{"id":11707,"date":"2011-12-23T15:01:34","date_gmt":"2011-12-23T14:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11707"},"modified":"2015-01-01T10:49:42","modified_gmt":"2015-01-01T09:49:42","slug":"ist-der-ruf-erst-ruiniert-dann-lebt-sichs-vollig-ungeniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11707","title":{"rendered":"Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt sich&#8217;s v\u00f6llig ungeniert"},"content":{"rendered":"<p>Das k&ouml;nnte das gemeinsame Motto von Bundeskanzlerin und Bundespr&auml;sident bei ihren jeweiligen Ansprachen zu Neujahr und zu Weihnachten sein. Jedenfalls ist das ihre Strategie und die Strategie der Parteien und der Koalition, die hinter ihnen stehen. Wir B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger haben keine Sanktionsm&ouml;glichkeit mehr. Auch schlimme Fehler mit verheerenden Folgen werden ausgesessen, Kritik prallt ab. Keine sch&ouml;ne Einleitung f&uuml;r einen kleinen Jahresr&uuml;ckblick. Keine guten Aussichten. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nAls ich gestern diesen Text zu schreiben begann, warf ich einen Blick in die Financial Times Deutschland. Auf Seite 24 fand ich einen Kommentar vom Leiter des B&uuml;ros der FTD in Br&uuml;ssel, Peter Ehrlich: &bdquo;Die Teflonkanzlerin&ldquo;. (Der Titel ist nicht neu. Die S&uuml;ddeutsche Zeitung beispielsweise hat ihn schon in einem Wahlkampfbericht vom August 2009 gebraucht.) Peter Ehrlich nahm die Einleitung f&uuml;r diesen meinen Beitrag vorweg: &bdquo;Die CDU\/CSU-FDP Regierung ist eine der schlechtesten, die die Bundesrepublik je hatte.&ldquo;  Und erg&auml;nzend kann man anmerken: wir haben vermutlich einen unglaubw&uuml;rdigen und damit abgewirtschafteten Bundespr&auml;sidenten. Und dennoch werden uns vermutlich beide erhalten bleiben. <\/p><ol type=\"i\">\n<li><strong>Angela Merkels Zerst&ouml;rungswerk<\/strong>\n<p>Dazu einige Stichworte:<\/p>\n<ol>\n<li>Angela Merkel und ihre Regierung sind wesentlich verantwortlich f&uuml;r den Sparkurs und damit f&uuml;r die prozyklische Politik innerhalb der Europ&auml;ischen Union. Dass dies die Gefahr einer gro&szlig;en Rezession mitbringt, konnte man aus den Lehrb&uuml;chern wissen. Und man konnte es beim ersten Experiment, in Griechenland, auch praktisch lernen.<\/li>\n<li>Unter Angela Merkels Anleitung wird die neoliberale Linie des Sparens bei Sozialleistungen und des &bdquo;Reformierens&ldquo; in anderen L&auml;ndern nach deutschem Vorbild fortgesetzt. Die neoliberale Bewegung vermeidet so nicht nur den Gang zum Konkursrichter, sie kann sogar weitermachen und triumphieren.<\/li>\n<li>Angela Merkel hat mit ihren Trippelschritten bei der Hilfe f&uuml;r L&auml;nder, gegen die auf den Finanzm&auml;rkten spekuliert wurde, die Spekulation angeheizt und damit die Rettung um vieles teurer gemacht, als sie bei rechtzeitiger Korrektur zu Gunsten direkter Finanzierung durch die EZB geworden w&auml;re. Typisch f&uuml;r den von ihr gefahren Kurs ist so zum einen die Weigerung der Finanzierung durch die EZB und zum andern gleichzeitig die Akzeptanz der Rettung der Banken durch die EZB mit fast einer halben Billion Euro. Dank Angela Merkel k&ouml;nnen die Banken und so genannten Anleger nach wie vor gefahrlos spekulieren.<\/li>\n<li>Angela Merkel hat nichts getan, um die internationalen Finanzm&auml;rkte besser zu regulieren. Immer noch nicht.<\/li>\n<li>Sie hat nichts getan, um die Konversion des &uuml;berdimensionierten Finanzsektors einzuleiten. Das ist f&uuml;r sie kein Thema, obwohl es ein dringliches sein m&uuml;sste.<\/li>\n<li>Die deutsche Bundesregierung hat unter F&uuml;hrung von Angela Merkel die Kosten anderer V&ouml;lker zur Finanzierung ihrer Schulden hochgetrieben. Das geschah durch Worte wie etwa die Forderung des Vizekanzlers R&ouml;ssler nach einer &bdquo;geordneten Insolvenz&ldquo; Griechenlands als auch durch Taten und Verweigerungen. (Siehe oben Trippelschritte.)<\/li>\n<li>Merkel hat damit den guten Ruf unseres Landes besch&auml;digt. Wir haben Freunde verloren. Wir alle werden merken, dass das Bild vom h&auml;sslichen Deutschen wieder aus den verstaubten Kammern hervorgeholt wird.<\/li>\n<li>Sie hat mit ihrer gesamten Politik &ndash; anders als &ouml;ffentlich behauptet &ndash; die Schulden unseres eigenen Staates erh&ouml;ht und belastet damit uns und die n&auml;chsten Generationen.