{"id":117418,"date":"2024-07-01T09:01:57","date_gmt":"2024-07-01T07:01:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117418"},"modified":"2024-07-02T08:33:22","modified_gmt":"2024-07-02T06:33:22","slug":"die-schuesse-von-sarajewo-oder-wenn-ein-zufallsfunke-genuegt-vor-110-jahren-begann-der-i-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117418","title":{"rendered":"Die Sch\u00fcsse von Sarajewo oder: Wenn ein Zufallsfunke gen\u00fcgt \u2026 \u2013 Vor 110 Jahren begann der I. Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p>Die Ermordung des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 brachte eine Lawine ins Rollen, an deren Ende der I. Weltkrieg stand. Einen Automatismus gab es allerdings trotz des vorausgegangenen allseitigen Wettr&uuml;stens nicht. Die Fahrt in den Abgrund h&auml;tte gestoppt werden k&ouml;nnen &ndash; h&auml;tten alle Akteure nicht den damit verbundenen &sbquo;Gesichtsverlust&lsquo; gescheut. <strong>Von Leo Ensel.<\/strong> Mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/die-schuesse-von-sarajewo-oder-wenn-ein-zufallsfunke-genuegt-vor-110-jahren-begann-der-i-weltkrieg\/\">Global Bridge<\/a>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4832\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-117418-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240701_Die_Schuesse_von_Sarajewo_oder_Wenn_ein_Zufallsfunke_genuegt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240701_Die_Schuesse_von_Sarajewo_oder_Wenn_ein_Zufallsfunke_genuegt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240701_Die_Schuesse_von_Sarajewo_oder_Wenn_ein_Zufallsfunke_genuegt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240701_Die_Schuesse_von_Sarajewo_oder_Wenn_ein_Zufallsfunke_genuegt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=117418-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240701_Die_Schuesse_von_Sarajewo_oder_Wenn_ein_Zufallsfunke_genuegt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240701_Die_Schuesse_von_Sarajewo_oder_Wenn_ein_Zufallsfunke_genuegt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Besuch war eine Provokation. Das war allen direkt und mittelbar Beteiligten klar. Ausgerechnet am Vidovdan (St. Veitstag) &ndash; dem f&uuml;r die Serben heiligen Tag ihrer mythologisch &uuml;berh&ouml;hten Niederlage 1389 gegen die Osmanen &ndash;, ausgerechnet am 28. Juni 1914, dem 525. Jahrestag der &bdquo;Schlacht auf dem Amselfeld&ldquo;, dem Symbol f&uuml;r den serbischen Freiheitsdrang und Unabh&auml;ngigkeitsanspruch, besuchte &Ouml;sterreich-Ungarns Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand zusammen mit seiner Frau, der Herzogin Sophie Chotek von Chotkowa, die Hauptstadt der von der Habsburger Doppelmonarchie fast sechs Jahre zuvor annektierten Provinz Bosnien, Sarajewo.<\/p><p>In der Region, die seit dem Berliner Kongress 1878 &ndash; formal noch zum Osmanischen Reich geh&ouml;rend &ndash; unter &ouml;sterreich-ungarische Verwaltung gestellt, 1908 jedoch von Habsburg annektiert worden war, brodelte es schon lange. Die der &ouml;sterreichischen Herrschaft gegen&uuml;ber feindselig eingestellten bosnischen Serben strebten eine Vereinigung mit ihrem &sbquo;Mutterland&lsquo; an, wo panslawistische Str&ouml;mungen dominierten. Serbien seinerseits hatte bereits w&auml;hrend des Berliner Kongresses Anspr&uuml;che auf die Provinzen Bosnien und Herzegowina erhoben.