{"id":117,"date":"2006-02-03T15:10:06","date_gmt":"2006-02-03T14:10:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=117"},"modified":"2016-02-18T09:35:42","modified_gmt":"2016-02-18T08:35:42","slug":"eu-dienstleistungsrichtlinie-und-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117","title":{"rendered":"EU-Dienstleistungsrichtlinie und Bildung"},"content":{"rendered":"<p>Werden demn&auml;chst slowakische Degree-Mills &ndash; also Doktor-Fabriken, britische Fernstudienangebote und niederl&auml;ndische Franchise-Hochschulen den deutschen Hochschulmarkt aufmischen? Das w&auml;re durchaus im Sinne der Wettbewerbsphilosophie der Europ&auml;ischen Union. Gerade ein Wachstumsmarkt wie Bildung m&uuml;sse dem internationalen Wettbewerb vollst&auml;ndig ge&ouml;ffnet werden, so erkl&auml;rte j&uuml;ngst der Leiter der EU-Vertretung in Deutschland, Gerhard Sabathil vor dem Wissenschaftsausschuss des Bundestages. Ein Beitrag von Karl Heinz Heinemann.<br>\n<!--more--><br>\nSchon heute sind ausl&auml;ndische Hochschulen auf dem deutschen Markt aktiv. Niederl&auml;ndische und Britische Hochschulen m&uuml;ssen sich ihr Geld selbst verdienen. Durch die Standardisierung der Abschl&uuml;sse nach den Bachelor- und Master-Muster &ouml;ffnen sich den Hochschulen ganz neue M&ouml;glichkeiten, &uuml;ber nationale Grenzen hinweg zu operieren und ihre Degrees europaweit zu vertickern. Sie bieten MBA-Studieng&auml;nge an wie zum Beispiel die International Business School in Lippstadt in Zusammenarbeit mit einer englischen &bdquo;University of Surrey&ldquo;, von der man sonst noch nie etwas geh&ouml;rt hat. Niederl&auml;ndische Hochschulen haben sich auf den Vertrieb von beruflichen Studieng&auml;ngen spezialisiert: Die Hogeschool van Utrecht bildet zusammen mit der Europafachhochschule Fresenius Physiotherapeuten und Logop&auml;den aus. Die Studieng&auml;nge kosten ca. 30 000 Euro. <\/p><p>Die Dienstleistungsrichtlinie bringt weitere Erleichterungen f&uuml;r internationale Studienanbieter. F&uuml;r sie gilt das Herkunftslandprinzip. Es besagt f&uuml;r den Bildungsbereich: Eine Hochschule muss lediglich in ihrem Herkunftsland als solche anerkannt sein und ihre Studieng&auml;nge nach dortigem Recht genehmigen lassen, um auch in Deutschland t&auml;tig sein zu d&uuml;rfen. Hochschulen, die ihren Stammsitz in einem anderen Land haben, und sei es auch nur ein Briefkasten, sind nicht an deutsche Vorschriften gebunden. Jedes Land hat sein eigenes Verfahren, um die Qualit&auml;t eines Studienangebots zu &uuml;berpr&uuml;fen und Studieng&auml;nge zuzulassen &ndash; in Deutschland gibt es daf&uuml;r Akkreditierungsagenturen. Wer sie umgehen will, muss nur mit einer Hochschule in einem EU-Land kooperieren, in dem dieses Verfahren nicht gilt, etwa Gro&szlig;britannien oder selbst seinen Firmensitz dorthin verlegen &ndash; schon gelten die deutschen Qualit&auml;tsstandards nicht mehr. <\/p><p>Die Br&uuml;sseler Gl&auml;ubigen der &bdquo;unsichtbaren Hand&ldquo; wollen die letzten Rudimente einer ohnehin schon weitgehende abgebauten Bildungsplanung vernichten. Die Richtlinie verbietet ausdr&uuml;cklich, dass der Staat die Zulassung von Schulen, Kinderg&auml;rten und Hochschulen &ndash; oder deren Verweigerung &ndash; von Gesichtspunkten des Bedarfs abh&auml;ngig macht. Ihre Existenzberechtigung muss sich im freien Spiel des Marktes herausstellen. Buchst&auml;blich