{"id":117190,"date":"2024-06-25T10:05:43","date_gmt":"2024-06-25T08:05:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117190"},"modified":"2025-08-05T11:25:44","modified_gmt":"2025-08-05T09:25:44","slug":"scripted-reality-wie-narrativ-konstruktionen-unser-denken-und-handeln-bestimmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117190","title":{"rendered":"\u201eScripted Reality&#8221; &#8211; Wie Narrativ-Konstruktionen unser Denken und Handeln bestimmen"},"content":{"rendered":"<p>Als ich vor vielen Jahren noch als Drehbuchautorin f&uuml;r das deutsche Fernsehen arbeitete, lernte ich das Format &bdquo;Scripted Reality&ldquo; kennen. Es bedeutet, dass bei einem eher dokumentarischen Format (wie bei Make-Over-Sendungen oder Renovierungs-Shows), wenn die Realit&auml;t zu langweilig, zu wenig emotional, zu wenig strukturiert ist, dieser durch geschriebene Szenen und inszenierte Situationen &bdquo;nachgeholfen&ldquo; wird. In den letzten Jahren habe ich beim Blick auf die Politik und die politische Kommunikation bemerkt, dass hier &auml;hnliche &bdquo;narrative&ldquo; Eingriffe vorgenommen werden &ndash; nicht, um f&uuml;r bessere Unterhaltung zu sorgen (obwohl manchmal aus strategischen Gr&uuml;nden auch), sondern als Machtinstrument, um unsere Wahrnehmung zu formen und in eine gew&uuml;nschte Richtung zu leiten. Im folgenden Essay werde ich das genauer beleuchten. Von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3621\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-117190-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240625-Scripted-Reality-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240625-Scripted-Reality-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240625-Scripted-Reality-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240625-Scripted-Reality-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=117190-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240625-Scripted-Reality-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240625-Scripted-Reality-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wir leben in aufgeregten Zeiten und verwirrenden Zeiten. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass das anders war (oder anders erschien). Ich erinnere mich noch gut an die Zeit als Studentin und Berufsanf&auml;ngerin zwischen 1992 &ndash; 1998, in der ich mir gr&ouml;&szlig;tenteils der politischen Wirklichkeit sicher war. Ich lebte in den Narrativen wie in einem stabilen Geb&auml;ude. Der Westen war gut. Der Fortschritt lief. Demokratie und Kapitalismus waren ein harmonisches Paar. Die Zeiten des Krieges in Europa waren &uuml;berwunden. Die Europ&auml;ische Gemeinschaft wuchs zusammen. Die Welt wurde kontinuierlich freier, verbundener, wohlhabender, besser. Die internationalen Institutionen wie UNO, WTO\/GATT, Weltbank, OSZE, OECD und die EU, ebenso wie unsere Regierungen in (West-)Europa, waren der Freiheit und dem Wohlstand der Bev&ouml;lkerung verpflichtet. Der Kommunismus war &uuml;berwunden, die Sowjetunion aufgel&ouml;st, der Eiserne Vorhang gehoben, Osteuropa befreit, Deutschland wieder vereint und alles auf dem besten Weg. Sicher, es war noch nicht alles perfekt auf der Welt, aber alle (im Westen) arbeiteten nach bestem Wissen und Gewissen daran, die Welt besser und sicherer f&uuml;r alle zu machen.