{"id":116,"date":"2005-06-22T15:03:13","date_gmt":"2005-06-22T14:03:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=116"},"modified":"2016-03-13T15:28:31","modified_gmt":"2016-03-13T14:28:31","slug":"modell-grosbritannien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116","title":{"rendered":"Modell Gro\u00dfbritannien?"},"content":{"rendered":"<p>Von Joachim Jahnke.<br>\n<!--more--><br>\nDie Konservativen in Deutschland schielen nach Gro&szlig;britannien. Merkel und Blair haben sich bei ihrem ersten Treffen im Juni 2005 gut verstanden. Bundespr&auml;sident K&ouml;hler hat schon in seiner Rede zum Besuch von K&ouml;nigin Elizabeth II im November 2004 Gro&szlig;britannien als Vorbild f&uuml;r Deutschland bezeichnet. Gro&szlig;britannien ist zusammen mit den USA der Hort des neoliberalen Konzepts f&uuml;r die Globalisierung der Weltwirtschaft, die City of London dessen &ldquo;heiliger Gral&rdquo;. W&auml;hrend Reaganomics die USA umkrempelte, glaubte Margaret Thatcher ihre Landsleute ermahnen zu m&uuml;ssen, wieder so hart zu arbeiten wie ihre Vorfahren zurzeit von Charles Dickens, eine der unsozialsten Perioden in der britischen Geschichte. <\/p><p>Amerikanische Rezepte f&uuml;r die Wirtschafts- und Sozialpolitik haben starken Eingang in Gro&szlig;britannien gefunden, weit mehr als auf dem europ&auml;ischen Kontinent. Blairs &bdquo;New Labour&rdquo; ist eine Kopie von Clintons &bdquo;New Democrats&rdquo;. Nach Scheitern des EU-Gipfels im Juni 2005 haben Blair und sein Au&szlig;enminister ihr neoliberales Verst&auml;ndnis von Europas Zukunft verdeutlicht: &bdquo;It is essentially a division between whether you want a European Union that is able to cope with the future or a European Union that is trapped in the past &hellip; This is the moment when Europe has to take measures of fundamental change and reform &hellip; How does it respond to globalisation in the modern economy?&rdquo;. <\/p><p>Viele deutsche Anh&auml;nger der neoliberalen Variante bewundern an Gro&szlig;britannien das niedrige Niveau an Arbeitslosigkeit, ohne die vielen Schattenseiten der wirtschaftlichen und sozialen Verh&auml;ltnisse zu kennen, geschweige denn zu erw&auml;hnen. Hier einige kritische Schlaglichter: <\/p><p><strong>I. Wachsende Ungleichheit und Verschuldung<\/strong><\/p><p>Nach st&auml;ndigem Anstieg monopolisieren die reichsten 10 % der Bev&ouml;lkerung jetzt 56 % der Verm&ouml;gen (entsprechender Wert f&uuml;r Deutschland: 47%) und sogar 75%, wenn Wohnraum nicht einbezogen wird (Abb. 1). Die Verschuldung britischer Haushalte ist in den vergangenen Jahren steil auf 140 % der Jahreseinkommen angestiegen (Abb. 2), wobei die durchschnittliche Kreditkartenverschuldung pro Haushalt auf den Gegenwert von rund 3.400 Euro angewachsen ist. Hinzu kommt eine gewaltige Kunstblase bei den Hauspreisen, die seit 1997 um etwa 154% gestiegen sind und damit Wohlstand vorspiegeln, aber diese Blase kann jederzeit platzen. Die Zahl der alleinerziehenden M&uuml;tter ist im Vergleich zu Deutschland fast dreimal h&ouml;her, die Anzahl au&szlig;erehelicher Geburten fast doppelt so hoch, der Anteil der Kinder mit Armutsrisiko mehr als doppelt so hoch.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060522_01.gif\" alt=\"Abb. 1: Verm&ouml;gensbildung in Gro&szlig;britannien\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060522_02.gif\" alt=\"Abb. 2: Verschuldung britischer Haushalte gemessen am Einkommen\" title=\"\"><\/p><p>Auch im Au&szlig;enverh&auml;ltnis lebt das Land erheblich &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse, wie die hohen Leistungsbilanzdefizite zeigen (Abb. 3).