{"id":11677,"date":"2011-12-21T08:43:45","date_gmt":"2011-12-21T07:43:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11677"},"modified":"2019-07-05T11:28:21","modified_gmt":"2019-07-05T09:28:21","slug":"griechische-verhaltnisse-iii-die-gefahr-einer-neuen-militarjunta-in-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11677","title":{"rendered":"Griechische Verh\u00e4ltnisse III: Die Gefahr einer neuen Milit\u00e4rjunta in Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>In einem letzten Teil seines Berichts &uuml;ber die griechischen Verh&auml;ltnisse geht Niels Kadritzke den Ger&uuml;chten nach, wonach in Griechenland ein erneuter Milit&auml;rputsch drohen k&ouml;nnte. Schlie&szlig;lich wird noch der Mythos der Privatisierung auf den Boden der Realit&auml;t geholt.<br>\n<!--more--><\/p><p>Ein dritter Mythos taucht in deutschen Medien sporadisch auf. Zwar war in der BILD-Zeitung schon Ende Mai unter Berufung auf eine CIA-Warnung von einer Putschgefahr die Rede, aber von seri&ouml;sen Medien wurde das damals nicht aufgegriffen. An den Spekulationen, die erneut im Herbst aufkamen, war in Deutschland nur Gabor Steingart vom Handelsblatt beteiligt. In anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern brachte es das Ger&uuml;cht jedoch zu betr&auml;chtlicher Prominenz. Das gilt vor allem f&uuml;r Frankreich, wo sogar Politiker wie Michel Rocard von einem auf das Milit&auml;r gest&uuml;tzten Regime warnten. Als Quelle solcher Bef&uuml;rchtungen verwiesen franz&ouml;sische Medien auf Giorgos Papandreou selbst, der am 2. November in Cannes gegen&uuml;ber Merkel, Sarkozy und Barroso von der Gefahr eines Putsches gesprochen habe. Griechische Kommentatoren schlie&szlig;en nicht aus, dass Papandreou damit seine Referendums-Idee plausibler machen wollte (Ta Nea vom 28. November 2011). Wahrscheinlicher ist, dass es sich schlicht um ein Missverst&auml;ndnis oder eine durch Ger&uuml;chte aufgeblasene Geschichte handelt. <\/p><p>Wer eine Schw&auml;che f&uuml;r Verschw&ouml;rungstheorien hat, k&ouml;nnte die Putschmeldungen und -ger&uuml;chte mit einem Bericht im Finanzmagazin Forbes in Verbindung bringen. Hier wurde am 26. Oktober in einer Kolumne von Tim Worstall ein &bdquo;nicht besonders lustiger Scherz&ldquo; kolportiert, der angeblich auf den Finanzm&auml;rkten zirkuliere: &bdquo;Nur halb im Spa&szlig; wird zuweilen gesagt, statt die deutschen Gelder f&uuml;r weitere bail-outs zu vergeuden, gebe es eine bessere Verwendung: man sollte mit ihnen einen griechischen Milit&auml;rputsch finanzieren und das Problem auf diese Weise l&ouml;sen&hellip; &bdquo; (<a href=\"http:\/\/www.forbes.com\/sites\/timworstall\/2011\/10\/26\/the-real-greek-solution-a-military-coup\/\">Forbes &ndash; The Appalling Greek Solution: A Military Coup<\/a>)<\/p><p>Die Pointe dieses &bdquo;Scherzes&ldquo; ist nat&uuml;rlich, dass eine Milit&auml;rdiktatur mit der Mitgliedschaft in der Europ&auml;ischen Union unvereinbar ist. Nach einem Putsch, erl&auml;utert Tim Worstall, &bdquo;m&uuml;sste Griechenland unverz&uuml;glich aus der Union ausscheiden, womit die weiteren Geschicke der griechischen Wirtschaft schlicht nicht mehr ein EU-Problem w&auml;re&ldquo;. <\/p><p>Sollte jemand solche &Uuml;berlegung nicht nur &bdquo;halb im Spa&szlig;&ldquo;, sondern ernsthaft verfolgen, kann er sich die Idee gleich wieder abschminken. Ein Milit&auml;rputsch in Griechenland ist eine absurde Vorstellung ohne jeden Bezug zur Realit&auml;t. Die Gr&uuml;nde