{"id":11643,"date":"2011-12-19T08:38:28","date_gmt":"2011-12-19T07:38:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11643"},"modified":"2019-07-05T11:29:16","modified_gmt":"2019-07-05T09:29:16","slug":"griechische-verhaltnisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11643","title":{"rendered":"Griechische Verh\u00e4ltnisse"},"content":{"rendered":"<p>In der deutschen Debatte &uuml;ber Griechenland findet man vor allem auch innerhalb der Linken folgende Thesen:<\/p><ul>\n<li>Die Regierung von Lukas Papadimos sei den Griechen von au&szlig;en aufgen&ouml;tigt worden, um einen &bdquo;Technokraten&ldquo; als Exekutor des von Br&uuml;ssel vorgegebenen Kurses einzusetzen.<\/li>\n<li>Giorgios Papandreou sei wegen seiner demokratischen Idee eines Plebiszits aus dem Amt gejagt worden.<\/li>\n<li>Es best&uuml;nde die reale Gefahr eines Milit&auml;rputsches in Griechenland.<\/li>\n<\/ul><p>Diese drei Thesen will ich einem Realit&auml;tstest unterziehen. Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p>Wenn ich einige Auffassungen kritisiere, die der griechischen Realit&auml;t nicht Rechnung tragen, hei&szlig;t dies nat&uuml;rlich nicht, dass ich das &bdquo;real existierende&ldquo; Rettungskonzept, das derzeit in Griechenland praktiziert wird, rechtfertigen w&uuml;rde. Ich halte dieses Konzept im Gegenteil f&uuml;r falsch, weil ungerecht und kontraproduktiv und habe das auf den NachDenkSeiten (<a href=\"?p=7773\">u.a. hier<\/a>) bereits ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndet. Meine Einsch&auml;tzung der griechischen Verh&auml;ltnisse, die ich immer wieder aus der N&auml;he erlebe, entspricht der ausgewiesenen Kritik linker &Ouml;konomen, dass ein nur auf Sparen fixiertes Krisenprogramm f&uuml;r Griechenland keinen Ausweg bietet, und dass auf europ&auml;ischer Ebene letztlich nur Eurobonds die Voraussetzungen daf&uuml;r schaffen, dass die stark &uuml;berschuldeten Euro-Staaten langfristig &ndash; und im Fall Griechenland sehr langfristig &ndash; ihren in der Tat erdr&uuml;ckende Schuldenlast abzubauen. <\/p><p>(Um nicht st&auml;ndig auf meine <a href=\"?s=Niels+Kadritzke&amp;Submit.x=33&amp;Submit.y=15\">fr&uuml;heren Beitr&auml;ge auf den NachDenkSeiten<\/a> verweisen zu m&uuml;ssen, empfehle ich an dieser Stelle auch eine vorz&uuml;gliche Publikation der Evangelischen Akademie Loccum: &bdquo;Griechenland und die Lehren f&uuml;r die Euro-Zone&ldquo; Loccumer Protokolle 12\/11. Sie bietet unter anderem eine faktenreiche, mit vielen Tabellen unterlegte Analyse der &bdquo;griechischen Krankheit&ldquo;, die der Wirtschaftswissenschaftler Tassos Giannitsis von der Universit&auml;t Athen, vorgelegt hat (das insgesamt h&ouml;chst lesenswerte Heft ist <a href=\"http:\/\/www.loccum.de\/protokoll\/inhalt\/inh1112.html\">hier zu beziehen<\/a>))<\/p><p><strong>Entt&auml;uschung &uuml;ber fehlende europ&auml;ische Solidarit&auml;t<\/strong><\/p><p>Die von Berlin und Paris vorgegebenen Beschl&uuml;sse, die auf dem EU-Gipfel vom 8. Dezember gefasst wurden, waren f&uuml;r Athen keine &Uuml;berraschung. Und die Zustimmung der Regierung Papadimos zu diesen Beschl&uuml;ssen stand schon deshalb nie in Frage, weil das Land in seiner prek&auml;ren Lage am &auml;u&szlig;ersten Rand der Eurozone derzeit null Verhandlungsspielraum hat. Auch die versch&auml;rfte Spardisziplin, die sich die EU-L&auml;nder (minus Gro&szlig;britannien) auferlegt haben, kann die Griechen kaum schrecken, weil sie dem k&uuml;nftigen Regime strikter Haushaltskontrolle schon seit zwei Jahren unterliegen. Der einschneidende Souver&auml;nit&auml;tsverzicht, der als Preis f&uuml;r die n&auml;chsten Schritte in Richtung einer Fiskalunion auf die einzelnen EU-L&auml;nder zukommen wird, hat im Fall Griechenland also l&auml;ngst stattgefunden. <\/p><p>Entt&auml;uschend ist aus Athener Sicht allerdings, dass keine konkreten Schritte in Richtung einer europ&auml;ischen Solidargemeinschaft beschlossen wurden, die am Ende eine gemeinsame Haftung f&uuml;r die nationalen Staatsdefizite einschlie&szlig;en m&uuml;sste, sprich Eurobonds oder eben direkte Aufk&auml;ufe von Staatsanleihen durch die EZB. Ohne diese Entt&auml;uschung artikulieren zu d&uuml;rfen, hat Regierungschef Papadimos die griechischen Hoffnungen artikuliert, als er in Bezug auf die Frage der Eurobonds betonte: &bdquo;Dieser Vorschlag wurde nicht abgelehnt, im M&auml;rz 2012 wird man dar&uuml;ber weiter reden.&ldquo;  Inzwischen hat Papadimos sich in dieser Frage klar positioniert: Gemeinsame Staatsanleihen seien &bdquo;ein wichtiger Bestandteil in einer Gesamtstrategie, um die Schuldenkrise zu &uuml;berwinden&ldquo;. (zitiert nach FAZ vom 15.12.)