{"id":11665,"date":"2011-12-20T14:12:39","date_gmt":"2011-12-20T13:12:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11665"},"modified":"2019-07-05T11:28:50","modified_gmt":"2019-07-05T09:28:50","slug":"griechische-verhaltnisse-ii-papandreou-und-das-erzdemokratische-referendum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11665","title":{"rendered":"Griechische Verh\u00e4ltnisse II: Papandreou und das \u201eerzdemokratische\u201c Referendum"},"content":{"rendered":"<p> In seinem gestrigen Beitrag ging Niels Kadritzke der Frage nach, wie die Regierung Papadimus an die Macht gekommen ist. Heute soll die These, dass Giorgios Papandreou wegen der Ausrufung eines Referendums gest&uuml;rzt worden sei, an der Wirklichkeit &uuml;berpr&uuml;ft werden. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDiversen Umfragen zufolge lehnten vier von f&uuml;nf Griechen die Idee Papandreous &uuml;ber ein Referendum ab (Anfang November 79 Prozent, Anfang Dezember 80,3 Prozent). Dieses vernichtende Urteil ist ebenso erkl&auml;rungsbed&uuml;rftig wie die abwartend wohlwollende Haltung gegen&uuml;ber dem &bdquo;Technokraten&ldquo; Papadimos.<\/p><p>In dem zitierten taz-Kommentar von Nachtwey wird behauptet: &bdquo;Papandreou konnte seinen Vorschlag keine 24 Stunden aufrechthalten, unter dem internationalen Druck zerbrach seine Regierung, er musste zur&uuml;cktreten.&ldquo; Noch dramatischer sieht es Serge Halimi, der in Le Monde diplomatique vom Dezember zu berichten wei&szlig;, Papandreou habe auf Befehl von Merkel und Sarkozy sein Referendum abblasen und demissionieren m&uuml;ssen. Das erinnert Halimi an 1968 und die Niederschlagung des Prager Fr&uuml;hlings: Er vergleicht die Inspektionen der &bdquo;Troika&ldquo; in Athen allen Ernstes mit der milit&auml;rischen Intervention des Warschauer Pakts in Prag und sieht Papandreou in &bdquo;der Rolle eines Dubcek, der sich nie zu widersetzen gewagt h&auml;tte&ldquo;. <\/p><p>Halimi &uuml;bersieht nur einen kleinen Unterschied: 1968 h&auml;tte Alexander Dubcek bei einem Plebiszit 90 Prozent der Bev&ouml;lkerung hinter sich gehabt, 2011 wird Papandreous nur von 15 Prozent der Griechen gesch&auml;tzt und 80 Prozent lehnen seine Idee eines Referendums ab. Schon dies widerlegt die Legende vom &bdquo;Sturz Papandreous&ldquo; mit dem Ziel, das Referendum zu verhindern.<\/p><p>Das geplante Referendum des ungeliebten Pasok-Chefs wurde in ganz Europa von bedeutenden Geistern  wie J&uuml;rgen Habermas, aber auch von flacheren Denkern als &bdquo;erz-demokratisches&ldquo; Projekt gefeiert. Und viele linke Kommentatoren sahen darin vor allem die Chance, dass der Volkswille die Finanzm&auml;rkte in die Schranken weisen oder zumindest die Kontrolle &uuml;ber die Bedingungen der Krisenbew&auml;ltigung zur&uuml;ckgewinnen k&ouml;nnte. <\/p><p>F&uuml;r die Wahrnehmung des Plebiszits als Chance, die &bdquo;marktkonforme Demokratie&ldquo; der Angela Merkel aufzubrechen, spricht in der Tat die &auml;u&szlig;erst nerv&ouml;se Reaktion der Eurozonen-Akteure, die den Schuldenschnitt f&uuml;r Griechenland am 27. Oktober m&uuml;hsam ausgehandelt hatten. Es besteht kein Zweifel daran, dass Merkel, Sarkozy und Co. von Papandreous Idee schockiert waren und ein Referendum verhindern wollten. Aber noch nerv&ouml;ser und unwilliger fiel die Reaktion in Athen aus, wo der Regierungschef seinen Vorschlag nur im allerengsten Kreis diskutiert hatte. Sowohl