<\/p><p>Als junge Jurastudentin in Hamburg Anfang der 90er Jahre dachte ich tats&auml;chlich so. Ich studierte deutsches und internationales Recht, las den <em>Economist<\/em> und die <em>Monde Diplomatique<\/em>, die <em>ZEIT<\/em> und die <em>S&uuml;ddeutsche<\/em> sowieso. Ich studierte im Ausland (im Rahmen des ERASMUS-Programmes), machte Praktika in Br&uuml;ssel und machte mir Gedanken dar&uuml;ber, wie ich an diesen vielen sch&ouml;nen Fortschrittsprojekten mitarbeiten k&ouml;nnte. Heute sieht die Welt f&uuml;r mich anders aus. Meine und die Perspektive vieler Menschen hat sich ge&auml;ndert. Ist die Welt komplizierter und b&ouml;ser geworden oder wir nur kl&uuml;ger und aufgekl&auml;rter? Oder Beides?<\/p><p>Wir erleben ein Aufbrechen der Narrative, des Narrativs des wohlwollenden Westens, des Narrativs der wohlstandsf&ouml;rdernden Globalisierung, in der die Menschen als globale Gemeinschaft friedlich zusammenleben, des Narrativs der notwendigen Verbindung von Demokratie und Kapitalismus. Und vieler anderer Geschichten mehr.<\/p><p>Wie gehen wir als Gesellschaft damit um? Wir sammeln uns um verschiedene &bdquo;Lagerfeuer&ldquo; (wie es in der Storytelling-Welt hei&szlig;t), bilden &bdquo;Bubbles&ldquo; oder &bdquo;Echokammern&ldquo;, vertrauen verschiedenen Medienarten, manche den &bdquo;Mainstreammedien&ldquo;, andere den &bdquo;alternativen Medien&ldquo;.<\/p><p>Das Misstrauen w&auml;chst und damit die Verschw&ouml;rungstheorien, und viele, die so bezeichnet wurden, stellen sich &uuml;ber kurz oder lang als wahr oder zumindest wahrscheinlich heraus, wie z.B. die Massenabh&ouml;rungen durch die NSA oder die Theorie des Laborursprungs beim Corona-Virus. Gleichzeitig wird die Zensur verst&auml;rkt, zur Unterdr&uuml;ckung von gef&auml;hrlichen Fake News und Hassrede oder der Wahrheit (je nachdem, wie man es sieht).<\/p><p><strong>R&uuml;tteln an den Grundfesten<\/strong><\/p><p>Anbei ein paar Beispiele gesellschaftlicher Narrative, die Grundmuster waren, in denen ich bestimmte politische und gesellschaftliche Themen wahrnahm, ohne sie als solche zu erkennen, und die ich erst im R&uuml;ckblick als &bdquo;Spin&ldquo; oder &bdquo;Narrative Management&ldquo; (wie es im Fachjargon hei&szlig;t) erkannte:<\/p><p><strong>PR-Agenturen als Kriegsvorbereiter: Ein Beispiel aus dem 1990ern<\/strong><\/p><p>Hier geht es um die Narrative und die Rolle von PR-Agenturen, Medien und Politikern im Kosovo-Krieg 1999. Wir erinnern uns: Die NATO, die bis zu diesem Zeitpunkt &uuml;berwiegend ein Verteidigungsb&uuml;ndnis war, plante gef&uuml;hrt von den USA kriegerische Angriffe gegen die Bundesrepublik Jugoslawien (Restrepublik bestehend aus Serbien, Montenegro und dem Kosovo) unter dem Vorwand eines humanit&auml;ren Einsatzes, aber vermutlich aus geostrategischen Machtinteressen. Ohne Aussicht auf ein Mandat der Vereinten Nationen f&uuml;r Luftangriffe auf Belgrad wollten sie, nach dem Scheitern der Friedensverhandlungen von Rambouillet, auf kriegerischem Weg die Serben dazu bringen, eine Abtrennung des Kosovo und die Stationierung von NATO-Truppen in ihrem Staatsgebiet zu akzeptieren. Allerdings war die &ouml;ffentliche Meinung in den europ&auml;ischen L&auml;ndern, insbesondere in Deutschland, gegen einen nicht von der UN sanktionierten und damit v&ouml;lkerrechtswidrigen Kriegseinsatz, der zudem gegen das deutsche Grundgesetz verstie&szlig;. Diese Haltung r&uuml;hrte in Deutschland sicherlich auch aus der historischen Erfahrung des 2. Weltkriegs.<\/p><p>In dieser Situation wurden Mitte Januar 1999 die Vorf&auml;lle im kosovarischen Dorf Ra&#269;ak mit einem Schlag zum globalen Medienereignis. Der US-amerikanische Chef der OSZE-Beobachtermission im Kosovo, William Walker, trat es los, als er medienwirksam vor einer mit Leichen gef&uuml;llten Grube ersch&uuml;ttert erkl&auml;rte, dass ein Massaker von unaussprechlicher Grausamkeit stattgefunden habe und man Beweise f&uuml;r &bdquo;T&ouml;tungen und Verst&uuml;mmelungen unbewaffneter Zivilisten&ldquo; gefunden habe, wobei &bdquo;viele aus extremer Nahdistanz erschossen&ldquo; worden seien. Die massive Medienberichterstattung verbreitete diese Deutung der Ereignisse um die Welt und insbesondere in die Bev&ouml;lkerung der NATO-Staaten und zu ihren politischen Entscheidern.