{"id":117660,"date":"2024-07-07T13:00:03","date_gmt":"2024-07-07T11:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117660"},"modified":"2024-07-05T23:12:12","modified_gmt":"2024-07-05T21:12:12","slug":"antifaschismus-ueber-vortaeuschungen-und-fluch-der-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117660","title":{"rendered":"Antifaschismus &#8211; \u00dcber Vort\u00e4uschungen und Fluch der Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema brennt eigentlich unter den N&auml;geln. Die postfaschistische Partei Fratelli d&rsquo;Italia unter Meloni ist bei den EU-Wahlen die st&auml;rkste politische Kraft geworden. Die Nachfolgepartei des faschistischen Front National, das Rassemblement national (RN), hat dies auch in Frankreich geschafft, und die AfD in Deutschland folgt diesem Trend. Bevor man bestimmen kann, was man dagegen tun m&uuml;sste, muss man die folgenden Fragen beantworten: Sind die postfaschistischen Parteien so stark geworden, weil man sich nicht entschieden genug gegen sie gestellt hat? Oder liegt deren Erfolg daran, dass die etablierten Parteien mit reaktion&auml;rer, kriegstauglicher und vaterl&auml;ndischer Politik die T&uuml;r zur Staatsmacht f&uuml;r sie aufmachen? Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Frieden braucht Verteidigung&ldquo; 2024<\/em><br>\n&bdquo;<em>Frieden&ldquo; 2024<\/em><br>\n&bdquo;<em>Europas Freiheit verteidigen&ldquo; 2024<\/em><br>\n&bdquo;<em>Krieg ist Frieden&ldquo; 1984<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Wenn Sie nicht mehr wissen, welche Partei was zur Europawahl gesagt hat, dann verstehen Sie, warum es so viel Krieg gibt, so viel Unterst&uuml;tzung f&uuml;r einen Genozid, so viel Bereitschaft, Kriegsverbrechen zu decken und vorzubereiten.<\/p><p>Wer schafft mit Ausnahmezust&auml;nden (wie im Corona-Fall) und wachsender Repression gegen diese antidemokratischen Entwicklungen die Demokratie Zug um Zug ab? Werden die demokratischen Errungenschaften (Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit) von (rechts\/links) <em>au&szlig;en<\/em> au&szlig;er Kraft gesetzt oder von <em>innen<\/em>, aus den Zentren der Macht heraus, die kaum noch politische Legitimit&auml;t besitzen? Ist die &bdquo;<em>Brandmauer gegen rechts<\/em>&ldquo;, die die Ampelisten und ihre zivilgesellschaftlichen Arme ausgerufen haben, kein guter Schutz, sondern eine absichtsvolle Irref&uuml;hrung, um von der eigenen rechten Politik abzulenken?<\/p><p>Ist also die AfD wirklich das eigentliche Problem und nicht das Symptom? Ist die Entwicklung in den letzten Jahren, die vom Ausnahmezustand in den Kriegsmodus &uuml;bergeht, mit den 1930er-Jahren in Deutschland vergleichbar, als man der NSDAP in allen politischen Bereichen &bdquo;entgegenkam&ldquo;, bis man sich selbst l&auml;cherlich und &uuml;berfl&uuml;ssig gemacht hatte?<\/p><p>Ich habe das Buch <em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/der-anti-antifaschismus.html?noloc=1\">&bdquo;Der Anti-Antifaschismus. Antifa, angebliche Nazis, rechtsoffener Staat und geheimdienstliche Neonazi-Verbrechen&ldquo;<\/a> <\/em>auf genau diesem Hintergrund geschrieben &ndash; ohne zu ahnen, in welcher Geschwindigkeit sich diese Entwicklung zuspitzt.<\/p><p>In Frankreich findet heute aufgrund der rasant schwindenden politischen Legitimit&auml;t des Macronismus die zweite Runde der Neuwahlen statt. Das RN steht dabei mit &uuml;ber 30 Prozent kurz vor der Macht&uuml;bernahme. Macrons Scheinpartei &bdquo;Renaissance&ldquo; wird keine Rolle spielen. Und als w&uuml;rde die Zeit schnell zur&uuml;cklaufen, um sich selbst aufzuhalten, ist eine neue &bdquo;Volksfront&ldquo; aus Gr&uuml;nen, Sozialdemokraten, Kommunisten und den Unbeugsamen (La France insoumise) gebildet worden. Mit denen zusammen also den Postfaschismus aufhalten, die ihn zu guten Teilen stark gemacht haben?<\/p><p>Die Zeiten sind wahrlich wirr. 70 Jahre gab es im &ouml;ffentlich-rechtlichen Deutschland so gut wie keine Nazis &ndash; nur Einzelt&auml;ter. Jetzt wimmelt es nur noch von Rechtsoffenen bis Halbnazis. Das sagen ausgerechnet jene, die so viel f&uuml;r Krieg und &sbquo;Endsieg&lsquo; &uuml;brighaben. Je mehr also vom Kampf gegen &bdquo;Rechtsextremismus&ldquo; geredet wird, desto verschwommener werden die Begrifflichkeiten, die wie Seifenblasen durch den Raum wabern.