werde ich weiter unten darlegen. <\/p><p><strong>Worauf sich das Ger&uuml;cht von einem Milit&auml;rputsch st&uuml;tzte<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst seien die paar Fakten angef&uuml;hrt, die dem Ger&uuml;cht Nahrung gegeben und einen Hauch von Glaubw&uuml;rdigkeit verliehen haben m&ouml;gen. <\/p><ol>\n<li>Am 1. November, kurz nach Papandreous Referendums-Vorschlag, berief Verteidigungsminister Panos Bejlitis den Kabinettsausschuss f&uuml;r Ausw&auml;rtige und Verteidigungsangelegenheiten (KYSEA) ein, um die Auswechslung des Generalstabschefs und der Chefs s&auml;mtlicher Waffengattungen beschlie&szlig;en zu lassen. Zudem wurden eine Reihe h&ouml;herer Dienstgrade in den Ruhestand versetzt. Das befeuerte vor allem franz&ouml;sische und britische Medien (Daily Mail und Telegraph) zu Spekulationen, das Eingreifen des Ministers habe einen Milit&auml;rputsch verhindert sollen. Aufgegriffen wurden die Ger&uuml;chte von diversen kommerziellen Wirtschafts-&bdquo;Informationsdiensten&ldquo;, aber auch von den Trotzkisten der IV. Internationale, die daraus einen alarmistischen Aufsatz bastelten (&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/articles\/2011\/nov2011\/pers-n03.shtml\">Are Obama and Nato plotting a military Coup in Greece?<\/a>&ldquo;)<\/li>\n<li>Als politisch wichtigste Personalie beim Revirement der Milit&auml;rspitze gilt die Abl&ouml;sung des Chefs des Heeres, Generalleutnant Frangos Frangoulis. Der Heereschef war der einzige h&ouml;here Offizier mit einer anr&uuml;chigen Junta-Vergangenheit. Er hatte, seit er im Sommer 2009 von ND-Verteidigungsminister Meimarakis berufen worden war, innerhalb der Armee einen rechtsextremistischen Kl&uuml;ngel aufgebaut. Obwohl dieses &bdquo;System Frangoulis&ldquo; der Pasok-Regierung ein Dorn im Auge war, hatte die Pasok-Regierung den Heereschef &uuml;ber die &uuml;bliche Dienstzeit von zwei Jahren hinaus in seinem Amt geduldet.<\/li>\n<li>Am 17. November, dem Gedenktag f&uuml;r den Athener Studentenaufstand von 1973, der damals von der Junta blutig niedergeschlagen wurde, kam es an der Ausbildungsakademie des Heeres zu einem skandal&ouml;sen Vorfall. Nach der offiziellen Feier, in denen der Opfer des 17. November gedacht wurde, hielt der &bdquo;Klassenf&uuml;hrer&ldquo;, ein Offiziersanw&auml;rter namens Farantatos, eine Ansprache junta-nostalgischen Inhalts; angeblich soll dabei auch die alte Junta-Hymne gesungen worden sein (nach dem Bericht in Ta Nea vom 28. November).<\/li>\n<\/ol><p>Der zuletzt genannte Vorfall ist gewiss schlimm, bietet aber keinerlei Anhaltspunkt f&uuml;r eine Putschbereitschaft oder gar &ndash;vorbereitung. Am bedenklichsten ist noch, dass die Sache von der Akademie zun&auml;chst unter der Decke gehalten wurde. Aber der neue Verteidigungsminister Avrampopoulos (ND) hat gegen den Offiziersch&uuml;lers ein Disziplinarverfahren eingeleitet und den neuen Generalstabschef Kostarakos angewiesen, keinerlei &bdquo;von den demokratischen Prinzipien abweichendes Verhalten&ldquo; in der Truppe zu dulden.<\/p><p>Was die Abl&ouml;sung der milit&auml;rischen F&uuml;hrungsriege betrifft, so hat der alte Pasok-Verteidigungsminister Bejlitis daf&uuml;r folgende Erkl&auml;rung geliefert: Da die Amtszeit der obersten Milit&auml;rs in der Regel zwei Jahre betr&auml;gt, w&auml;re der Wechsel bereits im Sommer 2011 f&auml;llig gewesen, wurde aber von der Regierung Papandreou wegen akuter Spannungen mit der T&uuml;rkei im Bezug auf den Luftraum &uuml;ber der &Auml;g&auml;is aufgeschoben. Nachdem die Lage wieder entspannt war, erkl&auml;rte Bejlitis, habe man dann die Abl&ouml;sung vollzogen.