{"id":116902,"date":"2024-06-19T10:00:20","date_gmt":"2024-06-19T08:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116902"},"modified":"2024-06-20T07:19:44","modified_gmt":"2024-06-20T05:19:44","slug":"das-grosse-stuttgart-21-interview-22-stuttgart-will-sich-ein-denkmal-als-das-schilda-der-neuzeit-setzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116902","title":{"rendered":"Das gro\u00dfe Stuttgart-21-Interview 2\/2 \u2013 \u201eStuttgart will sich ein Denkmal als das Schilda der Neuzeit setzen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ankn&uuml;pfend an den ersten Teil des Interviews vom vergangenen Montag mit Christoph Engelhardt, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116773\">siehe hier<\/a>, behandelt der zweite Teil eine Reihe weiterer Unwuchten von Stuttgart 21. Darin spricht der Physiker und Analyst &uuml;ber Milchm&auml;dchenrechnungen, rollende Kinderw&auml;gen, absaufende Bahnh&ouml;fe, Filz und vieles mehr, wozu die Verantwortlichen lieber schweigen. Und wenn am Ende doch alles auffliegt? &bdquo;Tragen die Macher den fehlenden Brandschutz dann mit S&auml;cken in die Tunnel?&ldquo;, fragt sich der Projektgegner. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6226\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-116902-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240619_Das_grosse_Stuttgart_21_Interview_2_2_Stuttgart_will_sich_ein_Denkmal_als_das_Schilda_der_Neuzeit_setzen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240619_Das_grosse_Stuttgart_21_Interview_2_2_Stuttgart_will_sich_ein_Denkmal_als_das_Schilda_der_Neuzeit_setzen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240619_Das_grosse_Stuttgart_21_Interview_2_2_Stuttgart_will_sich_ein_Denkmal_als_das_Schilda_der_Neuzeit_setzen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240619_Das_grosse_Stuttgart_21_Interview_2_2_Stuttgart_will_sich_ein_Denkmal_als_das_Schilda_der_Neuzeit_setzen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=116902-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240619_Das_grosse_Stuttgart_21_Interview_2_2_Stuttgart_will_sich_ein_Denkmal_als_das_Schilda_der_Neuzeit_setzen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240619_Das_grosse_Stuttgart_21_Interview_2_2_Stuttgart_will_sich_ein_Denkmal_als_das_Schilda_der_Neuzeit_setzen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zur Person <\/strong><\/em><\/p><p><em>Der Physiker, Analyst und Sozialunternehmer Dr. Christoph Engelhardt (Jahrgang 1965) ist ein profilierter Kritiker des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21. Als Gr&uuml;nder und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Faktencheck-Plattform&nbsp;<a href=\"https:\/\/wikireal.org\/wiki\/Hauptseite\">WikiReal.org<\/a>&nbsp;befasst er sich schwerpunktm&auml;&szlig;ig mit den Planungsm&auml;ngeln des Projekts Stuttgart 21. WikiReal.org arbeitet eng mit dem&nbsp;<a href=\"https:\/\/kopfbahnhof-21.de\/\">Aktionsb&uuml;ndnis gegen Stuttgart 21<\/a>&nbsp;und den&nbsp;<a href=\"http:\/\/ingenieure22.de\/\">Ingenieuren22<\/a>, einer Gruppe projektkritischer Fachleute unterschiedlichster Disziplinen, zusammen.