{"id":11736,"date":"2012-01-02T09:16:07","date_gmt":"2012-01-02T08:16:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11736"},"modified":"2016-05-11T11:15:12","modified_gmt":"2016-05-11T09:15:12","slug":"neujahrsansprache-der-kanzlerin-selbstsuggestion-statt-losungsangebote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11736","title":{"rendered":"Neujahrsansprache der Kanzlerin: Selbstsuggestion statt L\u00f6sungsangebote"},"content":{"rendered":"<p>Eine Ansprache ohne Empathie f&uuml;r die Sorgen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. Eine Kanzlerin, die die Politik aus der Verantwortung f&uuml;r die &bdquo; tiefgreifenden Ver&auml;nderungen&ldquo; nimmt und die, statt L&ouml;sungsangebote aus der Krise anzubieten, nur noch ihre eigenen Parolen wiederholt und die Wirklichkeit mit Besch&ouml;nigungen verdr&auml;ngt. Wer, wie unsere Kanzlerin, offenbar daran glaubt, dass es Deutschland gut gehe, von dem darf man nicht mehr erwarten, dass er sich um politische L&ouml;sungen bem&uuml;ht, durch die es Deutschland und Europa jemals wieder besser gehen k&ouml;nnte. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nVerkrampft und nahezu regungs- und teilnahmslos las die Bundeskanzlerin den Text ihrer <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/merkelrede108.html\">Neujahrsansprache<\/a> vom <a href=\"http:\/\/www.bundeskanzlerin.de\/Webs\/BK\/DE\/Homepage\/home.html\">Teleprompter<\/a> ab. Bei kaum einem der verlesenen S&auml;tze hatte der Zuschauer den Eindruck als st&uuml;nde dahinter eine pers&ouml;nliche Empathie, also eine Reaktion auf die Gef&uuml;hle, auf die Sorgen und Hoffnungen der mit der Rede anzusprechenden Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger.<\/p><p>Genauso distanziert wie die K&ouml;rpersprache wirkte auch das Gesprochene selbst: Die Menschen und die Politik im Jahre 2011 waren quasi passiv <em>&bdquo;tiefgreifenden Ver&auml;nderungen&ldquo;<\/em> ausgeliefert. Die <em>&bdquo;Schuldenkrise der Staaten&ldquo;<\/em> lastet sozusagen wie das von Merkel genannte Beispiel der <em>&bdquo;furchtbaren Flutwelle und in der Folge einer verheerenden Reaktorkatastrophe&ldquo;<\/em> wie ein Schicksalsschlag auf uns. Gerade so als h&auml;tte die Kanzlerin oder die Politik &uuml;berhaupt mit den Ursachen der Krise und mit den Fehlschl&auml;gen bei ihrer Bew&auml;ltigung nichts zu tun. Und nat&uuml;rlich ist es nicht die von der Politik erm&ouml;glichte und von ganz realen Bankern verursachte Finanzkrise als Ursache der <em>&bdquo;Schuldenkrise&ldquo;<\/em>, die uns <em>&bdquo;in Atem&ldquo;<\/em> h&auml;lt. Nein, die Politik wird schlicht aus ihrer Verantwortung f&uuml;r diese <em>&bdquo;tiefgreifenden Ver&auml;nderungen&ldquo;<\/em> herausgenommen. <\/p><p>Nicht etwa die europ&auml;ische Politik sondern <em>&bdquo;Europa&ldquo;<\/em> &ndash; also eine irgendwo abgehobene Institution &ndash; befinde sich <em>&bdquo;in seiner schwersten Bew&auml;hrungsprobe seit Jahrzehnten&ldquo;<\/em>. F&uuml;r Merkel ist es nicht die Sorge der Menschen, f&uuml;r die hunderte von Milliarden f&uuml;r die Rettung der Banken und f&uuml;r die Spekulation auf den Finanzm&auml;rkten gerade stehen zu m&uuml;ssen, die viele umtreibt, sondern die Kanzlerin meint, dass die Leute sich <em>&bdquo;um die Sicherheit unserer W&auml;hrung&ldquo;<\/em> die meisten Gedanken machten. Gerade so als w&auml;ren die meisten Deutschen Devisenh&auml;ndler, deren Hauptinteresse ein harter Euro ist, weil sie sonst um den Wert ihres in Euro angelegten Geldes bangen m&uuml;ssten.  <\/p><p><em>&bdquo;Heute nun k&ouml;nnen Sie darauf vertrauen, dass ich alles daran setze, den Euro zu st&auml;rken&ldquo;<\/em>, bringt Merkel zum ersten Mal in ihrer Ansprache sich und ihre Politik ins Spiel. Sie erhofft damit wohl einen kollektiven Grundwert der Deutschen zu treffen, n&auml;mlich den Kult von der &bdquo;harten D-Mark&ldquo; und sie versucht diesen Mythos auf einen starken Euro zu &uuml;bertragen. Eine starke W&auml;hrung geht ihr offenbar &uuml;ber alles, selbst wenn dabei Europa politisch auseinanderbricht. St&auml;rkung der W&auml;hrung, hei&szlig;t allerdings nach dem hierzulande herrschenden finanzpolitischen Dogma nichts anderes als Schuldenabbau und Inflationsbek&auml;mpfung auf Teufel komm raus. Das ist also der Kern von Merkels Leitvorstellung, unter der Europa <em>&bdquo;mehr als bisher &hellip; zusammenarbeiten&ldquo;<\/em> soll. <\/p><p><em>&bdquo;Europa w&auml;chst in der Krise zusammen&ldquo;<\/em>, stellt Merkel geradezu als Faktum fest. Sie kann damit eigentlich nur meinen, dass sie zusammen mit Sarkozy ganz Europa (mit Ausnahme Gro&szlig;britanniens) eine Schuldenbremse und einen Sanktionsautomatismus gegen sog. Schuldens&uuml;nder aufgezwungen hat oder aufzwingen will. Das ist aber nichts anderes als die &Uuml;bertragung der deutschen finanz- und wirtschaftspolitischen Krisenstrategie auf ganz Europa: eine Agenda-Politik pur, mit K&uuml;rzungen der Sozialleistungen, Lohnsenkungen, Privatisierung staatlicher Leistungen oder kurz: die Umsetzung der neoliberalen Parole: Hungert den Staat, das nimmersatte Biest aus. <\/p><p>Insofern ist es auch nur konsequent, dass Merkel ihren fr&uuml;her nur auf Deutschland bezogenen Lieblinssatz aus den letzten drei Neujahrsansprachen (siehe <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/nn_774\/Content\/DE\/Archiv16\/Rede\/2008\/12\/2008-12-31-merkel-neujahrsansprache.html\">2008\/2009<\/a>, <a href=\"?p=4433\">2009\/2010<\/a> und <a href=\"?p=7869\">2010\/2011<\/a>) n&auml;mlich, dass Deutschland st&auml;rker aus der Krise herauskommen wird, als es in sie hineingegangen sei, schlicht auf ganz Europa &uuml;bertr&auml;gt:<\/p><blockquote><p>&bdquo;&hellip;doch am Ende dieses Weges wird Europa st&auml;rker aus der Krise hervorgehen, als es in sie hineingegangen ist.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Da sind wir nun seit drei Jahren von einer Krise in die andere hineingetaumelt und die Krisengipfel erh&ouml;hten ihre Frequenz auf Wochenfrist und unsere Kanzlerin hat nichts anderes zu bieten als diesen hohlen Spruch gebetsm&uuml;hlenhaft zu wiederholen.  <\/p><p>&bdquo;St&auml;rker aus der Krise herauskommen, als man hineingegangen ist&ldquo;, diese Parole d&uuml;rfte von den Redenschreibern Merkels mit ziemlicher Sicherheit als positiv besetzt getestet worden sein, sonst w&uuml;rde man einen solchen Satz nicht geradezu papageienhaft  immer wieder nachplappern. Sollte diese Vermutung richtig sein, dann m&uuml;sste man aber entweder unterstellen, dass die Deutschen an kollektivem Ged&auml;chtnisverlust leiden, denn nichts hat sich gebessert seit Beginn der Krise, oder aber umgekehrt: die Kanzlerin baut darauf, dass durch die st&auml;ndige Wiederholung des Immergleichen die Unwahrheit allm&auml;hlich zur Wahrheit wird. <\/p><p>Sollte die Kanzlerin tats&auml;chlich an ihren Lieblingsspruch glauben, so ist sie nachweislich aber wiederum nur Opfer einer Selbstsuggestion. Denn wenige S&auml;tze sp&auml;ter widerspricht sie sich selbst: Das n&auml;chste Jahr werde <em>&bdquo;ohne Zweifel schwieriger&ldquo;<\/em> werden als das zur&uuml;ckliegende, so bereitet sie uns auf weitere krisenhafte Entwicklungen im neuen Jahr vor. Nichts ist es also damit, dass wir &bdquo;st&auml;rker aus der Krise herauskommen&ldquo;, im Gegenteil, die Zeiten werden &ndash; wie Merkel selbst eingesteht &ndash; ohne Zweifel schwieriger, die Wirtschaft wird schw&auml;cher, die Finanzprobleme werden noch gr&ouml;&szlig;er. <\/p><p>Zwischen Unwahrheit und der Wiederholung von Besch&ouml;nigungen pendelt auch das f&uuml;r Merkel in ihren Neujahrsansprachen &uuml;bliche Selbstlob:<\/p><p><em>&bdquo;Fast alle jungen Menschen haben in diesem Jahr einen Ausbildungsplatz gefunden&ldquo;<\/em>, behauptet Merkel und besch&ouml;nigt damit die Tatsache, dass 76.700 als ausbildungsreif eingestufte Bewerber\/innen <a href=\"http:\/\/www.wir-gestalten-berufsbildung.de\/wir-ueber-uns\/newsletter\/ausgaben-2011\/aktuelles-von-der-letzten-sitzung-des-hauptausschusses-des-bundesinstituts-fuer-berufsbildung-bibb-vom-15122011\/\">nicht an Betriebe vermittelt<\/a> werden konnten und dass selbst nach dem regierungsoffiziellen Berufsbildungsbericht 2011 sich <a href=\"?p=9010\">&uuml;ber 10 Prozent aller Auszubildenden oder weit &uuml;ber 150.000 Auszubildende in einer &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten au&szlig;erbetrieblichen Ausbildungsform befanden<\/a>.