<\/p><p>Dieser Hinweis auf die Versp&auml;tung ist richtig, erkl&auml;rt aber nicht, warum die Entscheidung gerade Anfang November und im Kontext mit der Referendumsfrage gefallen ist. Aber auch daf&uuml;r gibt es eine plausible Erkl&auml;rung, ohne eine Putschgefahr konstruieren zu m&uuml;ssen: Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Regierung Papandreou wahrscheinlich am Ende ist. Es war also die letzte Chance, die noch von der alten ND-Regierung eingesetzte Milit&auml;rf&uuml;hrung abzul&ouml;sen, sprich die konservativen Gener&auml;le durch Pasok-nahe zu ersetzen. Denn nat&uuml;rlich erstreckt sich das griechische Klientelsystem, bei dem sich die siegreiche Partei den Staat zur Beute macht, auch auf den Bereich des Milit&auml;rs. ND-F&uuml;hrer Samaras hatte also Recht, als er der Pasok-Regierung vorwarf,  sie habe angesichts ihres drohenden Endes an der Milit&auml;rspitze noch rasch ihre &bdquo;Partei-Ernennungen&ldquo; durchgezogen. Er verga&szlig; nur zu sagen, dass die Regierung Karamanlis, der er selbst angeh&ouml;rt hatte, im Sommer 2009 kurz vor dem Wahlsieg der Pasok genau dasselbe gemacht hatte. <\/p><p><strong>Unruhe beim Milit&auml;r vor allem wegen der Mittelk&uuml;rzungen<\/strong><\/p><p>Die milit&auml;rische Wachabl&ouml;sung vom 2. November hatte aber noch einen anderen Hintergrund. Die Regierung steht gegen&uuml;ber der milit&auml;rischen B&uuml;rokratie vor demselben Problem wie gegen&uuml;ber dem restlichen &ouml;ffentlichen Dienst. Die K&uuml;rzung der Geh&auml;lter und Rentenanspr&uuml;che hat zu gro&szlig;er Unzufriedenheit gef&uuml;hrt. Und nat&uuml;rlich sieht das Sparprogramm der Regierung auch f&uuml;r den milit&auml;rischen Bereich tiefe Einschnitte vor. Der griechische Verteidigungshaushalt, der jahrzehntelang &uuml;ber 4 Prozent des BIP verschlungen hatte, wurde 2011 auf 2,0 Prozent des BIP zur&uuml;ckgef&uuml;hrt (2010 waren es noch 2,8 Prozent). Und die K&uuml;rzungen betreffen nicht nur die Waffensysteme, sondern auch die Personalkosten, die fast 80 Prozent des Verteidigungshaushalts ausmachen. Deshalb sollen in dem aufgebl&auml;hten Offizierscorps in den n&auml;chsten Jahren drei von zehn Stellen gestrichen werden. Reduziert wird auch die unsinnig hohe Zahl der Milit&auml;rbezirke, an deren Spitze jeweils ein General stehen darf. Gegen diese Minderung der Karrierechancen hatten sich die obersten Milit&auml;rs, die jetzt abserviert wurden, mit typisch b&uuml;rokratischen Abwehrtechniken gewehrt. Bejlitis hat sie auch deshalb abgel&ouml;st, weil sie die strukturellen Reformen im Milit&auml;r obstruiert hatten. Sein konservativer Nachfolger Avramopoulos k&ouml;nnte ihm daf&uuml;r noch dankbar sein.<\/p><p>Was folgt daraus? Eine Rebellion des Milit&auml;rs ist keineswegs ausgeschlossen. Aber wenn sie kommt, dann allenfalls im Gefolge neuer Einschnitte in den Milit&auml;rhaushalt. Und zwar in Form eines Streiks um Posten, Geh&auml;lter und Pensionen wie im &uuml;brigen &ouml;ffentlichen Dienst auch &ndash; und keinesfalls als Putsch, um die Macht &uuml;ber die leeren Staatskassen zu &uuml;bernehmen oder gar die R&uuml;ckkehr zur Drachme zu organisieren. <\/p><p>Gewiss gibt es in der Armee &ndash; besonders im Heer &ndash; begrenzte Netzwerke von &bdquo;ewig Gestrigen&ldquo;, und der neue Verteidigungsminister