<\/em><\/p><p><strong>Herr Engelhardt, was konkret macht die Tunnel bei Stuttgart 21 so besonders und damit so gef&auml;hrlich? <\/strong><\/p><p>Vergleichen wir mit &uuml;blichen Bahntunneln mit Doppelr&ouml;hren, dann f&auml;llt zun&auml;chst der verengte Sonderquerschnitt auf. Die Tunnelw&auml;nde mussten wegen des auf &uuml;ber der H&auml;lfte aller Tunnelstrecken vorliegenden quellf&auml;higen Anhydritgesteins massiv verst&auml;rkt werden. Aus Kostengr&uuml;nden hat man den zus&auml;tzlichen Beton nach innen aufgetragen. Au&szlig;erdem wurden die S21-Tunnel, wie auch die der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, kurz NBS, nicht wie &uuml;blich unter einem Berg durch, sondern jeweils &uuml;ber maximale H&ouml;henunterschiede gef&uuml;hrt. Bei der NBS, um der Autobahn zu folgen, und bei Stuttgart 21, um den Flughafen anzubinden, der schon l&auml;ngst und in viel h&ouml;herer Frequenz durch S-Bahnen angebunden ist. Kurzum, man musste die h&ouml;chstzul&auml;ssige Steigung per Ausnahmegenehmigung um den Faktor 2 &uuml;berschreiten. Enger Querschnitt und extreme Steigung f&uuml;hren zu beschleunigter Verrauchung. Rund doppelt so schnell, wie die Bahn annimmt.<\/p><p>Durch den engen Querschnitt ist nur noch f&uuml;r Rettungswege mit der Mindestbreite von 1,20 Meter Platz, &uuml;blich ist das Doppelte oder mehr. Normalerweise fahren durch derart lange Tunnel ICE-artige Z&uuml;ge mit maximal rund 900 Insassen. Bei Stuttgart 21 sollen erstmals Regionalverkehrsz&uuml;ge mit laut Planung rund 1.800 Personen fahren. Zur Inbetriebnahme von S21 wurden f&uuml;r 2,5 Milliarden Euro neue Regionalverkehrsz&uuml;ge angeschafft mit bis zu 2.800 Personen an Bord. Mittelfristig sind die sogar in extremer L&auml;nge mit bis zu 3.700 Insassen vorgesehen. <\/p><p>Man plant also mit drei- bis viermal so vielen Personen wie &uuml;blich. Entsprechend l&auml;nger braucht eine Evakuierung, nimmt man die halbe Rettungswegbreite hinzu, braucht das bis zu achtmal so lang wie &uuml;blich. Gleichzeitig hat man aber die Abst&auml;nde der Querschl&auml;ge bei dem h&ouml;chstzul&auml;ssigen Wert von 500 Metern belassen. Mit der doppelt so schnellen Verrauchung haben wir insgesamt ein <a href=\"https:\/\/wikireal.info\/wiki\/Stuttgart_21\/Brandschutz_Tunnel\">um den Faktor 16 gesteigertes Risiko<\/a>, das ist sehr weit weg von vergleichbaren Tunneln.<\/p><p><strong>Aber die Verantwortlichen sagen, das alles entspreche dem Standard? <\/strong><\/p><p>Das ist eine dieser hartn&auml;ckigen Falschbehauptungen der Bahn gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit und &ndash; besonders kritisch &ndash; auch gegen&uuml;ber der Feuerwehr. Die 500 Meter Querschlagabstand wurden immer als &bdquo;Norm&ldquo; bezeichnet. Die Richtlinie fordert aber &bdquo;mindestens alle 500 Meter&ldquo;. In Europa und China, wo jeweils die 500 Meter als H&ouml;chstwert gelten, unterschreiten die allermeisten Tunnel diesen Wert deutlich, obwohl sie nicht die hohen Personenzahlen oder einen so engen Querschnitt wie in Stuttgart haben. Dreistellige Millionen-Euro-Betr&auml;ge wurden dort investiert, um das angestrebte Sicherheitsniveau zu erreichen. Das gilt auch f&uuml;r die Rettungswegbreite andernorts. Die in den S21-Tunneln wurde von der Bahn sogar als die &bdquo;breiteste in Europa&ldquo; angepriesen. Tats&auml;chlich ist sie die schmalste.<\/p><p><strong>Ist das nicht mutwillige T&auml;uschung? <\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich, man k&ouml;nnte auch von Betrug sprechen. Kommen wir zum gerade angesprochenen &bdquo;angestrebten Sicherheitsniveau&ldquo;. Wir kennen das aus unz&auml;hligen Bereichen, dass Richtlinien zum einen Mindestanforderungen definieren und zum anderen ein Schutzziel vorgeben, das festlegt, wann man &uuml;ber die Mindestanforderungen hinauszugehen hat. Im Brandschutz ist das &uuml;bliche Schutzziel, dass die Evakuierungsdauer die