{"id":117053,"date":"2024-06-23T13:00:11","date_gmt":"2024-06-23T11:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117053"},"modified":"2024-06-24T17:27:56","modified_gmt":"2024-06-24T15:27:56","slug":"trotz-durststrecke-am-ball-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117053","title":{"rendered":"Trotz Durststrecke am Ball bleiben"},"content":{"rendered":"<p>Am 11. Juni 2024 fand &ndash; organisiert vom Deutsch-Russischen Forum in Kooperation mit der Gesellschaft f&uuml;r Deutsch-Russische Begegnung Essen, dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften und der Stiftung West-&Ouml;stliche Begegnungen &ndash; unter dem Titel &bdquo;Tue Gutes und rede dar&uuml;ber&ldquo; ein Dialog der Zivilgesellschaft statt. Wir dokumentieren hier das Eingangsreferat unseres Autors, der selbst Mitglied des Deutsch-Russischen Forums ist. Von <strong>Leo Ensel<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/trotz-durststrecke-am-ball-bleiben\/\">Globalbridge<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<em><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/em><\/p><p><em>Als Herr N. vom Deutsch-Russischen Forum mich vor einigen Monaten anrief und mich fragte, ob ich bereit w&auml;re, ausgerechnet zum Thema &bdquo;Trotz Durststrecke am Ball bleiben&ldquo; hier auf dieser Konferenz einen, wom&ouml;glich auch noch &bdquo;mutmachenden&ldquo;, Vortrag zu halten, da entfuhr es mir unwillk&uuml;rlich: &bdquo;Warum ausgerechnet ich? Und ausgerechnet zu diesem Thema?&ldquo; &ndash; Worauf er antwortete: &bdquo;Na, Sie sitzen doch jetzt bald zehn Jahre an den Themen &sbquo;Eskalation bzw. Deeskalation zwischen dem Westen und Russland&lsquo; und &sbquo;Wie kann man trotz allem gute Beziehungen zwischen den Menschen beider Seiten aufrechterhalten?&lsquo; Und Sie machen immer noch weiter!&ldquo; &ndash; Und ich antwortete &bdquo;Ja, schon &ndash; aber &hellip;&ldquo; &ndash; Worauf er nur meinte: &bdquo;Das reicht doch!&ldquo;<\/em><\/p><p><em>Sp&auml;ter kam mir der Gedanke: &bdquo;Vielleicht war das ja eine geniale Idee von Herrn N. Vielleicht wollte er mit dieser Wahl einfach folgendes und in der Tat &sbquo;Mutmachendes&lsquo; vermitteln: &sbquo;Wenn so ein stinknormaler Mensch wie Leo Ensel trotz Durststrecken am Ball bleiben kann, dann k&ouml;nnen Sie das alle hier auch!&lsquo;&ldquo; &ndash; Und da kann ich ihm nur rechtgeben &hellip;<\/em><\/p><p><em>In diesem Sinne m&ouml;chte ich Ihnen in der kommenden halben Stunde einen biographisch orientierten kleinen Sermon &uuml;ber mein Lebensthema &bdquo;Gute Beziehungen zwischen dem Osten und dem Westen&ldquo; vortragen. Ich verstehe mich und meine h&ouml;chstpers&ouml;nliche &bdquo;Ost-West-Geschichte&ldquo; hier als &sbquo;Fall&lsquo;. Und ich bin mir sicher: Sie werden <\/em>sich<em> und <\/em>Ihre<em> Arbeit immer wieder in dem einen oder anderen Aspekt wiederfinden! Dabei m&ouml;chte ich betonen: Allem, was ich zu diesem Thema in den letzten Jahren, Jahrzehnten getan habe, lag kein &sbquo;Masterplan&lsquo; zugrunde. Vielmehr gilt &ndash; und dies auch erst im Nachhinein &ndash; das Bonmot des Philosophen S&oslash;ren Kierkegaard:<\/em><\/p><p>&bdquo;<em>Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden!&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Angst vor &sbquo;den Russen&lsquo; &ndash; Angst vor dem Atomkrieg<\/strong><\/p><p>Ich bin kein Kriegskind, aber ein Kind des Kalten Krieges. Und das Thema &bdquo;Ost-West&ldquo; ist mein Lebensthema.<\/p><p>Geboren Mitte der F&uuml;nfziger Jahre, aufgewachsen in einem katholisch-konservativen Milieu im Rheinland, bin ich gro&szlig; geworden mit der Angst vor &sbquo;den Russen&lsquo;. Irgendwann w&uuml;rden sie kommen, uns &uuml;berfallen und ihren schrecklichen Kommunismus hier einf&uuml;hren &ndash; jedenfalls dann, wenn die Amerikaner uns nicht besch&uuml;tzen w&uuml;rden!<\/p><p>Anfang der Siebziger Jahre, als alle meine Klassenkameraden nach &Ouml;sterreich, Italien, Spanien oder gar nach Griechenland reisten, fuhr ich zum ersten Mal &ndash; und von da an alle ein bis zwei Jahre &ndash; in die DDR. Ich hatte in Th&uuml;ringen ein Patenkind. Die h&ouml;chst umst&auml;ndliche, irgendwie aber auch abenteuerlich-aufregende Reise in das Land hinter der Mauer und Stacheldraht &ndash; f&uuml;r uns Westler damals eine Zeitreise um Jahrzehnte zur&uuml;ck &ndash;, dieses Pendeln zwischen zwei v&ouml;llig gegens&auml;tzlichen Lebenswelten auf einem Territorium, das mal ein Land gewesen war, dies war, so erscheint es mir heute, der Beginn eines lebenslangen Pendelns zwischen Ost und West unter den verschiedensten geopolitischen Rahmenbedingungen. Und es war im R&uuml;ckblick der Keim f&uuml;r meine sp&auml;teren interkulturellen Trainings bei lokalen Goethe-Instituten mit Germanistinnen in Mittel-\/Osteuropa und im postsowjetischen Raum.<\/p><p>Sp&auml;ter, in den Achtziger Jahren, l&ouml;ste die Angst vor einem alles vernichtenden Atomkrieg die Angst vor &sbquo;den Russen&lsquo; ab. Ich schrieb damals f&uuml;r die junge westdeutsche Friedensbewegung ein Buch &uuml;ber &bdquo;<a href=\"https:\/\/diebuchsuche.de\/buch-9783596233441.html\">Angst und atomare Aufr&uuml;stung<\/a>&ldquo;. Und wie Hunderttausende andere Westdeutsche ging ich auf die Stra&szlig;e, um gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen zu protestieren, die, das war unsere &Uuml;berzeugung, die Gefahr eines Atomkrieges in Europa dramatisch versch&auml;rften. Die Lage schien aussichtslos: Beide Superm&auml;chte bis an die Z&auml;hne bewaffnet, in einer verh&auml;ngnisvollen Aufr&uuml;stungsspirale verstrickt. Auf jede &sbquo;Nachr&uuml;stung&lsquo; folgte prompt eine &sbquo;Nach-Nachr&uuml;stung&lsquo;, die Vorwarnzeiten betrugen zum Schluss nur noch vier Minuten &ndash; und beide deutsche Staaten mittendrin! Unser Land, die (alte) Bundesrepublik Deutschland, war mit rund 6.000 gelagerten Atomsprengk&ouml;pfen das Land mit der gr&ouml;&szlig;ten Atombombendichte der Welt. Das potenzielle Schlachtfeld der Superm&auml;chte. Im Ernstfall w&auml;re hier kein Stein auf dem anderen geblieben. Und das wussten wir alle.<\/p><p>&bdquo;Einer muss anfangen, aufzuh&ouml;ren!&ldquo;, so lautete eine etwas hilflose Parole.<\/p><p>Und dann geschah ein Wunder.