innerhalb der Regierung als auch in der Pasok-Fraktion brach eine Rebellion aus, die Papandreou am Ende zum R&uuml;cktritt zwang. Bei der Vertrauensabstimmung vom 4. November stimmte die Fraktion nur deshalb geschlossen mit Ja, weil Papandreou zuvor seinen R&uuml;cktritt zugesagt hatte. Und auch die andere gro&szlig;e Partei Nea Dimokratia forderte Papandreous R&uuml;cktritt als Bedingung f&uuml;r eine Beteiligung an der &bdquo;nationale Koalition&ldquo;, die Papandreou schon seit langem gefordert hatte und die nach seinem R&uuml;cktritt tats&auml;chlich &ndash; in Gestalt der Regierung Papadimos &ndash; zustande kam. Papandreou hat also nicht &bdquo;vor dem Ausland&ldquo; kapituliert, sondern vor dem Unmut, den er in seiner eigenen Partei wie in der breiten &Ouml;ffentlichkeit ausgel&ouml;st hatte. Es war also keine Notl&uuml;ge, als er selbst seinen R&uuml;cktritt mit innenpolitischen Notwendigkeiten begr&uuml;ndet hat.<\/p><p><strong>Warum ein Referendum bei den Griechen auf Ablehnung stie&szlig;?<\/strong><\/p><p>Bleibt die Frage, warum die Referendums-Idee des Pasok-Chefs keine allgemeine Begeisterung ausl&ouml;ste, sondern im Gegenteil den Absturz auf den Tiefpunkt seiner Popularit&auml;t ausl&ouml;ste, und zwar bei seinen Parteigenossen wie bei den griechischen B&uuml;rgern? Daf&uuml;r gibt es eine ganze Reihe von Gr&uuml;nden: <\/p><ul>\n<li>Der Zeitpunkt des Referendums: Die B&uuml;rger sollten erst volle 18 Monate nach Beginn eines extrem harten Sparprogramm nach ihrer Meinung gefragt werden sollten. Und das von einer Regierung, deren Austerit&auml;tspolitik den Wahlversprechen diametral widersprach, mit denen sie im Oktober 2009 an die Regierung gekommen war. Wenn, dann h&auml;tte die Pasok sp&auml;testens im Sommer 2010 der Bev&ouml;lkerung die Chance geben m&uuml;ssen, sich &uuml;ber das vorgeschlagene Krisenprogramm zu &auml;u&szlig;ern.<\/li>\n<li>Die Idee des Referendums war in den Augen vor allem der ND-Anh&auml;nger nur ein taktisches Man&ouml;ver, um die Forderung nach Neuwahlen zu unterlaufen, auf die ND-F&uuml;hrer Samaras hinaus wollte, weil die Konservativen bei den W&auml;hlerumfragen deutlich in F&uuml;hrung liegen.<\/li>\n<li>Die Leute waren misstrauisch gegen&uuml;ber der Darstellung der Regierung, wonach die in Br&uuml;ssel ausgehandelte kontrollierte Umschuldung einen gro&szlig;en Erfolg darstelle. Die Implikationen dieser Entscheidung waren ihnen v&ouml;llig unklar, zumal die Regierung zuvor immer behauptet hatte, ein Schuldenschnitt komme f&uuml;r Griechenland nicht in Frage. Klar war ihnen allerdings, dass so oder so weitere Etappen einer harten und ungerechten Austerit&auml;tspolitik folgen w&uuml;rden. Angesichts dessen empfanden viele den &bdquo;Erfolg von Br&uuml;ssel&ldquo; als Mogelpackung.<\/li>\n<li>Papandreou erkl&auml;rte nicht einmal, wie die Abstimmungsfrage lauten sollte. Das verst&auml;rkte das Misstrauen, es handle sich nur um ein parteitaktisches Man&ouml;ver. Viele Griechen hatten den Eindruck, dass die Regierung ihnen die &bdquo;wahre Frage&ldquo; gar nicht stellen wollte, hinterher aber dennoch erkl&auml;ren w&uuml;rde, die Bev&ouml;lkerung habe mit ihrem Ja im Referendum allen nachfolgenden Sparprogrammen implizit zugestimmt.