{"id":116401,"date":"2024-06-09T15:00:52","date_gmt":"2024-06-09T13:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116401"},"modified":"2024-06-09T23:11:58","modified_gmt":"2024-06-09T21:11:58","slug":"vergangenheitsbewaeltigung-als-zukunftsverdraengung-der-nachgeschmack-der-gedenkfeiern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116401","title":{"rendered":"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung als Zukunftsverdr\u00e4ngung? \u2013 Der Nachgeschmack der Gedenkfeiern"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen wurde mit gro&szlig;em Pomp und Gloria des D&eacute;barquement in der Normandie (englisch: &bdquo;D-Day&ldquo;), der amphibischen und luftgest&uuml;tzten Milit&auml;roperation der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, gedacht, mit der vor 80 Jahren, am 6. Juni 1944, die Befreiung Westeuropas von der Naziherrschaft begann. Unser Autor hat, bei aller Liebe zum Geschichtsbewusstsein, zunehmend Bauchschmerzen mit bestimmten Formen des staatlich organisierten Gedenkritualismus. Wir drucken daher hier nochmals unver&auml;ndert einen Essay von ihm ab, den er vor f&uuml;nfeinhalb Jahren, Mitte November 2018, anl&auml;sslich &auml;hnlicher Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges publizierte. Er liest sich heute auf dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse mit ganz anderen Augen &hellip; Von <strong>Leo Ensel<\/strong>, mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/vergangenheitsbewaeltigung-als-zukunftsverdraengung-der-nachgeschmack-der-gedenkfeiern\/\">Globalbridge<\/a>.<br>\n<!--more--><\/p><p>Dass man die Lehren aus der Geschichte zu ziehen habe, verk&uuml;ndet heute jeder Plattkopf. Aber schon bei der Frage, welche Lehren es denn seien, beginnt der Streit. Im Schatten der Vergangenheitsbew&auml;ltigung k&ouml;nnen die Konflikte der Zukunft vorbereitet werden.<\/p><p><em>Lesen Sie zum Thema auch: Tobias Riegel &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116377\">ZDF zum &bdquo;D-Day&ldquo;: Putin ist nicht gleich Hitler, aber&hellip;<\/a><\/em><\/p><p>Gedenkfeiern sind en vogue. Niemals gab es so viele, meist unter Anwesenheit h&ouml;chster internationaler Politprominenz zelebrierte Gedenktage wie in den letzten vier Jahren. 6. Juni 2014: 70. Jahrestag des D-Day (Landung der alliierten Truppen in der Normandie); 1. September 2014: 75. Jahrestag des deutschen &Uuml;berfalls auf Polen und Beginn des Zweiten Weltkriegs; 28. Januar 2015: 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz; 8.\/9. Mai 2015: 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und 11. November 2018: 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs. Die Treffen der Feinde von gestern und die Vers&ouml;hnungen &uuml;ber den Gr&auml;bern waren Legion.<\/p><p>Jedes Mal dieselben Gesten, jedes Mal dieselben aus der Vergangenheit beschworenen Lehren, jedes Mal dieselben guten Vors&auml;tze f&uuml;r die Zukunft &ndash; und fast jedes Mal dieselbe Besetzung. Merkw&uuml;rdig nur, dass sich genau in dieser Zeit der Abrutsch in den neuen Kalten Krieg rasant beschleunigte!<\/p><p><strong>Der Weg zur H&ouml;lle ist mit guten Vors&auml;tzen gepflastert<\/strong><\/p><p>Die Gedenktage beendeten weder den Krieg in der Ostukraine noch den in Syrien, in denen direkt oder indirekt sowohl der Westen als auch Russland kr&auml;ftig mitmischen. In die Hochzeit der Gedenktage fielen die Aufr&uuml;stung Polens und des Baltikums, die umfangreichsten Milit&auml;rman&ouml;ver Russlands und der NATO seit Ende des Kalten Krieges, zahlreiche <a href=\"https:\/\/www.europeanleadershipnetwork.org\/commentary\/russia-west-dangerous-brinkmanship-continues\/\">Critical Incidents<\/a> zwischen NATO und Russland &uuml;ber der Baltischen See und anderswo sowie der Aufschwung ultrarechter Parteien in der Europ&auml;ischen Union. Genau drei Wochen vor den Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs verk&uuml;ndete Donald Trump schlie&szlig;lich den Ausstieg der USA aus dem INF-Vertrag.