w&auml;re gut beraten, das &bdquo;System Frangos&ldquo; des abgel&ouml;sten Heereschefs zu zerschlagen. Aber die allermeisten mittleren und hohen Offiziere &ndash; auch im Generalstab &ndash; sind Produkte der Postjunta-Periode. Unter ihnen gibt es unerfreulich viele (linke und rechte) Nationalisten. Und manche Offiziere f&uuml;hlen sich in ihrer Ehre verletzt, wenn die Regierung die Armee zur Not als M&uuml;llabfuhr einsetzt. Aber die nach der Abl&ouml;sung der alten Milit&auml;rf&uuml;hrung zirkulierenden Ger&uuml;chte &uuml;ber eine Putschgefahr sind &bdquo;aberwitzig&ldquo; und &bdquo;totale Phantasie&ldquo; (wie es der Ex-General Konstantinos Loukopoulos ausdr&uuml;ckt, den ein Reuter-Bericht vom 2. November 2012 zitiert). Mit wem immer man in Griechenland diskutiert: Wenn man nach den Ger&uuml;chten &uuml;ber einen Milit&auml;rputsch fragt, tippt sich jeder an die Stirn.<\/p><p>Aber selbst wenn man aberwitzigerweise die Existenz einer &bdquo;geheimen Junta&ldquo; unterstellen w&uuml;rde, h&auml;tte sie keine Chance. Die &uuml;berwiegende Mehrheit der &ndash; mittleren und h&ouml;heren Offiziere &ndash; sind Produkte der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung nach 1974. Sie sind zwar noch l&auml;ngst keine &bdquo;Staatsb&uuml;rger in Uniform&ldquo;, aber sie w&uuml;rden einen Putsch nicht mitmachen. Im &Uuml;brigen ist die griechische Armee nach wie vor eine Wehrpflichtigen-Truppe, und damit ein Spiegel der gesellschaftlichen Kr&auml;fte und Stimmungen. Und das wird sich auch nicht &auml;ndern, weil die Wehrpflicht als sozialer Puffer unentbehrlich ist: Die Umstellung auf eine Berufsarmee w&uuml;rde bedeuten, dass Jugendliche und Schulabsolventen noch schneller auf den Arbeitsmarkt kommen, auf dem sie schon heute keine Chance haben. <\/p><p><strong>Die griechische Bev&ouml;lkerung w&uuml;rde einen Putsch nicht passiv hinnehmen<\/strong><\/p><p>Ein letzter und alles entscheidender Grund: Die heutige griechische Gesellschaft w&uuml;rde einen Putsch nicht mehr passiv hinnehmen wie 1967, weil es schlicht nicht mehr dieselbe Gesellschaft ist. Das betrifft auch die politische Kultur. Wenn es einen Konsens zwischen allen politischen Parteien gibt, so ist es die Verurteilung der Obristendiktatur zwischen 1967 und 1974. Selbst die rechtsradikale Laos stellt diesen Konsens in ihren offiziellen &Auml;u&szlig;erungen nicht (mehr) in Frage. Die einzige Gruppe, die sich ihm verweigert, ist die faschistische &bdquo;Chrysi Avghi&ldquo; (Goldene Morgenr&ouml;te), deren Einfluss trotz der Krise bislang begrenzt geblieben ist &ndash; und selbst der beruht mehr auf ihrer extremen Fremdenfeindlichkeit als auf ihrer Junta-Nostalgie.<\/p><p><strong>Noch ein Mythos: Privatisierungen &bdquo;um jeden Preis&ldquo;<\/strong><\/p><p>Zynisch formuliert k&ouml;nnte man also argumentieren, dass selbst f&uuml;r einen rechtsradikalen Obrist im heutigen Griechenland keinen Ausweg zu sehen w&auml;re, nicht einmal in einem Putsch. Die Lage Griechenlands ist tats&auml;chlich fataler als je zuvor. Der angebliche Rettungsweg f&uuml;hrt ins Nichts, das n&auml;chste Sparprogramm kann die Wirtschaftskrise nur noch vertiefen, und auf europ&auml;ischer Ebene ist keine Entwicklung sichtbar, die Griechenland &bdquo;mitnehmen&ldquo; w&uuml;rde. Selbst wenn man annimmt, dass eher fr&uuml;her als sp&auml;ter die Rettung &uuml;ber Eurobonds (oder eine andere Bazooka) unvermeidlich wird, ist v&ouml;llig offen, ob damit Griechenland mitgerettet