{"id":117345,"date":"2024-06-30T13:00:14","date_gmt":"2024-06-30T11:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117345"},"modified":"2024-07-23T11:02:30","modified_gmt":"2024-07-23T09:02:30","slug":"das-scheitern-gruener-utopien-und-der-elefant-im-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117345","title":{"rendered":"Das Scheitern gr\u00fcner Utopien und der Elefant im Raum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ingolfur Bl&uuml;hdorn<\/strong> prophezeit eine &bdquo;andere Moderne&ldquo;, die nur ein erneuter Versuch w&auml;re, den Widerspr&uuml;chen des Neoliberalismus die Spitze abzubrechen. Bl&uuml;ht uns ein noch st&auml;rkeres Durchregieren des Staates als bisher und eine noch rigidere Trennung zwischen Oben und Unten, Drinnen und Drau&szlig;en? Eine Buchrezension von<strong> Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6183\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-117345-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240630_Das_Scheitern_gruener_Utopien_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240630_Das_Scheitern_gruener_Utopien_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240630_Das_Scheitern_gruener_Utopien_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240630_Das_Scheitern_gruener_Utopien_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=117345-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240630_Das_Scheitern_gruener_Utopien_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240630_Das_Scheitern_gruener_Utopien_und_der_Elefant_im_Raum_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wie gr&uuml;ne Utopien an der Realit&auml;t scheitern, ist ja sp&auml;testens mit der Europawahl offensichtlich geworden. Mit seinem Buch &bdquo;Unhaltbarkeit&ldquo; hat Ingolfur Bl&uuml;hdorn, Leiter des Instituts f&uuml;r Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversit&auml;t Wien, das nicht nur prognostiziert, sondern auch auf bemerkenswerte Weise die Gr&uuml;nde analysiert. Der Politikwissenschaftler, 1964 im M&uuml;nsterland geboren, geht sogar noch weiter, indem er es f&uuml;r m&ouml;glich h&auml;lt, &bdquo;dass die westliche Moderne und ihre grundlegenden Normen der Freiheit, des selbstbestimmten Subjekts, der Menschenrechte, der Demokratie, der offenen Gesellschaft etc. sich einmal &uuml;berleben&ldquo; k&ouml;nnten. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>So zugespitzt formuliert klingt das schockierend, ist aber in der Gesellschaftstheorie nicht neu. Bereits 1986 hat Ulrich Beck (1944 &ndash; 2015) in seinem Buch &bdquo;Risikogesellschaft&ldquo; vor dem Hintergrund grenz&uuml;berschreitender Umweltprobleme und der Globalisierung vom &bdquo;Weg in eine andere Moderne&ldquo; gesprochen. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] In Reichweite auf meinem B&uuml;cherregal steht seit 2019 auch &bdquo;Das Ende der Illusionen&ldquo; von Andreas Reckwitz, der von Gewinnern und Verlierern der &bdquo;Modernisierung&ldquo; sprach und Ver&auml;nderungen hin zu einem &bdquo;einbettenden Liberalismus&ldquo; als Reaktion auf die Krise der &bdquo;Sp&auml;tmoderne&ldquo; beschrieb. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Dabei lie&szlig; er sich nicht auf m&ouml;gliche politische Akteure festnageln, so wie auch Ingolfur Bl&uuml;hdorn das Rechts-links-Schema meidet, nicht von Gr&uuml;n oder sonstigen Signalfarben spricht, sondern lieber auf der H&ouml;he der Theorie bleibt.