{"id":117043,"date":"2024-06-22T13:00:12","date_gmt":"2024-06-22T11:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117043"},"modified":"2025-08-05T11:25:25","modified_gmt":"2025-08-05T09:25:25","slug":"propaganda-taktiken-der-primacy-effekt-oder-die-macht-des-ersten-eindrucks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117043","title":{"rendered":"Propaganda-Taktiken: Der Primacy-Effekt \u2013 oder die Macht des ersten Eindrucks"},"content":{"rendered":"<p>Propaganda ist ein altbekanntes und wirksames Instrument zur Manipulation der &ouml;ffentlichen Meinung. Wir kennen den Begriff, aber viele assoziieren ihn &ndash; besonders in Deutschland &ndash; haupts&auml;chlich mit der fl&auml;chendeckenden Plakatierung von Propaganda-Plakaten, Sportpalast-Reden, &bdquo;St&uuml;rmer&ldquo;-haften Hasstiraden in den Zeitungen und der Gleichschaltung von Medien sowie der Inhaftierung von Regimegegnern. Propaganda, oder &bdquo;Public Relations&ldquo;, wie die Methode nach dem 2. Weltkrieg neu benannt wurde, heute auch oft &bdquo;PsyOp&ldquo; (Abk&uuml;rzung f&uuml;r &bdquo;psychological operations&ldquo;) genannt, kann jedoch viel subtiler sein. Daher m&ouml;chte ich im Folgenden in einer Reihe von Artikeln einige der wichtigsten, aber oft unbekannten oder in ihrer Strategie nicht leicht durchschaubaren Propaganda-Methoden vorstellen. Von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8830\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-117043-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240621-Propaganda-Taktiken-Primacy-Effekt-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240621-Propaganda-Taktiken-Primacy-Effekt-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240621-Propaganda-Taktiken-Primacy-Effekt-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240621-Propaganda-Taktiken-Primacy-Effekt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=117043-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240621-Propaganda-Taktiken-Primacy-Effekt-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240621-Propaganda-Taktiken-Primacy-Effekt-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Propaganda wird auch von westlichen Regierungen, Geheimdiensten und Unternehmen verwendet, obwohl es im &ouml;ffentlichen Diskurs so erscheint, als h&auml;tten Autokratien oder Diktaturen ein Monopol auf diese Methode. Auch in Demokratien k&ouml;nnen und werden Propaganda und Desinformationstechniken gezielt eingesetzt, um &Auml;ngste zu sch&uuml;ren, Feindbilder zu etablieren und die &ouml;ffentliche Meinung zu manipulieren. Oder, wie Noam Chomsky es hart, aber pr&auml;gnant formuliert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Indoktrination ist keineswegs inkompatibel mit der Demokratie.&nbsp; [&hellip;] Ohne Kn&uuml;ppel, ohne Kontrolle durch Gewalt [&hellip;] muss man das Denken kontrollieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Der Primacy-Effekt &ndash; oder die Macht der ersten Geschichte<\/strong><\/p><p>Eine besonders effektive Taktik, die in der Propaganda eingesetzt wird, ist die Ausnutzung des &bdquo;Primacy Effects&ldquo;, also die Ausnutzung der Macht des ersten Eindrucks. Dieses psychologische Ph&auml;nomen beschreibt die Tendenz der Menschen, die ersten Informationen, die sie zu einem Thema oder einer Situation erhalten, st&auml;rker zu gewichten als sp&auml;tere.<\/p><p>Ist &uuml;ber eine Situation noch wenig bekannt, kann man die Wahrnehmung der Rezipienten sehr effektiv und fast unbemerkt steuern, indem man gleich zu Beginn einige erz&auml;hlerische &bdquo;Pfl&ouml;cke einsteckt&ldquo; und ein paar feste Grundannahmen verankert, bevor sich die Menschen &uuml;berhaupt bewusst sind, dass ihre Wahrnehmung schon gesteuert wird.