{"id":11694,"date":"2011-12-22T14:50:52","date_gmt":"2011-12-22T13:50:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11694"},"modified":"2024-09-29T04:56:39","modified_gmt":"2024-09-29T02:56:39","slug":"deutschland-musste-in-der-jetzigen-krise-die-konjunkturlokomotive-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11694","title":{"rendered":"\u201eDeutschland m\u00fcsste in der jetzigen Krise die Konjunkturlokomotive spielen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ver.di-&Ouml;konom <strong>Dierk Hirschel<\/strong> &uuml;ber die Wirtschaftsaussichten f&uuml;r das n&auml;chste Jahr, die Situation in den Betrieben in Zeiten der Eurokrise und die Voraussetzungen f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne. Die Fragen stellte <strong>Thorsten Hild<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Thorsten Hild: Herr Hirschel, was besch&auml;ftigt ver.di zurzeit mehr, die Lohnentwicklung oder die Eurokrise?<\/strong><\/p><p><strong>Dierk Hirschel:<\/strong> Aktuell ist die Eurokrise noch sehr weit weg von den Besch&auml;ftigten. Das h&auml;ngt damit zusammen, dass die Krise in vielen Verwaltungen und Betrieben noch nicht angekommen ist. Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahren wirtschaftlich sehr gut gefahren. Wir hatten zwei Jahre mit historisch hohen Wachstumsraten, mehr Besch&auml;ftigung und erstmals seit langem Zuw&auml;chse bei den Reall&ouml;hnen. Insofern haben viele Besch&auml;ftigte von der Krise noch nichts gesp&uuml;rt.<\/p><p>Auf der anderen Seite gibt es nat&uuml;rlich auch viele bei ver.di organisierte Besch&auml;ftigte, die im Niedriglohnsektor arbeiten oder prek&auml;r besch&auml;ftigt sind. Diese Kolleginnen und Kollegen kennen seit langem nichts anderes als Krise. Die Krise ist Dauerzustand ihrer Erwerbst&auml;tigkeit.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie den Besch&auml;ftigten die Eurokrise?<\/strong><\/p><p>Wir diskutieren zun&auml;chst einmal in den Betrieben die Frage, ob unsere s&uuml;deurop&auml;ischen Kolleginnen und Kollegen &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt und somit die Krise ihrer Heimatl&auml;nder selbst verursacht haben. Das ist ja das, was  tagt&auml;glich von Bild und anderen Medien erz&auml;hlt wird.<\/p><p><strong>Da gibt es also Vorbehalte.<\/strong><\/p><p>Genau. Und mit denen m&uuml;ssen wir uns auseinandersetzen. Wir kl&auml;ren daher &uuml;ber die Lebens- und Arbeitsbedingungen in S&uuml;deuropa auf. So sind die Lohnquoten von Athen bis Madrid nicht gestiegen. Daran l&auml;sst sich sehr gut festmachen, dass weder die Italiener, noch die Spanier, noch die Griechen in den letzten Jahren &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt haben. Wir diskutieren ferner das Vorurteil, dass die s&uuml;deurop&auml;ischen Finanzminister das Geld zum Fenster heraus geschmissen h&auml;tten. Anhand der Entwicklung der Staatsquote, dem Anteil der Staatsausgaben am Sozialprodukt, l&auml;sst sich aufzeigen, dass es in keinster Weise gerechtfertigt ist, zu behaupten, dass die heutigen Krisenstaaten ein gigantisches Ausgabenproblem gehabt h&auml;tten. Die s&uuml;deurop&auml;ischen Staatsquoten sind vor der gro&szlig;en Finanzmarktkrise 2007, bis auf ganz wenige Ausnahmen, nicht gestiegen.