine neue dritte Macht neben (und &uuml;ber) Kapitalismus und Sozialismus; nicht nur die sozialistische Bewegung, sondern auch der Kapitalismus h&auml;tte nach ihr ohne den Faschismus weiter bestehen k&ouml;nnen usw. Das ist nat&uuml;rlich eine faschistische Behauptung, eine Kapitulation vor dem Faschismus. Der Faschismus ist eine historische Phase, in die der Kapitalismus eingetreten ist, insofern etwas neues und zugleich altes. Der Kapitalismus existiert in den faschistischen L&auml;ndern nur noch als Faschismus und der Faschismus kann nur bek&auml;mpft werden als Kapitalismus, als nacktester, frechster, erdr&uuml;ckendster und betr&uuml;gerischster Kapitalismus.<\/p>\n<p>Wie will nun jemand die Wahrheit &uuml;ber den Faschismus sagen, gegen den er ist, wenn er nichts gegen den Kapitalismus sagen will, der ihn hervorbringt? Wie soll da seine Wahrheit praktikabel ausfallen?<\/p>\n<p>Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, die &uuml;ber die Barbarei jammern, die von der Barbarei kommt, gleichen Leuten, die ihren Anteil vom Kalb essen wollen, aber das Kalb soll nicht geschlachtet werden. Sie wollen das Kalb essen, aber das Blut nicht sehen. Sie sind zufriedenzustellen, wenn der Metzger die H&auml;nde w&auml;scht, bevor er das Fleisch auftr&auml;gt. Sie sind nicht gegen die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/eigentum.html\">Besitzverh&auml;ltnisse<\/a>, welche die Barbarei erzeugen, nur gegen die Barbarei. Sie erheben ihre Stimme gegen die Barbarei und sie tun das in L&auml;ndern, in denen die gleichen Besitzverh&auml;ltnisse herrschen, wo aber die Metzger noch die H&auml;nde waschen, bevor sie das Fleisch auftragen.<\/p>\n<p>Laute Beschuldigungen gegen barbarische Ma&szlig;nahmen m&ouml;gen eine kurze Zeit wirken, solange die Zuh&ouml;rer glauben, in ihren L&auml;ndern k&auml;men solche Ma&szlig;nahmen nicht in Frage. Gewisse L&auml;nder sind imstande, ihre <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/eco2.html\">Eigentumsverh&auml;ltnisse<\/a> noch mit weniger gewaltt&auml;tig wirkenden Mitteln aufrecht zu erhalten, als andere. Ihnen leistet die Demokratie noch die Dienste, zu welchen andere die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/gewalt.html\">Gewalt<\/a> heranziehen m&uuml;ssen, n&auml;mlich die Garantie des Eigentums an Produktionsmitteln. Das Monopol auf die Fabriken, Gruben, L&auml;ndereien schafft &uuml;berall barbarische Zust&auml;nde; jedoch sind diese weniger sichtbar. Die Barbarei wird sichtbar, sobald das Monopol nur noch durch offene Gewalt gesch&uuml;tzt werden kann.<\/p>\n<p>Einige L&auml;nder, die es noch nicht n&ouml;tig haben, der barbarischen Monopole wegen auch noch auf die formellen Garantien des <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/ra2recht_.html\">Rechtsstaates<\/a>, sowie solche Annehmlichkeiten wie Kunst, Philosophie, Literatur zu verzichten, h&ouml;ren besonders gern die G&auml;ste, welche ihre Heimat wegen des Verzichtes auf solche Annehmlichkeiten beschuldigen, da sie davon Vorteile haben in den Kriegen, die erwartet werden. Soll man da sagen, diejenigen h&auml;tten die Wahrheit erkannt, die da z.B. laut den unerbittlichen Kampf gegen Deutschland verlangen, &bdquo;denn dieses ist die wahre Heimat des B&ouml;sen in dieser Zeit, die Filiale der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/sac\/roskoff1.html\">H&ouml;lle<\/a>, der Aufenthalt des <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/sac\/kopp1.html\">Antichrist<\/a>&ldquo;? Man soll lieber sagen, es sind t&ouml;richte, hilflose und sch&auml;dliche Leute. Denn die Folgerung aus diesem Geschw&auml;tz ist, da&szlig; dieses Land ausgerottet werden soll. Das ganze Land mit allen seinen Menschen, denn das Giftgas sucht nicht die Schuldigen heraus, wenn es t&ouml;tet.