&nbsp;<\/p><p>An Warnungen im Vorfeld hatte es nicht gemangelt, selbst Belgrad hatte clandestin vage Hinweise auf Attentatspl&auml;ne lanciert. Aber Franz Ferdinand hatte sie alle in den Wind geschlagen. Der Besuch Sarajewos sollte seinem Entschluss zufolge genau an jenem 28. Juni stattfinden. In seinem Roman &bdquo;Die Sch&uuml;sse von Sarajewo&ldquo; kommentiert der &ouml;sterreichisch-serbische Schriftsteller Milo Dor das Verhalten des designierten Habsburger Thronfolgers: &bdquo;Entweder war er stur, oder er hatte kein Taktgef&uuml;hl. Wahrscheinlich traf beides zu. Er wusste nur zu gut, was f&uuml;r eine Stimmung in Bosnien herrschte.&ldquo;<\/p><p>Und so nahm das Unheil seinen Lauf.<\/p><p><strong>Die Macht des Zufalls<\/strong><\/p><p>Zwangsl&auml;ufig war allerdings nichts. Immer wieder hatte der Zufall seine gespenstische Hand im Spiel.<\/p><p>Als Franz Ferdinand, vom nahegelegenen Kurort Ilid&#382;a kommend, wo er am Vortag dem Abschluss der Man&ouml;ver des XV. und XVI. k.u.k. Korps in Bosnien beigewohnt hatte, am Vormittag des 28. Juni zusammen mit seiner Frau Sophie im aus sechs Fahrzeugen bestehenden Konvoi und &ndash; darauf hatte er bestanden &ndash; offenem Verdeck den Miljacka-Fluss entlang durch das Zentrum Sarajewos Richtung Rathaus fuhr, da warteten, entlang der Route verteilt, unter den jubelnden Zuschauern am Stra&szlig;enrand bereits sechs junge M&auml;nner des serbischen Geheimbunds &bdquo;Schwarze Hand&ldquo;, unter ihnen der neunzehnj&auml;hrige Gavrilo Princip, darauf, das Symbol des verhassten Habsburger Staates zu ermorden. Die Nachl&auml;ssigkeit der Verantwortlichen hatte es ihnen leicht gemacht: Die Sicherheitsvorkehrungen waren gering ausgefallen &ndash; Kontrollen und Absperrungen gab es keine &ndash;, Zeitplan und Fahrtroute waren zudem Wochen zuvor in den lokalen Zeitungen bekanntgegeben worden.<\/p><p>Zun&auml;chst einmal ging f&uuml;r die Attent&auml;ter allerdings so gut wie alles schief. Als die Kolonne gegen 10 Uhr auf dem Apfelkai den ersten M&ouml;rder in spe passierte, unternahm dieser &ndash; nichts. Der zweite, so zumindest die Legende, brachte es angeblich nicht &uuml;ber sich, das schneewei&szlig;e Kleid der Herzogin mit Blut zu beschmieren. Erst der dritte schleuderte die Bombe auf den Wagen des Erzherzogs, wo sie am zur&uuml;ckgeklappten Verdeck des Fahrzeugs &ndash; anderen Quellen zufolge am Arm Franz Ferdinands &ndash; abprallte und auf der Stra&szlig;e, kurz vor dem nachfolgenden Automobil detonierte und dort drei Insassen sowie einige am Stra&szlig;enrand stehende Passanten leicht verletzte. Auf Befehl des Erzherzogs setzte der Konvoi seine Fahrt unger&uuml;hrt programmgem&auml;&szlig; fort und passierte auf dem Weg zum Rathaus zwei weitere Attent&auml;ter, die jedoch nichts unternahmen.<\/p><p>&bdquo;Herr B&uuml;rgermeister, da kommt man nach Sarajewo, um einen Besuch zu machen, und wird mit Bomben beworfen! Das ist emp&ouml;rend!!&ldquo;, schnaubte der Kronfolger das Stadtoberhaupt und die versammelten lokalen Honoratioren w&uuml;tend an, als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten.<\/p><p>Bei den folgenden Ereignissen spielte wiederum der Zufall eine verh&auml;ngnisvolle Rolle.<\/p><p>Nach dem Empfang im Rathaus, der eine knappe Stunde gedauert hatte, fasste Franz Ferdinand den Entschluss, die Verletzten im Milit&auml;rspital zu besuchen &ndash; die Route wurde also ge&auml;ndert, allerdings nicht mit der &ouml;rtlichen Polizei abgesprochen, worauf die Kolonne, irrt&uuml;mlich auf den urspr&uuml;nglich vorgesehenen R&uuml;ckweg geleitet, die Anreiseroute in umgekehrter Richtung wieder zur&uuml;ckfuhr. Als der in einem der Wagen sitzende und f&uuml;r den Programmablauf zust&auml;ndige Milit&auml;rgouverneur Oskar Potiorek den Irrtum bemerkte, lie&szlig; er