<\/p><p>Denn am Beginn einer neuen Situation sind wir &ndash; wie Neo in dem leeren wei&szlig;en Raum des Films &bdquo;Matrix&ldquo; &ndash; kognitiv und emotional so abh&auml;ngig von und damit auch so dankbar f&uuml;r jegliche Orientierung, dass wir die ersten Informationen, die wir erhalten, sehr schnell zu unseren eigenen machen und sie sp&auml;ter nur ungern oder gar nicht mehr hinterfragen, da sie f&uuml;r uns sozusagen die Leitplanken des Verst&auml;ndnisses einer Situation darstellen. Diese ersten Annahmen werden zu unseren Pr&auml;missen f&uuml;r das Verst&auml;ndnis einer Situation und sind dadurch f&uuml;r uns &bdquo;unsichtbar&ldquo; und leiten unsere Wahrnehmung.<\/p><p>Menschen reagieren daher auch h&auml;ufig emotional und &bdquo;besch&uuml;tzend&ldquo;, wenn diese Grundannahmen sp&auml;ter hinterfragt werden, da sie uns am Anfang emotional Sicherheit gegeben haben und wir sie nicht als von au&szlig;en angetragen wahrnehmen. Das hei&szlig;t: Derjenige, der die erste Geschichte erz&auml;hlt, &bdquo;gewinnt&ldquo;. Je k&uuml;rzer nach dem Ereignis und je fl&auml;chendeckender sie verbreitet werden kann, desto st&auml;rker wirkt dieses &bdquo;Rechthaben des Ersten&ldquo;.<\/p><p>Verst&auml;rkt wirkt der Primacy-Effekt direkt nach traumatischen Ereignissen wie Terroranschl&auml;gen, Naturkatastrophen, tats&auml;chlichen oder behaupteten Massakern oder wenn Menschen sonst mit einer neuen und bedrohlichen und emotional aufw&uuml;hlenden Situation konfrontiert sind und entsprechend durcheinander, schockiert, voller Angst und damit neuropsychologisch in einem Zustand sind, in dem das kritische und rationale Denken f&uuml;r kurze Zeit fast aufgehoben ist.<\/p><p>Da der Primacy-Effekt durch ein Schockereignis verst&auml;rkt wird, wird dieses sogar in manchen F&auml;llen k&uuml;nstlich geschaffen. In den anderen F&auml;llen wird das nat&uuml;rliche Auftreten eines solchen Schockereignisses ausgenutzt, um ein bestimmtes Narrativ (Erz&auml;hlung) zu verbreiten und darauf basierend Ma&szlig;nahmen einzuleiten. Wenn man das Schockereignis selbst plant, kann dieses Narrativ sogar schon vorbereitet sein und wird quasi nur aus der Schublade geholt. Wenn das Schockereignis &bdquo;nat&uuml;rlich&ldquo; auftritt, wird dann sehr schnell reagiert &ndash; meist mit Hilfe von Kommunikationsfachleuten &ndash; um die Krise f&uuml;r die eigenen Ziele m&ouml;glichst umfassend zu nutzen. Wichtig ist, dass nur Minuten nachdem das Schockereignis ins &ouml;ffentliche Bewusstsein tritt, oder sogar direkt mit den Nachrichten dar&uuml;ber, das eigene Narrativ m&ouml;glichst fl&auml;chendeckend von allen Akteuren und Medien in gleicher Weise vermittelt wird.<\/p><p>Dies kann f&uuml;r Propaganda ausgenutzt werden, zum Beispiel in der Kriegspropaganda, um die Gegenseite eines Kriegsverbrechens zu beschuldigen und so die eigene Bev&ouml;lkerung f&uuml;r den Kriegseintritt oder weitere Waffenlieferungen zu motivieren. Oder innenpolitisch, um unbeliebte Gesetzesvorhaben durchzudr&uuml;cken, die zum Beispiel B&uuml;rgerrechte im (angeblichen oder tats&auml;chlichen) Kampf gegen Verbrechen, Terrorismus oder radikale Kr&auml;fte im Inneren deutlich einschr&auml;nken.<\/p><p><strong>Die brennenden T&uuml;rme<\/strong><\/p><p>Ein gutes Beispiel f&uuml;r die Macht der ersten Geschichte ist die Kommunikation rund um die Terroranschl&auml;ge vom 11. September 2001 und ihre Wirkung.