<\/p>\n<p>Der leichtfertige Mensch, der die Wahrheit nicht wei&szlig;, dr&uuml;ckt sich allgemein, hoch und ungenau aus. Es faselt von &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/begin\/kant\/cornel-ansich.html\">den<\/a>&rdquo; Deutschen, er jammert &uuml;ber &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/begin\/kant\/knaur2.html\">das<\/a>&rdquo; B&ouml;se, und der H&ouml;rer wei&szlig; im besten Fall nicht was tun. Soll er beschlie&szlig;en, kein Deutscher zu sein? Wird die H&ouml;lle verschwinden, wenn er gut ist? Auch das Gerede von der Barbarei, die von der Barbarei kommt, ist von dieser Art. Danach kommt die Barbarei von der Barbarei und h&ouml;rt auf durch die Gesittung, die von der Bildung kommt. Das ist alles ganz allgemein ausgedr&uuml;ckt, nicht der Folgerungen f&uuml;r das Handeln wegen und im Grunde niemandem gesagt.<\/p>\n<p>Solche Darstellungen zeigen nur wenige Glieder der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/causalit.html\">Ursachenreihe<\/a> und stellen bestimmte bewegende Kr&auml;fte als unbeherrschbare Kr&auml;fte hin. Solche Darstellungen enthalten viel Dunkel, das die Kr&auml;fte verbirgt, welche die Katastrophen bereiten. Etwas Licht, und es treten Menschen in Erscheinung als Verursacher der Katastrophen. Denn wir leben in einer Zeit, wo des Menschen Schicksal der Mensch ist.<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/begin\/klem1.html\">Faschismus<\/a> ist keine Naturkatastrophe, welche eben aus der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/trad\/shauer\/as-ding.html\">&bdquo;Natur&rdquo; des Menschen<\/a> begriffen werden kann. Aber selbst bei Naturkatastrophen gibt es Darstellungsweisen, die des Menschen w&uuml;rdig sind, weil sie an all seine Kampfkraft appellieren.<\/p>\n<p>In vielen amerikanischen Zeitschriften konnte man nach einem gro&szlig;en Erdbeben, das Yokohama zerst&ouml;rte, Photographien sehen, welche ein Tr&uuml;mmerfeld zeigten. Darunter stand &bdquo;steel stood&rdquo; (Stahl blieb stehen) und wirklich, wer auf den ersten Blick nur Ruinen gesehen hatte, bemerkte nun, durch die Unterschrift darauf aufmerksam gemacht, da&szlig; einige hohe Geb&auml;ude stehen geblieben waren. Unter den Darstellungen, die man von einem Erdbeben geben kann, sind von unvergleichlicher Wichtigkeit diejenigen der Bauingenieure, welche die Verschiebungen des Bodens, die Kraft der St&ouml;&szlig;e, die sich entwickelnde Hitze usw. ber&uuml;cksichtigen und zu Konstruktionen f&uuml;hren, die dem Beben widerstehen. Wer den Faschismus und den Krieg, die gro&szlig;en Katastrophen, welche keine Naturkatastrophen sind, beschreiben will, mu&szlig; eine praktikable Wahrheit herstellen. Er mu&szlig; zeigen, da&szlig; dies Katastrophen sind, die den riesigen Menschenmassen der ohne eigene Produktionsmittel Arbeitenden von den Besitzern dieser Mittel bereitet werden.<\/p>\n<p>Wenn man erfolgreich die Wahrheit &uuml;ber schlimme Zust&auml;nde schreiben will, mu&szlig; man sie so schreiben, da&szlig; ihre vermeidbaren Ursachen erkannt werden k&ouml;nnen. Wenn die vermeidbaren Ursachen erkannt werden, k&ouml;nnen die schlimmen Zust&auml;nde bek&auml;mpft werden.