<\/p><p><em>&bdquo;Die Zahl der Arbeitslosen ist die Niedrigste seit fast 20 Jahren&ldquo;<\/em>, das sagte Merkel schon in ihrer <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/neujahrsansprache-der-kanzlerin-merkel-deutschland-nach-der-krise-auf-gutem-weg-1582255.html\">Neujahrsansprache zur Jahreswende 2010\/2011<\/a>. <em>&bdquo;Es sind so wenig Menschen arbeitslos wie seit 20 Jahren nicht&ldquo;<\/em>, wiederholte sie diesmal wieder. &Uuml;ber den &bdquo;Preis&ldquo; den Millionen Arbeitnehmer f&uuml;r diese gesch&ouml;nte Statistik durch Niedrigl&ouml;hne, Leiharbeit, Mini- und Midijobs oder durch Ein-Euro-Jobs bezahlen m&uuml;ssen, redet Merkel seit Jahren nicht. (Leider brauchen auch wir uns dazu nur zu wiederholen, <a href=\"?p=7869\">siehe hier<\/a>, siehe auch die j&uuml;ngste <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2011\/12\/PD11__488__621.psml\">Statistik: Deutschland verkommt zum Billiglohnland<\/a>)<\/p><p>Aus diesen beiden &auml;u&szlig;erst d&uuml;rftigen Beispielen folgert die Kanzlerin: <em>&bdquo;Deutschland geht es gut.&ldquo;<\/em> <\/p><p>H&auml;tte sie wenigstens relativierend gesagt, &bdquo;Deutschland geht es noch verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gut&ldquo;, dann h&auml;tte man Hoffnung sch&ouml;pfen k&ouml;nnen, dass noch ein Schimmer von finanz- und wirtschaftspolitischem Realit&auml;tssinn bei unserer Regierung vorhanden sein k&ouml;nnte. Doch wer, wie unsere Kanzlerin, offenbar daran glaubt, dass es Deutschland gut gehe, von dem darf man nicht mehr erwarten, dass er sich um politische L&ouml;sungen bem&uuml;ht, durch die es Deutschland und Europa jemals wieder besser gehen k&ouml;nnte. <\/p><p>Und das aus dem Munde einer Politikerin, die allenthalben als die m&auml;chtigste in Europa, wenn nicht gar als die &bdquo;Person des Jahres&ldquo; hochstilisiert wird. <\/p><p>Merkel schlie&szlig;t ihre Ansprache mit einem <a href=\"http:\/\/stephanus-bullin.blogspot.com\/2011\/12\/ein-ehrlicher-heine-mensch-muss-ihn.html\">angeblichen Zitat<\/a> des an seinem Heimatland Deutschland geradezu verzweifelnden Heinrich Heine: <em>&ldquo;Deutschland &ndash; das sind wir selber.&rdquo;<\/em>  Nachdem ich den Habitus unserer Kanzlerin und den politischen Inhalt ihrer Neujahrsansprache auf mich einwirken lie&szlig;, ging mir ein viel bekannteres Heine-Zitat aus den Nachtgedanken durch den Kopf: &bdquo;Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ich kann nicht mehr die Augen schlie&szlig;en, Und meine Tr&auml;nen flie&szlig;en.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Ansprache ohne Empathie f&uuml;r die Sorgen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. Eine Kanzlerin, die die Politik aus der Verantwortung f&uuml;r die &bdquo; tiefgreifenden Ver&auml;nderungen&ldquo; nimmt und die, statt L&ouml;sungsangebote aus der Krise anzubieten, nur noch ihre eigenen Parolen wiederholt und die Wirklichkeit mit Besch&ouml;nigungen verdr&auml;ngt. Wer, wie unsere Kanzlerin, offenbar daran glaubt, dass es Deutschland<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11736\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,139,123,85],"tags":[423,315,316],"class_list":["post-11736","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-euro-und-eurokrise","category-kampagnentarnworteneusprech","category-pr","tag-austeritaetspolitik","tag-merkel-angela","tag-neujahrsansprache"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11736","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11736"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11736\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11738,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11736\/revisions\/11738"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11736"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11736"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11736"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}