<\/p><p><strong>Michail Gorbatschow<\/strong><\/p><p>Eine Seite fing wirklich an, aufzuh&ouml;ren. Und es waren ausgerechnet unsere &sbquo;Feinde&lsquo;! Der neue und jugendliche Held auf der weltpolitischen B&uuml;hne meinte es ernst. F&uuml;nf Jahre sp&auml;ter war die Welt eine v&ouml;llig andere: Die Mauer war gefallen, die kommunistischen Diktaturen in Mittel-\/Osteuropa waren &ndash; fast &uuml;berall friedlich &ndash; zusammengebrochen, Deutschland wiedervereinigt, aber das Allerwichtigste: Michail Gorbatschow, die Lichtgestalt aus dem Osten mit seiner attraktiven klugen Frau an der Seite hatte uns die Angst vor einem jeden Augenblick drohenden Atomkrieg genommen! Mit Z&auml;higkeit und Klugheit hatte er nichts weniger als den bedeutendsten Abr&uuml;stungsvertrag der Weltgeschichte durchgesetzt! Das hatte es im Kalten Krieg noch nie gegeben: Eine ganze Waffen<em>kategorie<\/em> &ndash; und zwar die allergef&auml;hrlichste &ndash; wurde in Ost und West restlos verschrottet und 80 Prozent aller Atomsprengk&ouml;pfe weltweit gleich mit!<\/p><p>Und es ging weiter: Ende 1990 wurde mit der &bdquo;Charta von Paris&ldquo; der Kalte Krieg offiziell f&uuml;r beendet erkl&auml;rt. NATO und der (damals noch existierende) Warschauer Pakt erkl&auml;rten feierlich, sich nicht mehr als Feinde zu betrachten. Der Weg schien frei f&uuml;r Gorbatschows Vision vom &bdquo;Gemeinsamen Europ&auml;ischen Haus&ldquo; &ndash; f&uuml;r einen Wimpernschlag der Weltgeschichte schien sogar Kants &bdquo;Ewiger Frieden&ldquo; in Reichweite ger&uuml;ckt.<\/p><p>Das waren die Tr&auml;ume einer Zeit, in der auf einmal alles doch noch gut zu werden schien.<\/p><p><strong>Die Entdeckung des Ostens<\/strong><\/p><p>Anfang der Neunziger Jahre verfasste ich meine Dissertation &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.eurobuch.de\/buch\/isbn\/9783814205472.html\">wechselseitigen Fremd- und Selbstbilder von Ost- und Westdeutschen<\/a> zu Beginn der Wiedervereinigung; ein Projekt, das ich erst in dessen Verlauf &ndash; sozusagen &sbquo;on the job&lsquo; &ndash; als &sbquo;ethnologische Feldforschung im eigenen Land&lsquo;, als Form &sbquo;interkulturellen Lernens&lsquo; zu begreifen lernte. Ab Mitte der Neunziger Jahre dehnte ich als Freelancer bei lokalen Goethe-Instituten, dem DAAD und der Robert Bosch-Stiftung meine Ost-West-Forschungen immer weiter in den Osten, in das Gebiet unserer einstmaligen &sbquo;Feinde&lsquo; aus: Nach Mittel-\/Osteuropa in die L&auml;nder des ehemaligen Warschauer Paktes und in nahezu alle L&auml;nder des postsowjetischen Raums. &Uuml;berall erkundete ich mit Germanistinnen vor Ort &ndash; Universit&auml;tsdozentinnen, Deutschlehrerinnen und Studentinnen &ndash; mit Mitteln von Rollenspielen deren Bilder von &sbquo;den Deutschen&lsquo; und ihre komplement&auml;ren nationalen Selbstbilder.<\/p><p>F&uuml;r mich wurden diese zahlreichen Fahrten in den Osten zu einer einzigen riesigen Entdeckungsreise auf einem bis dato unbekannten Kontinent, der im Kalten Krieg nur ein gigantischer wei&szlig;er Fleck auf meiner inneren Weltkarte gewesen war. &Uuml;berall fand ich dieselben Transformationsprobleme vor, &uuml;berall zeigten sie sich anders. &Uuml;berall lernte ich au&szlig;erordentlich freundliche, hilfsbereite Menschen kennen, die alle kein einfaches Leben f&uuml;hrten, sich irgendwie durchk&auml;mpfen mussten, das auf imponierende Weise auch schafften und mit nicht wenigen von ihnen freundete ich mich an.