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das Urteil, jene auszuw&auml;hlen, in deren H&auml;nden die Wahrheit wirksam wird<\/strong>\n<p>Durch die jahrhundertlangen Gepflogenheiten des Handels mit Geschriebenem auf dem Markt der Meinungen und Schilderungen, dadurch, da&szlig; dem Schreibenden die Sorge um das Geschriebene abgenommen wurde, bekam der Schreibende den Eindruck, sein Kunde oder Besteller, der Mittelsmann gebe das Geschriebene an alle weiter. Er dachte: ich spreche, und die h&ouml;ren wollen, h&ouml;ren mich. In Wirklichkeit sprach er; und die zahlen konnten, h&ouml;rten ihn. Sein Sprechen wurde nicht von allen geh&ouml;rt, und die es h&ouml;rten, wollten nicht alles h&ouml;ren. Dar&uuml;ber ist viel, wenn auch noch zu wenig gesagt worden; ich will hier nur hervorheben, da&szlig; aus dem &bdquo;Jemandem schreiben&rdquo; ein &bdquo;schreiben&rdquo; geworden ist. Die Wahrheit aber kann man nicht eben schreiben; man mu&szlig; sie durchaus jemandem schreiben, der damit etwas anfangen kann. Die Erkenntnis der Wahrheit ist ein den Schreibern und Lesern gemeinsamer Vorgang. Um Gutes zu sagen, mu&szlig; man gut h&ouml;ren k&ouml;nnen und Gutes h&ouml;ren. Die Wahrheit mu&szlig; mit Berechnung gesagt und mit Berechnung geh&ouml;rt werden. Und es ist f&uuml;r uns Schreibende wichtig, wem wir sie sagen und wer sie uns sagt.<\/p>\n<p>Wir m&uuml;ssen die Wahrheit &uuml;ber die schlimmen Zust&auml;nde denen sagen, f&uuml;r die die Zust&auml;nde am schlimmsten sind, und wir m&uuml;ssen sie von ihnen erfahren. Nicht nur die Leute einer bestimmten Gesinnung mu&szlig; man ansprechen, sondern die Leute, denen diese Gesinnung und Grund ihrer Lage anst&uuml;nde. Und eure H&ouml;rer verwandeln sich fortw&auml;hrend! Sogar die Henker sind ansprechbar, wenn die Bezahlung f&uuml;r das H&auml;ngen nicht mehr einl&auml;uft oder die Gefahr zu gro&szlig; wird. Die bayrischen Bauern waren gegen jeden Umsturz, aber als der Krieg lange genug gedauert hatte und die S&ouml;hne nach Hause kamen und keinen Platz mehr auf den H&ouml;fen fanden, waren sie f&uuml;r den Umsturz zu gewinnen.<\/p>\n<p>F&uuml;r die Schreibenden wichtig ist, da&szlig; sie den Ton der Wahrheit treffen. F&uuml;r gew&ouml;hnlich h&ouml;rt man da einen sehr sanften, wehleidigen Ton, den von Leuten, die keiner Fliege weh tun k&ouml;nnen. Wer diesen Ton h&ouml;rt und im Elend ist, wird elender. So sprechen Leute, die vielleicht keine Feinde sind, aber bestimmt keine Mitk&auml;mpfer. Die Wahrheit ist etwas Kriegerisches, sie bek&auml;mpft nicht nur die Unwahrheit, sondern bestimmte Menschen, die sie verbreiten.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die List, die Wahrheit unter vielen zu verbreiten<\/strong>\n<p>Viele, stolz darauf, da&szlig; sie den Mut zur Wahrheit haben, gl&uuml;cklich, sie gefunden zu haben, m&uuml;de vielleicht von der Arbeit, die es kostet, sie in eine handhabbare Form zu bringen, ungeduldig wartend auf das Zugreifen derer, deren Interessen sie verteidigen, halten es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, nun auch noch besondere List bei der Verbreitung der Wahrheit anzuwenden. So kommen sie oft um die ganze Wirkung ihrer Arbeit. Zu allen Zeiten wurde zur Verbreitung der Wahrheit, wenn sie unterdr&uuml;ckt und verh&uuml;llt wurde, List angewandt. KONFUTSE f&auml;lschte einen alten patriotischen Geschichtskalender. Er ver&auml;nderte nur gewisse W&ouml;rter. Wenn es hie&szlig; &bdquo;Der Herrscher von Kun lie&szlig; den Philosophen Wan t&ouml;ten, weil er das und das gesagt hatte&rdquo;, setzte KONFUTSE statt t&ouml;ten &bdquo;ermorden&rdquo;. Hie&szlig; es, der Tyrann so und so sei durch ein Attentat umgekommen, setzte er &bdquo;hingerichtet worden&rdquo;. Dadurch brach KONFUTSE einer neuen Beurteilung der Geschichte Bahn.