<\/p><p>Anfang der 1990er-Jahre engagierte zun&auml;chst die kroatische Seite und (sp&auml;ter dann auch die bosnische und die albanische) die US-amerikanische PR-Agentur Ruder Finn f&uuml;r den &bdquo;Informationskrieg&ldquo;. Sie trat eine ganze Welle von Pressemeldungen, Presseterminen, Pressematerial los und richtete sogar ein &bdquo;Bosnia Crisis Communication Center&ldquo; ein. Das von dieser Agentur sorgf&auml;ltig und bewusst konstruierte Narrativ von Serbien als neuem Nazideutschland und Slobodan Milosovic als neuem Hitler bildete den fruchtbaren Boden, auf dem jetzt die Darstellung des sehr komplexen B&uuml;rgerkriegs &ndash; mit Kriegshandlungen und Kriegsverbrechen von allen beteiligten Parteien &ndash; als neuer Vernichtungskrieg und V&ouml;lkermord durch die Serben an ihrer eigenen Bev&ouml;lkerung verzerrend dargestellt werden konnte. Die Schemen der schrecklichen Massaker und V&ouml;lkermorde des 2. Weltkriegs wurden beschworen, erstanden wie Geister auf und legten sich &uuml;ber die aktuellen Ereignisse. Das &bdquo;Massaker von Ra&#269;ak&ldquo;, &uuml;ber das tagelang und weltweit ausgiebig berichtet wurde, geriet zum Wendepunkt der NATO-Politik gegen&uuml;ber Belgrad und ver&auml;nderte die &ouml;ffentliche Wahrnehmung in Europa und den USA in Bezug auf Luftangriffe auf Jugoslawien.<\/p><p>Dies erm&ouml;glichte dann Joschka Fischers Rede am 13. Mai 1999, in der die S&auml;tze fielen: &bdquo;Aber ich stehe auf zwei Grunds&auml;tzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder V&ouml;lkermord, nie wieder Faschismus. Beides geh&ouml;rt bei mir zusammen.&ldquo; So begr&uuml;ndete er seine Entscheidung zu der ersten deutschen Beteiligung an einem Angriffskrieg seit dem 2. Weltkrieg.<\/p><p>Vom 24. M&auml;rz 1999 an bombardierte die NATO 78 Tage lang Jugoslawien, bis es im Juni die Stationierung westlicher Soldaten in seiner Krisenprovinz Kosovo akzeptierte.<\/p><p>Als die <em>Berliner Zeitung<\/em> und der <em>Spiegel<\/em> im Januar 2001 davon berichteten, dass sich f&uuml;r das angebliche serbische Massaker an Zivilisten in einem wissenschaftlichen Abschlussbericht finnischer Gerichtsmediziner keine Beweise finden lie&szlig;en und sich weder beweisen lie&szlig;, dass es sich um Zivilisten handelte, noch, dass sie aus n&auml;chster N&auml;he erschossen worden waren (vermutlich waren es Kombattanten, was nat&uuml;rlich der Tragik ihres Todes keinen Abbruch tut) und auch keine Verst&uuml;mmelungen oder sonstige Hinweise auf Grausamkeiten gefunden wurden, war das Kind schon l&auml;ngst in den Brunnen gefallen.<\/p><p>Hier wurde also ein traumatisierendes historisches Ereignis (Holocaust\/Auschwitz, die Vernichtung der deutschen j&uuml;dischen Mitb&uuml;rger und anderer Volksgruppen) als Narrativ &uuml;ber eine aktuelle Situation gelegt und dort, wo der Vergleich nicht passte, durch Verzerrung der Tatsachen und Unterdr&uuml;ckung von Hinweisen passend gemacht, um ein bestimmtes kommunikatives Ergebnis zu erreichen. Damit wurden die Gef&uuml;hle und, insbesondere bei der deutschen Bev&ouml;lkerung und den deutschen Politikern, die Schuldgef&uuml;hle &uuml;ber die schrecklichen Verbrechen in der Nazizeit geweckt und so eine politische Entscheidung erreicht, die es ohne dieses manipulierende Narrativ mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit nicht gegeben h&auml;tte.