<\/p><p>Ende der Neunziger Jahre war ich zeitweise mit einer jungen russischen Germanistin aus Li&shy;pezk liiert und schrieb f&uuml;r sie &ndash; stellvertretend f&uuml;r die Germanistikdozentinnen im postsowjetischen Raum &ndash; ein Buch &uuml;ber die &bdquo;<a href=\"http:\/\/oops.uni-oldenburg.de\/618\/13\/ensdeu01.pdf\">Deutschlandbilder in der GUS<\/a>&ldquo;. Diese deutsch-russische Beziehung war auch der Anlass f&uuml;r eine sp&auml;tere sehr intensive <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/der-wehrmachtsoffizier-der-seinem-land-die-niederlage-wuenschte\/\">Recherche der Kriegsroute meines Gro&szlig;vaters<\/a>, die ihn als Oberstabsarzt der Heeresgruppe S&uuml;d ab Juni 1941 von Lemberg &uuml;ber Tarnopol, Uman quer durch die Ukraine bis in den Donbass gef&uuml;hrt hatte, wo er vom Winter 1941\/42 bis Sommer 1942 in Konstantinowka&nbsp;und Bachmut (damals: Artjomo&shy;wsk), 80 Kilometer nord&ouml;stlich von Donezk (damals: Stalino), ein Armeelazarett leitete. Ab Sommer 1942 musste er in den Kaukasus bis nach Maikop und von dort Ende des Jahres zur&uuml;ck auf die Tamanhalbinsel, gegen&uuml;ber der Stadt Kertsch im Osten der Krim, wo er im Fr&uuml;hjahr 1943 die K&auml;mpfe um den sogenannten &bdquo;Kuban-Br&uuml;ckenkopf&ldquo; miterlebte.<\/p><p>Als ich dann im Mai 2005 einen Auftrag vom Goethe-Institut Kiew erhielt, gab man mir die M&ouml;glichkeit, nicht nur in Kiew, sondern auch im Donbass &ndash; in Donezk und Gorlowka (Horliwka); zur Zeit beide St&auml;dte im Rebellengebiet &ndash; interkulturelle Trainings durchzuf&uuml;hren. Ich nutzte diese Gelegenheit, um unmittelbar vor Ort die <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/auf-den-spuren-der-deutschen-besatzer-besuch-im-donbass\/\">Spuren meines Gro&szlig;vaters zu erkunden<\/a>, Kontakt mit Veteran\/inn\/en aufzunehmen und ihnen die Fotos zu schenken, die mein Gro&szlig;vater in ihren St&auml;dten w&auml;hrend der Besatzungszeit aufgenommen hatte. Und ich bekam in dieser Woche sehr intensiv mit, dass die Menschen im Donbass einen vollkommen anderen Blick auf die politischen Verh&auml;ltnisse in der Ukraine haben als die Menschen im Westen des Landes &ndash; eine Erfahrung, die mir sp&auml;testens seit Beginn des Euromaidan Ende 2013 hilft, auch die andere, in unseren Medien nahezu ausgeblendete Perspektive nachzuvollziehen!<\/p><p>Ein weiteres Projekt war ein <a href=\"https:\/\/www.nwzonline.de\/kultur\/theater-im-miniaturformat_a_6,1,1906265028.html\">Theaterst&uuml;ck<\/a> &uuml;ber den russischen Tangos&auml;nger <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pjotr_Konstantinowitsch_Leschtschenko\">Pjotr Leschtschenko<\/a> &ndash; ein Superstar in den Drei&szlig;iger Jahren und clandestiner Liebling der Sowjetb&uuml;rger dieser Epoche, der 1954 in einem Lager bei Bukarest j&auml;mmerlich verreckte &ndash;, das ich zusammen mit einem Oldenburger &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.theater-laboratorium.org\/\">Theater Laboratorium<\/a>&ldquo; verfasste und f&uuml;r das ich im Sommer 2006 in Odessa recherchierte.<\/p><p>H&auml;tte man mich damals gefragt, was ich &bdquo;da im Osten&ldquo;, vor allem im postsowjetischen Raum, eigentlich treiben w&uuml;rde, so h&auml;tte ich geantwortet: &bdquo;Aufr&auml;umarbeiten nach dem Ende des Kalten Kriegs!&ldquo; Und wenn man mich gefragt h&auml;tte, was denn mein Lebenstraum w&auml;re, dann h&auml;tte ich nur sagen k&ouml;nnen: &bdquo;Dass Deutsche und Russen &ndash; genauer: EU-Europ&auml;er und die Menschen des postsowjetischen Raums &ndash; sich alle mal genauso gut verstehen, wie heute die ehemaligen Erbfeinde Deutschland und Frankreich!