<\/p>\n<p>Wer in unserer Zeit statt Volk&nbsp;Bev&ouml;lkerung und statt Boden&nbsp;Landbesitz sagt, unterst&uuml;tzt schon viele L&uuml;gen nicht. Er nimmt den W&ouml;rtern ihre faule Mystik. Das Wort &nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/volk.html\">Volk<\/a>&nbsp; besagt eine gewisse Einheitlichkeit und deutet auf gemeinsame <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/begin\/nelson\/neon_tress.html\">Interessen<\/a> hin, sollte also nur benutzt werden, wenn von mehreren V&ouml;lkern die Rede ist, da h&ouml;chstens dann eine Gemeinsamkeit der Interessen vorstellbar ist. Die Bev&ouml;lkerung eines Landstriches hat verschiedene, auch einander entgegengesetzte Interessen, und dies ist eine Wahrheit, die unterdr&uuml;ckt wird. So unterst&uuml;tzt auch, der Boden&nbsp;sagt und die &Auml;cker den Nasen und Augen schildert, indem er von ihrem Erdgeruch und von ihrer Farbe spricht, die L&uuml;gen der Herrschenden; denn nicht auf die Fruchtbarkeit des Bodens kommt es an, noch auf die Liebe des Menschen zu ihm, noch auf den Flei&szlig;, sondern haupts&auml;chlich auf den Getreidepreis und den Preis der Arbeit.<\/p>\n<p>Diejenigen, welche die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/profit.html\">Gewinne<\/a> aus dem Boden ziehen, sind nicht jene, die aus ihm Getreide ziehen und der Schollengeruch des Bodens ist den B&ouml;rsen unbekannt. Sie riechen nach anderem. Dagegen ist Landbesitz das richtige Wort; damit kann man weniger betr&uuml;gen. F&uuml;r das Wort Disziplin&nbsp;sollte man, wo Unterdr&uuml;ckung herrscht, das Wort Gehorsam w&auml;hlen, weil Disziplin auch ohne <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/hershaft.html\">Herrscher<\/a> m&ouml;glich ist und dadurch etwas Edleres an sich hat als Gehorsam. Und besser als das Wort &nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/trad\/moralt\/ohilferding.html\">Ehre<\/a>&nbsp;ist das Wort Menschenw&uuml;rde.&nbsp;Dabei verschwindet der einzelne nicht so leicht aus dem Gesichtsfeld. Wei&szlig; man doch, was f&uuml;r ein Gesindel sich herandr&auml;ngt, die Ehre eines Volkes verteidigen zu d&uuml;rfen! Und wie verschwenderisch verteilen die Satten Ehre an die,&nbsp;welche sie s&auml;ttigen,&nbsp;selber hungernd. Die List des KONFUTSE ist auch heute noch verwendbar. KONFUTSE ersetzte ungerechtfertigte Beurteilungen nationaler Vorg&auml;nge durch gerechtfertigte. Der Engl&auml;nder THOMAS MORUS beschrieb in einer Utopie ein Land, in dem gerechte Zust&auml;nde herrschten &ndash; es war ein sehr anderes Land, als das Land, in dem er lebte, aber es glich ihm sehr, bis auf die Zust&auml;nde!<\/p>\n<p>LENIN, von der Polizei des Zaren bedroht, wollte die <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/ausbeut.html\">Ausbeutung<\/a> und Unterdr&uuml;ckung der Insel Sachalin durch die russische Bourgeoisie schildern. Er setzte Japan statt Russland und Korea statt Sachalin. Die Methoden der japanischen Bourgeoisie erinnerten alle Leser an die der russischen in Sachalin, aber die Schrift wurde nicht verboten, da Japan mit Russland verfeindet war. Vieles, was in Deutschland &uuml;ber Deutschland nicht gesagt werden darf, darf &uuml;ber Oesterreich gesagt werden.