<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060522_03.gif\" alt=\"Abb. 3: Leistungsbilazen 2000 - 2004 in Prozent BIP\" title=\"\"><\/p><p><strong>II. Krise der Altersversorgung<\/strong><\/p><p>In Gro&szlig;britannien droht eine Krise in der Altersversorgung, die erheblich &uuml;ber die kontinental-europ&auml;ischen Probleme hinausgeht. W&auml;hrend in Deutschland die &ouml;ffentliche Rentenversicherung einen Anteil von etwa 12 % des Bruttosozialprodukts belegt, liegt dieser Anteil in Gro&szlig;britannien konstant in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von wenig &uuml;ber 5 %, alles Weitere ist privatisiert worden. Bereits seit den 70er Jahren ist die britische Regierung dazu &uuml;bergegangen, mit steuerlichen Erleichterungen die Privatisierung der Rentenlasten zu betreiben. Statt Beitr&auml;ge zur Sozialversicherung zu leisten, konnten und k&ouml;nnen die Unternehmen eigene Pensionssysteme aufbauen und sich damit aus dem &ouml;ffentlichen System herauskaufen. Diese privaten Pensionspl&auml;ne wurden unzureichend reguliert, was sich nun zunehmend bei Firmenpleiten r&auml;cht, indem die Belegschaft gro&szlig;e Abstriche an ihrer Altersversorgung hinnehmen mu&szlig;, falls nicht der Staat rettend eingreift. Ein staatliches Auffangnetz ist in Vorbereitung, hat aber engen Grenzen. Es wird gesch&auml;tzt, da&szlig; in den vergangenen 7 Jahren schon 80.000 Arbeitnehmer ihre Altersversorgung durch Firmenpleiten verloren haben. Aber auch die an sich gesunden Unternehmen haben inzwischen in gro&szlig;em Stil ihre meist defizit&auml;ren privaten Systeme wieder geschlossen, bis 2004 schon fast 2\/3. Ein Teil des Problems kommt von der mit 3\/4 des Kapitals sehr weitgehenden Anlage der Pensionsfonds am Aktienmarkt, dessen Unsicherheiten damit in die Altersvorsorge hineingetragen wurden. Zunehmend werden jetzt die meisten Pensionspl&auml;ne f&uuml;r Neuzug&auml;nge geschlossen. Im Ergebnis werden britische Arbeitnehmer auf die eigene Altersvorsorge &uuml;ber freiwillige Einzahlungen in Ersatzsysteme ohne Geldwertstabilit&auml;t verwiesen, sind also praktisch mit ihrer ungewissen Alterszukunft allein gelassen. Schon jetzt lebt im Vergleich zu Deutschland ein etwa doppelt so hoher Anteil der britischen Rentner in der Gruppe der Niedrigeinkommen, die als Gesamteinkommen von unter 60 Prozent der durchschnittlichen Arbeitseinkommen definiert werden.<\/p><p><strong>III. Arbeitszeitausbeutung bei Produktivit&auml;tsr&uuml;ckstand<\/strong><\/p><p>Die Produktivit&auml;t pro Arbeitsstunde ist in Gro&szlig;britannien erheblich niedriger als in Deutschland und vor allem Frankreich (Abb. 4). Ein wichtiger Grund daf&uuml;r ist, da&szlig; die Unternehmen unter dem Druck, kurzfristig maximale Renditen auszuweisen, l&auml;ngst nicht so viel in Technologie investiert haben wie in Frankreich oder Deutschland. Die geringere Produktivit&auml;t mu&szlig; durch eine wesentlich st&auml;rkere volumensm&auml;&szlig;ige Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft ausgeglichen werden. Die Wochenarbeitszeit in Vollzeitbesch&auml;ftigung liegt durchschnittlich 1,5 Stunden h&ouml;her als in Deutschland (Abb. 5).<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060522_04.gif\" alt=\"Abb. 4: Produktivit&auml;tsvergleich mit Durchschnitt Eurozone 2003 = 100\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060522_05.gif\" alt=\"Abb. 5: Vergleich der Wochenarbeitszeiten Abweichung von Eurozone-Durchschnitt\" title=\"\"><\/p><p>Gro&szlig;britannien besteht innerhalb der Europ&auml;ischen Union auf seiner Befreiung von der strikten Begrenzung der Arbeitszeit auf 48 Stunden: Britische Unternehmen k&ouml;nnen ihre Arbeitnehmer auffordern, eine Verzichtserkl&auml;rung zu unterschreiben, und tats&auml;chlich hat dies 1\/5 der Arbeitnehmer getan. Im Ergebnis arbeiten etwa 4 Millionen Arbeitnehmer l&auml;ngere Arbeitszeiten, mehr