&ldquo; Der Kindertraum von einem gro&szlig;en Runden Tisch, an dem alle entspannt sitzen und bei einem gepflegten Essen ein gutes Glas Rotwein zusammen trinken.<\/p><p>Dass die Welt nochmal in einen zweiten, vielleicht noch schlimmeren Kalten Krieg, nein: an den Rand eines Dritten Weltkrieges schlittern k&ouml;nnte, das war damals jenseits meines Vorstellungsverm&ouml;gens &hellip;<\/p><p><strong>Der neue Kalte Krieg<\/strong><\/p><p>Aber sp&auml;testens seit Beginn des Ukrainekonflikts Ende 2013\/Anfang 2014 ist es wieder soweit. F&uuml;r mich bedeutet dies konkret: Menschen, mit denen ich mich im Verlauf vieler Jahre angefreundet hatte &ndash; u.a. in Polen, der Westukraine, dem Donbass und Russland &ndash;, streiten sich jetzt untereinander. &ndash; Und ich mitten drin!<\/p><p>Und nicht nur das: Themen, Bedrohungen, &Auml;ngste aus der Zeit des (ersten) Kalten Krieges, vor allem aus den Nachr&uuml;stungszeiten der Achtziger Jahre, von denen ich dachte, sie seien durch Gorbatschow gl&uuml;cklich f&uuml;r immer erledigt, werden wieder aktuell. Es ist f&uuml;r mich wie ein Flashback mehr als 40 Jahre zur&uuml;ck! Es zerrei&szlig;t mir das Herz, dass ich ohnm&auml;chtig mit ansehen musste, wie das abr&uuml;stungspolitische Erbe Michail Gorbatschows, wie fast alle R&uuml;stungskontroll- und Abr&uuml;stungsvertr&auml;ge, und zwar in erster Linie vom &sbquo;Westen&lsquo;, nach und nach mutwillig an die Wand gefahren &ndash; und dass dies von den &Ouml;ffentlichkeiten in allen direkt und mittelbar betroffenen L&auml;ndern v&ouml;llig <a href=\"https:\/\/free21.org\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/01_Ensel-Nachruf-INF-Vertrag-1.pdf\">apathisch hingenommen<\/a> wurde! Und es macht mich, je nach Stimmung, fassungslos bis zornig, dass ich mit nun 70 Jahren gezwungen bin, mich wieder mit denselben Themen zu befassen wie damals, als ich noch keine 30 war.<\/p><p>Nur dass es damals in der Bundesrepublik eine breite, bis in die kleinsten Orte vernetzte Friedensbewegung gab und heute &ndash; so gut wie nichts! Ich habe mich in den Achtziger Jahren zu Nachr&uuml;stungszeiten nicht ann&auml;hernd so isoliert gef&uuml;hlt wie heute.<\/p><p>Anfang M&auml;rz 2014 &ndash; die Krim war noch Teil der Ukraine &ndash; setzte ich mich an den Schreibtisch und machte mir, reichlich gr&ouml;&szlig;enwahnsinnig, Gedanken &uuml;ber Wege aus der neuen West-Ost-Konfrontation. Sie liefen, kurz gesagt, auf eine <a href=\"https:\/\/www.deutsch-russisches-forum.de\/portal\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Stop-Appell-deutsch.pdf\">Rekonstruktion des Gorbatschow&lsquo;schen &bdquo;Gemeinsamen Europ&auml;ischen Hauses&ldquo;<\/a> hinaus und auf die Vision einer partei-, l&auml;nder- und &sbquo;block&lsquo;&uuml;bergreifenden Bewegung &sbquo;von unten&lsquo; f&uuml;r Deeskalation. Ich nenne sie &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109418\">Breite Koalition der Vernunft<\/a>&ldquo;. Und w&auml;hrend dieser Zeit des Schreibens, der Neuorientierung im Zeitlupentempo, schien es mir, als h&auml;tte ich mein ganzes bisheriges Leben lang &ndash; mit meinem Engagement in der Friedensbewegung