{"id":116384,"date":"2024-06-08T14:00:38","date_gmt":"2024-06-08T12:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116384"},"modified":"2024-06-10T16:33:33","modified_gmt":"2024-06-10T14:33:33","slug":"kognitive-kriegsfuehrung-klaerende-bemerkungen-zu-einem-propagandistischen-begriff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116384","title":{"rendered":"\u201eKognitive Kriegsf\u00fchrung\u201c &#8211; Kl\u00e4rende Bemerkungen zu einem propagandistischen Begriff"},"content":{"rendered":"<p>Mit Propaganda nicht vertraute B&uuml;rger k&ouml;nnten eine positive Einstellung zur neuen Waffengattung &bdquo;Kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; entwickeln, weil sie die Hoffnung auf eine humanere Kriegsf&uuml;hrung mit &bdquo;Soft Power&ldquo;-Waffen weckt. Was als &bdquo;Soft Power&ldquo; bezeichnet wird, f&uuml;hrt jedoch in der Regel zu einem Krieg mit den &uuml;blichen Grausamkeiten. Ein Kommentar von <strong>Christian Gaedt<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8078\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-116384-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610-Kognitive-Kriegsfuehrung-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610-Kognitive-Kriegsfuehrung-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610-Kognitive-Kriegsfuehrung-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610-Kognitive-Kriegsfuehrung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=116384-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610-Kognitive-Kriegsfuehrung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240610-Kognitive-Kriegsfuehrung-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zum Autor:<\/strong> Dr. Christian Gaedt ist Psychotherapeut und lebt in Wolfenb&uuml;ttel.<\/em><\/p><p>Der Begriff &bdquo;Kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; entstand im Umfeld der NATO. Da die NATO sich als ein Verteidigungsb&uuml;ndnis versteht, dient diese neue &bdquo;Waffengattung&ldquo; im Selbstverst&auml;ndnis der NATO der Verbesserung ihrer Verteidigungsf&auml;higkeit. Der Begriff &bdquo;Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; legt nahe, dass diese neuen &bdquo;Waffen&ldquo; im Sinne des Verteidigungsb&uuml;ndnisses im Verteidigungsfall, also im Krieg, gegen den Feind gerichtet werden. Bei dem mit Propaganda nicht vertrauten B&uuml;rger werden angesichts dieser Nomenklatur keine Zweifel oder &Auml;ngste geweckt. Er wird sogar eine positive Einstellung zu dieser neuen Waffengattung entwickeln k&ouml;nnen, weil sie nicht nur die Verteidigung gegen den bedrohlichen Feind verbessert, sondern auch die Hoffnung auf eine humanere Kriegsf&uuml;hrung mit &bdquo;Soft Power&ldquo;-Waffen weckt. Was als &bdquo;Soft Power&ldquo; bezeichnet wird, f&uuml;hrt jedoch in der Regel zu einem Krieg mit den &uuml;blichen Grausamkeiten. Propaganda dient dazu, einen mit t&ouml;dlichen Waffen gef&uuml;hrten Krieg zu erm&ouml;glichen.<\/p><p>Angebracht sind also Misstrauen und eine kritische &Uuml;berpr&uuml;fung, denn erstens ist es zu bezweifeln, dass diese neuen Waffen den Anforderungen der ethischen Normen gen&uuml;gen, die die NATO verteidigen will. Das deuten selbst die Autoren an, die die Einf&uuml;hrung dieser Manipulationstechniken in das Waffenarsenal der NATO wissenschaftlich begleitet haben[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Zweitens verschwimmt in der modernen Kriegsf&uuml;hrung die Grenze zwischen Krieg und Frieden, d.h. die sogenannten &bdquo;Soft Power&ldquo;-Waffen werden auch au&szlig;erhalb von eindeutigen Kriegshandlungen eingesetzt. Und drittens geh&ouml;rt zur modernen Kriegsf&uuml;hrung der Kampf um die Akzeptanz des Krieges als Instrument zur L&ouml;sung von Konflikten durch die B&uuml;rger, also um die &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; der Bev&ouml;lkerung. Und es geh&ouml;rt der Aufbau bzw. der Erhalt einer Immunit&auml;t des B&uuml;rgers gegen&uuml;ber feindlicher Propaganda dazu. Bei diesen Anwendungsgebieten ist der B&uuml;rger selbst das Zielobjekt.