<\/p><p><strong>Ein anderes Beispiel aus dem Bereich der Wirtschaftspolitik: Wie frei ist der Freihandel?<\/strong><\/p><p>In diesem Narrativ geht um den Kapitalismus, oder noch spezieller den Neoliberalismus als Erfolgsmodell. Wie der renommierte Cambridge-&Ouml;konom Ha-Joon Chang in seinem Buch &bdquo;23 L&uuml;gen, die sie uns &uuml;ber den Kapitalismus erz&auml;hlen&ldquo; nachzeichnet, handelt es sich bei der &bdquo;Idee des freien Marktes&ldquo;, die besagt, dass die M&auml;rkte, wenn man sie nur in Ruhe l&auml;sst, die effizientesten und gerechtesten Ergebnisse herbeif&uuml;hren und staatliche Interventionen die Effizienz der M&auml;rkte dagegen nur bremsen w&uuml;rden, um ein Narrativ, das mit der Wirklichkeit wenig gemeinsam hat. Wie kommt er darauf?<\/p><p>Zun&auml;chst einmal argumentiert er, dass die Pr&auml;misse dieser Idee (er spricht sogar von &bdquo;Ideologie&ldquo;), n&auml;mlich das Ausgehen von der Existenz eines komplett &bdquo;freien Marktes&ldquo;, also eines Marktes ohne Regeln und Grenzen, die die Wahlfreiheit einschr&auml;nken, falsch ist, da es einen solchen &uuml;berhaupt nicht gibt und geben kann.<\/p><p>Im n&auml;chsten Schritt &uuml;berpr&uuml;ft er die Beweisf&uuml;hrung f&uuml;r das Erfolgsmodell &bdquo;freier Markt&ldquo;: Hier wird von den Vertretern der Ideologie die Methode der geschickten Auswahl des historischen Ausschnitts angewendet, um die Wirklichkeit zu verzerren und so die eigene Deutung als alternativlos zu pr&auml;sentieren: Mit einigen wenigen Ausnahmen wurden alle heutigen reichen Industrienationen &ndash; inklusive Gro&szlig;britannien und die USA &ndash; nur reich durch eine Kombination von starkem Protektionismus, Subventionen und anderen staatlichen Ma&szlig;nahmen, von denen der Westen (zum Beispiel in Form von Vorgaben der Weltbank und IMF) heute den Entwicklungs- und Schwellenl&auml;ndern stark abr&auml;t. Erst als die Industrien in diesen L&auml;ndern &ndash; auch mithilfe dieses starken Protektionismus und der staatlichen Eingriffe &ndash; ihren Konkurrenten in anderen L&auml;ndern stark &uuml;berlegen waren, wurden die Zolltarife, Subventionen und staatlichen Investitionen heruntergeschraubt. Wenn hier also der zeitliche Ausschnitt so gew&auml;hlt wird, dass man das Ausma&szlig; von staatlichen Eingriffen erst in der wirtschaftlichen Erfolgsphase betrachtet, l&auml;sst sich das Narrativ von dem Erfolgsmodell &bdquo;freie Wirtschaft&ldquo; und &bdquo;Freihandel&ldquo; aufrechterhalten. Es entspricht aber nicht der Realit&auml;t.<\/p><p>Auf einen weiteren Fall eines dominanten Narrativs, das so &uuml;berzeugend ist, dass ich es als Erz&auml;hlung gar nicht wahrnahm und deswegen kaum hinterfragte, stie&szlig; ich durch ein sehr interessantes und bewegendes Buch, das ich in den fr&uuml;hen 2000er-Jahren las:<\/p><p><strong>So, wie wir waren<\/strong><\/p><p>In dem wunderbar geschriebenen Geschichtsbuch &bdquo;Zu einer anderen Zeit&ldquo; (Originaltitel: &bdquo;The Pity of it All&rdquo;) von 2002 beschreibt der israelische Journalist und Schriftsteller Amos Elon den entscheidenden Einfluss, den j&uuml;dische deutsche M&auml;nner und Frauen auf einige der wichtigsten kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts in Deutschland hatten und wie intellektuell und emotional eng sie mit der deutschen Geschichte verflochten sind. Insbesondere ihre entscheidende Rolle im Rahmen der 1848er Revolution als Politiker, Journalisten, Rechtsanw&auml;lte, Schriftsteller und K&auml;mpfer war mir vor der Lekt&uuml;re des Buches kaum bewusst. Erst beim Lesen wurde mir klar, wie sehr ich die &bdquo;Abspaltung&ldquo; der