{"id":117451,"date":"2024-07-01T15:00:48","date_gmt":"2024-07-01T13:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117451"},"modified":"2024-07-01T22:51:27","modified_gmt":"2024-07-01T20:51:27","slug":"viele-unsicherheiten-bleiben-zur-ersten-wahlrunde-der-parlamentswahl-in-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117451","title":{"rendered":"Viele Unsicherheiten bleiben &#8211; zur ersten Wahlrunde der Parlamentswahl in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>Die erste Runde der kurzfristig angesetzten franz&ouml;sischen Parlamentswahlen ist Geschichte. Wie viele Umfragen im Vorfeld schon angedeutet hatten, konnte die ultrarechte Partei &bdquo;Rassemblement National (RN)&ldquo; wie schon bei den Europawahlen die meisten Stimmen erzielen. Damit ist allerdings noch keine Entscheidung gefallen, wie es politisch in Frankreich weitergeht. In den meisten Wahlkreisen steht n&auml;chste Woche noch eine Stichwahl an, da dort keiner der Kandidatinnen oder Kandidaten die gesetzlich vorgeschriebenen Quoren erf&uuml;llt hat. Zudem bleibt es sehr unwahrscheinlich, dass sich n&auml;chste Woche klare Mehrheiten abzeichnen werden. Fest steht nur: Der klare Verlierer des gestrigen Abends ist der &bdquo;Macronismus&ldquo;. Von <strong>Sebastian Chwala<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Zahlen der ersten Wahlrunde: Das RN f&uuml;hrt knapper, als es die Medien behaupten<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst einmal die nackten Zahlen dieses ersten Wahlgangs. Anders als von den franz&ouml;sischen Medien etwas manipulativ berichtet und in Folge von der deutschen Presse &uuml;bernommen, erzielte das RN landesweit keine 33 Prozent, sondern &bdquo;nur&ldquo; 29,25 Prozent der Stimmen. Hier addierten die Medien einfach die Stimmenanteile der Kandidaten des locker mit dem RN verb&uuml;ndeten Noch-Parteivorsitzenden der rechtskonservativen &bdquo;Republikaner&ldquo; hinzu. Dieses Wahlb&uuml;ndnis wurde aber niemals wirklich finalisiert, und selbst viele W&auml;hler d&uuml;rften nicht unbedingt gewusst haben, ob sie f&uuml;r die Kandidaten der &bdquo;regul&auml;ren&ldquo; oder der &bdquo;Ciotti&ldquo;-Republikaner gestimmt haben. Das Linksb&uuml;ndnis der &bdquo;Neuen Volksfront&ldquo; (NFP) erzielte den offiziellen Zahlen des Innenministeriums zufolge 27,99 Prozent. Hier sind Stimmen f&uuml;r Kandidaten, die sich zur Linken bekennen, aber aus diversen Gr&uuml;nden nicht die offiziellen Kandidaten der NFP waren, nicht mit einberechnet. Das &bdquo;macronitische&ldquo; Lager landete mit 20,04 Prozent nur noch auf Platz Drei. Die Wahlbeteiligung stieg im Vergleich zur letzten &bdquo;regul&auml;ren&ldquo; Parlamentswahl 2022 auf 66,71 Prozent an. Im Juni 2022 hatte sie nur 47,51 Prozent betragen.<\/p><p>Diese landesweiten Zahlen haben allerdings nur statistischen Wert, denn im franz&ouml;sischen Mehrheitswahlrecht fallen die Entscheidungen auf der Ebene der 577 Wahlkreise, die jeweils den Kandidaten, der sp&auml;testens im zweiten Wahlgang die meisten Stimmen erh&auml;lt, in die Nationalversammlung entsenden. Um bereits im ersten Wahlgang gew&auml;hlt zu werden, reicht es auch nicht, wenn nur 50 Prozent der W&auml;hlerstimmen erreicht werden, sondern es muss auch das Quorum von 25 Prozent der registrierten W&auml;hler &uuml;berschritten werden. Nur die recht hohe Wahlbeteiligung am gestrigen Sonntag war deshalb der Grund, dass bereits mehrere Dutzend Kandidaten auf Anhieb ein Mandat in der Nationalversammlung erhielten, n&auml;mlich 37 auf Seiten des RN und 32 auf Seiten der NFP. Auch zwei Vertreter des &bdquo;Macronismus&ldquo; schafften dies sowie f&uuml;nf Kandidaten, die formal keinem der Lager angeh&ouml;ren.<\/p><p>&Uuml;ber die Verteilung der restlichen 501 Mandate muss demzufolge n&auml;chste Woche in einer zweiten Wahlrunde entschieden werden. Auch hier gelten spezielle Regeln, deren Reichweite auch durch die H&ouml;he der Wahlbeteiligung mitbestimmt werden. So qualifizieren sich zwar der Erst-und Zweitplatzierte, aber jeder weitere Kandidat, der mehr als 12,5 Prozent der Stimmen aller im W&auml;hlerverzeichnis registrierten Personen erh&auml;lt, darf ebenso erneut antreten. Die W&auml;hler sorgten mit ihrer Stimmabgabe gestern daf&uuml;r, dass sich n&auml;chsten Sonntag in 306 Wahlkreisen tats&auml;chlich drei Kandidaten erneut um die Stimmen der W&auml;hler bewerben d&uuml;rfen. Dieser Wert ist ein absoluter Rekord und das Ergebnis der politischen Dreiteilung im Land.