<\/p><p>Bei aller Liebe zur Vergangenheitsbew&auml;ltigung &ndash; wenn in deren Schatten die Konflikte von morgen vorbereitet werden, dann wird es kritisch!<\/p><p>Es beginnt bereits mit den ber&uuml;hmten Lehren, die aus der Vergangenheit zu ziehen seien. Der Allgemeinplatz, dass, wer aus der Geschichte nicht lerne, sie zu wiederholen verdammt sei, wird einem mittlerweile an jeder Stra&szlig;enecke wahlweise oberlehrerhaft, salbungsvoll oder in raunend-drohendem Unterton um die Ohren geknallt. Aber schon bei der Frage, <em>was <\/em>denn nun aus der Geschichte zu lernen sei, f&auml;ngt der Streit an.<\/p><p>So <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Reden\/2014\/09\/140901-Gedenken-Westerplatte.html\">verk&uuml;ndete <\/a>beispielsweise Ex-Bundespr&auml;sident Gauck am 1. September 2014 auf der Danziger Westerplatte, die Geschichte lehre, <em>&bdquo;dass territoriale Zugest&auml;ndnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergr&ouml;&szlig;ern&ldquo;<\/em>. Das war eine kaum verklausulierte Warnung vor einer Appeasementpolitik gegen&uuml;ber Russland angesichts der vom Westen so apostrophierten Annexion der Krim und des Krieges in der Ostukraine. Die unausgesprochene Pr&auml;misse: Putin ist so uners&auml;ttlich wie Hitler. Geben wir ihm heute nach, rei&szlig;t er sich morgen Polen und das Baltikum unter den Nagel! Weil damals jenes vers&auml;umt wurde, so die angebliche Lehre der Geschichte, ist heute dieses unbedingt geboten. Ob die Analogien, die da so flott bem&uuml;ht werden, &uuml;berhaupt zutreffen, dieser M&uuml;he unterzieht sich der Geschichtsbew&auml;ltiger in den seltensten F&auml;llen. Hauptsache, die Veranstaltung geht feierlich &uuml;ber die B&uuml;hne wie ein s&auml;kularisierter Gottesdienst.<\/p><p><strong>Wie Vergangenheitsbew&auml;ltigung zur Zukunftsverdr&auml;ngung mutiert<\/strong><\/p><p>Wenn also die an sich wichtigen Gedenkzeremonien ein Unbehagen in mir hinterlassen, dann weil ich das Gef&uuml;hl nicht loswerde, dass zumindest einige Feinde von gestern, die sich bezogen auf den gestrigen und vorgestrigen Krieg nun zum x-ten Male vers&ouml;hnen, durchaus wieder die Feinde von morgen sein k&ouml;nnten und dass sie wenig daf&uuml;r tun, diese fatale Entwicklung zu unterbinden.<\/p><p>Nehmen wir den vorgestrigen Gedenktag zum Ende des Ersten Weltkriegs in Paris. Wer war da nicht alles unter den mehr als 70 anwesenden Staats- und Regierungschefs: Trump, Putin, Merkel, Macron, Erdogan, Netanjahu, Poroschenko &hellip; Man stelle sich f&uuml;r einen Moment vor, die Anwesenden h&auml;tten spontan beschlossen, die Gedenkveranstaltung zu einer internationalen Sicherheitskonferenz umzufunktionieren. Sie h&auml;tten nicht mehr andachtsvoll &uuml;ber den vor 100 Jahren zu Ende gegangenen Krieg sinniert, sondern &uuml;ber die Beendigung der gegenw&auml;rtigen und die Verhinderung k&uuml;nftiger Kriege gesprochen! Die Themen w&auml;ren ihnen sicher so schnell nicht ausgegangen.