{"id":116779,"date":"2024-06-17T10:00:06","date_gmt":"2024-06-17T08:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116779"},"modified":"2024-11-13T15:45:38","modified_gmt":"2024-11-13T14:45:38","slug":"d-day-2024-neuausrichtung-des-buendnisses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116779","title":{"rendered":"D-Day 2024: Neuausrichtung des B\u00fcndnisses?"},"content":{"rendered":"<p>Die in Frankreich lebende US-amerikanische Journalistin <strong>Diana Johnstone<\/strong> hat einen interessanten Text zum D-Day geschrieben und diesen Moritz M&uuml;ller f&uuml;r die NachDenkSeiten zur Verf&uuml;gung gestellt. Sie beschreibt einige Hintergr&uuml;nde der D-Day-Landungen in der Normandie &ndash; insbesondere, wie diese in Frankreich gesehen wurden und werden. Au&szlig;erdem zeigt sie auf, wie bei den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des D-Day die Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung Europas konsequent ausgeblendet wurde. Diana Johnstone schildert, wie der NATO-Stellvertreterkrieg in der Ukraine sozusagen die Fortf&uuml;hrung von 80 Jahre alten Ideen westlicher F&uuml;hrer ist. Diese, zum Beispiel Churchill, wollten damals mit der besiegten Wehrmacht weiter gen Osten ziehen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1798\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-116779-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240617-Johnstone-D_Day-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240617-Johnstone-D_Day-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240617-Johnstone-D_Day-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240617-Johnstone-D_Day-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=116779-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240617-Johnstone-D_Day-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240617-Johnstone-D_Day-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dieser Plan wurde nicht ausgef&uuml;hrt, stattdessen nutzten die Alliierten die Dienste von ehemaligen Angeh&ouml;rigen des Nazi-Apparats. <strong>Susanne Hofmann<\/strong> hat den Text f&uuml;r die NachDenkSeiten aus dem Amerikanischen &uuml;bersetzt. &Uuml;brigens: Diana Johnstone setzt sich seit Jahren f&uuml;r die Freiheit von Julian Assange ein. Sie hat dazu Ende 2019 einen Offenen Brief mit einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56887\">Liste illustrer Unterzeichner an den Erzbischof von Canterbury<\/a> gerichtet.<\/p><p><strong>D-Day 2024&nbsp;: A Reversal of Alliances? Von <\/strong><strong>Diana Johnstone<\/strong><\/p><p>Zum 80. Jahrestag der &bdquo;Operation Overlord&ldquo;, der angloamerikanischen Landung an den Str&auml;nden der Normandie am 6. Juni 1944, bekannt als D-Day, fanden letzte Woche Feierlichkeiten statt. Zum allerersten Mal waren die Russen ostentativ <a href=\"https:\/\/www.rfi.fr\/en\/france\/20240531-russia-not-invited-to-d-day-80th-anniversary-commemorations-in-france\"><em>nicht <\/em>dazu eingeladen<\/a>.<\/p><p>Die Abwesenheit der Russen ver&auml;nderte symbolisch die Bedeutung der Feierlichkeiten. Sicherlich stellt die &bdquo;Operation Overlord&ldquo; einen ersten bedeutsamen Schritt zur Beherrschung Westeuropas durch die englischsprachige Welt dar. Doch ohne Russland hatte man das Ereignis symbolisch aus dem originalen Kontext des Zweiten Weltkrieges genommen.<\/p><p>Der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj war dazu eingeladen, zu diesem Anlass eine Videoansprache vor dem franz&ouml;sischen Parlament zu halten. Selenskyj d&auml;monisierte Putin hemmungslos und beschrieb den russischen Pr&auml;sidenten als den &bdquo;gemeinsamen Feind&ldquo; der Ukraine und Europas. Russland, so seine Behauptung, &bdquo;ist ein Gebiet, in dem Leben keinen Wert mehr hat &hellip; Es ist das Gegenteil von Europa, es ist das Anti-Europa.