als die H&auml;lfte nicht einmal mit &Uuml;berstundenbezahlung. Seit 1998 hat sich die Zahl der Arbeitnehmer mit mehr als 48 Stunden Wochenarbeitszeit mehr als verdoppelt und erfa&szlig;t jetzt mehr als jeden 4. Arbeitnehmer. Einer in 6 Arbeitnehmern arbeitet schon mehr als 60 Stunden pro Woche. Ber&uuml;cksichtigt man zus&auml;tzlich die wesentlich k&uuml;rzeren Urlaubszeiten, so arbeiten britische Arbeitskr&auml;fte fast 8 Wochen pro Jahr l&auml;nger als ihre kontinental-europ&auml;ischen Partner. Seit 1981 ist der Anteil der M&uuml;tter, die innerhalb von einem Jahr nach der Geburt eines Kindes an ihren Arbeitsplatz zur&uuml;ckkehren, von 24 auf 61 % hochgesprungen.<\/p><p>Im Ergebnis leidet etwa jeder 3. Arbeitnehmer unter Ersch&ouml;pfung, Stre&szlig; oder beidem. Jeder 5. Arbeitnehmer bezeichnet seine Besch&auml;ftigung als sehr oder gar extrem stre&szlig;voll. Fast 3\/4 der Langzeitarbeitenden erkl&auml;rten, da&szlig; sie am Arbeitsplatz erschienen, auch wenn sie sich nicht wohl f&uuml;hlten. 1\/3 sieht negative Auswirkungen auf die Ehe, mehr als die H&auml;lfte auf das Sexualleben.<\/p><p><strong>IV. &Ouml;ffentliche Infrakstuktur<\/strong><\/p><p>Die &ouml;ffentliche Infrastruktur ist in vielen Bereichen, besonders im Gesundheitswesen und bei den normalen, nicht-privilegierten Schulen, mangelhaft. Die Ausstattung mit Krankenhausbetten und &Auml;rzten ist wesentlich schlechter als in Deutschland oder Frankreich (Abb. 6). Dementsprechend kommt es zu langen Wartezeiten f&uuml;r ein Krankenhausbett bei fast der H&auml;lfte aller Patienten von &uuml;ber 2 Monaten und bei immer noch 10 % von &uuml;ber 5 Monaten (Abb. 7). Solche Verh&auml;ltnisse sind eine nicht &uuml;berraschende Kehrseite der wesentlich geringeren Steuerbelastung f&uuml;r Wohlhabende, die an den Spitzensteuers&auml;tzen deutlich abgelesen werden kann, und auch sonst geringerer Steuereinnahmen der &ouml;ffentlichen H&auml;nde. Die gesamte Staatsquote einschlie&szlig;lich Sozialversicherung lag nach Eurostat im Jahre 2003 bei 37 % gegen&uuml;ber 42 und 46 % f&uuml;r Deutschland und Frankreich.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060522_06.gif\" alt=\"Abb. 6: Krankenhausbetten und &Auml;rzte pro 100.000 Einwohner\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060522_07.gif\" alt=\"Abb. 7: Krankenhaus-Wartezeiten nach Zahl der wartenden Patienten in England f&uuml;r 2005\" title=\"\"><\/p><p><strong>V. Kriminalit&auml;t<\/strong><\/p><p>Die sozialen Diskrepanzen haben zum Entstehen einer Unterklasse und in der Folge eines Justizsystems beigetragen, das sich nicht zuletzt in einer unter westlichen Industriel&auml;ndern (von den USA abgesehen) ungew&ouml;hnlich hohen Gef&auml;ngnisbev&ouml;lkerung dokumentiert, die im Vergleich zu Deutschland per 100.000 Einwohner &uuml;ber 50 % h&ouml;her liegt.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.jjahnke.net\" title=\"Externer Link zu www.jjahnke.net\">www.jjahnke.net<\/a><br>\nDies ist eines der Schwerpunktthemen auf der Webseite von Joachim Jahnke zum Buch &ldquo;Deutschland global: Mit falschen Rezepten in die Globalisierung&rdquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Joachim Jahnke.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,20,39,132],"tags":[1740,469,217,273,487,291],"class_list":["post-116","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","category-landerberichte","category-rente","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-arbeitsbedingungen","tag-grossbritannien","tag-kinderarmut","tag-privatvorsorge","tag-produktivitaet","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32068,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions\/32068"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}