<\/p><p>Es ist kein Buch, das man nur zu &uuml;berfliegen braucht, sondern eines, das vielleicht gar mehrfach gelesen sein will. Wer sich dieser Lekt&uuml;re zuwendet, den wird sie nicht loslassen, gerade weil sie in einem selbst viele Fragen hinterl&auml;sst und damit eigenes gesellschaftstheoretisches Wissen aktiviert. Auch wenn man irritiert wird auf ungewohnten Gedankenbahnen, erst einmal offeriert der Autor ein gro&szlig;es Denkangebot, das &ndash; wie bei jeglicher Literatur &ndash; vor dem Hintergrund eigener Befindlichkeiten zu verarbeiten ist. <\/p><p><strong>Auch beim Nachhaltigkeitskonzept ging es um Profit<\/strong><\/p><p>&bdquo;Das Selbstverst&auml;ndnis der vermeintlich fortschrittlichen Gesellschaften der Welt br&ouml;ckelt. Ihr Bewusstsein der moralischen &Uuml;berlegenheit und wirtschaftlich-politischen Vorherrschaft wird zunehmend unhaltbar. Der &sbquo;freie Westen&lsquo; und seine &sbquo;offenen Gesellschaften&lsquo; verlieren gegen&uuml;ber autorit&auml;ren Regimen zunehmend an Bedeutung beziehungsweise werden selbst zunehmend postdemokratisch.&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] So sch&ouml;n die Vorstellung w&auml;re, eine &bdquo;transformierte, sozial, milit&auml;risch und &ouml;kologisch befriedete (Welt-)Gesellschaft&ldquo; k&ouml;nnte sich verwirklichen lassen&ldquo;, ein &bdquo;gutes Leben f&uuml;r alle&ldquo; bleibt Utopie. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Um diese Utopie geht es hier nicht. Statt ans Sollen, W&uuml;nschen, Hoffen zu appellieren, sucht dieses Buch den n&uuml;chternen Befund. Aus einer Verschr&auml;nkung von Krisen trachtet das herrschende System sich irgendwie herauszuwinden. Auch beim Nachhaltigkeitskonzept ist es doch &ndash; wie immer schon &ndash; um Profit, um Stabilisierung der Machtverh&auml;ltnisse und der in die Krise geratenen westlichen Moderne gegangen. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer. Immer offensichtlicher wird zudem, wie in sich selbst widerspr&uuml;chlich die gr&uuml;nen Forderungen sind &ndash; auf eine geradezu absurde Weise. Wie kann eine Umweltpartei zugleich Kriegspartei sein? So polemisch konkret wird Bl&uuml;hdorn nicht, aber jeder hat gen&uuml;gend eigene Erfahrungen parat. Auch was die sozialen Lasten und Verwerfungen betrifft. &bdquo;Ich wei&szlig;, sie tranken heimlich Wein und predigten &ouml;ffentlich Wasser &ldquo; &ndash; das Zitat aus Heinrich Heines &bdquo;Deutschland, ein Winterm&auml;rchen&ldquo; passt dazu, dass vornehmlich die Kleinen und nicht die Gro&szlig;en zu Entbehrungen aufgerufen werden. <\/p><p>Und was die offene Gesellschaft betrifft, autorit&auml;res Gehabe war und ist doch schon der Ampel-Koalition nicht fremd. Antidemokratische Tendenzen und Ausgrenzung gibt es allenthalben. Wenn Bl&uuml;hdorn von einer &bdquo;Brutalisierung sozialer K&auml;mpfe um Anerkennung&ldquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] spricht, denkt man wohl eher an die &bdquo;Blase&ldquo; der &bdquo;Kreativen&ldquo;. Aber weil die Individuen unter den Bedingungen des Neoliberalismus immer unbarmherziger gegeneinander gehetzt werden, ist die Konkurrenz um Teilhabe allgemein und existenziell. <\/p><p><strong>Reichtum hinterm Nebelvorhang<\/strong><\/p><p>&bdquo;Wenn das Wachstum an Grenzen st&ouml;&szlig;t, die Anspr&uuml;che und Erwartungen aber weiter steigen, wird die Frage virulent, wer woran weiter teilhaben darf, wo die Grenzen gezogen werden sollen, und wer oder was ausgegrenzt werden muss.&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Hinter dieser kalten abstrakten Formulierung vermutet man das Thema Migration, das Bl&uuml;hdorn wohl so direkt nicht ansprechen wollte. Wenn die Marktwirtschaft ihren sozialen Mantel abstreift, wachsen in immer gr&ouml;&szlig;eren Teilen der Bev&ouml;lkerung Verlust&auml;ngste, die dann irgendwie abreagiert werden: die Schwachen gegen die Schw&auml;cheren. Der Bereich, wo so viel vorhanden w&auml;re, dass nicht einmal alles verteilt werden m&uuml;sste, um f&uuml;r Humanit&auml;t und Gerechtigkeit zu sorgen, ist dabei hinter einem Nebelvorhang versteckt. <\/p><p>Wie Jens Berger in seinem Buch &bdquo;Wem geh&ouml;rt Deutschland?&ldquo; analysiert (jetzt in einer vollkommen &uuml;berarbeiteten Neuauflage erschienen), erfassen die Beh&ouml;rden n&auml;mlich &bdquo;keine statistischen Daten zum Reichtum&ldquo;. W&auml;hrend die Armen &bdquo;statistisch gr&uuml;ndlich durchleuchtet werden&ldquo;, wei&szlig; Deutschland &bdquo;&uuml;ber seine Reichen so gut wie nichts&ldquo;. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] &bdquo;Das Verm&ouml;gen der 226 wohlhabendsten deutschen Familien ist 15-mal so gro&szlig; wie das Verm&ouml;gen der unteren 40 Millionen Deutschen zusammen und ungef&auml;hr so gro&szlig; wie das Verm&ouml;gen der unteren zwei Drittel.&ldquo; [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Durch die Folgen von Corona und Wirtschaftskrieg geht die Schere noch weiter auseinander. &bdquo;W&auml;hrend in der Belle Etage also trotz Corona die Champagnerkorken knallten, reichte es im Erdgeschoss nicht einmal f&uuml;r ein stilles Wasser.&ldquo; [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Den neoliberalen &bdquo;Angriff auf den Wohlfahrtsstaat&ldquo; registriert Bl&uuml;hdorn durchaus, zugleich aber stellt er fest, dass &bdquo;sich der sogenannte Sp&auml;tkapitalismus als erstaunlich anpassungsf&auml;hig&ldquo; erwiesen hat. Das Buch wirkt auch deshalb so stark, weil Verstand und Gef&uuml;hl beim Lesen immer wieder aneinandergeraten. Auch wenn man Bl&uuml;hdorns Diagnosen f&uuml;r plausibel h&auml;lt, f&uuml;hlt man sich mit ihnen oft nicht wohl. Er geht von den bestehenden Verteilungsverh&auml;ltnissen aus, weil er nicht glaubt, dass Kritik daran etwas &auml;ndern w&uuml;rde. Mir aber wird beim Lesen bewusst, dass ich eine andere, bessere Perspektive im Herzen trage, sei sie nun realistisch oder nicht. <\/p><p>&bdquo;Die Verteilungsfrage ist der Elefant im Raum: Sie ist &uuml;bergro&szlig; und jeder sieht sie, doch niemand wagt es, dieses &uuml;bergro&szlig;e Problem anzusprechen oder gar anzugehen&ldquo;, stellt Jens Berger fest.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]  Ingolfur Bl&uuml;hdorn sieht diesen &bdquo;Elefanten&ldquo; zweifellos auch, versucht aber gleich gar nicht, mit ihm zu k&auml;mpfen. Stattdessen spricht er vom Eigeninteresse weiter Teile der Bev&ouml;lkerung, allem zum Trotz den eigenen Lebensstandard und den gesellschaftlichen Wohlstand zu verteidigen, und verweist auf eine &Uuml;berforderung des Staates, diesen Erwartungen gerecht werden zu k&ouml;nnen. (was doch wohl auch an den Kriegsausgaben liegt, mit denen es so nicht weitergehen darf) Sowieso f&uuml;hlten sich immer gr&ouml;&szlig;ere Teile der Gesellschaft von den politischen Institutionen nicht mehr repr&auml;sentiert. Warum das so ist, hat aber eben sozial-&ouml;konomische Gr&uuml;nde, die durch eine vern&uuml;nftige Politik und mehr Verteilungsgerechtigkeit angegangen werden k&ouml;nnten.<\/p><p><strong>Autokratisch-autorit&auml;r als unab&auml;nderliches Schicksal?<\/strong><\/p><p>&bdquo;F&uuml;r die n&auml;chste Gesellschaft l&auml;sst sich entsprechend vermuten, dass sie nicht nur weiterhin kapitalistisch und gemessen an bisherigen Nachhaltigkeitsnormen weiterhin nicht-nachhaltig sein wird, sondern drittens auch autokratisch-autorit&auml;r &ndash; und zwar nicht nur, weil das von au&szlig;en erzwungen wurde, sondern ebenso, weil sich von innen ein entsprechendes Verlangen herausbildet.&ldquo; [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] Dass es ein Verlangen nach Stabilit&auml;t und Sicherheit w&auml;re, sei hinzugef&uuml;gt, das mit dem Gerechtigkeitsgedanken verbunden sein m&uuml;sste. Andererseits k&auml;me man vom Regen in die Traufe. &bdquo;Das westliche Bekenntnis zu universellen Rechten und Werten war &hellip; immer schon doppelb&ouml;dig.