<\/p>\n<p>Es gibt vielerlei Listen, durch die man den argw&ouml;hnischen <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/staat.html\">Staat<\/a> t&auml;uschen kann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/trad\/hk\/sakman1voltaire.html\">VOLTAIRE<\/a> bek&auml;mpfte den Wunderglauben der Kirche, indem er ein galantes Gedicht &uuml;ber die Jungfrau von Orleans&nbsp; schrieb. Er beschrieb die Wunder, die zweifellos geschehen sein mu&szlig;ten, damit JOHANNA in einer Armee und an einem Hof und unter M&ouml;nchen eine Jungfrau blieb.<\/p>\n<p>Durch die Eleganz seines Stils und indem er erotische Abenteuer schilderte, die aus dem &uuml;ppigen Leben der Herrschenden stammen, verlockte er diese, eine Religion preiszugeben, die ihnen die Mittel f&uuml;r dieses lockere Leben verschaffte. Ja, er schuf so die M&ouml;glichkeit, da&szlig; seine Arbeiten auf ungesetzlichen Wegen an die gelangten, f&uuml;r die sie bestimmt waren. Die M&auml;chtigen seiner Leser f&ouml;rderten oder duldeten die Verbreitung. Sie gaben so die Polizei preis, die ihnen ihre Vergn&uuml;gungen verteidigte. Und der gro&szlig;e LUKREZ betont ausdr&uuml;cklich, da&szlig; er sich f&uuml;r die Verbreitung des epikur&auml;ischen <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/221149\/pagan\/ath1a.html\">Atheismus<\/a> viel von der Sch&ouml;nheit seiner Verse verspreche.<\/p>\n<p>Tats&auml;chlich kann ein hohes literarisches Niveau einer Aussage als Schutz dienen. Oft allerdings erweckt es auch Verdacht. Dann kann es sich darum handeln, da&szlig; man es absichtlich herabschraubt. Das geschieht z.B., wenn man in der verachteten Form des Kriminalromans an unauff&auml;lligen Stellen Schilderungen &uuml;bler Zust&auml;nde einschmuggelt. Solche Schilderungen w&uuml;rden einen Kriminalroman durchaus rechtfertigen. Der gro&szlig;e SHAKESPEARE hat aus viel geringeren Erw&auml;gungen heraus das Niveau gesenkt, als er die Rede der Mutter KORIOLANs, mit der sie dem gegen die Vaterstadt ziehenden Sohn gegen&uuml;bertritt, absichtlich kraftlos gestaltete er wollte, da&szlig; KORIOLAN nicht durch wirkliche Gr&uuml;nde oder durch eine tiefe Bewegung von seinem Plan abgehalten werden sollte, sondern durch eine gewisse Tr&auml;gheit, mit der er sich einer alten Gewohnheit hingab.<\/p>\n<p>Bei SHAKESPEARE finden wir auch ein Muster listig verbreiteter Wahrheit in der Rede des ANTONIUS an der Leiche des C&Auml;SAR. Unaufh&ouml;rlich betont er, das C&Auml;SARs M&ouml;rder BRUTUS ein ehrenwerter Mann sei, aber er schildert auch seine Tat und die Schilderung dieser Tat ist eindrucksvoller als die ihres Urhebers; der Redner l&auml;&szlig;t sich so durch die Tatsachen selber besiegen; er verleiht ihnen eine gr&ouml;&szlig;ere Beredtsamkeit selber. <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/swift.html\">JONATHAN SWIFT<\/a> schlug in einer Brosch&uuml;re vor, man sollte, damit das Land zu Wohlstand gelange, die Kinder der Armen einp&ouml;keln und als Fleisch verkaufen. Er stellte genaue Berechnungen auf, die bewiesen, da&szlig; man viel einsparen kann, wenn man vor nichts zur&uuml;ckschreckt.<\/p>\n<p>SWIFT stellte sich dumm. Er verteidigte eine bestimmte, ihm verha&szlig;te Denkungsart mit vielem Feuer und vieler Gr&uuml;ndlichkeit in einer Frage, wo ihre ganze Gemeinheit jedermann erkennbar zu Tage trat. Jedermann konnte kl&uuml;ger sein als SWIFT oder wenigstens humaner, besonders der, welcher bisher gewisse Anschauungen nicht auf die Folgerungen untersucht hatte, die sich aus ihnen ergaben.