<\/p><p><strong>Das RN wird nicht von den &bdquo;Abgeh&auml;ngten&ldquo; gew&auml;hlt<\/strong><\/p><p>Betrachtet man Wahlergebnis sowohl r&auml;umlich als auch soziologisch, f&auml;llt eine massive Polarisierung auf. So f&uuml;hrte die Explosion der Wahlbeteiligung dazu, dass das Linksb&uuml;ndnis seine Dominanz im st&auml;dtischen und den r&auml;umlich verdichteten Regionen st&auml;rken konnte, das RN dominiert die l&auml;ndlicheren Regionen. Auch die W&auml;hlerschaften unterscheiden sich teils deutlich. So wird die Linke haupts&auml;chlich von jungen Geringverdienern gew&auml;hlt, w&auml;hrend das RN in der Generation der 35- bis 50-j&auml;hrigen Durchschnittsverdiener besonders gut abschneidet. Der Mythos vom Rechtsruck der europ&auml;ischen jungen Generation, wie er nach den Europawahlen in aller Munde war, muss also zumindest relativiert werden. Der &bdquo;Macronismus&ldquo; dagegen hat diese Wahlen nur aufgrund des hohen Zuspruchs der Rentner nicht noch deutlicher verloren.<\/p><p>Das gestrige Wahlergebnis zeigte erneut, dass politischen Frontlinien zwar zwischen Stadt und Land verlaufen, hier aber nicht davon gesprochen werden kann, dass eine generelle Verarmung des l&auml;ndlichen Raums die Erfolge des RN dort erkl&auml;rt. Vielmehr ist es die viel zu kurz greifende Suche nach sozial schlechter gestellten gesellschaftlichen sozialen Gruppen. Verbunden mit einem durch die &bdquo;postkoloniale&ldquo; Geschichte gr&ouml;&szlig;er als in Deutschland ausgepr&auml;gten Rassismus, werden Menschen aus Familien mit Migrationserfahrung viel h&auml;ufiger zum alleinigen Grund aller Probleme im Land stilisiert. Hier spielen die privaten Medien eine inzwischen unertr&auml;gliche Rolle, welche den sozial und kulturell durchmischten st&auml;dtischen Raum als Hort von Kriminalit&auml;t, Gewalt und (unfranz&ouml;sischem) kulturellem Separatismus brandmarken. Tats&auml;chlich wird der l&auml;ndliche Raum aber von einer massiven staatlichen Dysfunktionalit&auml;t gepr&auml;gt. Der Abbau staatlicher Infrastruktur in der Breite sowie mangelnde Qualit&auml;t der vorgefundenen Dienstleistungen l&auml;sst bei vielen Menschen den Eindruck entstehen, unangemessen durch Steuern und Geb&uuml;hren ausgepresst zu werden, w&auml;hrend diese Gelder anschlie&szlig;end in die Taschen der &bdquo;assist&eacute;&ldquo; (deutsch: arbeitslose, nichtwei&szlig;e Faulpelze) wandern. Zudem zeichnet sich der l&auml;ndliche Raum durch eine gro&szlig;e Zahl von Kleinunternehmern sowie Grund-und Hausbesitzer aus, die linken Vorstellungen nach st&auml;rker &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten und kollektiv gestalteten Formen von Eigentum kritisch gegen&uuml;berstehen.<\/p><p>So ist es zu erkl&auml;ren, dass die vollkommen wirtschaftsliberalen Forderungen des RN, die inzwischen l&auml;ngst allgemein bekannt sind, nicht zu einer schwindenden Zustimmung zu dieser Partei f&uuml;hren. Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass das RN sich noch nicht in der Regierungsverantwortung desavouiert hat und als Gesicht der Partei in den letzten Wochen eben nicht die in Deutschland immer wieder gern in den Vordergrund ger&uuml;ckte Marine Le Pen, sondern der junge Parteivorsitzende Jordan Bardella wahrgenommen wird. Zwar spekuliert Le Pen h&ouml;chstpers&ouml;nlich damit, mit gro&szlig;en Chancen in den n&auml;chsten Pr&auml;sidentschaftswahlkampf zu ziehen, aktuell hat sie sich aber eher ein wenig in die zweite Reihe zur&uuml;ckgezogen.<\/p><p><strong>Die politischen Mehrheitsverh&auml;ltnisse sind v&ouml;llig unklar<\/strong><\/p><p>Ob all diese beschriebenen Verwerfungen innerhalb der franz&ouml;sischen Gesellschaft daf&uuml;r reichen, dass n&auml;chste Woche eine Regierung unter der F&uuml;hrung Jordan Bardellas die Amtsgesch&auml;fte &uuml;bernehmen kann, bleibt weiterhin unklar. Die H&uuml;rde von 289 Mandaten zu &uuml;berspringen, scheint f&uuml;r das RN und etwaige Unterst&uuml;tzer sehr hoch. So hat die NFP bereits angek&uuml;ndigt, alle ihre drittplatzierten Kandidaten in Wahlkreisen, in denen ein Vertreter des RN in die zweite Wahlrunde eingezogen ist, zur&uuml;ckzuziehen. Der &bdquo;Macronismus&ldquo; beginnt ebenfalls langsam, auf diese Linie einzuschwenken, auch wenn man sich weiterhin nicht wirklich dazu durchringen m&ouml;chte, im Einzelfall die &bdquo;Extremisten&ldquo; von La France insoumise (LFI) offiziell zu unterst&uuml;tzten. Die politische Gleichsetzung des ultrarechten RN und der linken Bewegung LFI war schlie&szlig;lich Kernelement des &bdquo;macronitischen&ldquo; Wahlkampfs. Daran &auml;ndern auch Aufrufe des Staatspr&auml;sidenten Macron, jetzt eine &bdquo;breite republikanische Front zu bilden&ldquo;, erst einmal wenig. Ohnehin entscheiden am Ende die W&auml;hler. Hier bleibt offen, ob und wie stark der Wille ist, eine RN-Regierung zu verhindern.