<\/p><p><strong>Gefahr des Scheiterns des Umschuldungsprogramms<\/strong><\/p><p>Dass aus Athener Sicht der Eurobond &ndash; sprich die europ&auml;ische Transferunion &ndash; als letzte Hoffnung erscheint, leuchtet unmittelbar ein. Aber diese Hoffnung hilft f&uuml;r die n&auml;chsten drei Monate nicht weiter. Viel dringlicher &ndash; und bedr&auml;ngender &ndash; ist f&uuml;r Griechenland derzeit ein anderes Problem. Das Ende Oktober beschlossene Umschuldungsprogramm, das dem Land angeblich eine 50-prozentige Entlastung von seiner Staatsschuld bringen soll, klemmt am alles entscheidenden Punkt: bei der Einbeziehung der privaten Gl&auml;ubiger, dem sogenannten Private Sector Involvement (PSI). Finanzminister Venizelos hat dies in Br&uuml;ssel angedeutet, indem er die Erkl&auml;rung der Europartner w&uuml;rdigte, wonach das PSI-Programm im Fall Griechenland als &bdquo;einmaliger Ausnahme&ldquo; zu betrachten sei. Diese Aussage helfe dem Land bei den Verhandlungen mit dem privaten Sektor, weil sich nun die &bdquo;privaten&ldquo; Bond-Halter, also v.a. die Banken, &bdquo;sicherer f&uuml;hlen&ldquo; k&ouml;nne, dass sie nicht mit weiteren Abstrichen bei den irischen oder portugiesischen Bonds rechnen m&uuml;sse.<\/p><p>Das auff&auml;lligste Merkmal des Br&uuml;sseler Gipfels war aus Athener Sicht, dass der &bdquo;Sonderfall Griechenland&ldquo; explizit kaum eine Rolle spielte. Ob das f&uuml;r die Griechen ein beruhigendes Zeichen oder ein Alarmsignal ist, dar&uuml;ber gehen die Kommentare in den einheimischen Medien auseinander. Einig ist man sich darin, dass die Athener Staatskasse mit der Auszahlung der sechsten Rate von 8 Milliarden Euro aus der Kasse der EU-Partner bzw. des IMF nur kurzfristig vor der Insolvenz bewahrt wurde. Bei einem Scheitern des PSI-Programms w&auml;re die Gefahr eines &bdquo;unkontrollierten&ldquo; Staatsbankrotts sofort wieder akut &ndash; und das bereits in wenigen Wochen. Niemand macht sich in Athen heute noch Illusionen dar&uuml;ber, dass dieser Insolvenz-Fall zugleich den Abschied aus der Eurozone bedeuten w&uuml;rde. Umso besorgter werden die Aussagen von &bdquo;Experten&ldquo; registriert, wonach der Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro &bdquo;eine Br&uuml;cke ist, die das deutsche Establishment eindeutig schon &uuml;berquert hat, und wahrscheinlich auch Mr. Sarkozy&ldquo; (zitiert von Nils Pratley im Guardian vom 7. Dezember).<\/p><p><strong>Die prek&auml;re Lage verschafft Papadimos Akzeptanz<\/strong><\/p><p>Nur vor dem Hintergrund dieser unberechenbaren und nach wie vor &auml;u&szlig;erst prek&auml;ren Lage ist verst&auml;ndlich, warum die Regierung Papadimos eine erstaunlich hohe &ouml;ffentliche &bdquo;Akzeptanz&ldquo; genie&szlig;t. In einer Umfrage vom 6. Dezember (wie in Umfragen gleich nach der Wahl von Papadimos zum Ministerpr&auml;sidenten) wurde die Bildung der neuen Regierung von 58,4 Prozent der Befragten als &bdquo;positive&ldquo; oder &bdquo;eher positive&ldquo; Entwicklung qualifiziert, von 38,9 Prozent als negativ oder eher negativ. Die Zustimmung zur Person Papadimos lag noch h&ouml;her: 62,6 Prozent haben von ihm eine positive Meinung, 30 Prozent eine negative. Die Werte f&uuml;r Papadimos sind umso erstaunlicher, wenn man sie mit der Popularit&auml;t seines Vorg&auml;ngers Papandreou vergleicht, die auf ein Rekordtief von 16 Prozent abgest&uuml;rzt ist. <\/p><p><strong>Die abstrakte Debatte &uuml;ber einen &bdquo;weichen Staatsstreich&ldquo; geht an der Wirklichkeit vorbei<\/strong><\/p><p>Die griechischen Umfragezahlen und die Einsch&auml;tzungen und Gef&uuml;hle, die sich in ihnen ausdr&uuml;cken, bed&uuml;rfen einer Erkl&auml;rung. Sie sind jedenfalls nur schwer vereinbar mit dem vernichtenden Urteil, das manche &uuml;ber die Person des &bdquo;Technokraten&ldquo; gef&auml;llt haben, der die Macht in Athen im Auftrag ausl&auml;ndischer Interessen &uuml;bernommen habe, nachdem sein Vorg&auml;nger Papandreou wegen seiner &bdquo;demokratischen&ldquo; Idee eines Plebiszits aus dem Amt gejagt worden war. <\/p><p>Am krassesten wurde diese vorgeblich &bdquo;linke&ldquo; Sicht der Dinge von Oliver Nachtwey in der taz vom 5. Dezember vorgetragen. Er bezeichnet die Amts&uuml;bernahme durch Papadimos in Athen &ndash; und durch Monti in Rom &ndash; als &bdquo;weichen Staatsstreich&ldquo;. Demnach haben &bdquo;in der H&uuml;lle der Experten und Technokraten &hellip; Statthalter der Euro-Finanzm&auml;rkte, des Bank- und Industriekapitals direkt die Macht &uuml;bernommen&ldquo;. Was hier zugespitzt formuliert ist, kann man durchaus als &bdquo;linken Tenor&ldquo; bezeichnen. Der &auml;u&szlig;ert sich auch in der verbreiteten Einsch&auml;tzung, dass die von Papandreou geforderte und durch Papadimos vereitelte Volksabstimmung &uuml;ber das Krisenprogramm eine gro&szlig;artige demokratische Idee gewesen sei. Wobei stets die Hoffnung mitschwang, die Griechen w&uuml;rden dieses Programm der Troika (EU-Kommision, EZB und IWF) auf plebiszit&auml;rem Wege in den Orkus der Geschichte bef&ouml;rdern.