alle Zulassungsregeln werden einem &bdquo;screening&ldquo; unterzogen. Das hei&szlig;t, die EU-Kommission, also die Br&uuml;sseler Verwaltung, &uuml;berpr&uuml;ft sie darauf hin, ob sie in ihren Augen notwendig sind. Die Dienstleistungsrichtlinie setzt eine Abw&auml;rtsspirale bei den Qualit&auml;tsstandards, wie bei den Arbeits- und Besch&auml;ftigungsbedingungen in Gang. <\/p><p>Die Weiterbildung wird l&auml;ngst in einem privaten Bildungsmarkt abgewickelt. Da gibt es die gro&szlig;en Versandh&auml;user f&uuml;r Fernlehrangebote: &bdquo;Akad&ldquo; von der Cornelsen-Gruppe oder &bdquo;ils&ldquo; von Klett. Noch unterliegt der deutsche Markt f&uuml;r Fernlehre dem &bdquo;Fernunterrichtsschutzgesetz&ldquo;. Das schreibt vor, dass alle Kurse von der Zentralstelle f&uuml;r Fernunterricht zertifiziert werden m&uuml;ssen. Belegt jemand einen Techniker- oder Kaufmannslehrgang, der in Deutschland zugelassen ist, so soll er oder sie sich auf das Angebot verlassen k&ouml;nnen &ndash; egal woher der Anbieter kommt. Bisher. Nun argumentiert die EU-Kommission: Es sei den Anbietern von Dienstleistungen nicht zuzumuten, eigene Rechtsabteilungen zu unterhalten, nur um sich auf 25 verschiedene Rechtssysteme einlassen zu k&ouml;nnen,. Deshalb soll k&uuml;nftig nur noch das Recht des Herkunftslandes gelten. Dann wird der &bdquo;Kunde&ldquo; die 25 verschiedenen Rechtssysteme durchschauen m&uuml;ssen, wenn er wissen will, welche Konditionen eigentlich gelten. Verraucherrechte werden abgebaut, damit der Markt freundlicher und transparenter f&uuml;r die Anbieter wird. <\/p><p>Die Richtlinie gelte nur f&uuml;r Bildungsdienstleistungen, die gegen Entgelt angeboten werden, versucht der EU-Vertreter Sabathil zu beruhigen. Doch wie unterscheidet man die: Auch Privatschulen werden staatlich bezuschusst und unterliegen der staatlichen Aufsicht. Andererseits: Staatliche Hochschulen nehmen demn&auml;chst saftige Studiengeb&uuml;hren. Sie berufen sich darauf, dass sie eine Dienstleistung verkaufen. Damit w&uuml;rde der gesamte akademische Ausbildungssektor den von der EU diktierten Marktprinzipien unterworfen. Staatliche Zusch&uuml;sse f&uuml;r &ouml;ffentliche Hochschulen w&auml;ren dann eine Wettbewerbsverzerrung, wenn sie nicht allen Hochschulen gleicherma&szlig;en gew&auml;hrt w&uuml;rden. Welche Studieng&auml;nge angeboten werden und welche nicht, zu welchen Preisen und auf welchem Niveau &ndash; all das wird k&uuml;nftig einer demokratisch legitimierten, politischen Kontrolle entzogen. Die Dienstleistungsrichtlinie wird eine Entwicklung vollenden, die hierzulande schon mit neuen Hochschulgesetzen und Studiengeb&uuml;hren in Gang gesetzt wurde &ndash; die Bildung von einem &ouml;ffentlichen Gut zu einer Ware zu machen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werden demn&auml;chst slowakische Degree-Mills &ndash; also Doktor-Fabriken, britische Fernstudienangebote und niederl&auml;ndische Franchise-Hochschulen den deutschen Hochschulmarkt aufmischen? Das w&auml;re durchaus im Sinne der Wettbewerbsphilosophie der Europ&auml;ischen Union. Gerade ein Wachstumsmarkt wie Bildung m&uuml;sse dem internationalen Wettbewerb vollst&auml;ndig ge&ouml;ffnet werden, so erkl&auml;rte j&uuml;ngst der Leiter der EU-Vertretung in Deutschland, Gerhard Sabathil vor dem Wissenschaftsausschuss des Bundestages. 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