<\/p><p>Klar ist nur, dass der &bdquo;Macronismus&ldquo; nicht mehr die st&auml;rkste Kraft in der Nationalversammlung sein und damit nicht mehr den politischen Ton im Land angeben wird. Staatspr&auml;sident Macrons M&ouml;glichkeiten zu Verfahrenstricks und Verordnungen funktionieren nur, wenn eine &bdquo;macronitisch&ldquo; gef&auml;rbte Regierung im Amt ist, die ihre verfassungsrechtlich m&ouml;glichen Wege nutzten kann, um Gesetze am Parlament vorbei zu beschlie&szlig;en. Sobald dies nicht mehr der Fall ist, steht Macron handlungsunf&auml;hig da, denn die formalen politischen Entscheidungen f&auml;llt der Premierminister. In Anbetracht der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse, die sich im neuen Parlament abzeichnen, d&uuml;rfte es schwierig werden, eine rechtsliberale Koalition zu konstruieren. Allerdings ist im Moment auch &uuml;berhaupt noch nicht absehbar, welche politische Formation Mehrheiten organisieren kann. Sicherlich w&auml;re es m&ouml;glich, dass eine trotz des Erfolges des RN letzten Endes gest&auml;rkte Linke aus dem zweiten Wahlgang hervorgeht und dem &bdquo;macronistischen&ldquo; Block f&uuml;r die Zusicherung einer leichten Wende in sozial-und wirtschaftspolitischen Fragen eine Zusammenarbeit anbietet. Die ideologischen Differenzen d&uuml;rften hier aber eigentlich viel zu gro&szlig; sein.<\/p><p>M&ouml;glicherweise wird auch eine Rechtskoalition zwischen den &bdquo;Republikanern&ldquo; und dem RN m&ouml;glich. Im schlimmsten Fall droht der politische Stillstand, da es unm&ouml;glich wird, einen Premierminister zu finden, der eine Mehrheit der Nationalversammlung hinter sich wei&szlig;. Eines ist aber klar: Sollte sich eine politische Koalition herausbilden, muss Staatspr&auml;sident Macron deren gew&uuml;nschten Kandidaten f&uuml;r das Amt des Regierungschefs auch ernennen. Eine M&ouml;glichkeit, diesem die Ernennung zu verweigern, besteht faktisch nicht. Da Staatspr&auml;sident Macron in drei Jahren aufgrund der Amtszeitbegrenzung des Pr&auml;sidentenamts auf zwei Wahlperioden nicht wieder kandidieren darf, droht er f&uuml;r den Rest seiner Amtszeit zu einer politisch nicht mehr handlungsf&auml;higen Repr&auml;sentationsfigur zu verkommen. Ob er im n&auml;chsten Jahr die M&ouml;glichkeit erneut nutzt, kurzfristig Neuwahlen auszurufen, darf bezweifelt werden. Und ob er so weit geht, den Artikel 16 der Verfassung zu ziehen, der ihm im Falle innerer Unruhen f&uuml;r mindestens einen Monat faktisch alle politische Macht in die H&auml;nde gibt, ebenfalls.<\/p><p><small>Titelbild: Igor Paszkiewicz\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste Runde der kurzfristig angesetzten franz&ouml;sischen Parlamentswahlen ist Geschichte. 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In den meisten Wahlkreisen steht n&auml;chste Woche noch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117451\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":117452,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,190],"tags":[1043,1299,1994,2066,1352,255],"class_list":["post-117451","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-wahlen","tag-frankreich","tag-front-national-rassemblement-national","tag-le-pen-marine","tag-macron-emmanuel","tag-rechtsruck","tag-wahlanalyse"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Shutterstock_2481586621.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117451","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117451"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117451\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117472,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117451\/revisions\/117472"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/117452"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}