Deutschen j&uuml;discher Herkunft und j&uuml;dischen Glaubens von dem Rest der Bev&ouml;lkerung, die durch die Ideologie der Nationalsozialisten, die Rassengesetze und sp&auml;ter den Holocaust erfolgte, historisch r&uuml;ckwirkend auch auf die Jahre und Jahrhunderte davor &bdquo;projiziert&ldquo; hatte. Und mir wurde klar, wie wenig ich &uuml;ber die bewundernswerten demokratischen Bestrebungen deutscher (christlicher, j&uuml;discher, agnostischer) M&auml;nner und Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts wusste, weil ich, wie viele Menschen, die in der Bundesrepublik aufwuchsen, so wenig &uuml;ber unsere eigene demokratische Tradition gelernt hatte.<\/p><p>Der Fokus unserer allgemeinen historischen Bildung (ich spreche nat&uuml;rlich nicht von Historikern, sondern von uns Laien) war in der Schulausbildung und im &ouml;ffentlichen Diskurs so stark auf die autorit&auml;ren und diktatorischen Epochen der deutschen Geschichte fokussiert, dass diese Tradition und die Menschen, die sie schufen, fast darin untergegangen waren. Nun kann man sicher &uuml;ber all diese Fragen zu verschiedenen Einsch&auml;tzungen, Gewichtungen und Bewertungen kommen. Was aber wichtig ist und an diesem Beispiel gut sichtbar, ist, dass eine andere Perspektive auf unsere eigenen demokratischen Traditionen und auf die Geschichte der j&uuml;dischen Deutschen m&ouml;glich ist.<\/p><p><strong>Wir leben in Geschichten, wie Fische im Wasser leben<\/strong><\/p><p>Die Besch&auml;ftigung mit Storytelling und die Analyse gesellschaftlicher Narrative sind also keine nette Nebensache, keine Liebhaberei (das nat&uuml;rlich auch), kein spezielles, aber abseitiges kommunikationstheoretisches Nischenthema, sondern sie dienen dazu, zu erkennen, wie diese Narrative und ihr manipulativer Einsatz wichtige Haltungen und Einsch&auml;tzungen der Menschen und damit auch wichtige Entscheidungen im Bereich Politik und Wirtschaft beeinflussen.<\/p><p>Es gibt einen Witz, in dem zwei Fische einen Badegast belauschen, der ausruft: &bdquo;Oh, ist das Wasser sch&ouml;n heute!&ldquo; Der eine Fisch sagt darauf zu dem anderen: &bdquo;Was ist Wasser?&ldquo;.<\/p><p>Auch wir schwimmen in Narrativen wie Fische im Wasser und sind uns dieses unsichtbaren Umfeldes oft nicht bewusst. Ich w&uuml;nsche mir, dass die kritische, aber auch konstruktive Besch&auml;ftigung mit Narrativen und Narrativ-Konstruktionen dazu f&uuml;hren wird, das gesellschaftliche Bewusstsein &uuml;ber diese Techniken und Prozesse zu st&auml;rken. Denn solange wir nicht wissen, dass es diese Ebene &uuml;berhaupt gibt, oder zu wenig dar&uuml;ber wissen, wie sie funktioniert, sind wir manipulierbar und k&ouml;nnen nicht zu freien und fundierten Entscheidungen kommen, die wir als B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen dieser Welt treffen m&uuml;ssen, damit Demokratie funktioniert.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Zapp2Photo<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117043\">Propaganda-Taktiken: Der Primacy-Effekt &ndash; oder die Macht des ersten Eindrucks<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116908\">Wie aus &bdquo;Zensur&ldquo; der &bdquo;Kampf gegen Desinformation&ldquo; wurde: Eine deutsche Geschichte in sechs Schritten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116707\">Propaganda und Storytelling: Auf welche Bedrohungen reagieren wir besonders stark?<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor vielen Jahren noch als Drehbuchautorin f&uuml;r das deutsche Fernsehen arbeitete, lernte ich das Format &bdquo;Scripted Reality&ldquo; kennen. 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