<\/p><p>Unrealistisch? Wei&szlig; ich selbst! Aber man wird ja noch tr&auml;umen d&uuml;rfen &hellip;<\/p><p>Leider lief es etwas anders. Wenn es stimmen sollte, dass auf Wunsch von Macron ein intensiveres Gespr&auml;ch zwischen Trump und Putin &uuml;ber die Zukunft des INF-Vertrages <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/international\/78905-kein-uberschatten-gedenkfeiern-sonnenkonig-macron\/\">unterblieb<\/a>, dann hat der franz&ouml;sische Pr&auml;sident die Chance auf eine etwas weniger unsichere Zukunft einer beeindruckenden Gedenkfeier, inklusive seiner Selbstinszenierung, geopfert. Daran &auml;ndert auch die Meldung von Trumps Pressesprecherin nichts, der amerikanische Pr&auml;sident habe w&auml;hrend des zweist&uuml;ndigen Mittagessens mit Putin, Merkel und Macron eine produktive Diskussion &uuml;ber sage und schreibe den INF-Vertrag, das Atomabkommen mit dem Iran, den Handel und die Sanktionen gef&uuml;hrt. <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/international\/79147-weisses-haus-zum-trump-putin-gutes-gespaech\/\"><em>&bdquo;Zudem sei die Lage unter anderem in&nbsp;Syrien, Saudi-Arabien, Afghanistan, China und Nordkorea beredet worden.&ldquo;<\/em><\/a> In klarer deutscher Prosa bedeutet dies nat&uuml;rlich nichts anderes, als dass das zweist&uuml;ndige Vers&ouml;hnungsmittagessen exakt nach der Logik des ber&uuml;hmten Sozialarbeiterspruchs verlief: &bdquo;Sch&ouml;n, dass wir mal dr&uuml;ber geredet haben!&ldquo;<\/p><p>So degeneriert Vergangenheitsbew&auml;ltigung zur Zukunftsverdr&auml;ngung &ndash; und Gedenktage zum Valium f&uuml;r Politiker und Volk.<\/p><p>Wenn es &uuml;berhaupt eine Lehre der Geschichte f&uuml;r die Geschichte der Gedenktage geben kann, dann die: Vergangenheitsbew&auml;ltigung mag sch&ouml;n und erhebend sein. Die entscheidende Aufgabe von heute lautet:<\/p><p><em>Zukunftsbew&auml;ltigung<\/em>!<\/p><p><small>Titelbild: Mit diesem Bild von der Landung der alliierten Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 schm&uuml;ckt die <em>NZZ<\/em> einen Artikel, in dem behauptet wird, mit dieser Landung &ndash; w&ouml;rtlich! &ndash; &bdquo;begann die Befreiung Europas vom Nazi-Terror&rdquo;. Wo doch jeder Student der Geschichte schon im ersten Semester wei&szlig;, dass es die Rote Armee war, die in den gigantischen und verlustreichen Schlachten von Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) und Kursk (Juli 1943) die deutsche Wehrmacht in den definitiven R&uuml;ckzug zwangen. Die Formulierung der <em>NZZ<\/em> ist keine Ermessensfrage, sie ist in Anbetracht der historischen Fakten eine L&uuml;ge.<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen wurde mit gro&szlig;em Pomp und Gloria des D&eacute;barquement in der Normandie (englisch: &bdquo;D-Day&ldquo;), der amphibischen und luftgest&uuml;tzten Milit&auml;roperation der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, gedacht, mit der vor 80 Jahren, am 6. Juni 1944, die Befreiung Westeuropas von der Naziherrschaft begann. Unser Autor hat, bei aller Liebe zum Geschichtsbewusstsein, zunehmend Bauchschmerzen mit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116401\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":116402,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[212,171],"tags":[2502,2301,2066,915,1800,966],"class_list":["post-116401","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","tag-inf-vertrag","tag-konfrontationspolitik","tag-macron-emmanuel","tag-putin-wladimir","tag-trump-donald","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/D-Day-1944.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116401"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":116483,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116401\/revisions\/116483"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/116402"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}