<\/p><p>Die Welt und besonders die amerikanische Bev&ouml;lkerung standen in diesen Tagen unter Schock durch die Livebilder der brennenden und einst&uuml;rzenden Twin Towers und die in sie hineinst&uuml;rzenden Flugzeuge, ein weiteres Flugzeug war ins Pentagon gest&uuml;rzt, alle waren in heller Aufregung. In der Berichterstattung stand die Geschichte und das Framing erstaunlich schnell fest. Die Elemente dieser Narrative und das Framing waren: Islamisten, Terroranschlag, &bdquo;Act of War&ldquo; &ndash; also Kriegserkl&auml;rung &ndash;, was ein Terroranschlag eigentlich nicht ist, da ein Krieg nur durch einen anderen Staat und nicht durch eine terroristische Gruppierung erkl&auml;rt wird. Daraus wurde dann sehr schnell der &bdquo;War on Terror&ldquo;. <\/p><p>Es wurde also unmittelbar ein starkes Kriegs- und Bedrohungsszenario entwickelt, der Feind stand ebenfalls schnell fest (die 19 Islamisten unter der F&uuml;hrung von Osama bin Laden, Afghanistan). Sp&auml;ter wurden viele Fakten und Umst&auml;nde bekannt, die Zweifel an dieser Geschichte weckten bzw. die Situation wesentlich komplizierter und unklarer erscheinen lie&szlig;en, aber da war es schon zu sp&auml;t. Das offizielle Narrativ stand fest, war emotional und kognitiv fest verankert und jede neue Theorie oder jedes abweichende Element stie&szlig; auf das Abwehrsystem der Mehrheit und wurde als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; abgesto&szlig;en.<\/p><p>Hier sieht man auch, warum eine solche Ausnutzung des &bdquo;Primacy Effects&ldquo; so hilfreich ist f&uuml;r jegliche Kreise, die ein bestimmtes Narrativ durchsetzen wollen. W&auml;re am Anfang die Geschichte noch nicht klar und alle w&uuml;rden &bdquo;im Dunkeln tappen&ldquo;, w&auml;ren Theorien oder Spekulationen sowohl nat&uuml;rlich als auch berechtigt. Der Raum w&auml;re er&ouml;ffnet f&uuml;r das Er&ouml;rtern verschiedener m&ouml;glicher Abl&auml;ufe. Genau das aber soll verhindert werden. Die sehr schnell pr&auml;sentierte und auf allen Kan&auml;len und von allen Akteuren fast wortgleich wiederholte &bdquo;erste Geschichte&ldquo; verhindert diesen offenen Debattenraum. <\/p><p>Dieser ist jetzt geschlossen. Es ist alles gekl&auml;rt. Neue Theorien oder Spekulationen haben es jetzt pl&ouml;tzlich viel schwerer und sto&szlig;en auf emotionalen Widerstand, da es anstrengend f&uuml;r die meisten Menschen ist, eine alte Position wieder aufzugeben, die einmal eingenommen wurde. Die Beweislast wird damit quasi umgekehrt. Die erste Geschichte brauchte noch kaum stichhaltige Beweise und wird wenig darauf abgeklopft. Jede neue Geschichte, die die erste vom Sockel sto&szlig;en m&ouml;chte, braucht ein Vielfaches an Beweisen und an diese werden zus&auml;tzlich viel h&ouml;here Anforderungen gestellt.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist es m&ouml;glich, dass die Geheimdienste tats&auml;chlich so genau informiert waren und die &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; und die &bdquo;T&auml;ter&ldquo; so schnell pr&auml;sentieren konnten, weil sie gut gearbeitet hatten. Oder dass sie zumindest aufrichtig glaubten, dass sie die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit berichteten. Es ist m&ouml;glich, dass das simple Narrativ der Tat und das &bdquo;war on terror&ldquo;-Framing einfach eine emotional und taktisch zwangsl&auml;ufige und folgerichtige Reaktion der amerikanischen F&uuml;hrungsriege um Pr&auml;sident George W. Bush auf eine extreme Bedrohung ihres Landes war, die sich aus ihrem Nationalcharakter und ihrer au&szlig;enpolitischen Haltung ergab. Ebenso ist es m&ouml;glich, dass alle Fernsehsender und Zeitungen weltweit nur deswegen so unisono die gleiche Botschaft vermittelten und keine kritischen Fragen dazu stellten, weil sie einerseits durch die gleichen Nachrichtenagenturen versorgt wurden und andererseits selbst so unter Schock standen, dass ihre kritischen F&auml;higkeiten, ebenso wie die der B&uuml;rger, f&uuml;r kurze Zeit ausgesetzt hatten.