<\/p><p>Diese Wahrnehmung liegt auch der &ndash; im &Uuml;brigen gl&auml;nzenden und im besten Sinne aufkl&auml;rerischen &ndash; j&uuml;ngsten Bundestags-Rede von <a href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/reden\/sie-machen-europaeische-idee-kaputt\/\">Gregor Gysi zur Europ&auml;ischen Krise<\/a> zugrunde. Nachdem er zu Recht darauf hingewiesen hat, dass die Finanzkrise mit einem &bdquo;dramatischen Demokratie-Abbau&ldquo; einhergehe, behauptet er in Bezug auf Griechenland: Da sei &bdquo;auf Wunsch der Jongleure der Finanzwelt ein Technokrat als Regierungschef eingesetzt&ldquo; worden. Und wenn einer wie Papandreou die Bev&ouml;lkerung dazu befragen wolle, werde er von Sarkozy und Merkel zum Rapport bestellt &bdquo;und zwei Tage sp&auml;ter ist er weg&ldquo;. Gysi geht offenbar davon aus, dass Papadimos den Griechen aufgezwungen werden musste, um ihnen die ersehnte Chance zu nehmen, in einem Referendum &uuml;ber die in Br&uuml;ssel beschlossene n&auml;chste Etappe des &bdquo;Rettungsprogramms&ldquo; zu richten.<\/p><p><strong>Realit&auml;tstest g&auml;ngiger Mythen<\/strong><\/p><p>Ich m&ouml;chte solche Auffassungen im Folgenden einem Realit&auml;ts-Check unterziehen. Um den Schock gleich vorwegzunehmen: Ich halte diese Thesen f&uuml;r waghalsige Mythen, an die man nur glauben kann, wenn man von der griechischen Wirklichkeit abstrahiert. Und die zeigen, dass die Kenntnisse &uuml;ber Griechenland auch auf der Linken nach wie vor begrenzt sind. Das gilt insbesondere auch f&uuml;r die Stimmen, die einen Milit&auml;rputsch f&uuml;r eine reale Bedrohung halten (die allerdings im europ&auml;ischen Ausland weit verbreiteter sind als in Deutschland).<\/p><p>In der Folge will ich auf drei g&auml;ngige Mythen eingehen, n&auml;mlich auf die Thesen<\/p><ol>\n<li>von der &bdquo;Usurpation&ldquo; der Macht durch eine Technokraten-Regierung unter F&uuml;hrung des &bdquo;Bankers&ldquo; Lukas Papadimos;<\/li>\n<li>von der &bdquo;Beseitigung&ldquo; der Regierung Papandrou durch Intervention von au&szlig;en, als Reaktion auf das &bdquo;demokratische&ldquo; Projekts das griechische Volk &uuml;ber die Sparprogramme der Regierung und der Troika abstimmen zu lassen;<\/li>\n<li>von der Gefahr eins &bdquo;Milit&auml;rputsches&ldquo; in Griechenland nach dem Vorbild der Obristen-Diktatur (1967-1974).<\/li>\n<\/ol><p>Es versteht sich von selbst, dass diese Kritik wiederum kritisierbar ist. Und ich w&uuml;rde mich &uuml;ber begr&uuml;ndete Einw&auml;nde freuen, da sie mich zwingen w&uuml;rden, meine eigenen &Uuml;berlegungen zu verfeinern oder zu korrigieren. Allerdings w&auml;re es n&uuml;tzlich, wenn Kritik und Einw&auml;nde nicht auf abstrakter Ebene &ndash; oder in rein moralischen Kategorien &ndash; formuliert w&uuml;rden, sondern sich auf die Fakten beziehen, die ich im Folgenden darzulegen versuche. <\/p><p><strong>Papadimos und die angebliche &bdquo;Macht&uuml;bernahme des Finanzkapitals&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Anfang November neu gebildete &Uuml;bergangs-Regierung in Athen hat viele Kommentare provoziert, die auf einen Vergleich mit der &bdquo;Technokraten&ldquo;-Regierung Monti in Italien abheben. Dabei wird &uuml;bersehen, dass es zwischen beiden Modellen, die in der Tat f&uuml;r einen neuen politischen Trend in der Reaktion auf die &bdquo;europ&auml;ische Krise&ldquo; stehen, mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten gibt. Entscheidend sind dabei zwei Punkte: <\/p><ul>\n<li>Papadimos steht einer Regierung von drei Parteien vor, ist also anders als Monti nicht Chef einer &bdquo;&uuml;berparteilichen&ldquo; Technokratentruppe, sondern einer (lockeren) &bdquo;gro&szlig;en Koalition&ldquo; von drei Parteien vor.<\/li>\n<li>Auftrag und Amtszeit dieser Regierung wurde auf Betreiben eines Partners (der Nea Dimokratia) sehr begrenzt definiert, ohne allerdings einen konkreten Termin f&uuml;r ihr Ende und dann f&auml;llige Neuwahlen zu bestimmen. Die Amtszeit der Regierung Monti ist dagegen l&auml;nger und durch den n&auml;chsten regul&auml;ren Termin der Parlamentswahlen festgelegt.