Verrauchungszeit unterschreiten muss. Deshalb gibt es f&uuml;r Veranstaltungsr&auml;ume eine h&ouml;chstzul&auml;ssige Personenzahl. Das Schutzziel ist auch f&uuml;r Eisenbahntunnel definiert, sowohl in der europ&auml;ischen wie in der deutschen Tunnelrichtlinie des Eisenbahn-Bundesamtes. Dort ist es der erw&auml;hnte Abschnitt 1.3, der verlangt, dass die &bdquo;Selbstrettung gew&auml;hrleistet&ldquo; sein muss. Erst wenn das nachgewiesen worden w&auml;re, w&auml;re der Standard erf&uuml;llt. Aber diese Anforderung wurde immer ausgeblendet.<\/p><p><strong>Sie meinen also, das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) pfeift auf seine eigenen Richtlinien. Warum sollte eine Bundesbeh&ouml;rde so weit gehen? <\/strong><\/p><p>Bei Stuttgart 21 hat man praktisch in allen Fragen alle F&uuml;nfe gerade sein lassen. Schon in den <a href=\"https:\/\/wikireal.org\/wiki\/Stuttgart_21\/Anh%C3%B6rung_PFA_1.3\/DB_09.2015\">Anh&ouml;rungen<\/a> hatte das CDU-gef&uuml;hrte Regierungspr&auml;sidium Stuttgart etwa zur S21-Leistungsf&auml;higkeit entschieden, dass keine Antworten der Bahn schon genug Aufkl&auml;rung bedeuten.<em> <\/em>Und auch das EBA hat bei dem Projekt immer wieder ganz angestrengt weggeschaut. Zu den Tunneln beispielsweise wurden schon 2003 von den Einwendern die zu engen Rettungswege kritisiert. Das EBA entschied daraufhin, die 1,20 Meter engen Rettungswege seien kein Problem, da die Bahn glaubhaft dargestellt h&auml;tte, dass die Menschen selbst diesen Platz nicht br&auml;uchten, weil sie ohnehin nur hintereinanderher gingen. Vergleichen Sie diese Aussage mit der tats&auml;chlich &uuml;berschrittenen t&ouml;dlichen Loveparade-Personendichte (siehe Teil 1 des Interviews). Auch hatte das EBA verf&uuml;gt, die 1,20 Meter Breite m&uuml;ssten &bdquo;hindernisfrei&ldquo; zur Verf&uuml;gung stehen, hat aber dennoch die Einengungen auf 90 Zentimeter genehmigt. Das erscheint mir doch ziemlich inkonsequent &hellip;<\/p><p><strong>Milde ausgedr&uuml;ckt &hellip; <\/strong><\/p><p>Wenn man das Projekt analysiert, dann wurde schon im ersten Schritt von der Bahn nicht sauber gearbeitet. Danach wurde aber von den Beh&ouml;rden auch nicht kritisch gepr&uuml;ft. Und als wir Kritiker keine Ruhe gaben, hat auch die Politik keine Aufkl&auml;rung in der Sache verlangt, sondern sich immer mit Formelantworten begn&uuml;gt. <\/p><p><strong>Das sind sehr heftige Vorw&uuml;rfe. Wieso sollten praktisch alle Beteiligten die &Ouml;ffentlichkeit so f&uuml;r dumm verkaufen? <\/strong><\/p><p>Ich sehe die Ursache daf&uuml;r in der kriminellen Entstehungsgeschichte des Projekts. 2018 wurde durch Thilo Sarrazin vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags offengelegt, wie sich die Bahn und CDU-Politiker schon 2001 durch ein kriminelles Koppelgesch&auml;ft gegenseitig zur Umsetzung von Stuttgart 21 zwangen. Sarrazin war an dem Vorgang als damaliger Vorstand der DB Netz AG beteiligt. Ein um mehr als eine Milliarde Euro &uuml;berteuerter Nahverkehrslangzeitvertrag wurde der Bahn als Zuckerl zus&auml;tzlich zu dem Milliardenanteil der Finanzierungspartner &ndash; Baden-W&uuml;rttemberg, Stadt, Region und Flughafen Stuttgart &ndash; zugeschanzt. Durch diese illegale Aktion waren Bahn und Politik als Komplizen auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet.<\/p><p><strong>Bis heute? <\/strong><em> <\/em><\/p><p>Ja, denn nach den ersten gro&szlig;en Fehlentscheidungen etwa in der Planfeststellung kam noch das Motiv der Gesichtswahrung hinzu. Die Welt durfte ja nicht erfahren, wie unprofessionell das Projekt geplant war. Schauen Sie nur auf die <a href=\"https:\/\/wikireal.org\/wiki\/Stuttgart_21\/Schlichtung\/Auswertung\">Schlichtung von 2010<\/a>, wo der &Ouml;ffentlichkeit und den Kritikern gegen&uuml;ber durch weit &uuml;ber hundert gravierende T&auml;uschungen die M&auml;ngel des Projekts verschleiert wurden.<\/p><p>Dazu kommt: Die Beh&ouml;rden sind abh&auml;ngig von der Politik, ihre Chefposten werden politisch besetzt. So wechselten die beiden Vorg&auml;nger des jetzigen EBA-Chefs jeweils aus dem Verkehrsministerium an die Beh&ouml;rdenspitze und der aktuelle EBA-Chef kommt aus der Planfeststellungsabteilung, die wir jetzt massiv kritisieren. Sein Vorvorg&auml;nger sitzt jetzt im S21-Projektbeirat. Auch die obersten Richter werden politisch besetzt. Es sind diese Abh&auml;ngigkeiten, die in der Folge Fehlentscheidungen, mangelnde Kontrollen und Korrekturen bewirken. Wir haben au&szlig;erdem Abh&auml;ngigkeiten der Medien und sogar der Wissenschaft, die ihrerseits behindert haben, dass die Kritik am Projekt durchdringen konnte. Wir brauchen mehr unabh&auml;ngige Kontrolle und weniger Filz.<\/p><p><strong>Damit Sie und Ihre Mitstreiter am Ende diejenigen sein werden, die das Projekt beerdigen? Das w&auml;re dann tats&auml;chlich ein Megadebakel, noch heftiger als der Skandal um den Hauptstadtflughafen BER. <\/strong><\/p><p>Wir wollen &uuml;berhaupt nichts sein, uns ging es immer nur um die Sache. Soll man doch ruhig einen neuen Bahnhof in Stuttgart bauen, aber bitte nicht zu klein, zu teuer und lebensgef&auml;hrlich. Die letzte Klage vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-W&uuml;rttemberg wurde gef&uuml;hrt, um Verbesserungen im Tunnelbrandschutz durchzusetzen. Wir sind also keine Fundamentalopposition. In dem Verfahren stellte aber der Anwalt der Bahn klar, das Nachbesserungen an Stuttgart 21 gar nicht mehr m&ouml;glich sind. Aus statischen Gr&uuml;nden sind keine zus&auml;tzlichen Querschl&auml;ge machbar. Damit ist der Weg zu den Fluchtt&uuml;ren zu weit, der Rauch kommt zu schnell, egal welchen Zugtyp wir ansetzen. Das hat dem Projekt den Todessto&szlig; versetzt.<\/p><p><strong>Das muss sich erst noch zeigen &hellip; <\/strong><\/p><p>Nun, ich bin &uuml;berzeugt, dass sich Naturgesetze keiner politischen Willk&uuml;r beugen, und auch nicht die Mathematik, zwei plus zwei ist nun mal vier und nicht f&uuml;nf. Im Ergebnis stehen wir tats&auml;chlich vor der gr&ouml;&szlig;ten Bauruine aller Zeiten, dem gr&ouml;&szlig;ten Ansehensverlust der ehemaligen Ingenieursnation Deutschland, der gr&ouml;&szlig;ten denkbaren Blamage f&uuml;r den Standort Deutschland. Das tut auch mir nicht gut. Aber was hilft&rsquo;s. Wir k&ouml;nnen deshalb doch nicht sehenden Auges zulassen, dass im Zweifelsfall Tausende Menschen zu Tode kommen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Das alles klingt ja schon ungeheuerlich genug. Gibt es daneben noch andere Fehlplanungen &auml;hnlicher &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo;, von denen die &Ouml;ffentlichkeit nichts wei&szlig;? <\/strong><\/p><p>Ja, der Brandschutz im Tiefbahnhof funktioniert ebenfalls nicht. Beim Tiefbahnhof war schon immer klar, dass der Verkehrsbedarf nur gedeckt werden kann, wenn auch zwei Regionalz&uuml;ge hintereinander an einem Bahnsteig halten k&ouml;nnen. F&uuml;r die Evakuierung setzte man dort aber immer nur einen an! Und auch die Bahnsteige sind mit zehn Meter Breite die engsten unter allen neuen Gro&szlig;bahnh&ouml;fen. Im neuen Frankfurter Tiefbahnhof sollen sie 20 Meter breit sein. Am schlimmsten sind aber in Stuttgart die nur zwei Meter breiten Engp&auml;sse neben den Treppenst&ouml;cken an der h&ouml;chstbelasteten Bahnsteigmitte. Auch hier setzte man schlicht den mindestzul&auml;ssigen Wert an, der aber auch f&uuml;r das Bahnsteigende eines Kleinbahnhofs gilt, wo kaum mit Personen zu rechnen ist. In Stuttgart f&uuml;hrt das aber zu mitunter t&ouml;dlichem Gedr&auml;nge und einer auch hier untragbar langen Evakuierungszeit im Brandfall.