&ldquo;<\/p><p>Und so wurden am D-Day, 80 Jahre nach der Landung, eine andere Allianz und ein anderer Krieg gefeiert &ndash; oder vielleicht doch der gleiche alte Krieg, aber mit dem Versuch, seinen Ausgang zu ver&auml;ndern. Hier fand also eine Verschiebung der B&uuml;ndnisse statt, die einem Gro&szlig;teil der britischen Oberklasse vor dem Krieg gefallen h&auml;tte. Seit seiner Machtergreifung hatte Hitler in der britischen Aristokratie und selbst bei den Royals viele Bewunderer. Viele betrachteten Hitler als das potente Gegengift zum &bdquo;j&uuml;dischen Bolschewismus Russlands&ldquo;. Am Ende des Krieges h&auml;tten es einige vorgezogen, &bdquo;den Sack zuzumachen&ldquo; und sich gegen Russland zu wenden. Es dauerte 80 Jahre, bis es so weit war. Doch die Saat zur Umkehr war immer vorhanden.<\/p><p><strong>D-Day und die Russen<\/strong><\/p><p>Im Juni 1941 begann Nazi-Deutschland ohne jeglichen Vorwand oder eine Operation unter falscher Flagge mit ihrem massiven Einmarsch in die Sowjetunion. Im Dezember brachte der japanische Angriff auf Pearl Harbor die Vereinigten Staaten zum Kriegseintritt. Als der Krieg an der Ostfront tobte, bat Moskau seine westlichen Alliierten, eine zweite Front zu er&ouml;ffnen, um die deutschen Truppen zu teilen. Bis die westlichen Alliierten in der Normandie landeten, hatte die Rote Armee den Nazi-Invasoren bereits eine entscheidende Niederlage beigebracht und war dabei, eine riesige Front im sowjetischen Wei&szlig;russland zu er&ouml;ffnen, welche die Schlacht in der Normandie in den Schatten stellte.<\/p><p>Die Rote Armee begann mit ihrer &bdquo;Operation Bagration&ldquo; am 22. Juni 1944 und hatte bis zum 19. August 28 von 34 Divisionen zerst&ouml;rt, wodurch die deutsche Frontlinie vollst&auml;ndig zerschlagen worden war. Es war die gr&ouml;&szlig;te Niederlage in der deutschen Milit&auml;rgeschichte mit rund 450.000 deutschen Opfern. Nach der Befreiung von Minsk stie&szlig; die Rote Armee zu weiteren Siegen in Litauen, Polen und Rum&auml;nien vor.<\/p><p>Die Offensive der Roten Armee im Osten sicherte zweifellos den Erfolg der angloamerikanisch-kanadischen Alliierten gegen deutlich geschw&auml;chte deutsche Truppen in der Normandie.<\/p><p><strong>D-Day und die Franzosen<\/strong><\/p><p>Die einzige Rolle der Franzosen bei der &bdquo;Operation Overlord&ldquo;, so hatten es die Angloamerikaner beschlossen, bestand darin, zivile Opfer zu stellen. In Vorbereitung ihrer Landung machten britische und amerikanische Bomber franz&ouml;sische St&auml;dte mit Bahnh&ouml;fen und H&auml;fen dem Erdboden gleich und verursachten massive Zerst&ouml;rungen. Dies forderte Zehntausende zivile Opfer unter den Franzosen. Im Zuge der Operationen in der Normandie wurden zahlreiche D&ouml;rfer, der Ort St L&ocirc; und die Stadt Caen durch angloamerikanische Flugzeuge zerst&ouml;rt.<\/p><p>Die franz&ouml;sischen Streitkr&auml;fte unter dem Oberkommando von General Charles de Gaulle wurden absichtlich von der Teilnahme an der &bdquo;Operation Overlord&ldquo; ausgeschlossen. De Gaulle erinnerte sich gegen&uuml;ber seinem Biographen Alain Peyrefitte daran, wie er informiert wurde:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Churchill rief mich am 4. Juni nach London wie ein Gutsherr seinen Diener. Und er erz&auml;hlte mir von den Landungen, die vollkommen ohne franz&ouml;sische Einheiten geplant waren. Ich kritisierte ihn daf&uuml;r, sich von Roosevelt befehligen zu lassen, anstatt ihm den europ&auml;ischen Willen aufzudr&auml;ngen. Er br&uuml;llte mich daraufhin an: &bdquo;De Gaulle, Sie m&uuml;ssen verstehen, dass ich, wenn ich die Wahl zwischen Ihnen und Roosevelt habe, immer Roosevelt w&auml;hlen werde. Wenn wir zwischen den Franzosen und den Amerikanern zu w&auml;hlen haben, werden wir uns immer f&uuml;r die Amerikaner entscheiden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Infolgedessen weigerte sich de Gaulle strikt, an den Feierlichkeiten zum D-Day teilzunehmen.