{"id":116490,"date":"2024-06-10T09:00:17","date_gmt":"2024-06-10T07:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116490"},"modified":"2024-06-10T16:50:05","modified_gmt":"2024-06-10T14:50:05","slug":"droht-europa-ein-nukleares-inferno","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116490","title":{"rendered":"Droht Europa ein nukleares Inferno?"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die NATO ist hirntot&ldquo;, sagte Emmanuel Macron vor nicht allzu langer Zeit. Dieser Satz trifft ins Schwarze, wenn man das Handeln des Westens bewertet. Von <strong>Oskar Lafontaine<\/strong>, mit freundlicher Genehmigung der <em>Weltwoche<\/em>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8817\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-116490-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610_Droht_Europa_ein_nukleares_Inferno_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610_Droht_Europa_ein_nukleares_Inferno_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610_Droht_Europa_ein_nukleares_Inferno_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610_Droht_Europa_ein_nukleares_Inferno_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=116490-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240610_Droht_Europa_ein_nukleares_Inferno_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240610_Droht_Europa_ein_nukleares_Inferno_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ende der Siebzigerjahre leitete Klaus von Dohnanyi eine NATO-&Uuml;bung im Auftrag des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Die Russen waren nach dem Plan der &Uuml;bung auf dem Vormarsch, und die NATO sollte sie stoppen. Da entschieden die US-Vertreter, kleinere nukleare Sprengs&auml;tze &uuml;ber Deutschland abzuwerfen, um einen Sicherheitsg&uuml;rtel gegen den weiteren russischen Vormarsch zu schaffen. Dohnanyi war, wie er in seinem Buch &bdquo;Nationale Interessen&ldquo; berichtet, &uuml;berrascht, dass die USA eine solche Entscheidung treffen konnten, ohne Deutschland zu fragen. Er schrieb einen &auml;rgerlichen Brief an Helmut Schmidt, der ihm daraufhin erkl&auml;rte, wenn solche kriegs&auml;hnliche Entwicklungen in Europa erkennbar w&uuml;rden, dann w&uuml;rde er Deutschland f&uuml;r neutral erkl&auml;ren.<\/p><p><strong>Dilemma der Deutschen<\/strong><\/p><p>Wenn Schmidt noch im Amt w&auml;re, dann m&uuml;sste er das nach der Entscheidung der USA und ihrer Vasallen, der Ukraine zu erlauben, mit vom Westen gelieferten Raketen russisches Territorium anzugreifen, jetzt tun. Er hatte das strategische Dilemma der Deutschen in der NATO schon 1961 in seinem Buch &bdquo;Verteidigung oder Vergeltung&ldquo; gesehen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir k&ouml;nnen nicht ein f&uuml;r allemal davon ausgehen, dass alle verteidigungspolitischen Konzeptionen, die in den USA entstehen k&ouml;nnen, auch unseren Interessen entsprechen. [&hellip;] Wir haben kein Interesse an einer Verteidigungsstruktur des Westens, die darauf abgestellt w&auml;re, das zerst&ouml;rte Gebiet Deutschlands durch eine letzte Schlacht wieder befreit zu sehen. [&hellip;] Wir haben schlie&szlig;lich auch kein Interesse an einer Verteidigungsstruktur des Westens, die von der sowjetischen F&uuml;hrung als Provokation angesehen werden k&ouml;nnte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>H&auml;tten die Kriegstreiber in Regierung und Opposition in Berlin diese strategische Klarsicht Helmut Schmidts, dann w&auml;re die Ukraine nicht zerst&ouml;rt und Europa nicht der Gefahr ausgesetzt, in einen Krieg verwickelt zu werden, der in einem nuklearen Inferno enden k&ouml;nnte.<\/p><p>&Auml;hnlich wie Dohnanyi erging es dem CDU-Politiker und Parlamentarischen Staatssekret&auml;r im Verteidigungsministerium Willy Wimmer bei der NATO-&Uuml;bung Wintex-Cimex 89. Auf amerikanischen Befehl sollten bei diesem Man&ouml;ver Dresden und Potsdam nuklear zerst&ouml;rt werden. Als Bundeskanzler Kohl informiert wurde, entschied er, sofort aus der &Uuml;bung auszusteigen. &bdquo;Lasst diesen Unsinn&ldquo;, sagte er. Verglichen mit Helmut Kohl ist sein M&ouml;chtegernnachfolger im Kanzleramt Friedrich Merz, der der korrupten Clique um Selenskyj deutsche Raketen liefern will, mit denen strategische Ziele in Moskau zerst&ouml;rt werden k&ouml;nnen, ein verantwortungsloser sicherheitspolitischer Hasardeur. Es ist f&uuml;r Deutschland eine be&auml;ngstigende Perspektive, dass mit Friedrich Merz ein Politiker an die Macht kommen k&ouml;nnte, der ebenso wie die Ampelregierung das eherne Grundgesetz des Atomzeitalters nicht kennt: Sicherheit ist nicht mehr gegeneinander, sondern nur noch gemeinsam erreichbar. Wer Frieden will, ist zur Diplomatie verpflichtet. Die aus der Zeit des R&ouml;mischen Reiches stammende Weisheit &bdquo;Si vis pacem para bellum&ldquo; (&bdquo;Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor&ldquo;) hat im Atomzeitalter ihre G&uuml;ltigkeit verloren.