<\/p><p><strong>Haben Sie noch mehr auf Lager? <\/strong><\/p><p>Ja, von diesen Milchm&auml;dchenrechnungen gibt es genug. Die Bahnhofsneigung liegt sechsfach &uuml;ber dem Sollwert, f&uuml;r das Wegrollen von Z&uuml;gen wurde bis heute kein Nachweis gleicher Sicherheit wie im ebenen Fall vorgelegt. Und beispielsweise f&uuml;r Kinderwagen auf dem Bahnsteig soll es ein Quergef&auml;lle richten. Dieses gibt es am Bahnsteigende in Ingolstadt Nord. Dort haben wir einen Kinderwagen losgelassen, er rollte prompt ins Gleis. Eine sogenannte physikalische Risikountersuchung soll hier die Sicherheit wie im ebenen Fall belegen und sie ist bis heute die Grundlage f&uuml;r die Genehmigung derart steiler Bahnsteige. Der damalige Bahnvorstand Volker Kefer war aber nicht bereit, diese dem Verkehrsausschuss des Bundestags vorzulegen. Kein Wunder, denn sie ist falsch, da sie nur ausgew&auml;hlte Richtungen betrachtet, und diejenigen Richtungen ausspart, in denen es gef&auml;hrlich wird. <\/p><p><strong>Jetzt reicht es aber langsam &hellip; <\/strong><\/p><p>Entschuldigung, da gibt es noch einen wichtigen Schildb&uuml;rgerstreich: In Bezug auf die Hochwassergefahr hatte die Bahn im Bauantrag zu Stuttgart 21 geschrieben, es d&uuml;rfe an der engsten Stelle des Stuttgarter Kessels &bdquo;keine k&uuml;nstliche Barriere&ldquo; errichtet werden. Mit dem bis zu sechs Meter hohen Bahnhofsdach wurde aber genau das gemacht, es bleibt nur noch eine &bdquo;Rinne&ldquo; f&uuml;r den oberfl&auml;chlichen Hochwasserabfluss. Das EBA hatte das genehmigt im Bewusstsein, dass es bei Extremregen einen &bdquo;Einstau vor dem Trogbauwerk&ldquo; geben w&uuml;rde, &bdquo;mobile Hochwasserschutzma&szlig;nahmen&ldquo; sollten das verhindern. Inzwischen ist das Bahnhofsdach betoniert, aber es sind noch keinerlei Vorbereitungen f&uuml;r mobile Verbauungen getroffen. Sie k&auml;men ohnehin bei einer der typischen in Minutenschnelle eintretenden Nesenbach-Sturzfluten zu sp&auml;t. Bisher konnte dieses Wasser durch den Schlossgarten abflie&szlig;en. Jetzt staut es sich und flutet &uuml;ber die Zug&auml;nge der Klett-Passage U- und S-Bahn. Dort k&ouml;nnten dann Hunderte Menschen ertrinken. Man m&uuml;sste in Stuttgart bei den derzeitigen Wetterlagen regelm&auml;&szlig;ig den Untergrundverkehr sperren.<\/p><p>Und noch eine allerletzte Milchm&auml;dchenrechnung: Die &bdquo;Rinne&ldquo; wurde so ausgelegt, dass die Katastrophe nur einmal in hundert Jahren auftreten kann. Diese sogenannte &bdquo;J&auml;hrlichkeit&ldquo; orientiert sich aber an der Vergangenheit. Wir hatten schon 2018 darauf hingewiesen, dass man bei Stuttgart 21 ohne Sicherheitspuffer plant, w&auml;hrend man &uuml;berall sonst im Land schon mit einem gesch&auml;tzten Klimawandelzuschlag arbeitet. Inzwischen ist der genau ermittelt und siehe da, mit der Katastrophe m&uuml;ssen wir zuk&uuml;nftig <a href=\"https:\/\/wikireal.org\/wiki\/Stuttgart_21\/Hochwasser\">rund sieben Mal h&auml;ufiger<\/a> rechnen, einmal in 15 Jahren &ndash; vielleicht schon in den n&auml;chsten Wochen.