werden soll. In Athen beobachten nicht nur die Pessimisten, dass sich der Diskurs in Euroland verschoben hat:  Die noch im Sommer dominierende Angst, dass der Staatsbankrott Griechenlands eine Kettenreaktion ausl&ouml;sen w&uuml;rde, scheint &bdquo;&uuml;berholt&ldquo; durch die Hoffnung, dass Portugal, Spanien und Italien, also der Euro, bessere &Uuml;berlebenschancen hat, wenn der griechische Ballast abgeworfen wird. <\/p><p><strong>Der Verbleib in der Eurozone als letzte Hoffung<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Griechen  ist der Verbleib in der Eurozone dennoch die einzige Hoffnung, wie die schon <a href=\"\/?p=11643\">zitierten Umfragen<\/a> zeigen. Realistischerweise wollen 80 Prozent die R&uuml;ckehr zur Drachme verhindern, &bdquo;um jeden Preis&ldquo;, wie es in der relevanten Fragestellung hei&szlig;t. Der Ernst der Lage spiegelt sich in den nachgerade schizophrenen Reaktionen, die der Kommentator Alexis Papachelas Anfang November so beschrieben hat: &bdquo;Dieselben Leute, die &uuml;ber die Aufsicht und die Einmischung von au&szlig;en gezetert haben, starren nun besorgt auf die Reaktionen der Br&uuml;sseler Funktion&auml;re. Dieselben Leute, die sich sicher waren, dass Griechenland nie aus der Eurozone rausfliegt, beginnen nun zu zittern. Dieselben Leute, die &hellip; den Haircut f&uuml;r eine Katastrophe erkl&auml;rt haben, haben nun Angst, dass er doch nicht zustande kommen k&ouml;nnte.&ldquo; (Kathimerini vom 3. November)<\/p><p><strong>Wie ein Rettungsprogramm aussehen k&ouml;nnte<\/strong><\/p><p>Die Darstellung trifft auch heute noch die vorherrschende Stimmung. Und die wird andauern, solange das &bdquo;Rettungsprogramm&ldquo; der Troika nicht durch ein tats&auml;chliches Rettungsprogramm abgel&ouml;st wird. Die wichtigsten Z&uuml;ge eines solchen Programms sollen hier nicht wiederholt werden. Klar ist aber, dass drei Dinge zusammen kommen m&uuml;ssten, damit der Sparzwang nicht zum &ouml;konomischen Todesurteil wird:<\/p><ul>\n<li>eine erhebliche zeitliche Streckung des Sparprogramms;<\/li>\n<li>wesentliche Elemente eines aktiven Konjunkturprogramms;<\/li>\n<li>radikale Reformen im gesamten Staatsapparat und vor allem des Steuersystems und des Justizwesens, um die &ouml;ffentlichen Einnahmen drastisch zu verbessern.<\/li>\n<\/ul><p>Alle drei Punkt halte ich f&uuml;r gleicherma&szlig;en wichtig &ndash;  auch die grundlegenden Reformen, die in der und mit der griechischen Gesellschaft durchzusetzen sind. Ich betone dies immer wieder, weil viele linke Kritiker der &bdquo;Troika&ldquo; dazu neigen, die aus dem griechischen Klientelismus resultierende Pathologie au&szlig;er Acht zu lassen. Man kann &uuml;ber die fatalen Fehler einer Theraphie nur diskutieren, wenn man die Krankheit anerkennt. (Siehe dazu etwa meinen <a href=\"\/?p=11078\">Beitrag vom 25. Oktober<\/a>) Und unter anderem zur Kenntnis nimmt, dass das griechische Staatsdefizit &ndash; im Gegensatz etwa zum irischen &ndash; der globalen Finanzmarktkrise vorausgeht (die diese dann aber wesentlich verst&auml;rkt hat).