<\/p><p>Es ist aber ebenso gut m&ouml;glich, dass die amerikanischen B&uuml;rger durch die Art, wie das Ereignis ihnen pr&auml;sentiert wurde, die stark emotionalisierende und aufpeitschende Rhetorik und die Unterdr&uuml;ckung\/Nichtkommunikation gewisser Aspekte und Fakten der Taten sowohl auf die Verabschiedung des grundrechtseinschr&auml;nkenden &bdquo;Patriot Acts&ldquo; und einer neuen &Uuml;berwachungsarchitektur, die schon lange vorher vorbereitet war, als auch auf gro&szlig;angelegte kriegerische Aktivit&auml;ten (Afghanistan-Krieg, Irakkrieg), vorbereitet werden sollten, die ebenfalls teilweise aus geopolitischen Gr&uuml;nden schon l&auml;nger geplant waren, f&uuml;r die es aber vor dem Terroranschlag keinen politischen R&uuml;ckhalt in der Bev&ouml;lkerung gegeben hatte.<\/p><p>Es wird sicher noch einige Zeit vergehen, bis vollst&auml;ndig aufgekl&auml;rt wird, was damals wirklich geschehen ist; vielleicht werden wir es aber auch nie erfahren. Deutlich kann man aber an der Kommunikation rund um den 11. September 2001 ersehen, wie wirksam der Primacy-Effekt wirkt, insbesondere in Zusammenhang mit einem Schockereignis.<\/p><p><strong>Demokratie in Flammen<\/strong><\/p><p>F&uuml;r ein anderes Beispiel f&uuml;r die Macht der ersten Geschichte geht es weiter in die Vergangenheit zur&uuml;ck: Die Geschehnisse nach dem Reichstagsbrand von 1933. Hier handelt es sich um den &Uuml;bergang von einer Demokratie zu einer Gewaltherrschaft &ndash; der genau durch ein solches Schockereignis und die Propaganda, die es begleitete, erm&ouml;glicht wurde.<\/p><p>Was war geschehen? In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 stand das Reichstagsgeb&auml;ude in Berlin in Flammen, der Plenarsaal brannte komplett aus. Noch in der Nacht wurde der holl&auml;ndische Maurer und Kommunist Marinus van der Lubbe am Reichstag festgenommen. Die Hintergr&uuml;nde der Tat und des Brandes sind bis heute nicht gekl&auml;rt. Handelte der sehbehinderte junge Mann als Einzelt&auml;ter? Arbeitete er zusammen oder im Auftrag der Kommunisten? Oder handelte es sich sogar um einen Anschlag &bdquo;unter falscher Flagge&ldquo;, d.h. hatten Kr&auml;fte der SA\/der NSDAP Marinus van der Lubbe angestiftet und ihn sogar zum Reichstag gefahren (wie eine Zeugenaussage besagt) und bei der Brandstiftung tatkr&auml;ftig unterst&uuml;tzt, um einen Vorwand zum harten Vorgehen gegen den politischen Gegner (die Kommunisten) und zur letztendlichen Machtergreifung in Deutschland zu bekommen?<\/p><p>Die Narrative der NSDAP standen jedenfalls sofort fest: Noch in der Brandnacht &auml;u&szlig;erte Hermann G&ouml;ring als kommissarischer preu&szlig;ischer Innenminister:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstandes, sie werden jetzt losschlagen! Es darf keine Minute vers&auml;umt werden!&ldquo;&nbsp;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ebenfalls noch in derselben Nacht erfolgten Razzien, Festnahmen, Folter und Morde an Kommunisten und anderen kritischen Politikern und Intellektuellen. Zehntausende Oppositionelle wurden innerhalb der n&auml;chsten Wochen in improvisierte Konzentrationslager verschleppt.<\/p><p>Bereits am n&auml;chsten Tag wurde die &bdquo;Verordnung des Reichspr&auml;sidenten zum Schutz von Volk und Staat&ldquo; (die sogenannte Reichstagsbrandverordnung) erlassen. Diese Notverordnung erm&ouml;glichte die massive Ausweitung der Verfolgung politischer Gegner und f&uuml;hrte zu einem permanenten Ausnahmezustand und dem weitgehenden Aussetzen der politischen Grundrechte. Man kann sagen, dass erst durch dieses Schockereignis und die darauffolgende Kommunikation und Gesetzes&auml;nderungen die Machtergreifung der Nationalsozialisten m&ouml;glich wurde.<\/p><p>Ein nachfolgendes Gerichtsverfahren verurteilte Marinus van der Lubbe, fand aber &ndash; trotz erheblicher politischer Einflussnahme auf das Verfahren &ndash; keine ausreichenden Beweise f&uuml;r die Mitt&auml;terschaft der beschuldigten Kommunisten.