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Landungen vom 6. Juni waren eine angels&auml;chsische Angelegenheit, von der Frankreich ausgeschlossen wurde. Sie waren dazu entschlossen, sich in Frankreich festzusetzen, als w&auml;re es Feindesland! Genauso, wie sie es eben zuvor in Italien getan hatten und im Begriff waren, in Deutschland zu tun!&ldquo; [&hellip;] Und da soll ich ihrer Landung gedenken, die doch nur ein Vorspiel zu einer zweiten Besetzung des Landes war? Nein, nein, z&auml;hlen Sie nicht auf mich!&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Von der Operation in der Normandie ausgeschlossen, trat im August die Freie Franz&ouml;sische Erste Armee der Alliierten Invasion S&uuml;dfrankreichs bei. Die Amerikaner hatten Pl&auml;ne gemacht, Frankreich eine Milit&auml;rregierung aufzuerlegen mittels der AMGOT &ndash; Allied Military Government of Occupied Territories. Dies wurde durch De Gaulles Sturheit vermieden. Er befahl der Resistance, unabh&auml;ngige politische Strukturen in ganz Frankreich aufzubauen. Ihm gelang es, den Oberbefehlshaber der Alliierten, General Eisenhower, dazu zu &uuml;berreden, zuzulassen, dass die Kr&auml;fte des Freien Frankreich und ein Aufstand der Resistance Paris Ende August 1944 befreiten.<\/p><p><strong>D-Day in Hollywood<\/strong><\/p><p>Frankreich feiert die Landung in der Normandie schon immer als Befreiung. Umfragen zeigen jedoch, dass sich die Ansichten diesbez&uuml;glich im Laufe der Jahrzehnte ver&auml;ndert haben. Kurz nach Kriegsende war die &ouml;ffentliche Meinung gepr&auml;gt von Dankbarkeit gegen&uuml;ber den Angloamerikanern. Den endg&uuml;ltigen Sieg im Zweiten Weltkrieg aber schrieb man der Roten Armee zu. Zunehmend verschob sich die <a href=\"https:\/\/skeptics.stackexchange.com\/questions\/44150\/did-57-of-people-in-france-believe-that-the-ussr-contributed-the-most-to-the-de\">&ouml;ffentliche Meinung<\/a> jedoch dahin, dass der D-Day die entscheidende Schlacht gewesen sei und dass der Krieg vor allem von den Amerikanern mithilfe der Briten gewonnen wurde. Diese Entwicklung l&auml;sst sich zum Gro&szlig;teil auf Hollywood zur&uuml;ckf&uuml;hren.<\/p><p>Der Marshallplan und die franz&ouml;sische Verschuldung bildeten nach dem Krieg den Rahmen f&uuml;r Handelsvertr&auml;ge mit finanziellen wie politischen Aspekten. Am 28. Mai 1946 unterzeichneten US-Au&szlig;enminister James Byrnes und der franz&ouml;sische Premierminister L&eacute;on Blum einen Vertrag &uuml;ber die Filmbranche. Die Blum-Byrnes-Vereinbarung legte fest, dass franz&ouml;sische Kinos nur an vier von 13 Wochen franz&ouml;sische Filme zeigen sollten, w&auml;hrend die &uuml;brigen neun Wochen f&uuml;r die Konkurrenz aus dem Ausland offen sein sollten, in der Praxis waren das vor allem US-amerikanische Produktionen.<\/p><p>Hollywood hatte einen enormen Aufholbedarf, hatte sich auf dem heimischen Mark bereits amortisiert und war deshalb billig. Das hatte zur Folge, dass in der ersten H&auml;lfte des Jahres 1947 340 US-amerikanische und nur 40 franz&ouml;sische Filme [in Frankreich] gezeigt wurden. Frankreich erntete finanzielle Vorteile aus diesem Vertrag in Form von Krediten, doch die Flut von Hollywood-Produktionen trug stark zur kulturellen Amerikanisierung bei und beeinflusste sowohl den &bdquo;way of life&ldquo; als auch die historischen Realit&auml;ten.