den Konvoi auf der H&ouml;he der Lateinerbr&uuml;cke stoppen, um zu wenden und zur ge&auml;nderten Route zur&uuml;ckzukehren. &ndash; Was nun geschah, schildert der Politikwissenschaftler Herfried M&uuml;nkler in seinem W&auml;lzer &bdquo;Der gro&szlig;e Krieg. Die Welt 1914 &ndash; 1918&ldquo;:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Doch just an der Stelle, wo das Auto mit Franz Ferdinand und seiner Frau anhielt, befand sich der bosnische Serbe Gavrilo Princip. Als Einziger der Attent&auml;ter hatte er nach dem Fehlschlag des ersten Anschlagsversuchs nicht aufgegeben, sondern war an der vorgesehenen Route geblieben und hatte auf eine zweite Chance gewartet. Die bot sich ihm jetzt und er feuerte auf das zum Stillstand gekommene Fahrzeug zwei oder drei Sch&uuml;sse ab. Ein Schuss traf den Erzherzog in die Halsvene, ein anderer die Herzogin Sophie in den Bauch. Der Wagen raste nun zur Residenz des Milit&auml;rgouverneurs, die sich nur wenige Minuten vom Ort des Attentats entfernt befand. Von einem Begleiter nach seinem Befinden befragt, versicherte Franz Ferdinand, es sei nichts und wiederholte dies mehrfach. Als die Fahrzeugkolonne die Residenz erreichte, war Herzogin Sophie bereits ihren schweren Verletzungen erlegen; eine Viertelstunde sp&auml;ter starb auch der &ouml;sterreichisch-ungarische Thronfolger.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Im Autopsiebericht &auml;u&szlig;erte der untersuchende Arzt sp&auml;ter die Ansicht, die Verletzungen w&auml;ren nicht t&ouml;dlich gewesen, w&auml;re die Kugel etwas weiter rechts oder links eingedrungen. Sie habe Franz Ferdinand mehr oder weniger zuf&auml;llig getroffen, da es Princip in der Eile unm&ouml;glich gewesen sei, genau zu zielen.<\/p><p>&bdquo;Die Vorstellung von der Wirkmacht des Zufalls&ldquo;, schreibt M&uuml;nkler f&uuml;r einen kurzen Moment kontrafaktische Geschichtsschreibung betreibend, &bdquo;hat etwas ebenso Verf&uuml;hrerisches wie Entsetzliches. Es h&auml;tte dann weder die zehn Millionen Gefallenen gegeben noch die Millionen Toten, die infolge des Krieges an Hungerkatastrophen und Pandemien gestorben sind, ebenso wenig die Opfer des russischen B&uuml;rgerkriegs als indirekte Kriegsfolge oder die Opfer des Stalinismus, weiterhin nicht die Opfer von Faschismus und Nationalsozialismus und auch keinen Zweiten Weltkrieg.&ldquo;<\/p><p><strong>Intermezzo: Die vorgestrige &bdquo;Welt von Gestern&ldquo;<\/strong><\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;<em>Nie habe ich unsere alte Erde&nbsp;<u>mehr<\/u>&nbsp;geliebt als in diesen letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, nie&nbsp;<u>mehr<\/u>&nbsp;an seine Zukunft geglaubt als in dieser Zeit, da wir meinten, eine neue Morgenr&ouml;te zu erblicken. Aber es war in Wahrheit schon der Feuerschein des nahenden Weltbrands.<\/em><\/p>\n<p>    <em>Vierzig Jahre Frieden hatten den wirtschaftlichen Organismus der L&auml;nder gekr&auml;ftigt, die Technik den Rhythmus des Lebens beschwingt, die wissenschaftlichen Entdeckungen den Geist jener Generation stolz gemacht; ein Aufschwung begann, der in allen L&auml;ndern unseres Europas fast gleichm&auml;&szlig;ig zu f&uuml;hlen war. Die St&auml;dte wurden sch&ouml;ner und volkreicher von Jahr zu Jahr, das Berlin von 1905 glich nicht mehr jenem, das ich 1901 gekannt, aus der Residenzstadt war eine Weltstadt geworden und war schon wieder gro&szlig;artig &uuml;berholt von dem Berlin von 1910. Wien, Mailand, Paris, London, Amsterdam &ndash; wann immer man wiederkam, war man erstaunt und begl&uuml;ckt; breiter, prunkvoller wurden die