der Achtziger Jahre, meinem Buch &uuml;ber &bdquo;Angst und atomare Aufr&uuml;stung&ldquo;, meinen zahlreichen Fahrten fast in den gesamten postsowjetischen Raum, meinen interkulturellen Trainings mit russischen, ukrainischen, wei&szlig;russischen, kasachstanischen, armenischen etc. Germanistinnen und anderen Ost-West-Aktivit&auml;ten &ndash; als h&auml;tte ich die ganzen Jahre und Jahrzehnte &uuml;ber nichts anderes getan, als mich fit zu machen f&uuml;r diese Zeit der erneuten Konfrontation zwischen dem Westen und Russland!<\/p><p><strong>Als &sbquo;Gorbatschowianer&lsquo; in &sbquo;putinfinanzierten Medien&lsquo;<\/strong><\/p><p>Es war allerdings f&uuml;r mich erheblich leichter, meine Gedanken zur Deeskalation zu entwickeln, als sie in die Welt zu bringen, geschweige denn zu realisieren! Da halfen mir auch meine Kontakte zum <a href=\"https:\/\/www.deutsch-russisches-forum.de\/\">Deutsch-Russischen Forum<\/a>, dessen Mitglied ich seit einigen Jahren bin, nicht weiter. Nach einer dreieinhalbj&auml;hrigen Odyssee durch die deutschen Leitmedien, bei denen ich ausnahmslos K&ouml;rbe einkassierte, nahm ich schlie&szlig;lich im Herbst 2017 das Angebot von <em>RT Deutsch<\/em> an, dort Texte als Gastautor zu ver&ouml;ffentlichen &ndash; wohlwissend, dass ich damit, so wie die Verh&auml;ltnisse hier nun mal sind, mein Image in den Leitmedien endg&uuml;ltig ruinieren w&uuml;rde! Nachdem ich allerdings bis dato x-mal die Erfahrung machen musste, dass Essays, in denen Russland nicht ausschlie&szlig;lich f&uuml;r alles und jedes verantwortlich gemacht wird, gar nicht erst angesehen werden, beschloss ich, frei nach dem Motto &bdquo;Beware of old men &ndash; they&lsquo;ve got nothing to lose!&ldquo; die M&ouml;glichkeiten zu nutzen, die mir in unserer &sbquo;vielf&auml;ltigen Medienlandschaft&lsquo; &uuml;berhaupt noch bleiben. Und siehe da: Alle Themen meiner circa 150 Essays, die ich bis zum 24. Februar 2022 bei <em>RT <\/em>ver&ouml;ffentlichte, habe ich mir selbst ausgesucht, <em>RT <\/em>hat mich kein einziges Mal inhaltlich zensiert.<\/p><p>Mein Problem dabei war allerdings: Mit meinen Texten, die ich alle als Variationen des Themas &bdquo;De-Eskalation in der neuen West-Ost-Konfrontation&ldquo; ansehe, wollte ich die b&uuml;rgerliche Mitte unserer Gesellschaft, ohne die sich nichts &auml;ndert, erreichen. Die liest aber nicht &ndash; und heute erst recht nicht &ndash; <em>RT DE<\/em>! Die Leit- und anderen Medien, die die Mitte der Gesellschaft bedienen, ver&ouml;ffentlichen umgekehrt keine Texte eines Autors, der bereits notorisch bei <em>RT <\/em>publiziert hat &hellip;<\/p><p>Kurz: <em>Die extreme Verengung des Meinungskorridors in unseren &sbquo;vielf&auml;ltigen&lsquo; deutschen Leitmedien brachte es mit sich, dass ich als &bdquo;eingefleischter Gorbatschowianer&ldquo; jahrelang nur in &bdquo;kremlnahen&ldquo;, sprich: &bdquo;putinfinanzierten&ldquo; Medien ver&ouml;ffentlichen konnte!