<\/p><p>Auch in diesem Fall ist es zumindest m&ouml;glich oder denkbar, dass Hitler, G&ouml;ring und andere hochstehende Funktion&auml;re der NSDAP aufrichtig von einem gef&auml;hrlichen kommunistischen Aufstand &uuml;berzeugt waren und deswegen &ndash; ihrer &Uuml;berzeugung entsprechend &ndash; sofort weitreichende Ma&szlig;nahmen trafen, um die Sicherheit von &bdquo;Reich und Volk&ldquo; zu gew&auml;hrleisten.<\/p><p>Aber wahrscheinlicher ist es doch, dass sie diesen Brand ausnutzten oder sogar selbst verursacht hatten. Misstrauisch machen sollten uns folgende Faktoren: Es war in der Tatnacht noch viel zu fr&uuml;h, um erste Ermittlungsergebnisse zu haben. Wie konnten sie also von einer Tatbeteiligung der Kommunisten wissen? Die n&auml;chtlichen Durchsuchungen und Festnahmen fanden im Rahmen einer gro&szlig;angelegten Polizeiaktion statt &ndash; was zumindest einer gewissen Vorbereitung bedarf. Ebenso schreibt sich eine umfassende politische Verordnung auch nicht in ein paar Stunden, also muss auch diese vorbereitet gewesen sein. Zudem fiel die Tat direkt in die hei&szlig;e Phase des Wahlkampfs f&uuml;r die Reichstagswahl vom 5. M&auml;rz 1933. Der Brand spielte also den Nationalsozialisten sehr gut in die Karten, denn er gab ihnen die M&ouml;glichkeit zu radikaler Gewaltanwendung unter Einsatz staatlicher Machtmittel gegen die Linksparteien und wurde auch zum Vorwand genommen f&uuml;r den Entzug der Mandate aller kommunistischen Abgeordneten. Der wichtigste Hinweis liegt aber vielleicht darin verborgen, dass keine dieser Festnahmen oder Ma&szlig;nahmen zur&uuml;ckgenommen wurde, nachdem ein ordentliches Gericht nicht nachweisen konnte, dass eine kommunistische Verschw&ouml;rung hinter dem Brandanschlag steckte.<\/p><p>Wie so oft hatte also die &bdquo;erste Geschichte&ldquo; gewonnen.<\/p><p><strong>Wie kann man gegensteuern?<\/strong><\/p><p>Es ist immer auff&auml;llig und sollte das Misstrauen der Bev&ouml;lkerung wecken, wenn nach einem Terroranschlag oder einem anderen pl&ouml;tzlichen bedrohlichen Ereignis von gro&szlig;em Ausma&szlig; die &bdquo;Geschichte&ldquo; schon in den ersten Minuten in den wichtigen Grundz&uuml;gen und sogar den Details erstaunlich festzustehen scheint und unisono &uuml;ber alle Kan&auml;le mit gleichlautenden Formulierungen, Einordnungen und Schlussfolgerungen verbreitet wird.<\/p><p>Die nat&uuml;rliche Abfolge der Ereignisse bedingt normalerweise, dass die Berichterstattung oder die Stellungnahmen von Politikern oder Ermittlern eher zur&uuml;ckhaltend mit vorauseilenden Schlussfolgerungen und Schuldzuweisungen sein m&uuml;ssen. Wir kennen es von weniger spektakul&auml;ren und weniger politischen Ereignissen: &bdquo;Die Polizei kann noch keine Angaben zu dem T&auml;ter machen.&ldquo; &bdquo;Aufgrund der Ermittlungen k&ouml;nnen keine Details des Tatablaufs kommuniziert werden.&ldquo; &bdquo;Wir bitten die &Ouml;ffentlichkeit um Geduld.&ldquo; &bdquo;Noch ist unklar, was genau passiert ist und wer verantwortlich ist.&ldquo; &bdquo;Wir bitten die Bev&ouml;lkerung um Geduld und darum, Ruhe zu bewahren.&ldquo;, etc.<\/p><p>Solche &Auml;u&szlig;erungen und das erst &bdquo;nach und nach&ldquo; Bekanntwerden von Einzelheiten und Theorien\/Spekulationen &uuml;ber Tatabl&auml;ufe und Verantwortliche sind die organische Folge von tats&auml;chlichen Ermittlungen, die, begleitet von Ermittlungshypothesen, schlie&szlig;lich zur endg&uuml;ltigen Aufkl&auml;rung f&uuml;hren.<\/p><p>Wenn es aber ganz schnell geht, sehr viele Details und insbesondere der\/die T&auml;ter\/Verantwortliche(n) schon Minuten nach der Tat bekannt zu sein scheinen und die Tat &uuml;berraschend schnell als grundlegend aufgekl&auml;rt pr&auml;sentiert wird, riecht es sehr stark nach der Ausnutzung eines tats&auml;chlichen oder sogar der Inszenierung eines Krisenereignisses und nach einem Einsatz der &bdquo;Primacy-Effekt-Methode&ldquo; zu propagandistischen Zwecken. In so einem Fall ist also Vorsicht geboten, um als B&uuml;rger nicht in die psychologische Falle zu gehen, diesen ersten Informationen blind zu glauben und sie sp&auml;ter nicht mehr kritisch zu hinterfragen.