{"id":11748,"date":"2012-01-03T13:20:15","date_gmt":"2012-01-03T12:20:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11748"},"modified":"2015-01-01T11:06:28","modified_gmt":"2015-01-01T10:06:28","slug":"ungleichgewichte-nach-lesart-der-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11748","title":{"rendered":"Ungleichgewichte nach Lesart der EU"},"content":{"rendered":"<p>Es hat sich mittlerweile auch bis zur EU-Kommission herumgesprochen, dass eine Gemeinschaftsw&auml;hrung nur dann funktionieren kann, wenn die Mitgliedsstaaten sich zumindest bem&uuml;hen, volkswirtschaftliche Ungleichgewichte abzubauen. In diesem Jahr tritt erstmals das sogenannte &bdquo;Verfahren zur Vermeidung und Korrektur makro&ouml;konomischer Ungleichgewichte&ldquo; in Kraft. Was eigentlich eine gute Idee ist, erweist sich in der Umsetzung jedoch als ein weiterer Baustein der deutschen Strategie, Europa neoliberale Reformen aufzuzwingen. <strong>Von Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAls im September 2010 <a href=\"http:\/\/www.dowjones.de\/site\/2010\/09\/eu-kommission-will-stabilit%C3%A4ts-und-wachstumspakt-versch%C3%A4rfen.html\">bekannt wurde<\/a>, dass die EU-Kommission plant, den Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt in einer Form zu versch&auml;rfen, die es ihr erlaubt, nicht nur Staaten mit einem chronischen Au&szlig;enhandelsdefizit, sondern auch solche mit einem chronischen Au&szlig;enhandels&uuml;berschuss zu sanktionieren, war dies ein echter Hoffnungsschimmer. Die Defizite des Einen sind immer die &Uuml;bersch&uuml;sse des Anderen. F&uuml;r das Funktionieren des Euros ist es nicht nur unabdingbar, dass Defizitstaaten wie Griechenland und Portugal ihre Defizite abbauen, sondern auch, dass &Uuml;berschussstatten wie Deutschland und die Niederlande ihre &Uuml;bersch&uuml;sse abbauen. In einem System flexibler Nationalw&auml;hrungen w&uuml;rden solche dauerhaften Ungleichgewichte durch die Auf- und Abwertung der W&auml;hrungen weitestgehend neutralisiert. W&auml;hrungen der &Uuml;berschussstaaten w&uuml;rden in einem solchen Fall aufwerten, Importe w&uuml;rden sich verbilligen, Exporte verteuern. Bei Defizitstaaten w&auml;re die umgekehrte Entwicklung zu beobachten. In einer W&auml;hrungsunion gibt es kein solches Korrektiv. Daher ist die Politik angehalten, die Ungleichgewichte auf politischem Weg zu reduzieren.<\/p><p>Um festzustellen, in welchem Land volkswirtschaftliche Entwicklungen stattfinden, die zu Ungleichgewichten f&uuml;hren, hat die EU-Kommission ein &bdquo;Scoreboard&ldquo; mit zehn Punkten und den dazugeh&ouml;rigen Schwellenwerten <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/nn_145360\/DE\/BMF__Startseite\/Publikationen\/Monatsbericht__des__BMF\/2011\/12\/analysen-und-berichte\/b02-neue-EU-Verfahren-Vermeidung-Korrektur-makrooekonomischer-Ungleichgewichte\/node,templateId=renderPrint.html?__nnn=true\">aufgestellt<\/a> :<\/p><ul>\n<li>Leistungsbilanzsaldo (gleitender Dreijahresdurchschnitt in % des BIP): &ndash; 4 %\/+ 6 %<\/li>\n<li>Nettoauslandsverm&ouml;gen (in % des BIP): &ndash; 35 %<\/li>\n<li>Exportanteile (Ver&auml;nderung gegen&uuml;ber f&uuml;nf Jahren zuvor in %): &ndash; 6 %<\/li>\n<li>Lohnst&uuml;ckkosten (Ver&auml;nderung gegen&uuml;ber drei Jahren zuvor in %): + 9 %<\/li>\n<li>Reale Effektive Wechselkurse (Ver&auml;nderung gegen&uuml;ber drei Jahren zuvor in %): + 5 %\/- 5 %<\/li>\n<li>Verschuldung des Privatsektors (in % des BIP): 160 %<\/li>\n<li>Kreditvergabe an den privaten (nicht-finanziellen) Sektor (in % des BIP): 15 %<\/li>\n<li>Immobilienpreise (Anstieg gegen&uuml;ber Konsumentenpreisentwicklung in %): + 6 %<\/li>\n<li>&Ouml;ffentliche Verschuldung (in % des BIP): 60 %<\/li>\n<li>Arbeitslosenquote (gleitender Dreijahresdurchschnitt in %): 10 %<\/li>\n<\/ul><p>Grunds&auml;tzlich sind diese zehn Punkte sicherlich geeignet, um ein Ungleichgewicht festzustellen, die Festsetzung der Schwellenwerte ist dabei jedoch mehr als kontraproduktiv. Warum gelten beispielsweise f&uuml;r positive und negative Leistungsbilanzsalden unterschiedliche Schwellenwerte? Warum ist der Schwellenwert f&uuml;r Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse mit 6% des BIP derart hoch bemessen? Hier liegt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um eine &bdquo;Lex Germania&ldquo; handelt, eine Bemessung, die eigens auf den Exportvizeweltmeister zugeschnitten wurde. Das deutsche Leistungsbilanzsaldo betrug in den Jahren 2008 und 2009 mehr als 8%, im Krisenjahr 2010 sank es auf immer noch sehr hohe 5,72%. F&uuml;r 2011 liegen noch keine Zahlen vor. Es ist daher durchaus m&ouml;glich, dass Deutschland k&uuml;nftig im dreij&auml;hrigen Schnitt die Sechs-Prozent-Marke nicht &uuml;berschreitet. Momentan w&uuml;rde Deutschland diese Marke jedoch &uuml;berschreiten, was Finanzminister Sch&auml;uble in den letzten Monaten auch schon f&uuml;r einige Kopfschmerzen gesorgt hat. Schlussendlich fand Sch&auml;uble f&uuml;r dieses Problem jedoch eine &bdquo;deutsche L&ouml;sung&ldquo;. Wie die festgelegten Schwellenwerte politisch behandelt werden, entscheidet der ECOFIN (EU-Finanzministerrat). Bereits Ende November <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13726512\/Schaeuble-verhindert-Strafe-fuer-deutschen-Ueberschuss.html\">sorgte Sch&auml;uble daf&uuml;r<\/a>, dass sowohl der ECOFIN als auch die EU-Kommission die Sechs-Prozent-Marke de facto au&szlig;er Kraft setzten. Die WELT zitiert Sch&auml;uble gegen&uuml;ber dem EU-Finanzkommissar Olli Rehn mit folgenden Worten: &bdquo;Olli, ich brauche die Erkl&auml;rung, dass es keine Sanktionen gegen L&auml;nder mit &Uuml;bersch&uuml;ssen geben wird. Oder wir legen die Grenze bei sieben Prozent an&ldquo;. Dieser Drohung konnte sich Olli Rehn nicht widersetzen. Es ist schon erstaunlich, wie ein nationaler Finanzminister im Alleingang daf&uuml;r sorgt, dass europ&auml;ische Gesetze au&szlig;er Kraft gesetzt werden. Das Bundesfinanzministerium kommentiert dies mit der Feststellung:<\/p><blockquote>\n<ul>\n<li><em>Die Schlussfolgerungen des ECOFIN-Rats vom 8. November 2011 unterstreichen, dass Mitgliedstaaten wegen ihrer Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse nicht Gegenstand eines Verfahrens bei &uuml;berm&auml;&szlig;igem Ungleichgewicht (korrektiver Arm) werden und es gegen sie keine Sanktionen geben wird.<\/em><\/li>\n<li><em>Am 4. November 2011 richtete EU-Kommissar Olli Rehn ein Schreiben an die Finanzminister, in dem festgehalten wird, dass Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse gerechtfertigt sind, wenn sie &ndash; wie in Deutschland &ndash; das Ergebnis hoher Wettbewerbsf&auml;higkeit seiner Unternehmen in funktionierenden M&auml;rkten sind. Das Schreiben betont nachdr&uuml;cklich, dass der Fokus des Verfahrens auf Mitgliedstaaten mit Leistungsbilanzdefiziten und Wettbewerbsschw&auml;chen liegt.