&ldquo; [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] Die liberale repr&auml;sentative Demokratie sei nie demokratisch im Sinne der Souver&auml;nit&auml;t des Volkes gewesen, sondern war immer eine Elitenherrschaft, meint Bl&uuml;hdorn zu Recht. Doch muss man deshalb das Kind mit dem Bade aussch&uuml;tten? W&auml;re das (noch) vorhandene Ma&szlig; an Freiheit in diesem Land nicht der Verteidigung wert? <\/p><p>Zuzustimmen ist dem Autor, dass sp&auml;tmoderne Gesellschaften zunehmend schwierig politisch zu steuern sind, zumal immer mehr gesellschaftliche Gruppen und Minderheiten um Beteiligungsrechte k&auml;mpfen und in der medialen &Ouml;ffentlichkeit einen so prominenten Platz bekommen, dass die offiziell verfasste Politik nur noch reaktiv agieren kann. Eine &Uuml;berforderung und &Uuml;berlastung g&auml;be es auch auf Seiten der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, von denen sich viele in erster Linie w&uuml;nschen, in einem geregelten Umfeld ruhig zu leben.<\/p><p>Wobei mich bei der Lekt&uuml;re der Gedanke fesselte, wie gerade jene, die eine solche autokratische Wende am wenigsten wollen, dieser durch &Uuml;bertreibung ihres Aktivismus zuarbeiten. Da bin ich dem Autor f&uuml;r den Begriff &bdquo;Hyperpolitisierung&ldquo; [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] dankbar, bez&uuml;glich sozialer Bewegungen, die wohl ihre Ideale haben, aber denjenigen auf die Nerven gehen, denen an privater &bdquo;Normalit&auml;t&ldquo; gelegen ist. Die autorit&auml;ren Transformationen kommen ja, wie Ulrich Beck schon Mitte der Achtzigerjahre formulierte, &bdquo;auf den leisen Sohlen der Normalit&auml;t&ldquo; daher. [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]<\/p><p>Zitat Andreas Reckwitz: &bdquo;Die offensive Haltung des Fortschritts wird &hellip; abgel&ouml;st von einer defensiveren Orientierung an Pr&auml;vention, Resilienz und Verlustminimierung.&ldquo; [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] Dagegen sei die Idee der Identifikation mit der kosmopolitischen Gemeinschaft viel zu anspruchsvoll, abstrakt und &uuml;berfordernd gewesen, res&uuml;miert Bl&uuml;hdorn. Zudem seien diese Initiativen an ihrer eigenen Widerspr&uuml;chlichkeit gescheitert. Einerseits der Anspruch auf Individualismus und demokratische Selbstbestimmung und andererseits die Forderung nach Unterordnung &bdquo;unter nicht verhandelbare &ouml;kologische Notwendigkeiten&ldquo; haben sich eben schwer vereinbaren lassen. [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>]<\/p><p>&bdquo;<strong>K&uuml;nstlerkritik&ldquo;, die nie mit Sozialkritik zu verwechseln war<\/strong><\/p><p>Zudem stimmt die Diagnose im Buch, dass die sogenannte &ouml;kologisch-emanzipatorische Bewegung von vergleichsweise privilegierten Teilen der Gesellschaft getragen wird &ndash; solchen, die &uuml;ber Bildung, soziale Netzwerke, Artikulationsst&auml;rke, kulturelles und &ouml;konomisches Kapital verf&uuml;gen und ein entsprechend gro&szlig;es Interesse an Freir&auml;umen haben, um sich selbst verwirklichen zu k&ouml;nnen. Es ist eher eine auf &bdquo;individuelle Besonderheit und Unterscheidbarkeit zielende &sbquo;K&uuml;nstlerkritik&lsquo; an den bestehenden gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen, die mit einer auf Gleichheit und Teilhabe zielenden &sbquo;Sozialkritik&lsquo; nicht zu verwechseln war. [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>]<\/p><p>&bdquo;Bessergestellte unter sich&ldquo;, schreibt Sahra Wagenknecht in ihrem Buch &bdquo;Die Selbstgerechten&ldquo;. Damit meint sie die &bdquo;Lifestyle-Linke&ldquo;, die l&auml;ngst schon in der &bdquo;Filterblase des eigenen Milieus&ldquo; gefangen ist. [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] Ohne sie zu nennen, stimmt Bl&uuml;hdorn ihr zu. L&auml;ngst schon war &bdquo;Emanzipation&ldquo; ein weitgehend individualisiertes Projekt, das nicht so sehr auf eine radikal andere Gesellschaft als auf Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung innerhalb der bestehenden Ordnung zielte. <\/p><p>Dass sich eine Mehrheit &bdquo;nach entlastender Einfachheit, Orientierung, F&uuml;hrung und Autorit&auml;t&ldquo; sehnt, hat man bei den Wahlen gesehen. Aber fraglich bleibt f&uuml;r mich doch, ob dies wirklich ein Votum f&uuml;r eine &bdquo;Agenda der Schlie&szlig;ung, Kontrolle, Ungleichheit, Polarisierung und Exklusion&ldquo; [<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] war. Besteht nicht auch ein Bed&uuml;rfnis nach wirklicher demokratischer Teilhabe, nach Gemeinsinn und Miteinander, das in einer vern&uuml;nftigen, sozial gerechteren Politik eine Basis haben k&ouml;nnte? Da steht unser Land wohl an einem Scheideweg.