<\/li>\n<li>Die Bundeskanzlerin hat auf vielerlei Weise die Spaltung unserer Gesellschaft versch&auml;rft. Siehe dazu <a href=\"\/?p=11687\">den Beitrag von Michael Hartmann<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Warum steht sie trotzdem so gut da<\/strong>\n<ol>\n<li>Peter Ehrlich analysiert die Taktik von Angela Merkel: Sie setze auf die Un&uuml;bersichtlichkeit der Euro-Krise. Sie erwecke den Eindruck, sie w&uuml;rde deutsche Interessen verteidigen, und &uuml;berdecke damit ihre Fehler. Da ist etwas dran. Allerdings erw&auml;hnt Ehrlich zu Recht, dass ihr dies &bdquo;mithilfe vieler Medien&ldquo; gelinge. Damit sind wir beim n&auml;chsten Punkt:<\/li>\n<li>Angela Merkels Verankerung in den Hauptmedien. Ihre Fehlgriffe werden ihr pers&ouml;nlich von den sie unterst&uuml;tzenden Medien nicht angekreidet, jedenfalls nicht massiv und auf ihre Person und Funktion bezogen. Nicht von Bild, nicht vom ZDF, nicht von der ARD, nicht von den kommerziellen Sendern nicht von den sonstigen gro&szlig;en Zeitungen und Zeitschriften. Der Kommentator der Financial Times verweist mit Recht darauf, dass Angela Merkel die Bundespr&auml;sidenten Horst K&ouml;hler und Christian Wulff, wie auch den Br&uuml;sseler Kommissionspr&auml;sidenten Barroso auf ihre Posten gehievt hat. Man k&ouml;nnte die Liste der Fehlgriffe fortf&uuml;hren. In den Medien werden diese Versager ihr nicht zugerechnet.<\/li>\n<li>Angela Merkel hat auf tief sitzende Vorurteile zur&uuml;ckgegriffen: zum Beispiel auf die undifferenzierte Bewunderung von so genannter Sparpolitik, ohne R&uuml;cksicht darauf, ob sie in der jetzigen konjunkturellen Situation auch wirklich wirkt; sie setzt darauf, dass es popul&auml;r ist, wenn man als Politiker verlangt, wir sollten den G&uuml;rtel enger schnallen; sie hat r&uuml;cksichtslos und zynisch auf das Gef&uuml;hl der &Uuml;berheblichkeit der Deutschen gegen&uuml;ber anderen V&ouml;lkern gesetzt. Sie hat den Kampagnen gegen die Griechen und gegen die anderen V&ouml;lker S&uuml;deuropas nicht widersprochen, im Gegenteil, ihr Kabinett hat mitgewirkt.<\/li>\n<li>Vermutlich hat Angela Merkel starke PR-Unterst&uuml;tzung von der Finanzindustrie<\/li>\n<li>Wie in einem kollektiven Wahn plappern Multiplikatoren in Medien, Wirtschaft und Wissenschaft die Botschaften von Angela Merkels PR- und Strategie-Beratern nach, auch dann, wenn die Wirklichkeit anders aussieht:\n<ul>\n<li>In der &ouml;ffentlichen Debatte und vor allem im Wortschatz der Medien gibt es f&uuml;r die jetzige Krise vorherrschend den Begriff &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; oder &bdquo;Schuldenkrise&ldquo;. Das ist offensichtlich von den Medienschaffenden internalisiert und passt voll in die Linie von Angela Merkel, wobei es sogar gelungen ist, vergessen zu machen, dass der Staatsschuldenstand unseres Landes keinesfalls besser ist als im Durchschnitt und sogar auch nicht besser als zum Beispiel jenes von Spanien.<\/li>\n<li>Es ist Angela Merkel und ihrer Regierung gelungen, den Eindruck zu erwecken, uns allen gehe es gut. Auch dieser Eindruck wird von den Medien fast durchg&auml;ngig &uuml;bernommen und weitervermittelt. Boom, Aufschwung, gro&szlig;es Wachstum &ndash; die vorgegebenen Formeln werden unkritisch &uuml;bernommen.<\/li>\n<li>Auch die Forderung nach Sparen und Reformen wird auftragsgem&auml;&szlig; oder intuitiv weiter geplaudert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Pr&uuml;fen Sie gelegentlich diese Beobachtungen anhand von Talkshows oder Nachrichten oder Kommentaren. In der Regel tauchen die Botschaften der Bundesregierung nicht hinterfragt auf.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Hoffnungszeichen?<\/strong>\n<ol>\n<li>Wir konnten in den letzten Wochen eine kleine Auflockerung bei einigen Medien beobachten. Auch sogar im konservativen Bl&auml;ttern oder in Bl&auml;ttern und Medien, die der Wirtschaft nahe stehen, findet man inzwischen gelegentlich kritische Kommentare und Berichte.<\/li>\n<li>Die Sanktion\/Abstrafung f&uuml;r die massiven Fehler einer der &bdquo;schlechtesten Regierungen&ldquo; w&uuml;rde verlangen, dass es politische Akteure gibt, die darauf dringen. Dazu m&uuml;sste die bisher noch gr&ouml;&szlig;te Partei der Opposition, die SPD, zur Verf&uuml;gung stehen. Das kann ich leider noch nicht erkennen. Bei der SPD ist der notwendige Durchbruch weder personell noch sachlich erreicht.