{"id":11721,"date":"2011-12-29T09:45:55","date_gmt":"2011-12-29T08:45:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11721"},"modified":"2015-01-01T10:52:13","modified_gmt":"2015-01-01T09:52:13","slug":"perfekte-meinungsmache-strategie-zur-vorbereitung-der-stimmung-im-neuen-jahr-und-zum-kontrast-gabriels-finger-im-wind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11721","title":{"rendered":"Perfekte Meinungsmache-Strategie zur Vorbereitung der Stimmung im neuen Jahr. Und zum Kontrast: Gabriels Finger im Wind."},"content":{"rendered":"<p>Spiegel online ist ein wichtiges Leitmedium f&uuml;r Journalistinnen\/en und Multiplikatoren. Wie das Amen in der Kirche erscheinen zum Jahreswechsel <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/0,1518,805944,00.html\">Artikel<\/a> zur Pr&auml;gung der Hauptbotschaft A: &sbquo;Uns geht es gut; wir, wir Deutschen, die Wirtschaft und die Bundesregierung sind erfolgreich.&rsquo; Dazu gesellt sich die &bdquo;hebelnde&ldquo; Botschaft B: &sbquo;Wir sind viel besser als die andern&ldquo;. Damit soll immer wieder gelernt werden, wie gut wir sind. Wenn man Beeinflussungsdiagramme erstellen k&ouml;nnte, dann k&ouml;nnte man sehen, wie sich die Spiegel online Botschaft &bdquo;Deutsche Wirtschaft trotzt der Krise&ldquo; in den anderen Medien breitmacht. Es w&auml;re toll, wenn Medienwissenschaftler und Politologen so etwas einmal recherchieren w&uuml;rden. Tun sie aber nicht. Das ist nicht fein genug. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>I. Die Verbreitung der Botschaft, es gehe uns herausragend gut, ist eine zentrale strategische Aufgabe sowohl f&uuml;r die Rechtfertigung der neoliberalen Ideologie als auch f&uuml;r das politische Standing der Bundesregierung und der sie tragenden Koalition. Diese &bdquo;Basismanipulation&ldquo; der neoliberalen Bewegung und der sie in Deutschland tragenden Koalition ist vermutlich professionell geplant.<\/strong><\/p><p>Die neoliberalen Kr&auml;fte m&uuml;ssen mit allen Mitteln die These untermauern, dass die Reformpolitik der letzten 10 Jahre, dass die Agenda 2010 und die zuvor gelaufene Politik der Regierung Kohl und Lambsdorff erfolgreich waren. Nur dann k&ouml;nnen sie fortfahren auf dieser Linie und uns auch noch die Variation einer Agenda 2020 aufdr&uuml;cken. <\/p><p>Das M&auml;rchen vom Erfolg f&uuml;r <strong>uns<\/strong> ist zugleich die Basis des gelingenden Versuchs der Regierung Merkel, anderen V&ouml;lkern diesen Weg aufzun&ouml;tigen und damit wiederum die Richtigkeit der eigenen Linie zu dokumentieren.<\/p><p><strong>Die Hauptaussage des Artikels von Spiegel online ist nicht einmal durch die im Artikel pr&auml;sentierten Daten belegt<\/strong><\/p><p>Unter der Dachzeile &bdquo;Aussichten f&uuml;r 2012&ldquo; behauptet Spiegel online, die &bdquo;Deutsche Wirtschaft trotzt der Krise&ldquo;. Weiter hei&szlig;t es: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Der Euro kriselt, die Konjunktur schw&auml;chelt weltweit, die wirtschaftlichen Aussichten f&uuml;r 2012 sind also tr&uuml;be. Eigentlich. Denn die deutschen Unternehmen lassen sich nicht ersch&uuml;ttern: Die meisten Branchen erwarten ein erfolgreiches Jahr. Einzig die Banker sehen schwarz.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Im Kleingedruckten steht dann, dass 26 von 46 vom IW befragten Verb&auml;nden von leicht steigenden Ums&auml;tzen ausgehen, neun Branchen rechnen mit stabilen Ums&auml;tzen, die restlichen elf mit einem R&uuml;ckgang. Dass man auf der Basis dieser Befragungsergebnisse behauptet, die deutsche Wirtschaft trotze der Krise und einzig die Banker w&uuml;rden schwarz sehen, ist eine beachtliche Interpretationleistung. <\/p><p>Man kann sich diese Verf&auml;lschung leisten, weil man davon ausgehen kann, dass die meisten Multiplikatoren und Journalisten nur die &Uuml;berschrift lesen und nicht die Fakten pr&uuml;fen. Wenn man weiter liest, dann erf&auml;hrt man auch noch, dass die H&auml;lfte der Branchenverb&auml;nde meinen, die Stimmung in ihren Mitgliedsunternehmen sei derzeit schlechter als vor einem Jahr. Auch damit kann man die &Uuml;berschrift &bdquo;Deutsche Wirtschaft trotzt der Krise&ldquo; wohl kaum st&uuml;tzen. Tats&auml;chlich geht es vielen Unternehmen nicht gut &ndash;vor allem solchen nicht, die f&uuml;r den Binnenmarkt produzieren. Die Ums&auml;tze des Einzelhandels z.B. liegen &ndash; nach Abzug der Preissteigerungen &ndash; unter jenen von 2005 und sogar unter jenen von 1998. Siehe hier:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/111228-Basismanipulation-Aussichten-fuer-2012.gif\" alt=\"Ums&auml;tze des Einzelhandels\" title=\"Ums&auml;tze des Einzelhandels\"><\/p><p>Die Meinung &uuml;ber die Lage der Wirtschaft wird im Institut der deutschen Wirtschaft und wohl auch beim damit verbundenen Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im wesentlichen von der Exportwirtschaft gemacht. Diese ist aber nicht repr&auml;sentativ f&uuml;r <strong>die<\/strong> deutsche Wirtschaft. <\/p><p>Selbst bei der Exportwirtschaft d&uuml;rften die erhobenen Daten noch gesch&ouml;nt sein. Niemand kann objektiv kontrollieren, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zu seinen Daten und Interpretationen kommt.<\/p><p><strong>Auch bei der Auswahl und Nutzung der Quellen und Testimonials geht Spiegel online davon aus, dass seine Leser keine Ahnung haben und deshalb die Quellen nicht zu- und einordnen k&ouml;nnen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Das Institut der Deutschen Wirtschaft, das selbstverst&auml;ndlich ein Lobbyinstitut ist, wird wie eine seri&ouml;se Quelle behandelt.<\/li>\n<li>Sein Direktor Michael H&uuml;ther wird als Zeitzeuge pr&auml;sentiert, so als w&auml;re er nicht der Ausbund massiver Interessenvertretung. Man kann diese Handhabung nicht alleine Spiegel online ankreiden. Es ist inzwischen &uuml;blich geworden, Personen wie Michael H&uuml;ther als objektive Experten zu zitieren. Das gilt auch f&uuml;r andere parteiische Experten wie etwa den fr&uuml;heren CDU Funktion&auml;r Gerd Langguth. Er wird auf allen Kan&auml;len, auch im Spiegel, schlicht als Politologe vorgestellt, ohne jeglichen Hinweis auf seine Vergangenheit und Parteilichkeit.<\/li>\n<li>Die meisten Leser werden auch den von SPON zitierten Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz nicht einordnen k&ouml;nnen. Er vertritt seit langem eindeutig die Position der deutschen Wirtschaft.<\/li>\n<li>Und dann wird auch noch Philipp R&ouml;sler damit zitiert, dass er die Lage der deutschen Wirtschaft trotz der schwierigen Rahmenbedingungen f&uuml;r unproblematisch h&auml;lt. Die Wirtschaft sei robust, meint der Bundeswirtschaftsminister.<\/li>\n<\/ul><p>Damit haben wir eine Palette von Quellen, die alles andere als objektiv sind. Aber das macht nichts. Nur wenige verm&ouml;gen die Quellen &ndash; hier mit Ausnahme von R&ouml;sler &ndash; zuzuordnen.<\/p><p><strong>Was sind schon 0,5 % Wachstum? <\/strong><\/p><p>Dass der so genannte Wirtschaftsweise auf der Basis von 0,5 % keine Rezession bef&uuml;rchtet, ist so oder so erstaunlich. Vermutlich wird das Bruttoinlandsprodukts des Jahres 2011 nicht wesentlich &uuml;ber jenem von 2008 liegen. Die hohe Arbeitslosigkeit verbunden mit einem gewaltig wachsenden Niedriglohnsektor sind jedenfalls keine Zeichen f&uuml;r ein erfolgreiches Jahr.<\/p><p>Bei solchen Wertungen wird davon abgesehen, das Siechtum des Wohlstands und Anteils an der Wertsch&ouml;pfung, den die arbeitenden Menschen erzielen, au&szlig;en vor zu lassen. Diese werden von Herrn Professor H&uuml;ther nicht befragt. Aber mit den von ihm und anderen abgegebenen Wertungen und Interpretationen werden wir in einen Zustand des &ouml;konomischen Erfolgs gemogelt. Sie werden es erleben, wie dann Anfang Januar auch auf der Basis und &ndash; wenn es nach fr&uuml;heren Gebr&auml;uchen geht &ndash; auch mit Unterst&uuml;tzung des statistischen Bundesamtes die Wachstumsraten f&uuml;r das Jahr 2011 pr&auml;sentiert und interpretiert werden. <\/p><p>Das ist eine klar erkennbare Strategie der konservativen und neoliberal eingef&auml;rbten Kreise. Sie haben jedenfalls eine Strategie.