{"id":1167,"date":"2006-03-29T15:24:32","date_gmt":"2006-03-29T13:24:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1167"},"modified":"2016-02-15T08:32:31","modified_gmt":"2016-02-15T07:32:31","slug":"jurgen-habermas-sieht-die-eu-in-einer-lahmungsstarre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1167","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Habermas sieht die EU in einer L\u00e4hmungsstarre."},"content":{"rendered":"<p>In einer wenig beachteten Rede anl&auml;sslich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises f&uuml;r das politische Buch 2005 &auml;u&szlig;erte sich der Philosoph und Sozialwissenschaftler &auml;u&szlig;erst besorgt &uuml;ber den Zustand und die Entwicklung der Europ&auml;ischen Union: &bdquo;Wenn es nicht gelingt, bis zur n&auml;chsten Europawahl im Jahre 2009 die polarisierende Frage nach der Finalit&eacute;, dem Worumwillen der europ&auml;ischen Einigung zum Gegenstand eines europaweiten Referendums zu machen, ist die Zukunft der Europ&auml;ischen Union im Sinne der neoliberalen Orthodoxie entschieden.&ldquo; Es ist schon denkw&uuml;rdig, dass das Scheitern des EU-Verfassungsvertrages bei uns keine intensive Debatte um den weiteren politischen Einigungsprozess ausgel&ouml;st hat. Das d&uuml;rfte auch daran liegen, dass eine m&auml;chtige Wirtschaftslobby an einem politisch gestaltenden Europa gar nicht interessiert ist, weil sie mit der wirtschaftsliberalen Lissabon-Strategie ihre Interessen im Sinne der neoliberalen Orthodoxie gegen&uuml;ber den einzelnen Nationalstaaten viel reibungsloser politisch durchzusetzen vermag. Da der Alarmruf von J&uuml;rgen Habermas weitgehend ungeh&ouml;rt blieb, wollen wir diese Passage aus seiner Rede dokumentieren.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Zukunft Europas<\/strong><\/p><p>Von J&uuml;rgen Habermas<\/p><p>Was mich heute am meisten aufregt, die Zukunft Europas n&auml;mlich, finden andere abstrakt und langweilig. Warum sollen wir uns &uuml;ber ein so blasses Thema aufregen? Meine Antwort ist einfach: Wenn es nicht gelingt, bis zur n&auml;chsten Europawahl im Jahre 2009 die polarisierende Frage nach der Finalit&eacute;, dem Worumwillen der europ&auml;ischen Einigung zum Gegenstand eines europaweiten Referendums zu machen, ist die Zukunft der Europ&auml;ischen Union im Sinne der neoliberalen Orthodoxie entschieden. Wenn wir um eines faulen Friedens willen das heikle Thema vermeiden und uns auf dem &uuml;blichen Kompromisswege weiter durchwursteln, lassen wir der Dynamik der entfesselten M&auml;rkte freien Lauf und sehen zu, wie sogar die bestehende politische Gestaltungsmacht der Europ&auml;ischen Union zugunsten einer diffus erweiterten europ&auml;ischen Freihandelszone abgewickelt wird. Im europ&auml;ischen Einigungsprozess stehen wir zum ersten Mal vor der Gefahr eines R&uuml;ckfalls hinter den erreichten Stand der Integration. Was mich aufregt, ist die L&auml;hmungsstarre nach dem Scheitern der beiden Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden. Eine Nicht-Entscheidung in dieser Situation ist eine Entscheidung von gro&szlig;er Tragweite. &Uuml;ber dieses Thema h&auml;tte ich in dem Land, das heute den Vorsitzenden des Europ&auml;ischen Rates stellt, gerne gesprochen, wenn ich nicht die Einladung zur Reflexion auf die Rolle des Intellektuellen erhalten h&auml;tte. Zu guter letzt f&uuml;hrt mich aber, wie Sie sehen, das eine doch noch zum anderen.<\/p><p>Drei Probleme, die uns auf den N&auml;geln brennen, verknoten sich in dem einzigen Problem der fehlenden Handlungsf&auml;higkeit der Europ&auml;ischen Union:<\/p><ol>\n<li>Die weltwirtschaftlichen Bedingungen, die sich im Zuge der Globalisierung ver&auml;ndert haben, verwehren heute dem Nationalstaat einen Zugriff auf die Steuerressourcen, ohne die er die eingew&ouml;hnten sozialpolitischen Anspr&uuml;che, &uuml;berhaupt die Nachfrage nach kollektiven G&uuml;tern und &ouml;ffentlichen Dienstleistungen nicht mehr in gebotenem Umfang befriedigen kann. Andere Herausforderungen wie die demographische Entwicklung und eine verst&auml;rkte Immigration versch&auml;rfen die Situation, aus der es nur einen offensiven Ausweg gibt: die Zur&uuml;ckgewinnung der politischen Gestaltungskraft auf supranationaler Ebene. Ohne konvergente Steuers&auml;tze, ohne eine mittelfristige Harmonisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitiken &uuml;berlassen wir das Schicksal des europ&auml;ischen Gesellschaftsmodells fremden H&auml;nden.