<\/p><p><strong>Die Politik diskutiert die Eurokrise haupts&auml;chlich als Staatsschuldenkrise. Wie nehmen die Gewerkschaften Einfluss, auch von der analytischen Seite her? Sie haben 2007\/2008 selbst sehr viel zur Finanzkrise in Zeitungen publiziert.<\/strong><\/p><p>Wir  werden zurzeit von den b&uuml;rgerlichen Medien deutlich weniger nachgefragt. In der Finanzkrise 2007 waren wir Akteur. Wir wurden f&uuml;r ein erfolgreiches Krisenmanagement gebraucht. Wir haben die Kurzarbeit verhandelt. Wir haben ma&szlig;geblich Einfluss genommen auf die Ausgestaltung der Konjunkturprogramme.<br>\nGegenw&auml;rtig aber stehen wir am Rand. Unsere Kolleginnen und Kollegen werden zwar von der Krise unmittelbar betroffen sein, aber wir sind aktuell nicht am Krisenmanagement beteiligt. Die Kanzlerin spricht zwar mit den Gewerkschaften. Aber die Gewerkschaften haben  keinen direkten Einfluss auf die  Regierungspolitik. Ich vermute, dass ist auch einer der Gr&uuml;nde daf&uuml;r,  warum  die Gewerkschaften zurzeit in den Medien nicht so pr&auml;sent sind, wie sie es eigentlich sein sollte.<\/p><p><strong>Diese Woche ver&ouml;ffentlichte das Institut f&uuml;r Makro&ouml;konomie und Konjunkturforschung (IMK) eine neue Konjunkturprognose. Das Institut hatte erst im Oktober seine Prognose aus dem Sommer deutlich nach unten revidiert und hat diese jetzt noch einmal abgeschw&auml;cht. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass im n&auml;chsten Jahr die Konjunktur erneut in den Keller geht. Wie ist Ihre Einsch&auml;tzung? Was wird auf die Besch&auml;ftigten zukommen? Wie stellt sich ver.di darauf ein?<\/strong><\/p><p>Aller Voraussicht nach wird sich die Krise im Laufe des n&auml;chsten Jahres versch&auml;rfen. Wir werden erleben, dass sich der Abschwung  S&uuml;deuropas auf andere L&auml;nder, auch auf Deutschland, &uuml;bertr&auml;gt. Da die deutsche Exportindustrie zurzeit noch hinreichend Auftr&auml;ge abarbeiten kann, erfolgt dies etwas zeitversetzt. Wir k&ouml;nnen mit etwa einem halben Jahr Verz&ouml;gerung rechnen. Dann aber wird die Krise auch die deutsche Exportindustrie erreichen. Man kann schon jetzt an den r&uuml;ckl&auml;ufigen Auftragseing&auml;ngen ablesen, dass sich die Krise langsam in die deutsche Exportwirtschaft hineinfrisst. Dann droht ganz Europa eine langfristige Stagnation. Und die ist politisch gemacht. Der kommende Abschwung ist ein  Merkel-Abschwung.  Die deutsche Kanzlerin hat Athen, Madrid und Lissabon zu Tode gespart. Das h&auml;tte nicht sein m&uuml;ssen. Das ist das Ergebnis einer &ouml;konomisch und sozial sch&auml;dlichen Wirtschaftspolitik.<\/p><p>Die Wahrscheinlichkeit ist daher sehr hoch, dass im n&auml;chsten Jahr in der Stahlindustrie, im Maschinenbau und der Automobilindustrie erneut Kurzarbeit verhandelt werden muss. Die Arbeitslosigkeit wird voraussichtlich steigen. Dann werden wir als Krisenmanager wieder gefragt sein. Wir m&uuml;ssen dann versuchen, die Kolleginnen und Kollegen &uuml;ber  Arbeitszeitverk&uuml;rzung &ndash; z.B. durch Kurzarbeit &ndash; im Job zu halten. Das sind schwierige Zeiten f&uuml;r Gewerkschaften, weil ein wirtschaftlicher Abschwung immer auch gewerkschaftliche Defensive bedeutet, das hei&szlig;t es geht um Abwehrk&auml;mpfe. <\/p><p><strong>Ein konkreter Unterschied zu 2007\/2008 ist ja der, dass die Betriebe damals &uuml;ber Jahre hohe Arbeitszeitkonten aufgebaut hatten. Diese Polster sind jetzt ja in jenem Umfang nicht mehr da, oder? Kurzarbeit hei&szlig;t ja au&szlig;erdem immer, Gehaltseinbu&szlig;en hinnehmen zu m&uuml;ssen. Kann das Krisenmanagement also &uuml;berhaupt noch einmal so funktionieren wie 2007\/2008?