<\/p><p><strong>Sie bleiben bei dem Thema am Ball, das ist klar. Sie erw&auml;hnten den Verwaltungsgerichtshof (VGH), dessen Urteil jedoch zeigt: Selbst die Gerichte stellen sich stur und verweisen auf das EBA. Wo sehen Sie noch M&ouml;glichkeiten, etwas zu bewegen? <\/strong><\/p><p>Ja, es ist wichtig, klarzustellen, dass die drei bisherigen Gerichtsverfahren zu Brandschutzm&auml;ngeln, die jeweils bis vor den VGH gingen, s&auml;mtlich die M&auml;ngel nicht in der Sache verhandelt hatten. Alle drei Verfahren wurden wegen fehlender Klagebefugnis abgewiesen. Es klingt verr&uuml;ckt, aber Bahnfahrer haben kein Recht, dagegen zu klagen, dass das EBA den Brandschutz nicht hinreichend gepr&uuml;ft hatte, gerade weil das EBA gesetzlich verpflichtet ist, den Brandschutz zu pr&uuml;fen! Der Gesetzgeber hat dem EBA gewisserma&szlig;en die &bdquo;License to kill&ldquo; erteilt.<\/p><p>Der mitklagende Umweltverband wurde ausgebootet, weil ihm eine Klausel in seiner Satzung zu seinen Ungunsten ausgelegt wurde. Eine neue Klage, etwa mit einem &uuml;berregionalen Umweltverband, w&uuml;rde wieder Jahre dauern. Deshalb gehen wir an die &Ouml;ffentlichkeit. Die Menschen in Stuttgart und der Region m&uuml;ssen auf die Stra&szlig;e gehen und dagegen protestieren, dass ihre Sicherheit der Gesichtswahrung der ignoranten Projektbetreiber geopfert wird.<\/p><p><strong>Minister Hermann hat am Dienstag darauf hingewiesen, dass es vor Inbetriebnahme einen finalen Testlauf in puncto Brandschutz geben werde. Eigentlich m&uuml;sste Sie das doch beruhigen. Oder nicht? <\/strong><\/p><p>Es ist doch ein Unfug, solche grundlegenden Fragen, deren Antworten man dazu noch an f&uuml;nf Fingern abz&auml;hlen kann, auf die Inbetriebnahme zu verschieben. Ich erw&auml;hnte das schon: Der Brandschutz kann nicht funktionieren, das folgt aus den anerkannten Erfahrungswerten wie der Loveparade-Personendichte oder der Zeit f&uuml;r die Evakuierung von Tausenden Menschen durch einen 1,20 Meter breiten Korridor. Was soll geschehen, wenn wir das, was wir jetzt schon wissen, bei der Inbetriebnahme nun best&auml;tigt finden? Tragen dann die Stuttgart 21-Verantwortlichen den fehlenden Brandschutz mit S&auml;cken in die Tunnel?<\/p><p>Man baut diese Tunnel um Faktoren gef&auml;hrlicher als alle vergleichbaren Tunnel weltweit und dann will man nach Fertigstellung schauen, ob sie nicht vielleicht doch genauso sicher sind wie die anderen? Wir stehen doch vor der Frage, sind diese Tunnel falsch ausgelegt &ndash; oder alle anderen internationalen Tunnel diesen Typs? Das ist doch nur eine weitere dieser Milchm&auml;dchenrechnungen, die das Projekt von Anfang an bestimmten. Man k&ouml;nnte schon meinen, Stuttgart will sich ein Denkmal als das Schilda der Neuzeit setzen.<\/p><p><small>Titelbild: Frank Gaertner\/shutterstock.com \/\/ Ulli Fetzer<\/small><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/6d293c627def4d508b6d645bbe490b10\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" widht=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ankn&uuml;pfend an den ersten Teil des Interviews vom vergangenen Montag mit Christoph Engelhardt, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116773\">siehe hier<\/a>, behandelt der zweite Teil eine Reihe weiterer Unwuchten von Stuttgart 21. Darin spricht der Physiker und Analyst &uuml;ber Milchm&auml;dchenrechnungen, rollende Kinderw&auml;gen, absaufende Bahnh&ouml;fe, Filz und vieles mehr, wozu die Verantwortlichen lieber schweigen. 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