<\/li>\n<\/ul><p>Die Regierung Papadimos hat nach dem Willen der &bdquo;Koalitionspartner&ldquo; (neben Pasok und ND auch die rechtsradikale Partei namens Laos) den Auftrag, die Auszahlung der 6. Tranche des &bdquo;Rettungsschirms&ldquo; zu sichern (was Anfang Dezember geschehen ist) und die Umsetzung des am 26\/27. Oktober in Br&uuml;ssel beschlossenen Umschuldungsprogramms zu gew&auml;hrleisten, was vor allem hei&szlig;t: die Verhandlungen &uuml;ber die Beteiligung des privaten Sektors (PSI) an dem &bdquo;Schuldenschnitt&ldquo; von ca. 50 Prozent erfolgreich abzuschlie&szlig;en. <\/p><p>So begrenzt diese Aufgabe definiert ist, so begrenzt sind zun&auml;chst auch die Erwartungen der griechischen &Ouml;ffentlichkeit an die derzeitige Regierung. Das k&ouml;nnte f&uuml;r den neuen Regierungschef ein Vorteil sein, weil er im Gegensatz zu den Parteipolitikern an konkreten Resultaten gemessen werden kann, und nicht wie Papandreou an Versprechungen, die sich im Handumdrehen als realit&auml;tsfern erweisen. Die &bdquo;Fallh&ouml;he der Entt&auml;uschung&ldquo; ist f&uuml;r Papadimos weitaus niedriger als bei den Parteipolitikern jeder Couleur. Und das gilt umso mehr, als er nicht wie Parteipolitiker der Versuchung ausgesetzt ist, falsche Versprechungen zu machen. Im Gegenteil: In seiner Antrittsrede im Parlament hat er vor allem versprochen, der Bev&ouml;lkerung &bdquo;reinen Wein einzuschenken&ldquo;. Dazu geh&ouml;rte die Aussage, Griechenland werde fr&uuml;hestens 2015 &bdquo;aus dem Tunnel herauskommen&ldquo;.<\/p><p><strong>Es geht um den Verbleib Griechenlands in der Eurozone<\/strong><\/p><p>Papadimos ist die Rolle fast automatisch zugefallen, weil in der aktuellen Situation Griechenlands der Typ eines europ&auml;isch vernetzten &bdquo;Technokraten&ldquo; die besten Voraussetzungen f&uuml;r die anstehende Aufgabe zu erf&uuml;llen scheint. Diese Aufgabe ist der Form nach zwar eine &bdquo;technokratische&ldquo;, dem Inhalt nach aber eine politische von allerh&ouml;chster Bedeutung, geht es doch um nicht weniger als den Verbleib Griechenlands in der Eurozone.  <\/p><p>Nur wenn man diese &bdquo;raison d&rsquo;etre&ldquo; der Regierung Papadimos begreift, die sich aus einer &ndash; f&uuml;r Griechenland &auml;u&szlig;erst schwierigen und bedauerlichen Realit&auml;t &ndash; fast automatisch ergibt, kann man &uuml;ber eine rein &bdquo;moralische&ldquo; Bewertung des neuen Regierungschefs hinaus gelangen. Die sich zum Beispiel auch darin &auml;u&szlig;ert, dass  man ihn als &bdquo;Banker&ldquo;  bezeichnet, der er nicht ist und auch nie war. <\/p><p><strong>Griechenland ist schon l&auml;ngst &bdquo;Befehlsempf&auml;nger&ldquo; seiner Gl&auml;ubiger<\/strong><\/p><p>Lukas Papadimos begann seine berufliche Laufbahn als akademischer &Ouml;konom marktwirtschaftlicher, aber keineswegs monetaristischer Pr&auml;gung. Anschlie&szlig;end wechselte er in das Fach des praktischen &Ouml;konomen, der er es bis an die Spitze von Zentralbanken schaffte (als Pr&auml;sident der griechischen Notenbank, danach als Vizechef der EZB). Papadimos w&auml;re demnach nicht als Banker, sondern als Wirtschaftspolitiker zu kritisieren &ndash; also ausweislich seiner Aktivit&auml;ten und Fehler als &bdquo;EZB-Mann&ldquo; und enger Mitarbeiter des ehemaligen EZB-Pr&auml;sidenten Trichet -, der sich strikt an den vorgegebenen engen Auftrag gehalten hat, f&uuml;r die Geldwertstabilit&auml;t zu sorgen und nur f&uuml;r sie.<\/p><p>Papadimos denkt sicher in den Kategorien, die er als Zentralbanker verinnerlicht hat. Aber er ist kein willf&auml;hriger Abgesandter  &bdquo;des Finanzkapitals&ldquo; und schon gar nicht ein M&ouml;chtegerndiktator. Einen Bruch mit der &bdquo;&Auml;ra Papandreou&ldquo; repr&auml;sentiert er schon deshalb nicht, weil er seit seinem R&uuml;ckzug aus der EZB einer der wichtigsten Berater von Giorgos Papandreou war, der ihn im Juli 2011 zum Wirtschaftsminister seiner Regierung berufen wollte (was Papadimos damals aus nicht ganz gekl&auml;rten Gr&uuml;nden ablehnte). Entsprechend ist das politische Profil des neuen Regierungschefs eher das eines gem&auml;&szlig;igten Sozialdemokraten. Und es ist keineswegs ein Zufall, dass er 1994 von Andreas Papandreou, einem &bdquo;linken&ldquo; Sozialdemokraten und bekennenden Keynesianer, an die Spitze der griechischen Zentralbank berufen wurde. <\/p><p>Aktuell kann Papadimos allerdings wenig &bdquo;Sozialdemokratisches&ldquo; versprechen. Aber er erkl&auml;rt nat&uuml;rlich, dass er bei allen weiteren Sparma&szlig;nahmen mehr R&uuml;cksicht auf die sozial Schwachen nehmen wolle. Und er betont die Bedeutung des Kampf gegen die Steuerhinterziehung, der im heutigen Griechenland zum einem wichtigen Aspekt der sozialen Gerechtigkeit geworden ist. Sicher ist es kein Zufall, dass seit Amtsantritt der neuen Regierung mehr f&uuml;nfzig der gr&ouml;&szlig;ten Steuerschuldner (zumindest vor&uuml;bergehend) verhaftet wurden. Das ist zwar zun&auml;chst nur Symbolpolitik, aber da h&ouml;here Steuereinnahmen f&uuml;r den Staat zur &Uuml;berlebensfrage geworden sind, wird Papadimos alles tun, um in diesem Punkt den Erwartungen der Bev&ouml;lkerung wie der Gl&auml;ubiger Griechenlands gerecht zu werden.