<\/strong><\/p><p>Die Arbeitszeitpuffer sind deutlich geringer als damals. Wir haben zudem das Problem, dass wir diesmal nicht mit einer rot-schwarzen Regierung verhandeln, sondern mit einer schwarz-gelben Regierung. Es wird schwieriger werden, die Notwendigkeit von Konjunkturprogrammen plausibel zu machen und diese durchzusetzen. In konservativ-liberalen Kreisen &uuml;berwiegt die Auffassung, dass die letzten Konjunkturprogramme nutzlos waren. Das hat zwar nichts mit der Realit&auml;t zu tun, aber diese Sichtweise ist pr&auml;gend f&uuml;r die aktuelle Finanzpolitik. <\/p><p>Wenn aber ein Land finanzpolitischen Handlungsspielraum in der Eurozone hat, dann ist es Deutschland. Deutschland m&uuml;sste in der jetzigen Krise die Konjunkturlokomotive f&uuml;r Europa spielen. Die Staatsverschuldung ist daf&uuml;r kein Hindernis.<\/p><p><strong>Jahrelang hat die gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung in Deutschland nicht mit der Produktivit&auml;ts- und Preisentwicklung Schritt gehalten. Zum einen hat sich Deutschland dar&uuml;ber Wettbewerbsvorteile verschafft, die vor allem die Handelspartner in der Eurozone unter Druck setzen. Zum anderen haben die Besch&auml;ftigten nicht gen&uuml;gend Geld in den Taschen. Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeber berufen sich, wenn es um die Lohnentwicklung geht, gern auf die Tarifautonomie. Wird dabei nicht &uuml;bersehen, dass die Tarifpolitik vor allem durch die Gesetzgebung der Agenda 2010 politisch so massiv beeintr&auml;chtigt wurde, dass sie gar nicht mehr &bdquo;autonom&ldquo; agieren kann?<\/strong><\/p><p>Die  so genannten Arbeitsmarkt- und Sozialreformen der Schr&ouml;der-Regierung und die massive Tarifflucht der Arbeitgeber haben dazu gef&uuml;hrt, dass die Gewerkschaften die gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung nicht mehr steuern k&ouml;nnen. Lediglich in den Exportindustrien, in der Metall- und Elektroindustrie sowie in der Chemie- und Pharmaindustrie ist die Welt noch in Ordnung. Dort gelingt es noch, eine verteilungsneutrale Lohnentwicklung zu organisieren. Die gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung leidet dann aber unter dem Niedriglohnsektor und dem Wachstum prek&auml;rer Besch&auml;ftigung. Diese Entwicklung war politisch so gewollt. Das Ergebnis sind die auch im internationalen Vergleich einmaligen Reallohnverluste der vergangenen zehn Jahre.<\/p><p>Das wird sich nicht &auml;ndern, solange die Politik die Schieflage auf dem Arbeitsmarkt nicht beseitigt. Weil politisches Handeln dazu gef&uuml;hrt hat, dass die Gewerkschaften in Deutschland systematisch geschw&auml;cht wurden, kann auch nur politisches Handeln die Gewerkschaften wieder st&auml;rken. Die Gewerkschaften versuchen nat&uuml;rlich auch aus eigener Kraft wieder durchsetzungsf&auml;higer zu werden &ndash; beispielsweise &uuml;ber bedingungsgebundene Tarifpolitik oder Organizing. Aber aufgrund der massiven Verschiebung der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse auf dem Arbeitsmarkt wird das nicht ohne politische Sch&uuml;tzenhilfe funktionieren. Die Gewerkschaften sind  in vielen Branchen  nicht mehr in der Lage, auf Augenh&ouml;he mit den Arbeitgebern zu verhandeln.