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Der W&auml;hler w&auml;re vor einem unzumutbaren Dilemma gestanden<\/strong><\/p><p>Den letzten Kritikpunkt teilten auch die meisten Leute, die einen konsequenten Abbau der Staatsschulden f&uuml;r richtig und\/oder unvermeidlich, das konkrete Sparprogramm aber f&uuml;r ungerecht und\/oder erfolglos halten. Die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung wollte schlicht nicht gefragt werden, weil man sich vor einem unzumutbaren Dilemma sah:<\/p><ul>\n<li>Mit Ja zu stimmen bedeutet, ein ungerechtes Programm abzusegnen, auf das man keinen Einfluss hat, weil es von au&szlig;en (den &bdquo;M&auml;rkten&ldquo;, der Troika, Merkel-Sarkozy etc.) vorgegeben ist;<\/li>\n<li>Wenn man mit Nein stimmt, sind die Konsequenzen im besten Fall unklar, im schlechtesten Fall katastrophal &ndash; bis hin zum unkontrollierten Staatsbankrott und zur R&uuml;ckkehr der Drachme.<\/li>\n<\/ul><p>In diese Zwickm&uuml;hle wollten sich die meisten Griechen nicht begeben. Also wollten sie nicht mitspielen bei einer &bdquo;demokratischen&ldquo; Veranstaltung, in der sie nur die Wahl zwischen H&ouml;lle und Fegefeuer hatten, wie es Kai Strittmater in der S&uuml;ddeutschen Zeitung ausdr&uuml;ckte. Die B&uuml;rger empfanden die Aufforderung, der politischen F&uuml;hrung zu einer &bdquo;demokratischen&ldquo; Entlastung ihres schlechten Gewissens zu verhelfen, als schlichte Zumutung. F&uuml;r einen solchen Ablasshandel waren sie nicht zu haben.<\/p><p>Das kann man durchaus w&ouml;rtlich nehmen. Die meisten griechischen Beobachter gehen davon aus, dass die W&auml;hler das &bdquo;demokratische&ldquo; Projekt Papandreous boykottiert h&auml;tten (Stell dir vor, es gibt Demokratie und keiner geht hin!). Daf&uuml;r sprechen nicht nur die zitierten Umfragen. Meine eigenen Eindr&uuml;cke aus vielen Gespr&auml;chen im November best&auml;tigen den Eindruck, dass die vorgeschriebene Beteiligung von 40 Prozent der Wahlberechtigten, die dem Plebiszit verbindliche Kraft gegeben h&auml;tte, auf keinen Fall zu erreichen war. Die ND hatte bereits intern beschlossen, ihren Anhang zum Fernbleiben aufzufordern; viele Linke (jenseits der KKE) h&auml;tten sich auch verweigert; und selbst der (geschrumpfte) Pasok-W&auml;hlerstamm war kaum f&uuml;r ein Plebiszit zu mobilisieren, das man als politische Zumutung empfand.<\/p><p>Es war &uuml;berhaupt nur eine Fragestellung vorstellbar, mit der die Regierung die Chance gehabt h&auml;tte, eine vorzeigbare Mehrheit zu erringen: die Alternative zwischen Euro und Drachme. Aber genau diese Frage, die wom&ouml;glich eine gro&szlig;e Mehrheit f&uuml;r den Verbleib in der Eurozone h&auml;tte mobilisieren k&ouml;nnen, war von Papandreou explizit ausgeschlossen worden. Er h&auml;tte auch nur schwer begr&uuml;nden k&ouml;nnen, warum etwas &bdquo;in Frage gestellt&ldquo; werden soll, was er selbst als oberstes &bdquo;strategisches Ziel&ldquo; seines Landes benannt hatte. Und selbst bei dieser Fragestellung bestand immer noch die Gefahr, dass die W&auml;hler sie als demagogisch empfunden und boykottiert h&auml;tten.  <\/p><p>Wenn der griechische Souver&auml;n das &bdquo;demokratische&ldquo; Angebot Papandreous dankend ablehnte, beweist dies noch nicht, dass der Regierungschef dieses Angebot arglistig gemacht hatte. Mit Sicherheit wollte Papandreou ernsthaft und aufrichtig &bdquo;mehr Demokratie wagen&ldquo;, das hei&szlig;t, f&uuml;r seinen &bdquo;Erfolg von Br&uuml;ssel&ldquo; k&auml;mpfen und das Plebiszit gewinnen (was ihm im Erfolgsfalle viele europ&auml;ische Linke wohl kaum verziehen h&auml;tten). Psychologisch betrachtet, war allerdings auch eine bedenkliche M&auml;rtyrer-Mentalit&auml;t im Spiel, die in Papandreous Rechtfertigungsrede vor dem Parlament zum Ausdruck kam. Da stilisierte er sich als einsamen Helden, &bdquo;der mit dem Kreuz auf dem R&uuml;cken&ldquo; von Br&uuml;ssel nach Athen zur&uuml;ckgekehrt ist, um dort &bdquo;mit Steinen beworfen&ldquo; zu werden. Die b&ouml;se Interpretation w&auml;re, dass sich hier jemand messianisch in einer Karfreitags-Rolle imaginierte, um mittels Plebiszit seine &bdquo;demokratische Auferstehung&ldquo; zu inszenieren. Die wohlwollende Interpretation w&uuml;rde lauten, dass hier ein best&uuml;rzter Politiker ganz ungesch&uuml;tzt seine Gef&uuml;hle offen legt, die ihn als guten, aber unpolitischen Menschen ausweisen.<\/p><p>An dieser Stelle ist keine W&uuml;rdigung des gescheiterten Regierungschefs angezeigt. Nur so viel sei gesagt: Als Au&szlig;enminister in der Regierung Simitis war der sensible, kultivierte und polyglotte Papandreou in jedem Fall erfolgreicher als in seiner Amtszeit als Regierungschef in den beiden schwierigsten Jahren der griechischen Nachkriegszeit. Zudem war die Skepsis der Griechen gegen&uuml;ber &bdquo;Giorgakis&ldquo; von Anfang an gro&szlig;. Auch viele Pasok-Anh&auml;nger sahen in dem kleinen Giorgos vor allem den entt&auml;uschend un-charismatischen Sohn des gro&szlig;en Charismatikers Andreas Papandreou. Bezeichnend ist der weit verbreitete Spruch, der Giorgakis sei ja sicher ein guter Regierungschef, aber nicht f&uuml;r Griechenland, sondern vielleicht f&uuml;r Schweden (wo er seine pr&auml;genden Exiljahre verbracht hat).<\/p><p>&Uuml;ber Papandreou am meisten entt&auml;uscht sind heute diejenigen seiner ehemaligen Anh&auml;nger, die dem anti-charismatischen Giorgakis zutrauten, ein erfolgreicher, aufkl&auml;rerischer Reformer der griechischen Realit&auml;t zu werden. In ihren Augen war der Wahlsieger von 2009 seiner Aufgabe als Regierungschef in &ouml;konomischen Krisenzeiten schlicht nicht gewachsen und hat unendlich viele Fehler selbst gemacht oder seinen Ministern durchgelassen. <\/p><p>Als letzten, aber bezeichnenden Fehler sehen sie den Vorschlag eines Plebiszits, der nicht nur die Stimmung in Griechenland, sondern auch die anti-griechische Stimmung in den Eurozonen-L&auml;ndern v&ouml;llig au&szlig;er Acht gelassen habe. Sie werfen dem gescheiterten Regierungschef vor, mit seiner unvermittelt ins Spiel gebrachten Referendums-Idee habe er lediglich erreicht, dass auf einmal ganz Europa &uuml;ber das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone diskutierte. Ein entt&auml;uschter Pasok-Anh&auml;nger hat es so ausgedr&uuml;ckt: &bdquo;Er musste doch wissen, dass er mit dem Plebiszit eine Idee in die Welt setzt, die sich die Griechenland-Gegner in der Eurozone dankbar aneignen w&uuml;rden.&ldquo; Zum Beispiel in Deutschland, wo die Bild-Zeitung ein Plebiszit &uuml;ber die Frage anregte, ob die deutschen Steuerzahler die griechischen Schulden begleichen sollen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> In seinem gestrigen Beitrag ging Niels Kadritzke der Frage nach, wie die Regierung Papadimus an die Macht gekommen ist. Heute soll die These, dass Giorgios Papandreou wegen der Ausrufung eines Referendums gest&uuml;rzt worden sei, an der Wirklichkeit &uuml;berpr&uuml;ft werden. 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