<\/p><p>Die hier angewandten Methoden &ndash; als &bdquo;Kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; von der NATO eingef&uuml;hrt und f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit akzeptabel gemacht &ndash; werden aus verst&auml;ndlichen Gr&uuml;nden bei nichtmilit&auml;rischen Eins&auml;tzen nicht so benannt. Ihre Anwendung bleibt unerkannt. Im Prinzip kommen jedoch dieselben Techniken zum Einsatz wie bei milit&auml;rischen Eins&auml;tzen. Das Allgemeine der unter dem Namen &bdquo;Kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; eingesetzten Waffen ist, dass sie auf modernen Manipulationstechniken basieren. Eine allgemeine und unmissverst&auml;ndliche Bezeichnung f&uuml;r diese Propagandaformen w&auml;re &bdquo;kognitive Manipulationen&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Kognitiv&ldquo; soll darauf verweisen, dass bei dieser Manipulationsmethode direkt in kognitive Prozesse eingegriffen wird. Diese Methoden grenzen sich damit von anderen psychologischen Manipulationstechniken ab. Zu den &bdquo;kognitiven Funktionen&ldquo; geh&ouml;ren u.a. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erkennen, Vorstellen, Ged&auml;chtnis, Handlungsplanung und Kommunikation etc., aber auch die kritische Pr&uuml;fung und Bewertung der Informationen. Gemeinsames Ziel aller kognitiven Manipulationstechniken ist die Schw&auml;chung, Umgehung oder Au&szlig;erkraftsetzung dieser kritischen Urteilsfunktionen der Zielperson.<\/p><p>Sollen also bei einer Zielperson ohne deren Wissen Einstellungen und Verhaltensbereitschaften ver&auml;ndert werden, muss der informationsverarbeitende Prozess so gest&ouml;rt werden, dass eine kritische &Uuml;berpr&uuml;fung und Beurteilung nicht stattfinden k&ouml;nnen.<\/p><p>Die massenhafte &bdquo;Beeinflussung&ldquo;, man kann auch sagen &bdquo;Verf&uuml;hrung&ldquo;, der eigenen Bev&ouml;lkerung zum Zweck der Verbesserung der &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; wird dem im Grundgesetz verankerten Recht auf Achtung der &bdquo;W&uuml;rde des Menschen&ldquo; nicht gerecht. Der B&uuml;rger wird gleichsam zu einem uninformierten Teilnehmer an einem psychologischen Massenexperiment. Das ist bei der modernen Werbung nicht anders. Hier handelt es sich aber um Manipulation des Konsumverhaltens. In der Kriegspropaganda geht es dagegen um Krieg und Frieden, um Leben und Tod, bis hin zur m&ouml;glichen Ausl&ouml;schung der gesamten Bev&ouml;lkerung. Hier erweisen sich die Manipulatoren als menschenverachtend. Die Sprache der Sch&ouml;pfer der modernen Propaganda machte keinen Hehl aus deren abwertendem Menschenbild, soweit es ihre Zielgruppe betrifft, also die gesamte Bev&ouml;lkerung ohne die &bdquo;Elite&ldquo;. Walter Lippmann spricht von einer &bdquo;verst&ouml;rten Schafherde&ldquo;.<\/p><p>Ob die &bdquo;Kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; in einem Krieg jemals wirklich die Effektivit&auml;t haben wird, die sich die NATO-Vertreter von dieser Propagandamethode erhoffen, muss sich noch zeigen. Welche aus heutiger Sicht unrealistisch wirkenden und menschenfeindlichen Ziele sie haben, geht aus dem folgenden Zitat hervor[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Das Hauptziel ist es nicht, [&hellip;] kampflos zu siegen, sondern einen Krieg gegen das zu f&uuml;hren, was eine feindliche Gemeinschaft denkt, liebt oder glaubt, indem sie ihre Darstellung der Realit&auml;t ver&auml;ndert. Es ist ein Krieg gegen die Art und Weise, wie der Feind denkt, wie sein Verstand funktioniert, wie er die Welt sieht und sein begriffliches Denken entwickelt. Die angestrebte Wirkung ist eine Ver&auml;nderung der Weltanschauung und damit eine Beeintr&auml;chtigung des Seelenfriedens, der Gewissheit, der Wettbewerbsf&auml;higkeit und des Wohlstands.