<\/p><p>Wichtiger als das  moralische Profil von Papadimos ist jedoch die v&ouml;llig &bdquo;amoralische&ldquo; Frage, die man &ndash; in guter marxistischer Tradition &ndash; nie aus dem Auge verlieren sollte: Welche realen Verh&auml;ltnisse tragen dazu bei, eine konkrete Figur in eine herausgehobene Funktion zu heben? Im Fall Papadimos ist das entscheidende Faktum: Griechenland ist schon seit zwei Jahren nicht mehr souver&auml;n. Die Athener Regierung hat Schritt f&uuml;r Schritt den eigenen Handlungsspielraum eingeb&uuml;&szlig;t und ist zum &bdquo;Befehlsempf&auml;nger&ldquo; seiner Gl&auml;ubiger und der Instanzen geworden, deren Anweisungen sie nur bei Strafe des Staatsbankrotts und des Ausschlusses aus der Eurozone verweigern kann. Und das ungeachtet der Tatsache, dass dieses Rettungsprogramm l&auml;ngst zum Desaster geworden ist.<\/p><p><strong>Der Spielraum der Athener Regierung ist extrem begrenzt<\/strong><\/p><p>In dieser Situation ist es eine sekund&auml;re Frage, wer die &bdquo;Befehle&ldquo; der griechischen Gl&auml;ubiger bzw. der Euro-Partner entgegennimmt. Letztere sind keineswegs auf einen &bdquo;willf&auml;hrigen Banker&ldquo; an der Spitze der Athener Regierung angewiesen, deren Spielraum ohnehin extrem begrenzt ist. Diese Lage hat die griechische Bev&ouml;lkerung endg&uuml;ltig begriffen, seitdem sie mit der Aussicht auf den Staatsbankrott und das Ausscheiden aus der Eurozone konfrontiert ist. Dass die erzwungene R&uuml;ckkehr zur Drachme einem &bdquo;politischen und wirtschaftlichen Selbstmord&ldquo; gleichk&auml;me (so Gabriel Gl&ouml;ckler und Steffen Strodthoff und dem erw&auml;hnten Loccumer Protokoll 11\/12) ist 80 Prozent der Griechen inzwischen v&ouml;llig klar. Schon dies erkl&auml;rt die hohe Zustimmungsrate zur Regierung Papadimos, von der sich die meisten Griechen &ndash; weitgehend illusionslos und tagesopportunistisch &ndash; vor allem drei Dinge versprechen:<\/p><ul>\n<li>die Sicherung der n&auml;chsten Raten aus dem &bdquo;Rettungsfonds&ldquo; (EFSF bzw. ESF);<\/li>\n<li>die Umsetzung des PSI, also des Schuldenschnitts gegen&uuml;ber den privaten Gl&auml;ubigern des Landes;<\/li>\n<li>das &Uuml;berleben in der Eurozone.<\/li>\n<\/ul><p>Papadimos gilt als die Figur mit den relativ besten Chancen, diese Ziele zu erreichen, und zwar gerade weil er kein Parteipolitiker, sondern ein international vernetzter &bdquo;Technokrat&ldquo; mit guten Kontakten zu den Repr&auml;sentanten der Troika in Br&uuml;ssel, Frankfurt und Washington ist. Angesichts der Kalamit&auml;t, in der sich Griechenland befindet, sieht die Mehrheit der Griechen in einem Euro-Technokraten keinesfalls eine versch&auml;rfte Bedrohung, sondern eher eine Chance. Papadimos gilt jedenfalls als ein &bdquo;kompetenterer&ldquo; Regierungschef im Vergleich sowohl mit Papandreou als auch mit ND-F&uuml;hrer Samaras, denen eine klare Mehrheit der Griechen seit mindestens einem Jahr die Eignung zum Amt des Regierungschefs abspricht.<\/p><p><strong>Der Ruf nach Papadimos ging von der griechischen &Ouml;ffentlichkeit aus<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich kann sich diese Mehrheit irren. Und die leisen Hoffnungen, die sich auf Papadimos richten, k&ouml;nnten schon bald entt&auml;uscht werden. Was ich erkl&auml;ren will, ist nur folgendes: &bdquo;Der &bdquo;Ruf&ldquo; nach Papadimos ging nicht von der Troika aus (oder gar von Frankfurt und Berlin), sondern von der griechischen &Ouml;ffentlichkeit, und zwar aus Frustration &uuml;ber die Regierung Papandreou. Und das in einer Situation, als die Griechen Ende Oktober nach der ersten &bdquo;Erleichterung&ldquo; &uuml;ber den Umschuldungs-Beschluss von Br&uuml;ssel mit Schrecken realisierten, dass auf einmal in ganz Europa &uuml;ber die m&ouml;gliche (oder n&ouml;tige) R&uuml;ckkehr ihres Landes zur Drachme diskutiert wurde. Dies aber war auch eine Folge des pl&ouml;tzlichen Einfalls von Papandreou, die Zustimmung der griechischen W&auml;hler zu dem &bdquo;Erfolg von Br&uuml;ssel&ldquo; mittels eines Plebiszits zu dokumentieren. (dazu unter Punkt 2 mehr). <\/p><p>Wie steht die griechische Linke zu Papadimos?  