Stra&szlig;en, machtvoller die &ouml;ffentlichen Bauten, luxuri&ouml;ser und geschmackvoller die Gesch&auml;fte. Man sp&uuml;rte es an allen Dingen, wie der Reichtum wuchs und wie er sich verbreitete. &Uuml;berall entstanden neue Theater, Bibliotheken, Museen; Bequemlichkeiten, die wie Badezimmer und Telephon vordem das Privileg enger Kreise gewesen, drangen ein in die kleinb&uuml;rgerlichen Kreise, und von unten stieg, seit die Arbeitszeit verk&uuml;rzt war, das Proletariat empor, Anteil wenigstens an den kleinen Freuden und Behaglichkeiten des Lebens zu nehmen. &Uuml;berall ging es vorw&auml;rts.<\/em><\/p>\n<p>    <em>Aber nicht nur die St&auml;dte, auch die Menschen selbst wurden sch&ouml;ner und ges&uuml;nder dank des Sports, der besseren Ern&auml;hrung, der verk&uuml;rzten Arbeitszeit und der innigen Bindung an die Natur. Und die Berge, die Seen, das Meer lagen nicht mehr so fernab wie einst. Das Fahrrad, das Automobil, die elektrischen Bahnen hatten die Distanzen verkleinert und der Welt ein neues Raumgef&uuml;hl gegeben. Wer Ferien hatte, zog nicht mehr wie in meiner Eltern Tage in die N&auml;he der Stadt oder bestenfalls ins Salzkammergut, man war neugierig auf die Welt geworden, ob sie &uuml;berall so sch&ouml;n sei und noch anders sch&ouml;n; w&auml;hrend fr&uuml;her nur die Privilegierten das Ausland gesehen, reisten jetzt Bankbeamte und kleine Gewerbsleute nach Italien, nach Frankreich. Es war billiger, es war bequemer geworden, das Reisen, und vor allem: es war der neue Mut, die neue K&uuml;hnheit in den Menschen, die sie auch verwegener machte, weniger &auml;ngstlich und sparsam im Leben &ndash; ja, man sch&auml;mte sich &auml;ngstlich zu sein. Eine ganze Generation entschloss sich, jugendlicher zu werden.&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>    <em>Nie war Europa st&auml;rker, reicher, sch&ouml;ner, nie glaubte es inniger an eine noch bessere Zukunft; niemand au&szlig;er ein paar schon verhutzelten Greisen klagte wie vordem um die &sbquo;gute alte Zeit&lsquo;.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>So schilderte uns Anfang der Vierziger Jahre, mitten im II. Weltkrieg, Stefan Zweig seine &bdquo;Welt von Gestern&ldquo;.<\/p><p><strong>Die Julikrise &ndash; oder: Der vermeintliche Determinismus<\/strong><\/p><p>Die den Sch&uuml;ssen von Sarajewo nachfolgenden vier Wochen &ndash; an deren Ende dann die ber&uuml;hmte Kettenreaktion der Mobilmachungen und Kriegserkl&auml;rungen infolge wechselseitiger B&uuml;ndnisverpflichtungen stand und die schlie&szlig;lich alle Akteure in den Abgrund riss &ndash;, diese knappe Frist ist unter dem Begriff &bdquo;Julikrise&ldquo; in die Geschichtsschreibung eingegangen. Und auch hier, man kann es nicht oft genug betonen, gab es keinen Determinismus. Anders formuliert:&nbsp;<em>Es gab keinen zwangsl&auml;ufigen Weg in die &bdquo;Urkatastrophe des XX. Jahrhunderts&ldquo;!<\/em><\/p><p>Gewiss: Die mit dem Deutschen Reich verb&uuml;ndete und durch interne Nationalit&auml;tenkonflikte geschw&auml;chte Habsburger Doppelmonarchie sah sich durch den (von Russland unterst&uuml;tzten) Panslawismus der Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Balkan entstandenen Mittelmacht Serbien, die ihrerseits gerade m&uuml;hsam die jahrhundertelange osmanische Herrschaft abgesch&uuml;ttelt hatte, herausgefordert. &ndash; Gewiss: Das mit dem zaristischen Russland verb&uuml;ndete K&ouml;nigreich Serbien sah sich umgekehrt bereits im Zuge des Berliner Kongresses und erst recht durch die Annexion von Bosnien-Herzegowina 1908 in seinen territorialen Anspr&uuml;chen von &Ouml;sterreich &uuml;ber den Tisch gezogen. &ndash; Gewiss: Das Zarenreich hatte seine Aspirationen auf den Balkan als Einflusszone und Tor zum Bosporus und den Dardanellen nicht aufgegeben und in den Jahren zuvor mit franz&ouml;sischer Unterst&uuml;tzung ein modernes Eisenbahnnetz errichtet, das es nun in die Lage versetzte, Truppenverlegungen gen Westen doppelt so schnell zu organisieren. &ndash; Gewiss: Der Weltmacht Gro&szlig;britannien war auf dem Kontinent in Gestalt des Deutschen Reiches nicht nur ein ernstzunehmender Wirtschaftsrivale herangewachsen. Dieser hatte zudem, vor allem im Bereich der Kriegsflotte, m&auml;chtig aufger&uuml;stet und wiederholt parven&uuml;haft den Mund ziemlich weit aufgerissen. &ndash; Gewiss: Im mit Russland und Gro&szlig;britannien verb&uuml;ndeten Frankreich sann man nach der schmachvollen Niederlage von 1871 auf Revanche und setzte f&uuml;r den Fall eines Krieges auf einen raschen Einmarsch Russlands in den deutschen Osten. &ndash; Gewiss: Im in der Mitte des Kontinents gelegenen Deutschen Reich kursierten &Auml;ngste vor einer politischen Einkreisung durch Frankreich und Russland.<\/p><p>Kurz: Die europ&auml;ischen Gro&szlig;m&auml;chte hatten bereits ein gigantisches Pulverfass aufget&uuml;rmt. Niemand aber war wirklich gezwungen, die Lunte anzulegen oder diese gar zu entz&uuml;nden! Immer wieder waren in den Jahren zuvor auch brandgef&auml;hrliche Krisen durch kluge Diplomatie eben dieser Akteure noch im letzten Augenblick beigelegt worden.<\/p><p>Und zun&auml;chst schien man nach dem Attentat auch &uuml;berall wieder schnell zur Tagesordnung &uuml;berzugehen. In &Ouml;sterreich-Ungarn hatte die Ermordung Franz Ferdinands kaum mehr als einen vor&uuml;bergehenden Schock ausgel&ouml;st. Der stets arrogant auftretende Thronfolger und seine k&uuml;hle Gattin waren bei der Bev&ouml;lkerung nie sonderlich beliebt gewesen. (Hohe ungarische Milit&auml;rs sollen insgeheim gar in Jubel ausgebrochen sein, als sie von den Sch&uuml;ssen in Sarajewo erfuhren.) Habsburgs wichtigster Verb&uuml;ndeter, der deutsche Kaiser Wilhelm, war auf Sommerreise in die norwegischen Fjorde abgetaucht, und von den hektischen Aktivit&auml;ten im Hintergrund &ndash; allen voran dem &sbquo;Blankoscheck&lsquo;, den die deutsche F&uuml;hrung am 6. Juli &Ouml;sterreich-Ungarn f&uuml;r ein hartes Vorgehen gegen Serbien ausstellte und damit fahrl&auml;ssig einen Konflikt mit dessen Schutzmacht Russland in Kauf nahm &ndash; bekam die &Ouml;ffentlichkeit in den europ&auml;ischen L&auml;ndern anfangs so gut wie nichts mit.&nbsp;<\/p><p>Auf das in Ton und Inhalt nahezu inakzeptable Ultimatum, das das zun&auml;chst eher z&ouml;gerlich agierende &Ouml;sterreich dann &ndash; mit deutscher R&uuml;ckendeckung &ndash; am 23. Juli Serbien unterbreitete, ging Belgrad zur allgemeinen &Uuml;berraschung in Wien und Berlin sogar sehr weit ein, womit eigentlich der unmittelbare Anlass, dem Land &bdquo;milit&auml;risch eine Lektion zu erteilen&ldquo;, entfallen w&auml;re. Wiens Unnachgiebigkeit bei der Forderung, binnen achtundvierzig Stunden &ouml;sterreichische Beamte an den Nachforschungen nach den Hinterm&auml;nnern des Attentats zu beteiligen und einreisen zu lassen &ndash; die einzige Forderung, die Belgrad dezidiert zur&uuml;ckgewiesen hatte &ndash;, machte jedoch alles zunichte.