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Abgesehen davon, dass die Autoren dieses Zitates nicht mehr zwischen Soldaten und Zivilbev&ouml;lkerung unterscheiden, offenbart dieses Zitat die abwertende, menschenverachtende Einstellung der Verfasser gegen&uuml;ber einer Kultur, deren B&uuml;rger zum &bdquo;Feind&ldquo; erkl&auml;rt wurden. Es geht ihnen um die Vernichtung dieser &ndash; als feindlich eingestuften &ndash; anderen Kultur.<\/p><p>Diese Zielsetzungen der &bdquo;Cognitive Warfare&ldquo; werfen ethische Fragen auf, die bisher noch nicht im Blick waren. Wie ernst die NATO diese neue Kriegsf&uuml;hrung nimmt und wie wirkungsvoll sie von den Verantwortlichen angesehen wird, zeigt die Tatsache, dass sie diese Manipulationsmethoden als neue &bdquo;Waffengattung&ldquo; der NATO eingef&uuml;hrt haben. Die entstehenden ethischen Probleme wurden dabei nicht beachtet. Umso wichtiger ist, dass die Zivilgesellschaft sich mit diesen Fragen auseinandersetzt und sich gegen diese Entwicklung wehrt. <\/p><p>Es ist zum Beispiel zu fragen, ob die Liste der anerkannten Menschenrechte erweitert werden muss. &Auml;hnliche Probleme entstehen bei der Anwendung medizinischer, neurophysiologischer Eingriffe in die kognitiven Funktionen des menschlichen Gehirns. Mit den sich dabei ergebenden ethischen Fragen hat sich eine Arbeitsgruppe der Universit&auml;t Basel besch&auml;ftigt<sup>3.<\/sup> Von dieser Arbeitsgruppe wurden vier neue Menschenrechte gefordert: 1.) Das Recht auf kognitive Freiheit, 2.) Das Recht auf mentale Privatsph&auml;re, 3.) Das Recht auf mentale Integrit&auml;t und 4.) Das Recht auf psychologische Kontinuit&auml;t. Angesichts der in k&uuml;nftigen Kriegen benutzten kognitiven Waffen, die &auml;hnliche Ver&auml;nderungen der Hirnfunktionen anstreben, wie sie mit neurophysiologischen Eingriffen hervorgerufen werden k&ouml;nnen, m&uuml;sste die Einforderung dieser neuen Menschenrechte in die friedenspolitische Arbeit aufgenommen werden.<\/p><p><strong>Propaganda als Herrschaftsinstrument<\/strong><\/p><p>Die modernen Manipulationstechniken, wie sie in der &bdquo;Kognitiven Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; angewandt werden, richten sich als Kriegspropaganda auch an die eigene Bev&ouml;lkerung. Vorrangig soll sie die Bev&ouml;lkerung &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; machen oder daf&uuml;r sorgen, dass sie es bleibt. Hierzu muss ein Abscheu erregendes Feindbild geschaffen werden mit einem d&auml;monisierten F&uuml;hrer und barbarischen Soldaten.<\/p><p>Die Kriegspropaganda kann unver&auml;ndert in Friedenszeiten weitergef&uuml;hrt werden. Sie dient dann nicht nur der Erhaltung der Kriegst&uuml;chtigkeit, sondern ist auch n&uuml;tzlich bei der Verfolgung von Zielen, die nicht direkt milit&auml;risch sind.<\/p><p>Man wei&szlig;, dass Propaganda umso erfolgreicher ist, je fester die in einer Gesellschaft vorherrschende Ideologie in der Bev&ouml;lkerung verankert ist. Die B&uuml;rger m&uuml;ssen daher ihre &bdquo;Werte&ldquo; kennen, die sie zu verteidigen haben und f&uuml;r die sie notfalls auch sterben sollen. Sie m&uuml;ssen sie nicht nur kennen, sie m&uuml;ssen sie auch als &bdquo;h&ouml;chstes Gut&ldquo;, als zuverl&auml;ssigen ethischen Kompass internalisiert haben. Ist das gelungen, w&uuml;rde ein m&ouml;glicher Krieg zu einem Verteidigungskrieg. Als Kampf um das &bdquo;h&ouml;chste Gut&ldquo; erhielte er eine akzeptierte Legitimit&auml;t.<\/p><p>Da Kriegspropaganda die ideologische Bindung der B&uuml;rger an den Staat (an die &bdquo;Werte&ldquo;) festigt, liegt es nahe, diesen Nebeneffekt zu einem Hauptziel zu machen. Mit einer vertieften ideologischen Bindung an den Staat w&uuml;rde die nicht kriegsbezogene, staatliche Propaganda wirksamer. Die B&uuml;rger lie&szlig;en sich dann leichter regieren. So wird eine weitgehend &bdquo;gewaltfreie Herrschaft&ldquo;, also ein scheinbar demokratisches Regieren m&ouml;glich. <\/p><p>Das ist einer der Gr&uuml;nde, warum Kriegspropaganda auch in Friedenzeiten angewandt wird. Das hierzu notwendige Feindbild aufrechtzuerhalten, ist eine zentrale Aufgabe der Propaganda in Friedenszeiten.