<br>\nSteinbr&uuml;ck, Steinmeier und vermutlich auch Gabriel sind keine Alternativen. Bei Gabriel konnte man dies nach einigen &Auml;u&szlig;erungen erwarten. Dann wird aber in seinem k&uuml;rzlich erschienenen Beitrag in der FAZ sichtbar, dass auch er sich nicht von den popul&auml;ren Forderungen, zum Beispiel von Sparappellen l&ouml;sen kann.<br>\nAuch sachlich und programmatisch ist die Alternative nicht deutlich genug zu erkennen. Die richtige Alternative ist nicht zu erkennen. \n<p>Mit Blick auf die n&auml;chste Bundestagswahl ist es nicht zu gewagt, festzustellen: wenn sich die SPD nicht von der Agenda 2010 zu l&ouml;sen vermag, wenn sie sich nicht zum Hauptankl&auml;ger oder zumindest zu einem Nebenkl&auml;ger im Konkursverfahren gegen die Neoliberalen aufschwingt, dann wird sie keine schlagkr&auml;ftige Alternative zu Angela Merkel werden.<br>\nNoch hat sie ein bisschen Zeit. Wenn sie es nicht schafft, dann liegt die Hoffnung allein bei der Linken. Dann wird es aber immer nur auf ein m&uuml;hsames Verschieben der Programmatik der etablierten Parteien und der Regierung hinauslaufen. Das ist schade. So ist aber die Realit&auml;t.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Noch ein Wort zum Bundespr&auml;sidenten: er muss gehen.<\/strong>\n<p>Ich will es kurz begr&uuml;nden:<\/p>\n<ol>\n<li>Ein Bundespr&auml;sident, der in dieser Situation vor allem sein Verhalten bei der Behandlung der Aff&auml;re bedauert und nicht die Aff&auml;re selbst, hat gar nicht kapiert, was vorgeht oder er setzt eben auf die Parole: Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt sich&rsquo;s v&ouml;llig ungeniert. &ndash; Einen Bundespr&auml;sidenten, der diese Lebensweise pflegt, brauchen wir aber nicht.<\/li>\n<li>Wir br&auml;uchten einen Bundespr&auml;sidenten, der etwas gegen die sich ausbreitende politische Korruption zu sagen vermag; wir br&auml;uchten jemanden der zum Beispiel die Hintergr&uuml;nde des Scheiterns der Riester-Rente ausleuchtet. Ein Bundespr&auml;sident, der mit einem der Hauptprofiteure der Privatvorsorge, mit Carsten Maschmeyer, eng befreundet ist, kann das nicht.<\/li>\n<li>Wir br&auml;uchten einen Bundespr&auml;sidenten, der die Stimme erhebt, wenn immer wieder die Banken mit Milliarden gerettet werden, aber ansonsten die Spekulation gegen einzelne V&ouml;lker weiter angeheizt wird. Das kann Wulff nicht. Er ist verstrickt. Im konkreten Fall mit Angela Merkel.<\/li>\n<li>Wir br&auml;uchten einen Bundespr&auml;sidenten, der sich gegen die unertr&auml;gliche Spaltung unserer Gesellschaft wendet, der seine Stimme erhebt, wenn die reichsten 10 % immer reicher und die &auml;rmsten 10 % immer &auml;rmer werden. Ein Bundespr&auml;sident, der vor allem mit den Superreichen speist und in ihren H&auml;usern Ferien macht und sich von ihnen die Werbung f&uuml;r seine B&uuml;cher bezahlen l&auml;sst, ist daf&uuml;r ungeeignet.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wulff sollte gehen.\n<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das k&ouml;nnte das gemeinsame Motto von Bundeskanzlerin und Bundespr&auml;sident bei ihren jeweiligen Ansprachen zu Neujahr und zu Weihnachten sein. Jedenfalls ist das ihre Strategie und die Strategie der Parteien und der Koalition, die hinter ihnen stehen. Wir B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger haben keine Sanktionsm&ouml;glichkeit mehr. Auch schlimme Fehler mit verheerenden Folgen werden ausgesessen, Kritik prallt ab.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11707\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,156,11],"tags":[423,339,283,315],"class_list":["post-11707","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-schulden-sparen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-austeritaetspolitik","tag-chauvinismus","tag-finanzmaerkte","tag-merkel-angela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11707"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11707\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24436,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11707\/revisions\/24436"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}