<\/p><p><strong>Werden entsprechende Forderungen nach Gesetzes&auml;nderungen von ver.di an die Parteien im Deutschen Bundestag herangetragen?<\/strong><\/p><p>Ja. Unsere Forderungen gehen ja weit &uuml;ber einen gesetzlichen Mindestlohn hinaus. Der gesetzliche Mindestlohn ist ein zentraler Eckpfeiler. Es geht uns aber auch um gleiche Bezahlung in der Leiharbeit und um die Abschaffung der Mini- und Midi-Jobs. Und wir wollen, dass die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifabschl&uuml;ssen erleichtert wird. <\/p><p>Uns geht es aber auch um die Revision von Hartz IV. Hartz IV &uuml;bt zweifellos einen gro&szlig;en Druck auf die Besch&auml;ftigten aus. Weil die Gefahr droht, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit im Armutskeller zu landen, k&ouml;nnen die Besch&auml;ftigten leichter erpresst werden. Es ist daher dringend notwendig, die Zumutbarkeitsregelungen &ndash; jeden Job annehmen zu m&uuml;ssen &ndash; abzuschw&auml;chen.<\/p><p><em><strong>Dr. Dierk Hirschel<\/strong> ist Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik beim ver.di-Bundesvorstand.<\/em><\/p><p><em><strong>Thorsten Hild<\/strong> arbeitet als Journalist in Berlin. Er hat in verschiedenen Medien publiziert &ndash; der Freitag, S&auml;chsische Zeitung, taz, Deutschlandradio Kultur &ndash; und unterh&auml;lt eine eigene Internetseite: <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\">www.wirtschaftundgesellschaft.de<\/a>.<\/em><\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Hirschel spricht von &bdquo;historisch hohen Wachstumsraten&ldquo;. Man schaue sich dazu nur einmal den &bdquo;<a href=\"\/upload\/xls\/111222_volkseinkommen_1950.xls\">historischen Verlauf [xls &ndash; 266 KB]<\/a>&ldquo; an. Selbst der Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung spricht in seinem Jahresgutachten 2010\/2011 von einem  &bdquo;<a href=\"http:\/\/sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/x_ga_2010_11\/ga10_ges.pdf\">im Vergleich zu anderen EU-Staaten seit dem letzten Jahrzehnt sehr niedrige(n) Wachstum&ldquo; (S. 5) [PDF &ndash; 3.9 MB]<\/a>. Zudem w&auml;re zu ber&uuml;cksichtigen, dass trotz der Steigerung im Jahre 2010 das Bruttoinlandsprodukt gerade den Wert von 2008 wieder erreicht hat.<\/em> <\/p><p><em>Nach meiner Meinung reicht es auch nicht aus, nur die Zumutbarkeitsregelungen bei Hartz abzuschaffen. Es ist doch gerade die Angst, in Hartz IV abzust&uuml;rzen, die die Bereitschaft schlecht oder sehr schlecht bezahlte Jobs anzunehmen dramatisch erh&ouml;ht hat und zur Akzeptanz geringer Nominallohnerh&ouml;hungen gef&uuml;hrt und damit die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht gel&auml;hmt hat. Es hilft nicht viel &uuml;ber Niedrigl&ouml;hne zu klagen, wenn das Gesetzeswerk, das zu einer massiven Ausweitung des Niedriglohnsektors gef&uuml;hrt hat, nicht wieder beseitigt wird.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ver.di-&Ouml;konom <strong>Dierk Hirschel<\/strong> &uuml;ber die Wirtschaftsaussichten f&uuml;r das n&auml;chste Jahr, die Situation in den Betrieben in Zeiten der Eurokrise und die Voraussetzungen f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne. 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