<\/em> By the way: Damit befinde ich mich mittlerweile allerdings in allerbester Gesellschaft, da selbst Gorbatschow h&ouml;chstpers&ouml;nlich, den ich in den letzten Jahren seines Lebens noch zweimal in seiner Stiftung <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/meeting-gorbatschow\/\">besuchen<\/a> konnte, mit seinem letzten Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.penguin.de\/Buch\/Was-jetzt-auf-dem-Spiel-steht\/Michail-Gorbatschow\/Siedler\/e562921.rhd\">Was jetzt auf dem Spiel steht &ndash; Mein Beitrag f&uuml;r Frieden und Freiheit<\/a>&ldquo; in den deutschen Leitmedien fast ausschlie&szlig;lich ignoriert wurde! (Die erste &ndash; und lange Zeit einzige &ndash; <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/buchrezension-was-jetzt-auf-dem-spiel-steht\/\">Rezension dieses Bandes<\/a> in Deutschland stammte &uuml;brigens von mir. Und zwar ausgerechnet in <em>RT&hellip;<\/em>!)<\/p><p>Mit dem russischen &Uuml;berfall auf die Ukraine habe ich meine T&auml;tigkeit als Gastautor bei <em>RT <\/em>als, wie ich mich selbst definierte, &bdquo;von Putin bezahltes freundliches Gorbatschow-U-Boot&ldquo; eingestellt. Nicht aus Angst vor einem &ndash; angesichts meiner noch nicht mal ignorierten Texte eh h&ouml;chst unwahrscheinlichen &ndash; Shitstorm, sondern aus bitterer Entt&auml;uschung &uuml;ber die russische Invasion, die ich noch einen Tag zuvor nicht f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte. Meine Ver&ouml;ffentlichungen bei <em>RT <\/em>sind seit Kriegsbeginn im digitalen Orkus verschwunden, wenn auch &ndash; mit etwas Knowhow &ndash; leicht wieder <a href=\"https:\/\/free21.org\/samisdat\/\">zum Leben erweckbar<\/a>.<\/p><p>Der Abschied von <em>RT DE<\/em> fiel mir insofern nicht allzu schwer, als ich mich parallel zu den f&uuml;nf Jahren meiner Gastautorent&auml;tigkeit zumindest auf anderen &sbquo;Alternativplattformen&lsquo; &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=leo-ensel\"><em>Nachdenkseiten<\/em><\/a>, <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/autoren\/?autor=Leo%20Ensel\"><em>Telepolis<\/em><\/a>, <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/author\/leo-ensel\/\"><em>Ostexperte<\/em><\/a>, <a href=\"http:\/\/www.free21.org\/author\/leo-ensel\/\"><em>Free21<\/em><\/a>, den Schweizer Medien <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/?s=leo+ensel\"><em>infosperber<\/em><\/a> und <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/author\/leo-ensel\/\"><em>Globalbridge<\/em><\/a>, sowie neuerdings allerdings auch in der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/suche?q=leo%20ensel\"><em>Berliner Zeitung<\/em><\/a> &ndash; etwas &sbquo;etablieren&lsquo; konnte. Nein, nicht nur das: Mit der letzteren Option schaffe ich es doch tats&auml;chlich, mich nach &uuml;ber zehn Jahren vom publizistischen Nirgendwo &uuml;ber den Mainstream der R&auml;nder gar an die R&auml;nder des Mainstreams heranzurobben!<\/p><p>An meiner Kritik an unseren Leitmedien habe ich nichts zur&uuml;ckzunehmen. Der Meinungskorridor hat sich seit Kriegsbeginn noch weiter verengt und die Ausgrenzung Andersdenkender massiv versch&auml;rft!<\/p><p><strong>Just do it!<\/strong><\/p><p>Nun aber hat sich &ndash; im zarten Alter von 70 Jahren &ndash; doch noch etwas Entscheidendes in meinem Leben ver&auml;ndert: Seit Sonntag dem 9. Juni sieht alles danach aus, dass ich sp&auml;testens ab Herbst diesen Jahres die M&ouml;glichkeit haben werde, die n&auml;chsten vier Jahre von einer gewissen westeurop&auml;ischen Stadt aus &uuml;ber das Schreiben von Essays hinaus wom&ouml;glich sogar tats&auml;chlich etwas f&uuml;r mein Herzensthema, &bdquo;Deeskalation zwischen Ost und West&ldquo;, zu <em>bewirken<\/em>!