<\/p>\n<p>Die Propaganda f&uuml;r das Denken, auf welchem Gebiet immer sie erfolgt, ist der Sache der Unterdr&uuml;ckten n&uuml;tzlich. Eine solche <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/spdk\/19jhd\/diehl_prop.html\">Propaganda<\/a> ist sehr n&ouml;tig. Das Denken gilt unter <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/regierun.html\">Regierungen<\/a>, die der Ausbeutung dienen, als niedrig.<\/p>\n<p>Als niedrig gilt, was f&uuml;r die Niedergehaltenen n&uuml;tzlich ist. Niedrig gilt die st&auml;ndige Sorge um das Sattwerden; das Verschm&auml;hen der Ehren, welche den Verteidigern des Landes, in dem sie hungern, in Aussicht gestellt werden; der Zweifel am F&uuml;hrer, wenn er ins Ungl&uuml;ck f&uuml;hrt; der Widerwille gegen die Arbeit, die ihren Mann nicht n&auml;hrt; das Aufbegehren gegen den <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/zwang.html\">Zwang<\/a> zu sinnlosem Verhalten; die Gleichg&uuml;ltigkeit gegen die Familie, der das Interesse nichts mehr n&uuml;tzte. Die Hungernden werden beschimpft als Verfressene, die nichts zu verteidigen haben als Feiglinge, die an ihrem Unterdr&uuml;cker zweifeln, als solche, die an ihrer eigenen Kraft zweifeln, die Lohn f&uuml;r ihre Arbeit haben wollen, als Faulpelze&nbsp;usw. Unter solchen Regierungen gilt das <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/denken.html\">Denken<\/a> ganz allgemein als niedrig und kommt in Verruf. Es wird nirgends mehr gelehrt und, wo es auftritt, verfolgt.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es immer Gebiete, wo man ungestraft auf die Erfolge des Denkens hinweisen kann; das sind diejenigen Gebiete, auf denen die Diktaturen das Denken ben&ouml;tigen. So kann man zum Beispiel die Erfolge des Denkens auf dem Gebiet der Kriegswissenschaft und <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/technik.html\">Technik<\/a> nachweisen. Auch das Strecken der Wollvorr&auml;te durch Organisation und Erfindungen von Ersatzstoffen erfordert Denken. Die Verschlechterung der Nahrungsmittel, die Ausbildung der Jugendlichen f&uuml;r den Krieg, all das erfordert Denken: es kann beschrieben werden. Das <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/gene\/somer.html\">Lob des Krieges<\/a>, des unbedachten Zweckes dieses Denkens, kann listig vermieden werden; so kann das Denken, das aus der Frage kommt, wie man am besten einen <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/krieg.html\">Krieg<\/a> f&uuml;hrt, zu der Frage f&uuml;hren, ob dieser Krieg sinnvoll ist und bei der Frage verwendet werden, wie man einen sinnlosen Krieg am besten vermeidet.<\/p>\n<p>Diese Frage kann nat&uuml;rlich schwerlich &ouml;ffentlich gestellt werden. Kann also das Denken, das man propagiert hat, nicht verwertet, das hei&szlig;t eingreifend gestaltet werden? Es kann.<\/p>\n<p>Damit in einer Zeit wie der unsrigen die Unterdr&uuml;ckung, die der Ausbeutung des einen (gr&ouml;&szlig;eren) Teils der Bev&ouml;lkerung durch den (kleineren) anderen Teil dient, m&ouml;glich bleibt, bedarf es einer ganz bestimmten Grundhaltung der Bev&ouml;lkerung, die sich auf alle Gebiete erstrecken mu&szlig;. Eine Entdeckung auf dem Gebiet der Zoologie, wie die des Engl&auml;nders <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/rickwin.html\">DARWIN<\/a> konnte der Ausbeutung pl&ouml;tzlich gef&auml;hrlich werden; dennoch k&uuml;mmerte sich eine Zeitlang nur die Kirche um sie, w&auml;hrend die Polizei noch nichts merkte. Die Forschungen der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/spdk\/heis1.html\">Physiker<\/a> haben in den letzten Jahren zu Folgerungen auf dem Gebiet der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/logik1.html\">Logik<\/a> gef&uuml;hrt, die immerhin eine Reihe von Glaubenss&auml;tzen die der Unterdr&uuml;ckung dienen, gef&auml;hrlich werden konnten.