<\/p><p>Die Landung in der Normandie war tats&auml;chlich eine dramatische Schlacht, die sich f&uuml;r die Darstellung in vielen Filmen eignete. Die cineastische Konzentration auf den D-Day hat den weit verbreiteten Eindruck gef&ouml;rdert, dass nicht die Sowjetunion, sondern die Vereinigten Staaten Nazi-Deutschland besiegt h&auml;tten.<\/p><p><strong>Neuausrichtung des B&uuml;ndnisses 1 &ndash; die Briten<\/strong><\/p><p>Im Juni 1944 war die Rote Armee auf dem besten Wege, die Wehrmacht entscheidend zu besiegen. Die sowjetische F&uuml;hrung begr&uuml;&szlig;te die &bdquo;Operation Overlord&ldquo; als hilfreiche zweite Front. F&uuml;r die angloamerikanischen Strategen war sie zudem eine M&ouml;glichkeit, den sowjetischen Vormarsch nach Westen aufzuhalten.<\/p><p>Britische Politiker, insbesondere Churchill, erwogen tats&auml;chlich, nach der Niederlage der Wehrmacht nach Osten gegen die Rote Armee vorzur&uuml;cken. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die britischen Imperialisten im 19. Jahrhundert Russland als potenzielle Bedrohung f&uuml;r ihre Herrschaft &uuml;ber Indien und ihre weitere Expansion in Zentralasien betrachteten und eine strategische Planung entwickelten, die auf der Vorstellung basierte, Russland sei ihr Hauptfeind auf dem eurasischen Kontinent. Diese Haltung blieb bestehen.<\/p><p>Genau im Moment der deutschen Niederlage im Mai 1945 befahl Churchill dem Gemeinsamen Planungsstab der britischen Streitkr&auml;fte, Pl&auml;ne f&uuml;r einen angloamerikanischen &Uuml;berraschungsangriff auf die Streitkr&auml;fte ihres sowjetischen Verb&uuml;ndeten in Deutschland auszuarbeiten. Die Pl&auml;ne waren bis 1998 streng geheim und beinhalteten sogar die Bewaffnung besiegter Wehrmachts- und SS-Truppen. Diese Fantasie trug den Codenamen &bdquo;Operation Unthinkable&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.nationalarchives.gov.uk\/education\/resources\/cold-war-on-file\/operation-unthinkable\/\">Operation undenkbar<\/a>. Der Name deckt sich mit der Einsch&auml;tzung der britischen Generalstabschefs, die dies als ausgeschlossen ablehnten.<\/p><p>Nur drei Monate zuvor, im Februar, hatte Churchill auf dem Treffen in Jalta den sowjetischen F&uuml;hrer Josef Stalin als &bdquo;einen Freund, dem wir vertrauen k&ouml;nnen&ldquo;, gelobt. Umgekehrt galt das sicherlich nicht. Es ist anzunehmen, dass Franklin D. Roosevelt derartige Pl&auml;ne verworfen h&auml;tte, wenn er nicht im April gestorben w&auml;re. Roosevelt schien darauf zu vertrauen, dass die kriegsersch&ouml;pfte Sowjetunion keine Bedrohung f&uuml;r die Vereinigten Staaten darstelle, und er lag damit richtig.<\/p><p>Tats&auml;chlich hielt sich Stalin stets peinlich genau an die Einflusssph&auml;renvereinbarungen mit den westlichen Alliierten. Er weigerte sich, die kommunistische Befreiungsbewegung in Griechenland zu unterst&uuml;tzen &ndash; was Tito erz&uuml;rnte und zu Moskaus Bruch mit Jugoslawien beitrug &ndash;, und dr&auml;ngte die starken kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich konsequent dazu, sich mit ihren politischen Forderungen zur&uuml;ckzuhalten. W&auml;hrend diese Parteien von der Rechten als gef&auml;hrliche Bedrohung angesehen wurden, stie&szlig;en sie bei den Ultralinken auf heftige Ablehnung, weil sie lieber im System blieben, als eine Revolution anzustreben.<\/p><p>Die sowjetischen und russischen F&uuml;hrer wollten wirklich Frieden mit ihren ehemaligen westlichen Verb&uuml;ndeten und hatten nie den Ehrgeiz, den gesamten Kontinent unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie verstanden das Abkommen von Jalta als Erlaubnis, eine defensive Pufferzone durch die Reihe osteurop&auml;ischer Staaten zu errichten, die von der Roten Armee von der Naziherrschaft befreit worden waren. Russland hatte mehr als eine verheerende Invasion aus dem Westen erlebt. Es reagierte mit einer repressiven Abwehrhaltung, die die atlantischen M&auml;chte, die sich &uuml;berall Zugang verschaffen wollten, als potenziell aggressiv betrachtete.