<\/p><p><strong>Selbst die EU-Taskforce bezweifelt Erfolg der Privatisierungen<\/strong><\/p><p>Insbesondere zum dritten Punkt der n&ouml;tigen Reformen gibt es eine h&ouml;chst n&uuml;tzliche Lekt&uuml;re: den &bdquo;Reichenbach-Report&ldquo; jener 30-k&ouml;pfigen EU-Taskforce, die im letzten halben Jahr die griechische Realit&auml;t untersucht hat (zu beziehen <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/commission_2010-2014\/president\/news\/documents\/2011\/11\/20111117_documents_1_en.htm\">hier<\/a>)<\/p><p>Der pensionierte EU-Beamte Horst Reichenbach (der &uuml;brigens SPD-Mitglied ist) hat sich in j&uuml;ngster Zeit auch zu einem Thema ge&auml;u&szlig;ert, an dem sich die Widerspr&uuml;chlichkeit, ja die Schizophrenie der den Griechen verordneten Therapie am klarsten aufzeigen l&auml;sst. Gemeint ist das Programm der Privatisierungen, das dazu beitragen soll, die &ouml;ffentlichen Finanzen des Landes in Ordnung zu bringen, kurz: die Einnahmen des Staates zu verbessern. Dieses Programm sollte nach den urspr&uuml;nglichen Vorgaben der Troika bis 2015 stolze 50 Milliarden Euro einbringen. Das gilt inzwischen als v&ouml;llig utopische Zahl, wie Reichenbach am 25. November gegen&uuml;ber der Wiener Zeitung &bdquo;Die Presse&ldquo; erkl&auml;rte: &bdquo;Wahrscheinlich wird dieser Zeitplan noch einmal neu angepasst werden m&uuml;ssen&hellip; Denn die wirtschaftliche Vorausschau auf das n&auml;chste Jahr ist erheblich schlechter, als urspr&uuml;nglich vorgesehen. Je schlechter das wirtschaftliche Umfeld ist, desto schwieriger ist eine Privatisierung durchzuf&uuml;hren.&ldquo;<\/p><p><strong>Um verkaufen zu k&ouml;nnen, muss es K&auml;ufer geben<\/strong><\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r die ersten Privatisierungsprojekte, die bis Ende dieses Jahres f&uuml;nf Milliarden Euro einbringen sollten. Diese Zahl musste bereits drastisch korrigiert werden: auf 1,5 Milliarden Euro. Auf die Frage, ob das Planziel f&uuml;r 2012 von 9,3 Milliarden Euro Einnahmen noch realistisch ist, gab der Chef der griechischen Privatisierungsbeh&ouml;rde die entwaffnende Antwort: &bdquo;Um verkaufen zu k&ouml;nnen, muss es auch K&auml;ufer geben.&ldquo; (Kostas Mitropoulos in: Kathimerini vom 27. November). <\/p><p>Das beantwortet auch die Frage, was aus dem Privatisierungsdeal geworden ist, der noch im Sommer als der sicherste Einnahmeposten f&uuml;r 2011 gegolten hatte: Die Vergabe der Lizenz zum Betreiben des Athener Flughafens f&uuml;r den Zeitraum von 2026 bis 2046 (siehe <a href=\"\/?p=11078\">NachdenkSeiten vom 25. Oktober<\/a>). Seit geraumer Zeit hat man von diesem Gesch&auml;ft nichts mehr geh&ouml;rt. Zum Schluss war von erheblichen Differenzen bei den Preisvorstellungen die Rede. Doch mittlerweile wurden die Verhandlungen der griechischen Beh&ouml;rde mit dem einzigen Interessenten abgebrochen. Die Hochtief Airport (ein Subunternehmen des Hochtief-Konzerns) ist an dem ganzen Projekt nicht mehr interessiert.<\/p><p><strong>Flughafen als Spekulationsobjekt von Hochtief<\/strong><\/p><p>Dahinter verbirgt sich eine sehr interessante Geschichte: Die Hochtief Airport besitzt 45 Prozent der Anteile an der Flughafengesellschaft (IAA), eine andere Tochter (Hochtief Concessions) die Betreiberlizenz bis 2025. F&uuml;r die Verl&auml;ngerung dieser Lizenz um 20 Jahre wollte sie nach griechischen Presseberichten weit weniger zahlen als die von griechischer Seite erhofften 500 Millionen Euro. Aber der Grund f&uuml;r den Ausstieg von Hochtief war ein anderer: Der Konzern wollte seine ganze Airport-Abteilung (der Anteile und Lizenzen von weiteren Flugh&auml;fen wie D&uuml;sseldorf und Budapest geh&ouml;ren) noch dieses Jahr verkaufen. Das ist ihm allerdings nicht gelungen, weil die Interessenten (Fraport, die chinesische HNA Group und der franz&ouml;sische Konzern Vinci) abgesprungen sind. <\/p><p>Was zeigt uns