<\/p><p>Inzwischen war die russische Regierung zu der &Uuml;berzeugung gelangt, sich keinen weiteren Gesichtsverlust in S&uuml;dosteuropa leisten zu k&ouml;nnen und stellte ihrerseits Belgrad einen &sbquo;Blankoscheck&lsquo; aus. Herfried M&uuml;nkler: &bdquo;Ein &uuml;ber die serbische Regierung hinweg geschlossener Kompromiss zwischen Wien und St. Petersburg w&auml;re unter diesen Umst&auml;nden der eigentlich naheliegende Ausweg gewesen. Aber dazu h&auml;tte Wien mit den Russen Gespr&auml;che f&uuml;hren m&uuml;ssen, und das wollte die &ouml;sterreichische Regierung nicht.&ldquo;<\/p><p>Trotzdem schien auch jetzt noch nicht alles verloren. Noch am Montag, dem 27. Juli, berichtete die Wiener&nbsp;<em>Neue Freie Presse<\/em>&nbsp;&uuml;ber britische Versuche, den Frieden wiederherzustellen. Schlie&szlig;lich waren die B&uuml;ndnisse keineswegs so zwingend, wie man sp&auml;ter oft glauben machen wollte: Das Deutsche Reich war durchaus nicht verpflichtet, &Ouml;sterreich-Ungarn in diesem Konflikt zu Hilfe zu kommen, Russland musste Serbien nicht um jeden Preis Beistand leisten und England war nicht gezwungen, wegen Belgien &ndash; das Deutschland, dessen erkl&auml;rte Neutralit&auml;t missachtend, ab dem 4. August brutal &uuml;berrollte &ndash; in den Krieg einzutreten.&nbsp;<\/p><p><strong>Die rasende Fahrt in den Abgrund<\/strong><\/p><p>Am 28. Juli jedoch erkl&auml;rte die Donaumonarchie Serbien den Krieg, &ouml;sterreichische Kanonenboote beschossen Belgrad, der verh&auml;ngnisvolle Dominoeffekt von gegenseitigen Ultimaten, Mobilmachungen und Kriegserkl&auml;rungen kam in Gang und eine Woche sp&auml;ter befanden sich &Ouml;sterreich-Ungarn, Serbien, Russland, Deutschland, Frankreich, Belgien und Gro&szlig;britannien bereits im Krieg!<\/p><p>War die Kriegsmaschinerie aber erst einmal angelaufen, radikalisierten sich auch die Kriegs<em>ziele<\/em>&nbsp;immer rasanter. So hie&szlig; es etwa im&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Septemberprogramm\">Septemberprogramm 1914<\/a>&nbsp;des deutschen Kanzlers Theobald von Bethmann Hollweg &ndash; die deutsche Offensive gegen Frankreich war bereits gescheitert &ndash;,&nbsp;<em>zur &bdquo;Sicherung des Deutschen Reiches nach West und Ost auf erdenkliche Zeit&ldquo; sei Frankreich so zu schw&auml;chen, &bdquo;dass es als Gro&szlig;macht nicht neu entstehen kann.&ldquo; Russland solle nach M&ouml;glichkeit von der Grenze &bdquo;abgedr&auml;ngt und seine Herrschaft &uuml;ber die nichtrussischen Vasallenv&ouml;lker gebrochen werden.&ldquo;<\/em><\/p><p>Eine verh&auml;ngnisvolle Rolle als Scharfmacher spielten nicht zuletzt die Intellektuellen und, wohl erstmals in Mitteleuropa, die Presse. Herfried M&uuml;nkler: &bdquo;Nicht nur die wenigen Skeptiker und Pazifisten, die vor dem Krieg gewarnt und nach seinem Ausbruch auf seine schnelle Beendigung gedr&auml;ngt haben, sondern auch die&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/erster-weltkrieg\/innenpolitik\/annexionisten\/\">Annexionisten<\/a> waren Intellektuelle. Viele von ihnen sind dezidiert regierungskritisch aufgetreten und haben dabei &ndash;&nbsp;<em>ohne spezifische Expertise und rein wertorientiert argumentierend &ndash; im typischen Stil von Intellektuellen den auf eine Politik der Zur&uuml;ckhaltung und M&auml;&szlig;igung bedachten Reichskanzler aufs heftigste attackiert.&nbsp;<\/em>Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg, in dem die Intellektuellen, und zwar auf beiden Seiten, eine politisch einflussreiche Rolle gespielt haben:&nbsp;<em>Die Deutungseliten haben sich nachhaltig in das Gesch&auml;ft der Entscheidungstr&auml;ger eingemischt, und dabei haben sie mehr zur Eskalation als zur Moderation des Kriegsgeschehens beigetragen.&ldquo;<\/em>&nbsp;[Hervorhebungen L.E.]