<\/p><p>Das Durchgreifen der Sowjetunion in seinen Satellitenstaaten wurde nur versch&auml;rft als Reaktion auf Winston Churchills eloquente westliche Kampfansage zehn Monate nach Kriegsende. Der Funke zu einer Dynamik endloser und sinnloser Feindseligkeit war entz&uuml;ndet.<\/p><p>Churchill wurde im Juli 1945 durch den Erdrutschsieg der Labour Party aus dem Amt gefegt, doch sein Einfluss als ehemaliger Kriegsregierungschef blieb in den Vereinigten Staaten gewaltig. Am 6. M&auml;rz 1946 hielt Churchill eine historische Rede an einem kleinen College in Missouri, dem Heimatstaat von Roosevelts unerfahrenem und einflussreichem Nachfolger Harry Truman. Die Rede verfolgte das Ziel, das angloamerikanische B&uuml;ndnis aus Kriegszeiten zu erneuern &ndash; diesmal gegen den damaligen dritten gro&szlig;en Verb&uuml;ndeten: die Sowjetunion. Churchill gab seiner Rede den Titel &bdquo;The Sinews of Peace&ldquo; (etwa: &bdquo;Die Sehnen des Friedens&ldquo;).<\/p><p>In Wirklichkeit verk&uuml;ndete er den Kalten Krieg mit dem historischen Satz: &bdquo;Von Stettin im Baltikum bis Triest an der Adria hat sich ein <strong>Eiserner Vorhang<\/strong> auf den Kontinent herabgesenkt.&ldquo; Der Eiserne Vorhang begrenzte den sowjetischen Einflussbereich, der im Wesentlichen defensiv und statisch war. Das Problem f&uuml;r Churchill war der Verlust seines Einflusses in diesem Teil der Welt. Ein Vorhang, auch wenn er &bdquo;eisern&ldquo; ist, hat einen defensiven Charakter. Doch Churchills Worte wurden als Warnung vor einer Bedrohung aufgefasst.<\/p><p>&bdquo;Niemand wei&szlig;, was Sowjetrussland und seine kommunistische internationale Organisation in der unmittelbaren Zukunft vorhaben, oder wo, wenn &uuml;berhaupt, ihre Expansions- und Missionierungstendenzen ihre Grenzen haben.&ldquo; (Und das, obwohl Stalin die Kommunistische Internationale am 15. Mai 1943 aufgel&ouml;st hatte.) In Amerika verwandelte sich diese Unsicherheit bald in eine allgegenw&auml;rtige &bdquo;kommunistische Bedrohung&ldquo;, auf die es im Au&szlig;enministerium, in den Gewerkschaften und in Hollywood Jagd zu machen galt und die ausgerottet werden musste.<\/p><p><strong>Neuausrichtung des B&uuml;ndnisses 2: die Amerikaner<\/strong><\/p><p>Die angebliche Notwendigkeit, die sowjetische Bedrohung eizud&auml;mmen, war ein Argument f&uuml;r die Planer der US-Regierung, insbesondere f&uuml;r Paul Nitze im <a href=\"https:\/\/history.state.gov\/milestones\/1945-1952\/NSC68#:~:text=NSC%252D68%2520outlined%2520a%2520variety,the%2520United%2520States%2520to%2520attain\">Papier 68 des Nationalen Sicherheitsrates<\/a>, oder NSC-68, die US-R&uuml;stungsindustrie wieder anzukurbeln. Das hatte den politischen Vorteil, die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre endg&uuml;ltig zu beenden.<\/p><p>Nazi-Kollaborateure aus ganz Osteuropa waren in den USA gern gesehen, Intellektuelle wurden zu f&uuml;hrenden &bdquo;Russlandexperten&ldquo;. Auf diese Weise wurde die Russophobie institutionalisiert, als WASP (White Anglo-Saxon Protestants)-Diplomaten, -Redakteure und -Wissenschaftler alter Schule, die nichts gegen Russen hatten, Neuank&ouml;mmlingen mit einem altem Groll Platz machten.<\/p><p>Niemandem steckte dieser alte Groll heftiger und hartn&auml;ckiger in den Knochen als den ukrainischen Nationalisten aus Galizien im &auml;u&szlig;ersten Westen der Ukraine. Deren Feindseligkeit gegen&uuml;ber Russland war w&auml;hrend der Zeit gef&ouml;rdert worden, als sie von den Habsburgern regiert wurde. Die ukrainischen Ultranationalisten leugneten fanatisch die enge historische Verbindung ihres geteilten Landes zu Russland. Sie wurden in der Ukraine selbst und in der gro&szlig;en nordamerikanischen Diaspora jahrzehntelang <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/de\/2024\/06\/10\/Nutzung-der-Ukraine-seit-1948\/\">von der CIA gef&ouml;rdert<\/a>.