dies? Hochtief wollte die Athener Lizenz nur kaufen, um den Preis zu erh&ouml;hen, den man mit dem Verkauf s&auml;mtlicher Flughafenbeteiligungen erzielen wollte. Der Konzern war an der Lizenz als solcher gar nicht interessiert, sondern nur an einem viel gr&ouml;&szlig;eren Gesch&auml;ft, das der griechische Staat durch einen Preisabschlag bei der IAA-Lizenz erm&ouml;glichen sollte. W&auml;re der Deal f&uuml;r Hochtief zustande gekommen, h&auml;tte der griechische Staat die Gesch&auml;fte eines Konzerns subventioniert, der seine Athener Beteiligung unverz&uuml;glich und gewinnbringend an Chinesen oder Franzosen verkauft h&auml;tte. Und das Ganze h&auml;tte man als tollen Beitrag zur Stabilisierung der griechischen Staatsfinanzen gefeiert.<\/p><p><strong>Verstaatlichung des Flughafens w&auml;re das bessere Gesch&auml;ft<\/strong><\/p><p>Dabei dr&auml;ngt sich im Sinne langfristiger Staatseinnahmen eine ganz andere Logik auf: Wenn die Griechen das Geld h&auml;tten, Hochtief Airport seine 45 Prozent der IAA-Anteil abzukaufen (und wom&ouml;glich zu einem niedrigen &bdquo;Krisenpreis&ldquo;) k&ouml;nnte der Staat seine Einnahmen aus dem Flughafengesch&auml;ft dauerhaft betr&auml;chtlich erh&ouml;hen. In den letzten Jahren hat der Fiskus (f&uuml;r seinen 55-prozentigen Anteil) aus den Gewinnen der Flughafengesellschaften im Durchschnitt etwa 180 Millionen Euro eingenommen. Dieser Betrag w&uuml;rde bei 100-prozentigem Besitz auf &uuml;ber 300 Millionen ansteigen. Mit diesen Einnahmen w&auml;re die volle &Uuml;bernahme der IAA in wenigen Jahren finanziert, danach w&uuml;rden sie als Reinertrag f&uuml;r die Staatskasse anfallen. <\/p><p>Und die Verstaatlichung des Athener Flughafens h&auml;tte einen weiteren Vorteil: die Entscheidungsgewalt &uuml;ber die Start- und Landegeb&uuml;hren. Die Preispolitik von Hochtief hat Athen zu einem der teuersten Flugh&auml;fen Europas gebracht, zum Leidwesen der griechischen Touristik-Industrie. Zum Beispiel k&ouml;nnte Griechenland einen sehr viel h&ouml;heren Anteil am boomenden Kreuzfahrt-Tourismus abbekommen, wenn Pir&auml;us als Eck-Terminal dienen w&uuml;rde. Aber als Ablege- oder Ankunftsort f&uuml;r Kreuzfahrt-Touristen ist Athen zum Beispiel gegen&uuml;ber Istanbul nicht konkurrenzf&auml;hig, weil die Flughafengeb&uuml;hren (f&uuml;r die An- oder Abreise zum Schiff) um ein Vielfaches h&ouml;her liegen. Da der Tourismus f&uuml;r Griechenland eine strategische Branche ist, w&auml;re der Einfluss auf einen wichtigen Kostenfaktor durchaus im nationalen Interesse. Der griechische Staat k&ouml;nnte die Preise unter Abw&auml;gung seiner fiskalischen Interessen und der f&uuml;r den Tourismus erw&uuml;nschten Effekte gestalten. <\/p><p>Statt Privatisierung w&auml;re im diesem Fall also Verstaatlichung das weitaus bessere Rezept, und zwar f&uuml;r den griechischen Fiskus wie f&uuml;r dessen Gl&auml;ubiger. Aber im Zeitalter der Privatisierung ist dies nat&uuml;rlich ein Tabu. Erst recht f&uuml;r einen verschuldeten Staat, dem man zu einem wahnwitzig beschleunigten Schuldenabbau zwingt, statt sich zu fragen, wie er zu einer wirksamen und nachhaltige Verbesserung seiner Einnahmen kommen k&ouml;nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem letzten Teil seines Berichts &uuml;ber die griechischen Verh&auml;ltnisse geht Niels Kadritzke den Ger&uuml;chten nach, wonach in Griechenland ein erneuter Milit&auml;rputsch drohen k&ouml;nnte. 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