<\/p><p>Besonders in einer Krisenzeit, in der der ideologische Zusammenhalt von Staat und Bev&ouml;lkerung wegen widerspr&uuml;chlicher oder negativer Erfahrungen auf Seiten der Bev&ouml;lkerung br&uuml;chig wird, greift die Regierung auf eine verst&auml;rkte Propaganda zur&uuml;ck und pflegt die Feindbilder. Hier wird deutlich, dass Propaganda auch als Herrschaftsinstrument gesehen werden muss, dass sie nicht nur einen Krieg erm&ouml;glichen kann, sondern auch restriktives Regieren leichter macht.<\/p><p><strong>Alle Macht geht vom (manipulierten) Volke aus. Gelenkte Demokratie?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte nun meinen, diese Entwicklung der Propaganda hin zu einem Herrschaftsinstrument sei ein Nebenprodukt der Kriegspropaganda. Das muss nicht so sein. Die aus der Werbebranche heraus sich entwickelnden modernen Methoden der Manipulation brauchen f&uuml;r ihre Wirksamkeit keine Kriegsgefahr. Voraussetzung f&uuml;r ihre Wirksamkeit ist lediglich, dass die Bev&ouml;lkerung manipulierbar ist. F&uuml;r Walter Lippmann und Edward Bernays, zwei Pioniere der modernen Propagandatheorie, war diese Manipulierbarkeit die Grundlage f&uuml;r die Beeinflussung der B&uuml;rger in ihrem Konsumverhalten. Erst sp&auml;ter wuchs ihnen auch die Aufgabe zu, Kriege vorzubereiten.<\/p><p>Die Manipulierbarkeit der Bev&ouml;lkerung ist f&uuml;r Lippmann eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie in seinem Sinne. Seine Sorgen basierten darauf, dass das Wahlrecht einer &bdquo;irrationalen W&auml;hlermasse&ldquo; einen schwer kontrollierbaren, st&ouml;renden Einfluss auf das Schicksal des Staates haben k&ouml;nnte. Lippmann[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] vergleicht die Menge der &bdquo;Massenmenschen&ldquo; mit einer &bdquo;verst&ouml;rten Schafherde&ldquo;, die von einer Elite &uuml;ber Propaganda gelenkt werden m&uuml;sse. Die von ihm gezogene Konsequenz bringt er mit drastischen Worten in dem folgenden Zitat zum Ausdruck[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo; [&hellip;] Die Bev&ouml;lkerung muss auf ihren Platz verwiesen werden, [&hellip;] sodass jeder von uns frei von dem Getrampel und Gebr&uuml;ll der verwirrten Herde leben kann.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Wie Lippmann sieht auch Edward Bernays[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] die Notwendigkeit, die Bev&ouml;lkerung &uuml;ber Propaganda zu manipulieren, um ein gutes Funktionieren der Gesellschaft m&ouml;glich zu machen. <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Da Lippmann und Bernays die Durchschnittsb&uuml;rger &ndash; vor allem, wenn sie als &bdquo;Masse&ldquo; auftreten &ndash; als irrational und verf&uuml;hrbar, also als politisch inkompetent ansahen, hielten sie eine Lenkung der Demokratie durch eine Elite f&uuml;r notwendig. Das Instrumentarium hierf&uuml;r stand mit den modernen Manipulationstechniken zur Verf&uuml;gung und fand damit in politischen Kreisen, zumindest bei der Elite, eine gro&szlig;e Akzeptanz. In einem Interview verweist Aldous Huxley, der Autor des Romans <em>Brave New World, <\/em>ahnungsvoll auf die m&ouml;gliche Entwicklung einer Gesellschaft unter dem Einfluss der modernen Manipulationstechniken. Diesem Interview ist folgende Passage entnommen.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><blockquote><p>\n<em>[&hellip;] Sie werden dadurch herrschen, dass sie die Zustimmung der Menschen bekommen, welche sie regieren, indem sie die rationale Seite der Menschen umgehen und ihr Unterbewusstsein, ihre tieferen Emotionen ansprechen, sodass die Menschen ihre Versklavung sogar lieben werden. [&hellip;]<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Im Hinblick auf die unaufl&ouml;sbaren Widerspr&uuml;che in einer Gesellschaft wird sich eine totale Manipulation nicht herstellen lassen. Sie bleibt eine realit&auml;tsferne Dystopie. Trotzdem bringt der massenhafte Einsatz von immer wirkungsvoller werdenden Manipulationstechniken unberechenbare Risiken f&uuml;r die Demokratie mit sich. Das demokratische Prinzip &bdquo;Alle Macht geht vom Volke aus&ldquo; ist nicht davor gesch&uuml;tzt, dass das &bdquo;Volk&ldquo; zunehmend in ein immer mehr &bdquo;manipuliertes Volk&ldquo; verwandelt wird. Dieser Prozess verl&auml;uft f&uuml;r die Betroffenen unerkennbar.