<\/p><p>Ihren H&ouml;hepunkt erreichte dieser Vorgang, als der talentierte Komiker Wolodymyr Selenskyj in seiner gr&ouml;&szlig;ten Rolle als Tragiker behauptete, &bdquo;der Erbe&ldquo; der Normandie-Invasion zu sein und den russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin als die Reinkarnation von Adolf Hitler beschrieb, der die Welt erobern wolle &ndash; eine &Uuml;bertreibung selbst von Hitlers Ziel, der haupts&auml;chlich Russland erobern wollte. Genau das wollen die USA und Deutschland offenbar heute.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240617-dday.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Neuausrichtung des B&uuml;ndnisses 3: Deutschland<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend die Russen und die Angloamerikaner sich zusammentaten, um bei den N&uuml;rnberger Prozessen die obersten Nazi-Anf&uuml;hrer zu verurteilen, vollzog sich die Entnazifizierung in den jeweiligen besetzten Zonen sehr unterschiedlich. In der Bundesrepublik, die in den westlichen Zonen errichtet wurde, wurden nur wenige Beamte, Offiziere oder Richter aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit entfernt. Ihre &ouml;ffentliche Reue kreiste um die Verfolgung der Juden und fand ihren Ausdruck in Ausgleichszahlungen an individuelle Opfer und insbesondere an Israel.<\/p><p>W&auml;hrend unmittelbar nach dem Krieg der Krieg selbst als das gr&ouml;&szlig;te Verbrechen der Nazis galt, machte sich im Laufe der Jahre im Westen der Eindruck breit, das schlimmste Verbrechen, ja sogar das Hauptziel der Nazi-Herrschaft sei die Judenverfolgung gewesen. Der Holocaust war das unverzeihliche Verbrechen, das die Bundesrepublik mit solcher Emphase einr&auml;umte, dass es alle anderen Verbrechen quasi ausradierte. Den Krieg selbst konnten die Deutschen als ihr eigenes Ungl&uuml;ck betrachten, weil sie ihn verloren hatten, und sie konnten ihr tiefstes Bedauern auf diesen Verlust beschr&auml;nken.<\/p><p>Nicht die Deutschen, sondern die amerikanischen Besatzer waren es, die beschlossen, eine neue deutsche Armee &ndash; die Bundeswehr &ndash; aufzubauen, die in ein B&uuml;ndnis unter amerikanischer Kontrolle sicher eingebettet sein sollte. Die Deutschen selbst hatten genug vom Milit&auml;r. Die Amerikaner jedoch wollten ihre Kontrolle &uuml;ber Westeuropa durch die NATO festigen. Der erste Generalsekret&auml;r der NATO, Lord Ismay &ndash; im Zweiten Weltkrieg Churchills wichtigster milit&auml;rischer Assistent &ndash;, &#8203;&#8203;brachte die Mission der NATO so auf den Punkt: Aufgabe der NATO sei es &bdquo;die Amerikaner drinnen, die Russen drau&szlig;en und die Deutschen unten zu halten&ldquo;.<\/p><p>Die US-Regierung lie&szlig; keine Zeit verstreichen, um geeignete Deutsche f&uuml;r die Umorientierung ihres B&uuml;ndnisses auszuw&auml;hlen. Deutsche Experten, die im Auftrag des Dritten Reichs Geheimdienstinformationen gesammelt oder milit&auml;rische Operationen gegen die Sowjetunion geplant hatten, waren herzlich eingeladen, ihre professionellen Aktivit&auml;ten fortzusetzen &ndash; fortan im Auftrag der westlichen liberalen Demokratie.