<\/p>\n<p>Der preu&szlig;ische Staatsphilosoph <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/spdk\/o\/haym-hegel9.html\">HEGEL<\/a> besch&auml;ftigt mit schwierigen Untersuchungen auf dem Gebiete der Logik, lieferte <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/can\/wt\/grigorovici1.html\">MARX<\/a> und LENIN, den Klassikern der proletarischen Revolution, Methoden von unsch&auml;tzbarem Wert. Die Entwicklung der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/science.html\">Wissenschaften<\/a> erfolgt im Zusammenhang aber ungleichm&auml;&szlig;ig und der Staat ist au&szlig;erstande, alles im Auge zu behalten. Die Vork&auml;mpfer der Wahrheit k&ouml;nnen sich Kampfpl&auml;tze ausw&auml;hlen, die verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig unbeobachtet sind. Alles kommt darauf an, da&szlig; ein richtiges Denken gelehrt wird, ein Denken, das alle Dinge und Vorg&auml;nge nach ihrer verg&auml;nglichen und ver&auml;nderbaren Seite fragt. Die Herrschenden haben eine gro&szlig;e Abneigung gegen starke Ver&auml;nderungen. Sie m&ouml;chten, <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/kago\/lea\/konserv.html\">da&szlig; alles so bleibt<\/a>, am liebsten tausend Jahre.<\/p>\n<p>Am besten der Mond bleibe stehen und die Sonne liefe nicht weiter! Dann bek&auml;me keiner mehr Hunger und wollte zu Abend essen. Wenn sie geschossen haben, soll der Gegner nicht mehr schie&szlig;en d&uuml;rfen, ihr Schu&szlig; soll der letzte gewesen sein. Eine Betrachtungsweise, die das Verg&auml;ngliche besonders hervorhebt, ist ein gutes Mittel, die Unterdr&uuml;ckten zu ermutigen&hellip; eh, da&szlig; in jedem Ding und in jedem Zustand ein Widerspruch sich meldet und w&auml;chst, ist etwas was den Siegern entgegengehalten werden mu&szlig;. Eine solche Betrachtungsweise (wie der <a href=\"https:\/\/www.gleichsatz.de\/b-u-t\/begin\/EvH\/eh-dial1.html\">Dialektik<\/a>, der Lehre vom Flu&szlig; der Dinge) kann bei der Untersuchung von Gegenst&auml;nden einge&uuml;bt werden, welche den Herrschenden eine Zeitlang entgehen. Man kann sie in der Biologie oder Chemie anwenden. Aber auch bei der Schilderung der Schicksale einer Familie kann sie einge&uuml;bt werden, ohne allzuviel Aufsehen zu erwecken. Die Abh&auml;ngigkeit jeden Dings von vielen andern; sich st&auml;ndig &auml;ndern, ist ein den Diktaturen gef&auml;hrlicher Gedanke, und er kann in vielerlei Arten auftreten, ohne der Polizei eine Handhabe zu bieten.<\/p>\n<p>Eine vollst&auml;ndige Schilderung aller Umst&auml;nde und Prozesse, von denen ein Mann betroffen wird, der einen Tabakladen aufmacht, kann ein harter Schlag gegen die Diktatur sein. Jeder, der ein wenig nachdenkt, wird finden warum. Die Regierungen, welche die Menschenmassen ins Elend f&uuml;hren, m&uuml;ssen vermeiden, da&szlig; im Elend an die Regierung gedacht wird. Sie reden viel vom Schicksal. Dieses, nicht sie, ist am Mangel schuld. Wer nach der Ursache des Mangels forscht, wird verhaftet, bevor er auf die Regierung st&ouml;&szlig;t. Aber es ist m&ouml;glich, im allgemeinen dem Gerede vom Schicksal entgegenzutreten; man kann zeigen, da&szlig; dem Menschen sein Schicksal von Menschen bereitet wird.