<\/li>\n<li>Die R&uuml;ckkehr zu einer r&uuml;cksichtslos hegemonialen Machtpolitik, der Zusammensto&szlig; des Westens mit der islamischen Welt, der Zerfall staatlicher Strukturen in anderen Teilen der Welt, die langfristigen sozialen Folgen der Kolonialgeschichte und die unmittelbar politischen Folgen einer misslungenen Dekolonisierung &ndash; das alles signalisiert eine &auml;u&szlig;erst riskante Weltlage. Nur eine Europ&auml;ische Union, die au&szlig;enpolitisch handlungsf&auml;hig wird und neben den USA, China, Indien und Japan eine weltpolitische Rolle &uuml;bernimmt, k&ouml;nnte in den bestehenden Institutionen der Weltwirtschaft eine Alternative zum herrschenden Washington Consensus f&ouml;rdern und vor allem innerhalb der UNO die &uuml;berf&auml;lligen, einstweilen von den USA blockierten, aber auf deren Unterst&uuml;tzung angewiesenen Reformen vorantreiben.<\/li>\n<li>Die seit dem Irakkrieg sichtbar gewordene Spaltung des Westens hat ihre Ursachen auch in einem Kulturkampf, der die amerikanische Nation selbst in zwei fast gleich gro&szlig;e Lager teilt. Als Folge dieser mentalen Verschiebung verrutschen die bisher geltenden normativen Ma&szlig;st&auml;be der Regierungspolitik. Das kann die engsten Verb&uuml;ndeten der USA nicht gleichg&uuml;ltig lassen. Gerade in kritischen F&auml;llen des gemeinsamen Handelns m&uuml;ssen wir uns aus der Abh&auml;ngigkeit vom &uuml;berlegenen Partner l&ouml;sen. Auch deshalb braucht die Europ&auml;ische Union eigene Streitkr&auml;fte. Bisher haben sich die Europ&auml;er bei Eins&auml;tzen der Nato den Anweisungen und Regeln des amerikanischen Oberkommandos untergeordnet. Nun m&uuml;ssen wir uns in die Lage versetzen, auch bei einem gemeinsamen Vorgehen unseren eigenen Vorstellungen von V&ouml;lkerrecht, Folterverbot und Kriegsstrafrecht treu zu bleiben.<br>\nDeshalb muss sich Europa, wie ich meine, zu einer Reform aufrappeln, die der Union nicht nur effektive Entscheidungsverfahren, sondern einen eigenen Au&szlig;enminister, einen direkt gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten und eine eigene Finanzbasis verschafft. Diese Forderungen k&ouml;nnten der Gegenstand eines Referendums sein, das sich mit der n&auml;chsten Wahl zum europ&auml;ischen Parlament verbinden l&auml;sst. Die Vorlage g&auml;lte als angenommen, wenn sie die &bdquo;doppelte Mehrheit&ldquo; der Staaten und der Stimmen der B&uuml;rger auf sich vereinigt. Gleichzeitig w&uuml;rde das Referendum nur die Mitgliedstaaten binden, innerhalb deren sich jeweils eine Mehrheit der B&uuml;rger f&uuml;r die Reform entschieden hat. Europa w&uuml;rde sich damit vom Modell des Geleitzuges verabschieden, worin der Langsamste das Tempo angibt. Auch in einem Europa von Kern und Peripherie w&uuml;rden nat&uuml;rlich die L&auml;nder, die es vorziehen, einstweilen am Rande zu bleiben, die Option behalten, sich jederzeit dem Zentrum anzuschlie&szlig;en.<\/li>\n<\/ol><p>Mit diesen Stichworten wei&szlig; ich mich in &Uuml;bereinstimmung mit dem belgischen Ministerpr&auml;sident Guy Verhofstadt, der soeben ein Manifest zu den &bdquo;Vereinigten Staaten von Europa&ldquo; ver&ouml;ffentlicht hat. An diesem Beispiel sehen Sie, meine Damen und Herren, dass Politiker, die die Nase vorn haben, Intellektuelle ins Schlepptau nehmen k&ouml;nnen.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.renner-institut.at\/download\/texte\/habermas2006-03-09.pdf\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.renner-institut.at\/download\/texte\/habermas2006-03-09.pdf\">Renner Institut [PDF &ndash; 44 KB]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer wenig beachteten Rede anl&auml;sslich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises f&uuml;r das politische Buch 2005 &auml;u&szlig;erte sich der Philosoph und Sozialwissenschaftler &auml;u&szlig;erst besorgt &uuml;ber den Zustand und die Entwicklung der Europ&auml;ischen Union: &bdquo;Wenn es nicht gelingt, bis zur n&auml;chsten Europawahl im Jahre 2009 die polarisierende Frage nach der Finalit&eacute;, dem Worumwillen der europ&auml;ischen Einigung zum<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1167\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,35,22,37],"tags":[530,1155],"class_list":["post-1167","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-europaische-union","category-globalisierung","tag-buergerentscheid","tag-habermas-juergen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1167"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1167\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31235,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1167\/revisions\/31235"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}