<\/p><p>Ohne dass er ihnen beipflichten w&uuml;rde, spricht Bl&uuml;hdorn von einer emanzipatorischen Katastrophe f&uuml;r diejenigen, die f&uuml;r den &ouml;kologischen Umbau der Industriegesellschaft gek&auml;mpft und ungewollt dazu beigetragen haben, &bdquo;dass sich die Gesellschaft der Nicht-Nachhaltigkeit verfestigt hat&ldquo;. Sich auf Horkheimers und Adornos &bdquo;Dialektik der Aufkl&auml;rung&ldquo; beziehend, sei politischen Aktivisten der Gedanke auf den Weg gegeben, &bdquo;wie eine emanzipatorische, progressive Agenda ungewollt und unbemerkt in ihr Gegenteil umschlagen kann&ldquo;. [<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>]<\/p><p><em>Ingolfur Bl&uuml;hdorn: Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Edition Suhrkamp 2024, 384 S., br., 20 &euro;.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Wirestock Collection \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 318<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, 1986<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Andreas Reckwitz: Das Ende der Illlusionen. Politik, &Ouml;konomie und Kultur in der Sp&auml;tmoderne. Edition Suhrkamp 2019<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 15<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 26 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 307<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 55<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Jens Berger: Wem geh&ouml;rt Deutschland?. Westend 2024, S. 15<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Berger, S. 12<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Berger, S. 197<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Berger, S. 159<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 136<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 157<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 161<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Beck, S. 15<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Andreas Reckwitz\/Hartmut Rosa: Sp&auml;tmoderne in der Krise. Suhrkamp 2021, S. 113<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 232<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 289<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Campus Verlag 2021, S. 21 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 164<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] Bl&uuml;hdorn, S. 255<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ingolfur Bl&uuml;hdorn<\/strong> prophezeit eine &bdquo;andere Moderne&ldquo;, die nur ein erneuter Versuch w&auml;re, den Widerspr&uuml;chen des Neoliberalismus die Spitze abzubrechen. Bl&uuml;ht uns ein noch st&auml;rkeres Durchregieren des Staates als bisher und eine noch rigidere Trennung zwischen Oben und Unten, Drinnen und Drau&szlig;en? Eine Buchrezension von<strong> Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":117346,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,194,205,208],"tags":[2938,2108,1848,218,291],"class_list":["post-117345","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gruene","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rezensionen","tag-autoritarismus","tag-filterblase","tag-nachhaltigkeit","tag-teilhabe","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/shutterstock_1928696792.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117345"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117345\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":118588,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117345\/revisions\/118588"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/117346"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}