<\/p><p>Ich stehe diesem &ndash; f&uuml;r mich gr&ouml;&szlig;ten &ndash; beruflichen &sbquo;Coup&lsquo; selber etwas fassungslos und mit ungl&auml;ubigem Staunen gegen&uuml;ber. Ein amerikanischer Journalist w&uuml;rde daraus vielleicht eine klassische &bdquo;Erfolgsstory&ldquo;, nach dem Motto: &bdquo;From Zero to Hero&ldquo;, machen. Aber ich betone nochmals: Ich hatte niemals einen &sbquo;Masterplan&lsquo;! <strong>Ich habe einfach &ndash; und das ist vermutlich die einzige, aber entscheidende &sbquo;Lehre&lsquo;, die ich Ihnen mitgeben kann &ndash;, ich habe einfach getan, was ich tun <\/strong><em><strong>musste<\/strong><\/em><strong>! Ohne nach irgendeinem Erfolg zu schielen. <\/strong><\/p><p>Laut dem franz&ouml;sischen Philosophen Albert Camus soll Sisyphos ja ein gl&uuml;cklicher Mensch sein. Vermutlich, weil er einfach jeden Tag immer wieder stur das tut, was er tun <em>muss<\/em> &ndash; ohne dabei nach links oder rechts zu blicken&hellip; In diesem Sinne lautet meine simple Message an Sie:<\/p><blockquote><p>\n<em>Just do it!<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und das <em>k&ouml;nnen<\/em> Sie, denn &ndash; und diesmal zitiere ich einen bekannten Werbeslogan der Volksbanken:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt!&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>In diesem Sinne also.<\/p><p><small>Titelbild: Dr. Leo Ensel w&auml;hrend der Konferenz &bdquo;Dialog der Zivilgesellschaften&ldquo;, Essen 11. Juni 2024 (&copy; Deutsch-Russisches Forum e.V.)<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. Juni 2024 fand &ndash; organisiert vom Deutsch-Russischen Forum in Kooperation mit der Gesellschaft f&uuml;r Deutsch-Russische Begegnung Essen, dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften und der Stiftung West-&Ouml;stliche Begegnungen &ndash; unter dem Titel &bdquo;Tue Gutes und rede dar&uuml;ber&ldquo; ein Dialog der Zivilgesellschaft statt. Wir dokumentieren hier das Eingangsreferat unseres Autors, der selbst Mitglied des Deutsch-Russischen Forums<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117053\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":117054,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,211],"tags":[1519,3416,1120,1644,1268,1245,259,966,2181],"class_list":["post-117053","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-atomwaffen","tag-deutsch-russisches-forum","tag-friedensbewegung","tag-gorbatschow-michail","tag-kalter-krieg","tag-russia-today","tag-russland","tag-weltkrieg","tag-wettruesten"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Leo-Ensel-im-Deutsch-Russischen-Forum.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117053","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117053"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117053\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117171,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117053\/revisions\/117171"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/117054"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117053"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117053"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117053"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}