<\/p><p>Die Lebensl&uuml;ge der europ&auml;ischen Vasallen ist seit Gr&uuml;ndung der NATO die &Uuml;berzeugung, dass die USA die nukleare Zerst&ouml;rung von New York, Washington oder San Francisco riskieren w&uuml;rden, um Europa gegen einen nuklearen Angriff zu verteidigen. Das Gegenteil ist der Fall. Deshalb gaben die Vereinigten Staaten die Strategie der gesicherten gegenseitigen Zerst&ouml;rung auf und entwickelten das Konzept der &bdquo;flexible response&ldquo;, der flexiblen Antwort, die nichts anderes bedeutet, als dass im Fall des Falles nur Europa Opfer eines Nuklearkrieges wird.<\/p><p>Die USA achten sorgf&auml;ltig darauf, dass bei den vielen Kriegen, die sie f&uuml;hren oder an denen sie federf&uuml;hrend beteiligt sind, Nordamerika nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Nach Feststellungen des US-Kongresses haben die USA in den letzten drei Jahrzehnten 251 Milit&auml;rinterventionen in anderen L&auml;ndern durchgef&uuml;hrt, meist Tausende Kilometer entfernt vom amerikanischen Festland. Durch die Kriege der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten sind allein in den vergangenen 20 Jahren viereinhalb Millionen Menschen gestorben, bilanzierte die renommierte Brown University in Rhode Island, USA. Wenn der von den USA durch die Osterweiterung der NATO, das hei&szlig;t durch das Heranr&uuml;cken von US-Truppen und -Raketen an die russische Grenze, provozierte Krieg auf Europa &uuml;bergreift, dann gilt der ber&uuml;hmte Satz &bdquo;Fuck the EU&ldquo;. &bdquo;Es ist der feste Vorsatz des Pentagons, mit entscheidender Hilfe der NATO die Russen demn&auml;chst zum Angriff zu zwingen!&ldquo;, schrieb der Dramatiker Rolf Hochhuth 2015 in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel und an den Bundespr&auml;sidenten Joachim Gauck.<\/p><p>Das war die Zeit, in der auch Helmut Schmidt warnte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dass aus dem Konflikt um die Ukraine sogar ein hei&szlig;er Krieg wird, ist nicht v&ouml;llig ausgeschlossen. Und das muss nicht an Herrn Putin, an Frau Merkel oder Herrn Hollande liegen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>An solchen S&auml;tzen erkennt man, in welchem Ausma&szlig; die US-Propaganda erfolgreich war und das Denken der Politiker und Journalisten in Europa fundamental ver&auml;ndert hat.<\/p><p>Wenn der Vordere Orient in Flammen steht, ist Amerika weit weg, und die Fl&uuml;chtlinge kommen nach Europa. Und wenn das Z&uuml;ndeln in Taiwan zum Krieg f&uuml;hrt, dann werden die USA schon daf&uuml;r sorgen, dass der Krieg auf Asien beschr&auml;nkt bleibt.<\/p><p><strong>Bundesregierung duckt sich weg<\/strong><\/p><p>In dieser geostrategisch eindeutigen Situation erinnern Europas Politiker und Journalisten an den Satz des Sophokles in der &bdquo;Antigone&ldquo;: &bdquo;Wen Gott verderben will, den schl&auml;gt er mit Blindheit.&ldquo;<\/p><p>Seit einiger Zeit ist bekannt, dass die Ukraine mit Drohnen das russische Atomraketen-Fr&uuml;hwarnsystem angreift. Das ist &auml;u&szlig;erst gef&auml;hrlich, und man h&auml;tte erwarten d&uuml;rfen, dass die Europ&auml;er reagieren und die deutsche Bundesregierung beispielsweise, um die eigene Bev&ouml;lkerung zu sch&uuml;tzen, der Ukraine androht, sofort ihre Milit&auml;r- und Finanzhilfen einzustellen, wenn Kiew die Angriffe auf das russische Atomraketen-Fr&uuml;hwarnsystem nicht beendet. Aber nichts dergleichen geschieht. Wie schon bei der Sprengung der Gasleitung Nord Stream durch die USA ducken sie sich feige weg. Und brav folgen sie Biden und erlauben den Ukrainern ebenfalls, russisches Territorium mit von Deutschland gelieferten Waffen anzugreifen. Das sei vom V&ouml;lkerrecht erlaubt, sagen sie. Ja, genauso wie es vom V&ouml;lkerrecht erlaubt gewesen w&auml;re, dass die von den USA im Vorderen Orient &uuml;berfallenen Staaten sich mit von Russland gelieferten Raketen zur Wehr gesetzt h&auml;tten. An solche Weiterungen denken die US-Strategen und ihre unterw&uuml;rfigen europ&auml;ischen Gefolgsleute nicht.<\/p><p>&bdquo;Die NATO ist hirntot&ldquo;, sagte der franz&ouml;sische Staatspr&auml;sident Macron vor einiger Zeit. Er hat es zwar anders gemeint, aber der Satz trifft ins Schwarze, wenn man das Handeln des westlichen F&uuml;hrungspersonals bewertet.<\/p><p><em>Dieser Artikel erschien zuerst der Weltwoche Nr. 23.24.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Allen J.M. Smith\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die NATO ist hirntot&ldquo;, sagte Emmanuel Macron vor nicht allzu langer Zeit. Dieser Satz trifft ins Schwarze, wenn man das Handeln des Westens bewertet. 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