{"id":11704,"date":"2011-12-23T09:20:25","date_gmt":"2011-12-23T08:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11704"},"modified":"2019-01-30T11:05:07","modified_gmt":"2019-01-30T10:05:07","slug":"die-entzauberung-des-weihnachtsmannes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11704","title":{"rendered":"Die Entzauberung des Weihnachtsmannes"},"content":{"rendered":"<p>Eine gegenwartsnahe Weihnachtsgeschichte von G&ouml;tz Eisenberg<br>\n<!--more--><br>\nIn den Vorweihnachtstagen sah ich in der Fu&szlig;g&auml;ngerzone ein vielleicht vier- oder f&uuml;nfj&auml;hriges Kind, das sichtlich verst&ouml;rt auf etwas hinter einer der Weihnachtsmarkt-Buden deutete. Es zerrte am Mantel seiner Mutter, die in die Betrachtung einer Schaufensterauslage vertieft war, und versuchte schreiend, sie auf den Grund seiner Verst&ouml;rung aufmerksam zu machen. Als ich n&auml;her trat, sah ich, dass das Kind auf einen Weihnachtsmann zeigte. Dieser sa&szlig; auf dem Rand eines Blumenkastens und rauchte. Er hatte seinen Bart bis &uuml;ber die rote M&uuml;tze hochgeklappt, um ihn vor der Glut der Zigarette zu sch&uuml;tzen. Der Sack mit den kleinen Pr&auml;senten lag achtlos am Boden, unter dem roten Weihnachtsmannkost&uuml;m schauten Jeans und Turnschuhe hervor.<\/p><p>Das Kind machte in diesem Augenblick eine erste schockartige Erfahrung dessen, was der Soziologe Max Weber die &bdquo;Entzauberung der Welt&ldquo; genannt hat: Der Weihnachtsmann ist nicht aus einer jenseitigen Welt auf einem Mondstrahl zu uns herabgeglitten und auf einem von Rentieren gezogenen, mit Gl&ouml;ckchen versehenen Schlitten durch den verschneiten Wald in die Stadt gekommen, sondern ein verkleideter Hartz IV-Empf&auml;nger, der sich etwas dazu verdient und in einer Arbeitspause eine Zigarette raucht.<\/p><p>Kinder erschrecken &uuml;ber so etwas noch, w&auml;hrend wir Erwachsenen uns mit allen Scheu&szlig;lichkeiten der Welt arrangiert haben. Was ist denn von Weihnachten geblieben, das ja urspr&uuml;nglich ein Fest war, das die Erinnerung daran festhalten wollte, dass Gott Mensch geworden ist und uns durch seinen Sohn die Botschaft &uuml;bermittelt: Es gibt Rettung und Erl&ouml;sung, die Schuld wird vergeben? Mit dem in der Krippe geborenen Jesus war der lang herbeigesehnte Messias erschienen, der den Himmel aufrei&szlig;t und die Furcht von den niedergedr&uuml;ckten und mit Sorgen beladenen Menschen nimmt. Jesus ist gesandt, um Gerechtigkeit, Frieden und Liebe in die Welt zu bringen. <\/p><p>Wie weit haben wir uns davon entfernt! Das Geld ist &ndash; wie Heinrich Heine bemerkte &ndash; zum &bdquo;wahren Gott unserer Zeit&ldquo; geworden und bedient sich einer religi&ouml;sen &Uuml;berlieferung, um eine mehr oder weniger obsz&ouml;ne Orgie der Selbstvermehrung und des Konsums in Szene zu setzen. Vor einigen Jahren h&ouml;rte ich im Fernsehen den Chef eines Berliner Kaufhauses auf die Frage nach dem Verlauf des Weihnachtsgesch&auml;fts antworten: &bdquo;Der verkaufsoffene Samstag am Tag vor Heiligabend hat sich als ein Geschenk Gottes erwiesen.&ldquo; <\/p><p>Das liebreizende Weihnachtskrippen-Jesulein entwickelte sich zu einem streitbaren, k&auml;mpferischen Mann, der eines Tages &ndash; einen Strick in der Hand und von heiligem Zorn erf&uuml;llt &ndash; im Tempel stand, die Tische umst&uuml;rzte und die H&auml;ndler und Geldwechsler hinausjagte, die aus dem &bdquo;Haus des Vaters eine R&auml;uberh&ouml;hle&ldquo; gemacht hatten. Dieser Jesus, der den Tempel reinigte und der Macht der Herren und des Geldes Einhalt gebot, wurde wenig sp&auml;ter ans Kreuz geschlagen. Die Antwort der Welt auf das Liebesangebot war das Kreuz, die Antwort auf eine Liebe zu den Letzten, die die Ersten sein werden, zu den Verworfenen und Gedem&uuml;tigten, denen Gerechtigkeit zuteilwerden soll. An die Geburt dieses Jesus will uns Weihnachten erinnern. Nie haben wir einen wie ihn dringender ben&ouml;tigt als heute, da die Macht des Geldes und der &bdquo;gef&uuml;hllosen baren Zahlung&ldquo; universal geworden ist und uns zu verschlingen droht. <\/p><p>W&uuml;rde uns heute ein neuer Messias geboren, w&uuml;rde er sich der Occupy-Bewegung anschlie&szlig;en, an der B&ouml;rse die Computer zertr&uuml;mmern und das ganze Finanzgesindel