<\/p><p>Deswegen muss man die Risiken, die von Ideen Lippmanns und Bernays&rsquo; ausgehen, ernst nehmen. An ihren Methoden haftet ein fragw&uuml;rdiges Demokratiekonzept und ein mit den &bdquo;westlichen Werten&ldquo; nicht in Einklang zu bringendes Menschenbild. In dem Demokratiekonzept von Lippmann und Bernays hat die Manipulation eine zentrale Funktion zur Erhaltung ihrer Form von Demokratie. Die Manipulation ist in diesem Demokratiemodell f&uuml;r die Elite ein unverzichtbares Instrument, um die politisch unf&auml;hige Masse auf den richtigen Weg zu f&uuml;hren und so Schaden von der Gesellschaft abzuwenden. In diesem Modell kann es so lange keine Argumente gegen eine manipulative Lenkung der Gesellschaft geben, wie die Lenkung durch die gew&auml;hlte Elite erfolgt. <\/p><p>In einem Staat wie der Bundesrepublik Deutschland, der sich auf ein Grundgesetz beruft, in dem die Gleichwertigkeit der B&uuml;rger festgeschrieben ist, hat die Propaganda einen die Demokratie zerst&ouml;renden Effekt. Das verdeckte Verschwinden der freien politischen Meinungsbildung und damit die schleichende Umwandlung des &bdquo;freien B&uuml;rgers&ldquo; in einen &bdquo;manipulierten B&uuml;rger&ldquo; kann dieses Demokratiemodell nicht &uuml;berleben, ohne Schaden zu nehmen. Das Mindeste, was man als Schaden erwarten kann, ist, dass &uuml;ber die permanent durchgef&uuml;hrte (Manipulations-)Praxis das vorangetrieben wird, was ein zentrales Element in dem Demokratie-Konzept von Lippmann ist, n&auml;mlich die (teilweise) Umwandlung der Bev&ouml;lkerung in eine &bdquo;Schafherde&ldquo;. <\/p><p>Das Demokratiekonzept von Lippmann und Bernays stie&szlig; zu ihrer Zeit allerdings auf heftigen Widerspruch. Einer der wichtigsten Kontrahenten war John Dewey[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]. Kritik kam auch von Edward S. Herman und Noam Chomsky[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]. Dewey sah &auml;hnlich wie Lippmann die Bev&ouml;lkerung nur als eingeschr&auml;nkt f&auml;hig f&uuml;r komplexe politische Entscheidungen. Im Gegensatz zu Lippmann lehnte er jedoch die Entm&uuml;ndigung der Bev&ouml;lkerung durch eine Eliten-Demokratie ab. Er forderte dagegen die M&ouml;glichkeit einer uneingeschr&auml;nkten Teilhabe der B&uuml;rger am politischen Diskurs sowie eine Intensivierung der politischen Bildung. Implizit ist mit den Forderungen von Dewey die Hoffnung verbunden, dass die Bev&ouml;lkerung nicht zu einer Schafherde wird, dass also Propaganda an Wirkung verliert.<\/p><p>In Hinblick darauf, dass man sich Politik nicht ohne Propaganda vorstellen kann, ist die zentrale Frage, wie man die Demokratie, wie man die Bev&ouml;lkerung vor den negativen Folgen sch&uuml;tzen kann. Diese Frage ist nicht gekl&auml;rt. <\/p><p>Der B&uuml;rger jedenfalls kann nicht vor Manipulationsversuchen gesch&uuml;tzt werden, er kann sich aber selbst dagegen immunisieren. &bdquo;Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst.&ldquo;[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Das ist der Rat, den der Herausgeber der NachDenkSeiten, Albrecht M&uuml;ller, allen gibt, die sich aus dem Sog der Manipulation befreien wollen. Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Rat. Damit es nicht bei einer vereinzelten, individuellen L&ouml;sung bleibt, m&uuml;ssen die Voraussetzungen f&uuml;r eine Selbstbef&auml;higung der B&uuml;rger f&uuml;r den Umgang mit Propaganda geschaffen werden. Notwendig hierf&uuml;r ist vor allem eine uneingeschr&auml;nkte Vielfalt von zivilgesellschaftlich organisierten politischen Bildungsangeboten und Bet&auml;tigungsfeldern. Nur &uuml;ber mehr Demokratie kann die Demokratie gesch&uuml;tzt werden. Die Forderung &bdquo;Mehr Demokratie wagen!