<\/p><p>Diesen Wandel personifiziert der Wehrmachtsgeneralmajor Reinhard Gehlen, der zuvor den milit&auml;rischen Geheimdienst an der Ostfront geleitet hatte. Im Juni 1946 gr&uuml;ndeten die US-Besatzungsbeh&ouml;rden in Pullach bei M&uuml;nchen einen neuen Geheimdienst. Dort wurden ehemalige Mitglieder des Generalstabs der deutschen Armee unter der Leitung Gehlens damit beauftragt, den Ostblock auszuspionieren. In enger Zusammenarbeit mit der CIA warb die Organisation Gehlen Agenten unter antikommunistischen osteurop&auml;ischen Emigrantenorganisationen an. Die Organisation besch&auml;ftigte Hunderte ehemaliger Nazis. Ihr Beitrag zur westdeutschen Innenpolitik bestand darin, Jagd auf Kommunisten zu machen. Die Kommunistische Partei Deutschlands wurde verboten. Die Aktivit&auml;ten der Organisation Gehlen wurden 1956 der Bundesregierung unterstellt und gingen im Bundesnachrichtendienst auf, den Gehlen bis 1968 leitete.<\/p><p>Kurz gesagt: Jahrzehntelang hat die Bundesrepublik Deutschland unter US-Besatzung die gegen Russland gerichteten Strukturen der Neuorientierung des B&uuml;ndnisses gef&ouml;rdert. Der alte Vorwand war die Bedrohung durch den Kommunismus. Doch Russland ist nicht mehr kommunistisch. Die Sowjetunion l&ouml;ste sich &uuml;berraschend auf und wandte sich auf der Suche nach dauerhaftem Frieden dem Westen zu.<\/p><p>Im R&uuml;ckblick wird sonnenklar, dass die &bdquo;kommunistische Bedrohung&ldquo; tats&auml;chlich nur ein Vorwand f&uuml;r das Streben der Gro&szlig;m&auml;chte nach mehr Macht war. Mehr Land, mehr Ressourcen.<\/p><p>Der Nazif&uuml;hrer Adolf Hitler betrachtete Russland, genauso wie die angloamerikanischen Liberalen, wie Bergsteiger angeblich Berge betrachten. Warum muss man diesen Berg besteigen? Weil er da ist. Weil er zu gro&szlig; ist und so viele Ressourcen hat. Und nat&uuml;rlich m&uuml;ssen wir &bdquo;unsere Werte&ldquo; verteidigen. Das ist nichts Neues. Die Dynamik ist fest verankert. Es ist immer noch derselbe alte Krieg, der auf Illusionen, L&uuml;gen und k&uuml;nstlich erzeugtem Hass basiert und uns in noch gr&ouml;&szlig;ere Katastrophen f&uuml;hrt.<\/p><p>Ist es zu sp&auml;t, aufzuh&ouml;ren?<\/p><p><small>Titelbild: Das britische Normandie-Denkmal f&uuml;r den Zweiten Weltkrieg in Ver-su-Mer, Normandie, Frankreich, 6. Juni 2024. (Nummer 10 Downing, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die in Frankreich lebende US-amerikanische Journalistin <strong>Diana Johnstone<\/strong> hat einen interessanten Text zum D-Day geschrieben und diesen Moritz M&uuml;ller f&uuml;r die NachDenkSeiten zur Verf&uuml;gung gestellt. Sie beschreibt einige Hintergr&uuml;nde der D-Day-Landungen in der Normandie &ndash; insbesondere, wie diese in Frankreich gesehen wurden und werden. Au&szlig;erdem zeigt sie auf, wie bei den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116779\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":116783,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,171,11],"tags":[2871,3518,3316,2367,1043,901,2534,469,466,3230,2147,260,1556,966,2360],"class_list":["post-116779","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-antikommunismus","tag-de-gaulle-charles","tag-entnazifizierung","tag-filmindustrie","tag-frankreich","tag-geheimdienste","tag-gehlen-reinhard","tag-grossbritannien","tag-nato","tag-revisionismus","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-usa","tag-weltkrieg","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/53772078622_0d5c06a331_b.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116779","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116779"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116779\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":116814,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116779\/revisions\/116814"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/116783"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116779"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116779"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116779"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}