verjagen, er w&uuml;rde in Gorleben gegen die Castor-Transporte, in Stuttgart gegen den neuen Bahnhof und in Th&uuml;ringen gegen die Nazis demonstrieren. Er w&uuml;rde uns klarmachen, dass die Rede von den Marktgesetzen und Sachzw&auml;ngen, denen wir uns zu unterwerfen haben, nur den Umstand kaschiert, dass wir es nicht l&auml;nger wagen, die Sachen und Verh&auml;ltnisse in eine andere Richtung zu zwingen. Er w&uuml;rde daf&uuml;r sorgen, dass  jene ehernen Gesetze, deren perfekte Grausamkeit man uns gegen&uuml;ber als ein Naturfaktum darstellt, den Menschen pl&ouml;tzlich gestehen w&uuml;rden, dass sie sie ja selbst gemacht haben und also auch ver&auml;ndern k&ouml;nnen. <\/p><p>Aber nichts an der Art, wie wir heute Weihnachten begehen, erinnert an die Geburt dieses Mannes, und wenn er wiederkehrte, lie&szlig;e man ihn verhaften und wegsperren. Dostojewskijs d&uuml;sterer Gro&szlig;inquisitor ist ja nur scheinbar eine mittelalterliche, in Wahrheit eine h&ouml;chst moderne Figur. Es ist dem Kommerz gelungen, Weihnachten &bdquo;seinen r&uuml;hrend-sentimentalen Schleier abzurei&szlig;en und es auf ein reines Geldverh&auml;ltnis zur&uuml;ckzuf&uuml;hren&ldquo;, wie Marx vor &uuml;ber 150 Jahren &uuml;ber die entzaubernde Wirkung der Bourgeoisie-Herrschaft schrieb. Die Menschen sind, im Gro&szlig;en und Ganzen, religi&ouml;s traumlos geworden, wunschlos ungl&uuml;cklich, zynische Pragmatiker. Sie sehnen sich nach nichts mehr, au&szlig;er einem Flachbildschirm, dem neuesten Handy und einem gr&ouml;&szlig;eren Auto. <\/p><p>Damit es besser w&uuml;rde, w&auml;re eine Haltung des aktiven Wartens erforderlich, ein zumindest &bdquo;z&ouml;gerndes Ge&ouml;ffnetsein&ldquo; des Bewusstseins, von dem Siegfried Kracauer einmal gesprochen hat. Das aktive Warten ist eine Form der Erm&ouml;glichung des Gew&uuml;nschten. Wir br&auml;uchten eine allgemeine gesellschaftlich-politische Adventszeit, ein kollektives Sich-Sehnen nach Ver&auml;nderung und &ndash; von mir aus &ndash; Erl&ouml;sung, das die Voraussetzung daf&uuml;r w&auml;re, dass es besser und qualitativ anders w&uuml;rde. Stattdessen stehen die Leute an den Gl&uuml;hweinst&auml;nden, ziehen gr&ouml;lend durch die Innenst&auml;dte und schleppen &ndash; schlecht gelaunt und aggressiv &ndash; die Dinge nach Hause, die zu kaufen ihnen die Werbung suggeriert hat. Es handelt sich dabei um Gl&uuml;cksersatz, Entsch&auml;digungen f&uuml;r all die Frustrationen und Entt&auml;uschungen, die sich im Schatten eines weitgehend ungelebten Lebens in den seelischen Innenr&auml;umen angesammelt haben.<\/p><p>Ein Ethnologe von den Osterinseln, der sich in Deutschland aufhielte, um unsere Advents- und Weihnachtsbr&auml;uche zu studieren, w&uuml;rde auf Grund seiner Beobachtungen des weihnachtlichen Treibens keine Hinweise darauf finden, dass sich die Christen in einem gemeinsamen Fest an die Geburt von Jesus erinnern oder gar auf seine Wiederkehr hoffen. Eher w&uuml;rde er den Eindruck gewinnen, es handele sich um einen finanzpolitisches Instrument zur Belebung der Binnennachfrage, den Ausbruch einer zeitlich begrenzten kollektiven Bulimie oder eine Variante des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Potlatch\">Potlatch<\/a>, bei dem es darauf ankommt, Familienangeh&ouml;rige, Freunde und Bekannte mit sinnlosen, aber teuren Pr&auml;senten niederzuschenken.   <\/p><p>Der Autor G&ouml;tz Eisenberg ist Gef&auml;ngnispsychologe und Sozialwissenschaftler. Er ist Autor des Buches &bdquo;<a href=\"\/?p=5479\">Damit mich kein Mensch mehr vergisst. Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind<\/a>&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gegenwartsnahe Weihnachtsgeschichte von G&ouml;tz Eisenberg<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[161],"tags":[689],"class_list":["post-11704","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wertedebatte","tag-konsumlaune"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11704"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11704\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48866,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11704\/revisions\/48866"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11704"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}