<\/p><p>Abschlie&szlig;end eine&nbsp;<strong>Checkliste<\/strong>&nbsp;der Elemente, die misstrauisch machen sollten:<\/p><ul>\n<li>Die Geschichte &uuml;ber den Tatablauf scheint fast unmittelbar nach dem Ereignis bereits festzustehen.<\/li>\n<li>Es werden &uuml;bereilt Schuldige benannt.<\/li>\n<li>Die Geschichte wird sehr emotionalisiert erz&auml;hlt.<\/li>\n<li>Keine Zweifel an der (notwendigerweise noch) ersten Hypothese scheinen erlaubt oder sie werden sofort als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; abgetan.<\/li>\n<li>Die Berichterstattung in den Medien ist auff&auml;llig gleichlautend, bis hin zu speziellen W&ouml;rtern und Formulierungen. Die Aussagen klingen dadurch wie die von Politikern oder Unternehmenssprechern, die einem PR-&bdquo;Sprechzettel&ldquo; folgen.<\/li>\n<li>Das &bdquo;Narrativ&ldquo; ist auff&auml;llig simpel und hat eine &bdquo;Hollywood-esque&ldquo;-Struktur.<\/li>\n<li>Neue Begriffe werden geschaffen, die es vorher nicht gab. Diese werden immer wieder wiederholt (wie z.B. &bdquo;War on Terror&ldquo;, &bdquo;Axis of Evil&ldquo;, &bdquo;Zeitenwende&ldquo;).<\/li>\n<li>Gesetzesvorlagen oder andere Regelungen\/Ma&szlig;nahmen werden unmittelbar danach pr&auml;sentiert, die einiger Vorbereitung bedurft haben und offensichtlich schon vor dem Ereignis &bdquo;in der Schublage&ldquo; bereitlagen.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Quellen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Noam Chomsky &amp; Edward Herman:<\/strong> Die Konsensfabrik &ndash; Die politische &Ouml;konomie der Massenmedien (Manufacturing Consent &ndash; The Political Economy of the Mass Media), 1995<\/li>\n<li><strong>Naomi Klein:<\/strong> Die Schock-Strategie &ndash; Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus (The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism), 2007<\/li>\n<li><strong>Rainer Mausfeld:<\/strong> Angst und Macht &ndash; Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien, 2019<\/li>\n<li><strong>Johannes Menath:<\/strong> Moderne Propaganda &ndash; 80 Methoden der Meinungslenkung, 2022<\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Leonid Sorokin<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116908\">Wie aus &bdquo;Zensur&ldquo; der &bdquo;Kampf gegen Desinformation&ldquo; wurde: Eine deutsche Geschichte in sechs Schritten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116707\">Propaganda und Storytelling: Auf welche Bedrohungen reagieren wir besonders stark?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116916\">Die mutma&szlig;liche Propaganda-L&uuml;ge von Bundeskanzler Olaf Scholz<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=115854\">Lauterbach und die Amputierten: Wenn die Beinprothese zu einem Propagandainstrument wird<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113287\">Kriegspropaganda &ndash; Prinzip Nr. 8: &bdquo;Anerkannte Kulturtr&auml;ger und Wissenschaftler unterst&uuml;tzen unser Anliegen&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Propaganda ist ein altbekanntes und wirksames Instrument zur Manipulation der &ouml;ffentlichen Meinung. Wir kennen den Begriff, aber viele assoziieren ihn &ndash; besonders in Deutschland &ndash; haupts&auml;chlich mit der fl&auml;chendeckenden Plakatierung von Propaganda-Plakaten, Sportpalast-Reden, &bdquo;St&uuml;rmer&ldquo;-haften Hasstiraden in den Zeitungen und der Gleichschaltung von Medien sowie der Inhaftierung von Regimegegnern. 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