<\/p><p>Zusammenfassend betont M&uuml;nkler, der Krieg h&auml;tte bei mehr politischer Weitsicht und Urteilskraft vermieden werden k&ouml;nnen. Ein Zusammenspiel von Angst und Unbedarftheit, Hochmut und grenzenlosem Selbstvertrauen habe auf einen Weg gef&uuml;hrt, &bdquo;auf dem schlie&szlig;lich keine Umkehr mehr m&ouml;glich schien: Ende Juli 1914 nicht, als dies noch relativ einfach gewesen w&auml;re, aber alle Seiten den damit verbundenen &sbquo;Gesichtsverlust&lsquo; scheuten, und auch nicht w&auml;hrend des Krieges, als l&auml;ngst klar war, dass jeder weitere Schritt irreparable Verheerungen nicht nur beim Gegner, sondern auch in der eigenen Gesellschaft hinterlassen w&uuml;rde.&ldquo; Deutschland, das vier Jahre sp&auml;ter den Krieg mit &uuml;ber zwei Millionen gefallenen Soldaten endg&uuml;ltig verlor, hatte auch nach dem Scheitern der Offensive gegen Frankreich im September 1914 nichts unternommen, den Krieg so schnell wie m&ouml;glich zu beenden. Im Gegenteil: Der jahrelange und f&uuml;r alle Seiten h&ouml;chst verlustreiche Stellungskrieg an der Westfront begann erst richtig &hellip;&nbsp;<\/p><p><strong>Die Benzinf&auml;sser und der Funke des Zufalls<\/strong><\/p><p>Und die &sbquo;Moral von der Geschicht&lsquo;?&nbsp;<\/p><p>Dramatische Zuf&auml;lle wie die Sch&uuml;sse von Sarajewo wird man, namentlich zu Zeiten starker Spannungen, in den Beziehungen zwischen hochger&uuml;steten Gro&szlig;m&auml;chten immer einkalkulieren m&uuml;ssen. Aber man k&ouml;nnte, w&uuml;rde man es denn wollen, im Vorfeld (und auch sp&auml;ter noch) einiges daf&uuml;r tun, die m&ouml;glichen Folgen zumindest zu begrenzen.<\/p><p>Sagen wir es so: Wenn ein gigantischer Berg von Benzinf&auml;ssern auf engstem Raum aufget&uuml;rmt ist, dann&nbsp;<em>muss<\/em>&nbsp;das ganze Lager nat&uuml;rlich nicht automatisch in die Luft fliegen. Es kann durchaus alles noch eine k&uuml;rzere oder l&auml;ngere Zeit &sbquo;gutgehen&lsquo;. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass ein Zufallsfunke eine monstr&ouml;se Detonation ausl&ouml;sen&nbsp;<em>kann<\/em>, steigt allerdings exponentiell. Vor allem dann, wenn alle Anrainer nicht nur keine Vorsichtsma&szlig;nahmen ergreifen, sondern auch noch munter z&uuml;ndeln&hellip; Vielleicht w&auml;re es ja doch besser, Benzinf&auml;sser &ndash; zumal in Unmengen &ndash; gar nicht erst anzuh&auml;ufen.<\/p><p>Es gibt Risiken, die nicht eingegangen werden&nbsp;<em>d&uuml;rfen<\/em>!<\/p><p><small>Titelbild: Beekeepx \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ermordung des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 brachte eine Lawine ins Rollen, an deren Ende der I. Weltkrieg stand. Einen Automatismus gab es allerdings trotz des vorausgegangenen allseitigen Wettr&uuml;stens nicht. Die Fahrt in den Abgrund h&auml;tte gestoppt werden k&ouml;nnen &ndash; h&auml;tten alle Akteure nicht den damit verbundenen &sbquo;Gesichtsverlust&lsquo; gescheut. <strong>Von Leo<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117418\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":117419,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212,171],"tags":[1276,771,2230,2203,966],"class_list":["post-117418","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","tag-attentat","tag-oesterreich","tag-bosnien","tag-serbien","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/shutterstock_2289327727.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117418"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117474,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117418\/revisions\/117474"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/117419"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}