<\/p><p><strong>II. Von Strategie kann auf Seiten der etablierten politischen Opposition nicht die Rede sein. Jedenfalls ist nichts von einem eigenst&auml;ndigen Versuch zu sp&uuml;ren. Dort wird offensichtlich nicht voraus gedacht, sondern in weiten Bereichen der Politik mit dem Finger im Wind die Stimmung zu erfassen versucht und die eigene Politik daran orientiert.<\/strong><\/p><p><strong>Zwei Beispiele aus der letzten Zeit:<\/strong><\/p><ol>\n<li>Der SPD-Vorsitzende Gabriel fordert Sparen, wirbt f&uuml;r die Schuldengrenze und kann auch seinerseits den herablassenden Umgang mit s&uuml;deurop&auml;ischen V&ouml;lkern nicht lassen. Auch er suggeriert, dass es hierzulande wirtschaftlich gut gehe. Zum <a href=\"?p=11585\">Beispiel in der FAZ<\/a>.<\/li>\n<li>Der SPD-Vorsitzende wolle den angeschlagenen Bundespr&auml;sidenten Wulff im Amt behalten, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,druck-805793,00.html\">meldeten die Medien<\/a> am 26. Dezember. Er bef&uuml;rchte eine Staatskrise, sollte der Bundespr&auml;sident Wulff und damit der zweite nach K&ouml;hler innerhalb kurzer Zeit zur&uuml;ck treten. Das ist angesichts der Tatsache, dass die Staatskrise eher eintritt, wenn ein solch von Interessen abh&auml;ngiger Mensch Bundespr&auml;sident bleibt, eine wirklich alberne Einlassung des Vorsitzenden einer gro&szlig;en Partei.<\/li>\n<\/ol><p>Sie w&auml;re so zu erkl&auml;ren, dass die Redenschreiber von Gabriel und die damit verbundenen &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; Strategen sich daran orientieren, was angeblich das Volk will. Umfragen belegten angeblich, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland den R&uuml;cktritt von Wulff nicht verlangte. Sich an solchen Umfragen zu orientieren ist h&ouml;chst fragw&uuml;rdig. Zum einen w&auml;re es die Funktion des Vorsitzenden der gr&ouml;&szlig;ten Oppositionspartei, in einer solchen Frage meinungsf&uuml;hrend und meinungspr&auml;gend t&auml;tig zu werden. Zum andern ist es leichtfertig, sich bei diesem Thema an Umfragen zu orientieren, weil ihre Ergebnisse sich sehr schnell &auml;ndern k&ouml;nnen und au&szlig;erdem einige von ihnen von vornherein nicht zur Erhebung der Meinung sondern zur Beeinflussung der Meinung veranstaltet werden.<\/p><p>Der SPD-Vorsitzende Gabriel steht mit seiner seltsamen Strategie nicht alleine. Das ist Usus in der SPD F&uuml;hrung der heutigen Zeit. Damit erweist sie sich als sehr viel schw&auml;cher als die herrschende Koalition und die herrschende Ideologie. Man muss ihr allerdings zugute halten, dass die von Angela Merkel angef&uuml;hrte Strategie der Meinungspr&auml;gung ohne R&uuml;cksicht auf die Fakten nur dann so m&ouml;glich ist, wenn man in den Medien &uuml;ber die n&ouml;tigen Bataillone verf&uuml;gt. Das gilt f&uuml;r Angela Merkel und ihren Zirkel. Siehe auch: <a href=\"?p=11707\">&bdquo;Ist der Ruf erst ruiniert,  dann lebt sich&rsquo;s v&ouml;llig ungeniert&ldquo;<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiegel online ist ein wichtiges Leitmedium f&uuml;r Journalistinnen\/en und Multiplikatoren. Wie das Amen in der Kirche erscheinen zum Jahreswechsel <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/0,1518,805944,00.html\">Artikel<\/a> zur Pr&auml;gung der Hauptbotschaft A: &sbquo;Uns geht es gut; wir, wir Deutschen, die Wirtschaft und die Bundesregierung sind erfolgreich.&rsquo; Dazu gesellt sich die &bdquo;hebelnde&ldquo; Botschaft B: &sbquo;Wir sind viel besser als die andern&ldquo;. Damit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11721\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,139,11],"tags":[546,550,1544,420],"class_list":["post-11721","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-euro-und-eurokrise","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bdi","tag-iw","tag-kampagnenjournalismus","tag-spiegel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11721"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11721\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11726,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11721\/revisions\/11726"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}