<\/p>\n<p>Dies kann wieder auf vielfache Art geschehen. Es kann zum Beispiel die Geschichte eines Bauernhofes erz&auml;hlt werden, etwa eines isl&auml;ndischen Bauernhofes. Das ganze Dorf spricht davon, da&szlig; auf diesem Hof ein Fluch liegt. Eine B&auml;uerin hat sich in den Brunnen gest&uuml;rzt, ein Bauer hat sich aufgeh&auml;ngt. Eines Tages findet eine Heirat statt, der Sohn des Bauern verheiratet sich mit einem M&auml;dchen, das einige &Auml;cker mit in die Ehe bringt. Der Fluch weicht vom Hof. Das Dorf ist sich in der Beurteilung dieser gl&uuml;cklichen Wendung nicht einig. Die einen schreiben sie der sonnigen Natur des jungen Bauern zu, die andern den &Auml;ckern, die die junge B&auml;uerin mitgebracht hat und die den Hof erst lebensf&auml;hig machen. Aber selbst in einem Gedicht, das eine Landschaft schildert, kann etwas erreicht werden, n&auml;mlich wenn der Natur die von Menschen geschaffenen Dinge einverleibt werden.<\/p>\n<p>Es ist List n&ouml;tig, damit die Wahrheit verbreitet wird.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/p><p>Die gro&szlig;e Wahrheit unseres Zeitalters (mit deren Erkenntnis noch nicht gedient ist, ohne deren Erkenntnis aber keine andere Wahrheit von Belang gefunden werden kann) ist es, da&szlig; unser Erdteil in Barbarei versinkt, weil die Eigentumsverh&auml;ltnisse an den Produktionsmitteln mit Gewalt festgehalten werden. Was n&uuml;tzt es da, etwas Mutiges zu schreiben, aus dem hervorgeht, da&szlig; der Zustand, in den wir versinken, ein barbarischer ist (was wahr ist), wenn nicht klar ist, warum wir in diesen Zustand geraten? Wir m&uuml;ssen sagen, da&szlig; gefoltert wird, weil die Eigentumsverh&auml;ltnisse bleiben sollen. Freilich, wenn wir dies sagen, verlieren wir viele Freunde, die gegen das Foltern sind, weil sie glauben, die Eigentumsverh&auml;ltnisse k&ouml;nnten auch ohne Foltern aufrechterhalten bleiben (was unwahr ist).<\/p><p>Wir m&uuml;ssen die Wahrheit &uuml;ber die barbarischen Zust&auml;nde in unserem Land sagen, da&szlig; das getan werden kann, was sie zum Verschwinden bringt, n&auml;mlich das, wodurch die Eigentumsverh&auml;ltnisse ge&auml;ndert werden.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen es ferner denen sagen, die unter den Eigentumsverh&auml;ltnissen am meisten leiden, an ihrer Ab&auml;nderung das meiste Interesse haben, den Arbeitern und denen, die wir ihnen als Bundesgenossen zuf&uuml;hren k&ouml;nnen, weil sie eigentlich auch kein Eigentum an Produktionsmitteln besitzen, wenn sie auch an den Gewinnen beteiligt sind.<\/p><p>Und wir m&uuml;ssen, f&uuml;nftens, mit List vorgehen.<\/p><p>Und alle diese f&uuml;nf Schwierigkeiten m&uuml;ssen wir zu ein- und derselben Zeit l&ouml;sen, denn wir k&ouml;nnen die Wahrheit &uuml;ber barbarische Zust&auml;nde nicht erforschen, ohne an die zu denken, welche darunter leiden und w&auml;hrend wir, immerfort jede Anwandlung von Feigheit absch&uuml;ttelnd, die wahren Zusammenh&auml;nge im Hinblick auf die suchen, die bereit sind, ihre Kenntnis zu ben&uuml;tzen, m&uuml;ssen wir auch noch daran denken, ihnen die Wahrheit so zu reichen, da&szlig; sie eine Waffe in ihren H&auml;nden sein kann und zugleich so listig, da&szlig; diese &Uuml;berreichung nicht vom Feind entdeckt und verhindert werden kann.<\/p><p>So viel wird verlangt, wenn verlangt wird, der Schriftsteller soll die Wahrheit schreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Einf&uuml;hrung: &bdquo;Diese Schrift verfasste BERTOLT BRECHT zur Verbreitung in Hitler-Deutschland. 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