F&uuml;r die altkommunistische KKE ist der Fall einfach: Da sie die EU ohnehin f&uuml;r Teufelszeug h&auml;lt, ist ein ehemaliger EZB-Vize der B&uuml;ttel aus Frankfurt, der im Auftrag der Banken und anderer Plutokraten agiert. Aber selbst f&uuml;r die KKE lohnt es sich nicht, Papadimos zu d&auml;monisieren, da er ja nur die alte Sparpolitik weiterf&uuml;hrt. Und den Vergleich mit der Junta kann sich in Griechenland niemand leisten, weil er schlicht als grotesk empfunden w&uuml;rde. <\/p><p>Das Linksb&uuml;ndnis Syriza sieht in Papadimos den &bdquo;willf&auml;hrigen Technokraten&ldquo;, der aber nur die Politik der &bdquo;willf&auml;hrigen&ldquo; Regierung Papandreou fortf&uuml;hrt. Die Kritik konzentriert sie jedoch eher auf die Regierungsbeteiligung der rechtsradikalen Laos. Die F&uuml;hrung der Syriza um Alexis Tsipras steht allerdings vor dem Problem, dass die allermeisten ihrer Anh&auml;nger die R&uuml;ckkehr zur Drachme &bdquo;um jeden Preis&ldquo; verhindern wollen (so die Formulierung in der GPO-Umfrage, deren Ergebnisse am 6. Dezember ver&ouml;ffentlicht wurden). Diese Angst vor der Drachme d&uuml;rfte erkl&auml;ren, warum 45 Prozent der potentiellen Syriza-W&auml;hler eine positive Meinung &uuml;ber Papadimos haben, und warum 42 Prozent kritisieren, dass sich die Linke nicht selbst an seiner Regierung beteiligt, was wom&ouml;glich die Beteiligung der Laos verhindert h&auml;tte. Der Technokrat Papadimos wird also auch von vielen linken W&auml;hlern zwar nicht unbedingt als Hoffnungstr&auml;ger, aber zumindest als Hoffnungsschimmer gesehen. <\/p><p>Die Zustimmung zu Papadimos w&auml;re bei der Linken (das W&auml;hlerpotential der linken Parteien &ndash; KKE, Syriza und &bdquo;Demokratische Linke&ldquo; &ndash; liegt nach den neuesten Umfragen bei etwa 25 Prozent) noch deutlich h&ouml;her, wenn deren Image nicht durch die Beteiligung der Laos (w&ouml;rtlich: Orthodoxer Volksalarm) belastet w&auml;re. Die F&uuml;hrer und parlamentarischen Repr&auml;sentanten dieser extremistischen, rechtspopulistischen (und &uuml;brigens globalisierungsfeindlichen und EU-skeptischen) Partei haben sich in der Vergangenheit mit ihren krass fremdenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Spr&uuml;chen noch deutlich rechts von Le Pen positioniert. Ber&uuml;chtigt ist die Aussage, die der unbestrittene Parteif&uuml;hrer Giorgos Karatzaferis im Jahr 2000 gemacht hat: Er und seine Leute seien die einzigen echten Griechen, weil es unter ihnen &bdquo;keine Kommunisten, keine Schwulen und keine Juden&ldquo; gebe. Seit Beginn der &ouml;konomischen Krise hat  Karatzaferis allerdings &bdquo;Kreide gefressen&ldquo; und mit &bdquo;patriotischen&ldquo; Argumenten eine breite Front zur Bew&auml;ltigung der Krise gefordert. Das hat ihm den Ruf eines &bdquo;politischen Cham&auml;leons&ldquo; (Ta Nea) eingebracht. Nach Einsch&auml;tzung griechischer Wahlforscher hat die Laos mit ihrem Kurswechsel  &ndash; angesichts des rechtsradikalen Potentials in Griechenland &ndash; durchaus &bdquo;Stimmen verschenkt&ldquo; (nach j&uuml;ngsten Umfragen k&auml;me sie bei Wahlen nur auf 7 Prozent. Ein genaues Port&auml;t der Laos ist in der englischen Ausgabe von <a href=\"http:\/\/www.ekathimerini.com\/4dcgi\/_w_articles_wsite3_1_18\/11\/2011_415453\">Kathimerini nachzulesen<\/a>). <\/p><p><strong>Die Koalition mit der rechtspopulistischen Laos ist ein Schandfleck<\/strong><\/p><p>Eine andere Frage ist, warum die Pasok und die ND die von Staatspr&auml;sident Karolos Papoulias eingef&auml;delte Dreier-Koalition mit der Laos nicht abgelehnt haben. Und warum Papadimos nicht gewagt hat, den Ausschluss der Laos als Bedingung f&uuml;r seine eigene Beteiligung an der Regierung zu fordern. Zwar hat die Laos ihre urspr&uuml;ngliche Forderung, eine Revision des Einb&uuml;rgerungsgesetzes einzufordern, seit ihrem Regierungseintritt nicht mehr erhoben. Doch die Aufwertung der Laos, die im Europ&auml;ischen Parlament der Rechtsau&szlig;en-Fraktion &bdquo;Europa der Freiheit und der Demokratie&ldquo; angeh&ouml;rt (zusammen mit anderen europa-skeptischen Parteien wie der Lega Nord und den &bdquo;Wahren Finnen&ldquo;), bleibt ein Schandfleck f&uuml;r die neue Regierung &ndash; an dem sich in den europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten offenbar niemand st&ouml;rt.<\/p><p>Neben der Kontaminierung durch die Laos gibt es ein zweites Merkmal, das die Akzeptanz der Regierung Papadimos beeintr&auml;chtigt: Sie erinnert die meisten Griechen noch viel zu stark an die abgel&ouml;ste Regierung. Die meisten alten Minister blieben im Amt, das Kabinett wurde lediglich durch einige Repr&auml;sentanten der ND und der Laos erg&auml;nzt. Das hat die peinliche Folge, dass diese nationale &bdquo;Regierung des Sparens&ldquo; mit 49 Ministern und Vize-Ministern personell noch aufgebl&auml;hter ist als die Regierung Papandreou, was die Ressentiments gegen die &bdquo;Systemparteien&ldquo; weiter n&auml;hrt. Diese Ressentiments hatte Papandreou nur noch st&auml;rker entfacht, als er statt Papadimos zun&auml;chst den extrem farblosen und &bdquo;willf&auml;hrigen&ldquo; Pasok-Politiker Philippos Petsalnikos als seinen Nachfolger vorgeschlagen hatte. Die Emp&ouml;rung in der Pasok-Fraktion wie in der breiten &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber diesen &bdquo;blamablen&ldquo; Kandidaten war so gro&szlig;, dass die &bdquo;L&ouml;sung Papadimos&ldquo; vollends wie eine Erl&ouml;sung empfunden wurde.   <\/p><p><strong>Die Zustimmung f&uuml;r Papadimos resultiert aus der Ablehnung des griechischen Klientelsystems<\/strong><\/p><p>Man kann also getrost annehmen, dass die Regierung Papadimos noch mehr R&uuml;ckhalt in der Bev&ouml;lkerung h&auml;tte, wenn sie noch &bdquo;technokratischer&ldquo; w&auml;re. Der Wunsch nach einer &uuml;berparteilichen Regierung dr&uuml;ckt dabei nicht so sehr autorit&auml;re Neigungen und illusion&auml;re Heilserwartungen aus, als den &Uuml;berdruss an dem von den Parteien bisher betriebenen Klientelsystem. Und damit das Gef&uuml;hl, dass &bdquo;die neue Regierung der Technokraten f&uuml;r das Land vielleicht besser ist als das Regime der diskreditierten politischen Klasse&ldquo;, wie es Noelle Burgi in der neuesten Le Monde diplomatique formuliert (<a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/2011\/12\/09.mondeText.artikel,a0036.idx,8\">&bdquo;Griechische Zust&auml;nde&ldquo;, Dezember 2011<\/a>).<\/p><p>Die Zustimmung zu Papadimos zeigt vor allem, dass man ihn nicht als Repr&auml;sentanten des alten klientelistischen Systems sieht, das die meisten Griechen als innergriechische Ursache ihrer Staatskrise identifizieren. Die wachsende Distanz zu ihrer politischen Klasse kommt in Zahlen zum Ausdruck, die mehr als nur eine vor&uuml;bergehende &bdquo;Politikverdrossenheit&ldquo; anzeigen: Auf die Frage, ob sie sich durch das bestehende politische System repr&auml;sentiert f&uuml;hlen, antworten heute fast 80 Prozent mit Nein. Noch h&ouml;her ist der Prozentsatz derer, die der Meinung sind, dass das politische System den Bed&uuml;rfnissen der heutigen Gesellschaft nicht gerecht wird. (Die Frage, wie viele Griechen bedauern, dass ihnen diese Einsicht zu sp&auml;t gekommen ist, wurde bislang leider in keiner Umfrage gestellt). <\/p><p>Papadimos hat offensichtlich &ndash; noch &ndash; den Vorteil, dass er diesem System jedenfalls nicht voll zugerechnet wird, zumal er offensichtlich keinerlei Karriereinteressen verfolgt. Sollte er auch noch in der Lage sein, die Aufgaben zu bew&auml;ltigen, die jetzt vordringlich ansteht &ndash; vor allem das Land vor der Verweisung aus der Eurozone zu bewahren &ndash; k&ouml;nnte er zum popul&auml;rsten griechischen Regierungschef seit langem werden. Und auch l&auml;nger regieren, als bislang vorgesehen. <\/p><p><strong>Der Termin f&uuml;r Neuwahlen steht in den Sternen<\/strong><\/p><p>Schon heute ist klar, dass der von Samaras und der ND angepeilte Termin f&uuml;r Neuwahlen nicht einzuhalten ist. Die Abl&ouml;sung der &bdquo;&Uuml;bergangsregierung&ldquo; Papadimos wird auf keinen Fall am 16. Februar stattfinden. Das hat mehrere Gr&uuml;nde: <\/p><ul>\n<li>Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die komplizierten PSI-Verhandlungen schon im Januar 2012 abgeschlossen sind. Das ist nach neuesten Aussagen von Finanzminister Venizelos keineswegs gewiss. Nach Berichten in der Presse (Financial Times vom 12. Dezember, Kathimerini vom 4., 12. und 13. Dezember, Ta Nea vom 13. und 14. Dezember) liegen die Vorstellungen der griechischen Seite und der internationalen Banken noch weit auseinander. Zum Beispiel bei den Zinss&auml;tzen, die sich die Banken f&uuml;r die neuen langfristigen Bonds vorstellen, die sie im Rahmen der &bdquo;freiwilligen&ldquo; Umschuldung f&uuml;r die alten, abgewerteten griechischen Papiere eintauschen sollen. Die Bankengruppe ist mit der irrwitzigen Forderung von 8 Prozent Verzinsung in die Verhandlungen gegangen, soll aber inzwischen mit 6 Prozent zufrieden sein. F&uuml;r die griechische Seite w&auml;re das eine immer noch zu hohe Zinsbelastung, die den realen Gegenwert des verabredeten &bdquo;haircut&ldquo; erheblich mindern w&uuml;rde. Unklar ist auch, welchen Status die neuen Bonds haben werden. Die internationalen Banken sind zu dem ganzen &bdquo;debt swap&ldquo; offenbar nur bereit, wenn sie durch Garantien des EFSF abgesichert sind.<\/li>\n<li>Es k&ouml;nnte sich herausstellen, dass ein &bdquo;haircut&ldquo;, der nur die griechischen Schulden des privaten Sektors (Banken, Versicherungen, individuellen Bonds-Besitzern) rasiert, f&uuml;r den geplanten Entlastungseffekt nicht ausreicht. Dann m&uuml;ssten Verhandlungen auch &uuml;ber die Bewertung der bei der EZB angelagerten Griechenbonds beginnen, wovon heute schon viele Beobachter ausgehen.