&ldquo; hat auch heute seine Berechtigung.<\/p><p><small>Titelbild: eamesBot \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <em>The Cognitive Warfare Concept<\/em>, Bernard Claverie und Fran&ccedil;ois du Cluzel <a href=\"https:\/\/innovationhub-act.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Open-Innovation-Cognitive-Warfare.pdf\">innovationhub-act.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Open-Innovation-Cognitive-Warfare.pdf<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] B.Claverie u. F. du Cluzel (2022), zit. aus Jonas T&ouml;gel, <em>Kognitive Kriegsf&uuml;hrung &ndash; Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung, <\/em>Westend (2023), S. 146<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/lsspjournal.biomedcentral.com\/articles\/10.1186\/s40504-017-0050-1#auth-Marcello-Ienca-Aff1\">Marcello Ienca<\/a>, <a href=\"https:\/\/lsspjournal.biomedcentral.com\/articles\/10.1186\/s40504-017-0050-1#auth-Roberto-Andorno-Aff2\">Roberto Andorno<\/a>&nbsp;Towards new human rights in the age of neuroscience and neurotechnology, <a href=\"https:\/\/lsspjournal.biomedcentral.com\/\">Life Sciences, Society and Policy<\/a> volume&nbsp;13, Article&nbsp;number:&nbsp;5 (2017)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Walter Lippmann, Publik Opinion, Transaction Publishers (1922)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Walter Lippmann <em>The Phantom Publi<\/em>c, Transaction Publishers (1925), zit. aus T&ouml;gel S. 61<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Edward Bernays <em>Propaganda<\/em>, Horace Liveright, New York (1928)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Aldous Huxley interviewt von Mike Wallace (1958) T&ouml;gel, a.a.O., S. 183<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Lippmann-Dewey-Debatte Ende der 1980er-Jahre siehe Wikipedia Eintrag zu Walter Lippmann<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Edward S. Herman und Noam Chomsky, <em>Manufacturing Consent<\/em>, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Pantheon_Books\">Pantheon Books<\/a> (1988)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Albrecht M&uuml;ller<em> &bdquo;Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut<\/em>&ldquo;, Westend (2022)<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Propaganda nicht vertraute B&uuml;rger k&ouml;nnten eine positive Einstellung zur neuen Waffengattung &bdquo;Kognitive Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; entwickeln, weil sie die Hoffnung auf eine humanere Kriegsf&uuml;hrung mit &bdquo;Soft Power&ldquo;-Waffen weckt. Was als &bdquo;Soft Power&ldquo; bezeichnet wird, f&uuml;hrt jedoch in der Regel zu einem Krieg mit den &uuml;blichen Grausamkeiten. Ein Kommentar von <strong>Christian Gaedt<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116384\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":116385,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,172,11],"tags":[3048,2425,305,890,466,3399],"class_list":["post-116384","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bernays-edward","tag-lippmann-walter","tag-menschenrechte","tag-menschenwuerde","tag-nato","tag-psychologische-kriegsfuehrung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/shutterstock_2147751811-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116384","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116384"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116384\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":116530,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116384\/revisions\/116530"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/116385"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116384"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}