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote><p>An dieser Stelle muss man sich nat&uuml;rlich die Frage stellen, warum man ein Gesetz verabschiedet, an das man sich nicht h&auml;lt. Zu einer Demokratie geh&ouml;rt es nun einmal, dass die Exekutive sich den Vorgaben der Legislativen zu beugen hat. Die Ausnahmeregel f&uuml;r Deutschland ist somit nicht weniger als ein Versto&szlig; gegen demokratische Regeln. Dass dieser Versto&szlig; durchaus interessengeleitet ist, zeigen auch die &uuml;brigen Schwellenwerte.<\/p><p>Warum sieht man beispielsweise in einem negativen Nettoauslandsverm&ouml;gen von mehr als 35% des BIP ein Ungleichgewicht, wenn man nicht gleichzeitig zu dem Schluss kommt, dass auch ein positives Nettoauslandsverm&ouml;gen in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung ein Ungleichgewicht darstellt? K&ouml;nnte es daran liegen, dass Deutschland <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/download\/volkswirtschaft\/mba\/2011\/201110mba_aussenposition.pdf\">Stand Ende 2010 [PDF &ndash; 397 KB]<\/a> ein positives Nettoauslandsverm&ouml;gen von 38,4% aufweist? Die EU-Staaten, die den negativen Schwellenwert &uuml;berschreiten sind die &uuml;blichen Verd&auml;chtigen: Griechenland, Spanien, Irland und Portugal mit Werten von mehr als -80% (Griechenland) bis -110% (Portugal). <\/p><p>Die Schwellenwerte f&uuml;r die Entwicklung der Exporte und die Lohnst&uuml;ckkosten sind ebenfalls einseitig formuliert. Nicht ein starkes Exportwachstum, sondern ein R&uuml;ckgang der Exporte wird hier als Ungleichgewicht gewertet. Wieso? Verh&auml;ngnisvoll ist auch die einseitige Festlegung auf eine positive Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten. Worin sollte das Problem liegen, wenn die deutschen Lohnst&uuml;ckkosten um mehr als drei Prozent pro Jahr steigen? Eine solche Entwicklung w&auml;re &ndash; ganz im Gegenteil &ndash; sogar sehr sinnvoll, will man die makro&ouml;konomischen Ungleichgewichte abbauen.<\/p><p>Das Scoreboard der EU-Kommission ist nicht mehr als ein weiteres Korsett, in das man die Staaten zw&auml;ngen will, die ein immer noch relativ hohes Lohnniveau aufweisen. In Kombination mit der noch von den meisten Nationalstaaten zu verabschiedenden Schuldenbremse stellt das &bdquo;Verfahren zur Vermeidung und Korrektur makro&ouml;konomischer Ungleichgewichte&ldquo; eine weitere legislative Daumenschraube dar, die Europas Staaten zu Sparprogrammen zu Lasten der eigenen Bev&ouml;lkerung zwingen soll. Nun erreichen solche Sparprogramme in der Regel aber nie ihr vermeintliches Ziel. Anstatt die Staatshaushalte durch eine Ankurbelung der Wirtschaft zu entlasten und die Steuereinnahmen zu erh&ouml;hen, wird die Nachfrage abgew&uuml;rgt, was zu einem Schrumpfen der Wirtschaft und der Steuereinnahmen f&uuml;hrt. Die Eurokrise wird durch diese Programme nicht gel&ouml;st, sondern versch&auml;rft. Auch im neuen Jahr befindet sich Europa immer noch in einer Sackgasse. Man hat sich jedoch entschlossen, nun das Gaspedal noch weiter durchzudr&uuml;cken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es hat sich mittlerweile auch bis zur EU-Kommission herumgesprochen, dass eine Gemeinschaftsw&auml;hrung nur dann funktionieren kann, wenn die Mitgliedsstaaten sich zumindest bem&uuml;hen, volkswirtschaftliche Ungleichgewichte abzubauen. In diesem Jahr tritt erstmals das sogenannte &bdquo;Verfahren zur Vermeidung und Korrektur makro&ouml;konomischer Ungleichgewichte&ldquo; in Kraft. 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