<\/li>\n<li>Fr&uuml;hestens Ende Januar 2012 werden die endg&uuml;ltigen Zahlen des griechischen Schuldenabbaus f&uuml;r das Jahr 2011 vorliegen, die eine weitere Revision des ganzen Programms n&ouml;tig machen werden &ndash; sprich ein noch h&auml;rteres Sparkonzept. Schon heute geht man in Athen davon aus, dass die Verschuldung des Jahres 2011 nicht auf 8,5 Prozent des BIP reduziert werden kann (wie im Oktober angenommen, siehe dazu <a href=\"?p=11078\">NachdenkSeiten vom 25. Oktober 2011<\/a>), sondern mindestens einen Prozentpunkt h&ouml;her liegen wird, eher sogar bei 10 Prozent des BIP. Und auch das BIP f&auml;llt noch schlechter aus als erwartet: Das Minuswachstum f&uuml;r 2011 wird deutlicher h&ouml;her liegen als die zuletzt projektierten 5,5 Prozent, (Experten bef&uuml;rchten eher 6,5 Prozent). F&uuml;r 2012 rechnet die OECD mit immer noch minus 3 Prozent. Das w&auml;re dann das f&uuml;nfte Jahr einer Rezession, die durch einen Einbruch der gesamteurop&auml;ischen Konjunktur noch versch&auml;rft werden k&ouml;nnte.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Neuwahlen sind f&uuml;r die Mehrheit der W&auml;hler nicht attraktiv<\/strong><\/p><p>Wann immer die n&auml;chsten Wahlen stattfinden: Das Resultat ist absehbar und f&uuml;r die Mehrheit der W&auml;hler nicht attraktiv. Selbst bei sinkender Wahlbeteiligung und einem Stimmenanteil der linken Parteien von insgesamt 30 Prozent w&uuml;rde das griechische Wahlrecht f&uuml;r ein Parlament sorgen, in dem die ND als vermutlich st&auml;rkste Partei keine Alleinregierung bilden k&ouml;nnte. Am wahrscheinlichsten w&auml;re eine (irgendwie tolerierte) Minderheitenregierung oder eine neue &bdquo;gro&szlig;e Koalition&ldquo; unter F&uuml;hrung von Samaras, in der wom&ouml;glich der neue Pasok-Parteif&uuml;hrer Venizelos weiter den Finanzminister geben w&uuml;rde. Aber dann nicht mehr unter dem &bdquo;Chef&ouml;konomen&ldquo; Papadimas, sondern unter dem &ouml;konomischen Laiendarsteller Samaras. Eine echte &bdquo;Wahlalternative&ldquo; sieht anders aus.<\/p><p>An schnellen Wahlen interessiert sind vor allem die linken Parteien, die mit einem kr&auml;ftigen Aufschwung rechnen k&ouml;nnen. Aber auch sie wissen, dass sie nach den Wahlen nicht die Regierung stellen werden und im Grunde k&ouml;nnen sie es auch gar  nicht wollen. Umgekehrt wissen die meisten W&auml;hler, dass die linken Parteien nicht einmal untereinander koalitionsf&auml;hig w&auml;ren und kein Konzept f&uuml;r den Ausweg aus der griechischen Misere aus dem Hut zaubern k&ouml;nnten. Vor allem aber ist den meisten bewusst, dass &uuml;ber das Schicksal des Landes auf einer Ebene entschieden wird, die dem Einfluss der griechischen W&auml;hler entzogen ist.<\/p><p>Es ist dieses Gef&uuml;hl der Ohnmacht angesichts unkalkulierbarer Entwicklungen, das die griechische Gesellschaft am Ende des dritten Krisenjahres dominiert und &ndash; trotz aller Demonstrationen und Streiks einzelner Berufsgruppen &ndash; in eine Art Schockstarre versetzt hat. Diese Befindlichkeit erkl&auml;rt auch die Haltung der griechischen B&uuml;rger zu Papandreous Idee eines Plebiszits, das im Ausland sehr viel intensiver und aufgeregter diskutiert wurde als im Land der Betroffenen.<\/p><p><strong>Hinweis:<\/strong><\/p><p>In einem n&auml;chsten Beitrag will ich der Frage nachgehen, ob die &bdquo;Beseitigung&ldquo; der Regierung Papandreou &ndash; wie vielfach behauptet wird &ndash; durch Intervention von au&szlig;en, als Reaktion auf das &bdquo;demokratische&ldquo; Projekt das griechische Volk &uuml;ber die Sparprogramme der Regierung und der Troika abstimmen zu lassen, erfolgt ist. Danach will ich noch der vor allem in Frankreich verbreiteten Bef&uuml;rchtung nachgehen,  ob in Griechenland die Gefahr eins &bdquo;Milit&auml;rputsches&ldquo; nach dem Vorbild der Obristen-Diktatur (1967-1974) besteht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der deutschen Debatte &uuml;ber Griechenland findet man vor allem auch innerhalb der Linken folgende Thesen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Regierung von Lukas Papadimos sei den Griechen von au&szlig;en aufgen&ouml;tigt worden, um einen &bdquo;Technokraten&ldquo; als Exekutor des von Br&uuml;ssel vorgegebenen Kurses einzusetzen.<\/li>\n<li>Giorgios Papandreou sei wegen seiner demokratischen Idee eines Plebiszits aus dem Amt gejagt worden.<\/li>\n<li>Es best&uuml;nde<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11643\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,22,173,20,156],"tags":[423,671,516,637],"class_list":["post-11643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","category-griechenland","category-landerberichte","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-eurobonds","tag-gysi-gregor","tag-staatsanleihen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11643"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53129,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11643\/revisions\/53129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}