<\/p><p>Was bedeutet exakt &bdquo;rechtsoffen&ldquo;? Was ist mit &bdquo;Rechtspopulismus&ldquo; gemeint? Was ist unter &bdquo;Rechtsextremismus&ldquo; zu verstehen?<\/p><p>Dass die jeweiligen Regierungen an einer exakten Zuordnung kein Interesse haben, ist verst&auml;ndlich und hat einen hohen Selbstschutzfaktor: W&uuml;rde man genauer werden, m&uuml;sste man erkl&auml;ren, wie &bdquo;rechtsoffen&ldquo; die aktuelle Bundesregierung aus SPD, Gr&uuml;nen und FDP ist. Oder: Ist der &bdquo;Rechtspopulismus&ldquo; ein Alleinstellungsmerkmal der AfD oder ein partei&uuml;bergreifendes Ph&auml;nomen?<\/p><p>Gleichzeitig r&uuml;ckt die Parteienlandschaft in fast ganz Westeuropa nach rechts, so sehr nach rechts, dass man sich fragen muss, wie weit das von faschistischen &bdquo;L&ouml;sungen&ldquo; entfernt ist. Was unterscheidet einen Orb&aacute;n in Ungarn von einem Macron in Frankreich? Was bedeutet es, wenn in Italien die neofaschistische Partei Fratelli d&rsquo;Italia bei den Wahlen 2022 gewinnt und nun die Regierung stellt? Deren Credo ist so alt wie der italienische Faschismus: <em>&bdquo;Gott, Familie und Vaterland&ldquo;.<\/em> Sind das alles &bdquo;demokratische&ldquo; Varianten oder die Suche nach einer postfaschistischen L&ouml;sung?<\/p><p>Und wie k&auml;mpft man dagegen? Dem versucht das Buch nachzugehen.<\/p><p>Ulrich Schneider hat das Buch besprochen. Er ist Bundessprecher der VVN-BdA und Generalsekret&auml;r der Internationalen F&ouml;deration der Widerstandsk&auml;mpfer (FIR) &ndash; Bund der Antifaschisten. Seine Besprechung ist in doppelter Hinsicht besonders. Zum einen setzt er sich mit einer politischen Position auseinander, die sich nicht im Umfeld der VVN bewegt. Zum anderen ber&uuml;hrt Ulrich Schneiders Rezension einen zentralen Punkt in der antifaschistischen Debatte seit gut 50 Jahren: Wie geht man mit den &bdquo;Lehren&ldquo; aus dem deutschen Faschismus um? Lag die schwere Niederlage des Antifaschismus in den 1930er-Jahren daran, dass man zu &bdquo;radikal&ldquo; war? H&auml;tte man damals mit der SPD und den national-b&uuml;rgerlichen Parteien zusammen gegen die immer st&auml;rker werdende NSDAP k&auml;mpfen m&uuml;ssen?<\/p><p>Zum anderen steht auch immer die Frage im Raum: Kann man den deutschen Faschismus der 1930er-Jahre mit den faschistischen Tendenzen der Jetztzeit vergleichen? Welche Rolle spielt dabei die AfD, und wie und mit wem stellt man sich dem entgegen? Ich bin mir sehr sicher, dass diese Fragen heute mehr denn je unter den N&auml;geln brennen. Dazu geh&ouml;rt auch eine Diskussion dar&uuml;ber, worauf das politische System hinsteuert. Ist es eine kriegstaugliche Demokratie? Ist es ein totalit&auml;rer Staat oder gar ein faschistisches Rollback?<\/p><p>Das besprochene Buch bewegt sich in diesem Spannungsfeld, und darauf kommt auch Ulrich Schneider zu sprechen. Zuerst seine Rezension:<\/p><p>&bdquo;Wolf Wetzel ist durch zahlreiche Ver&ouml;ffentlichungen, in denen er sich mit neofaschistischer Gewalt wie dem M&uuml;nchener Oktoberfestattentat oder dem NSU-Komplex besch&auml;ftigte und gleicherma&szlig;en die Rolle des Staates und seiner Sicherheitsorgane, insbesondere der Geheimdienste kritisch unter die Lupe nahm, hinreichend bekannt. In seinem j&uuml;ngsten Band versucht er sich an einem Rundumschlag, beginnend mit der Kontroverse um die Coronama&szlig;nahmen &uuml;ber die Rolle der Geheimdienste im Zusammenhang mit den Neonaziverbrechen, um abschlie&szlig;end &Uuml;berlegungen zur antifaschistischen Praxis zu formulieren.<\/p><p>Wetzel ist kein Beobachter, der mit &sbquo;guten Ratschl&auml;gen&lsquo; die Bewegungen kritisiert, sondern teilnehmender Aktivist, der f&uuml;r seine Polemik &ndash; auch gegen fr&uuml;here Mitstreiter &ndash; bekannt ist. So kritisiert er in dem Band antifaschistische Strukturen als blau&auml;ugig und in Bezug auf staatliches Handeln mit Illusionen behaftet, und jene, die in der Coronadebatte eine regierungsnahe Haltung an den Tag legten, begreift er als Teil des staatlichen Narrativs. Zwar stellt er in der Polemik gegen das &sbquo;Hamburger B&uuml;ndnis gegen rechts&lsquo; durchaus berechtigte Fragen, geht jedoch selbst zu wenig kritisch mit den b&uuml;rgerlichen Protesten gegen die Coronama&szlig;nahmen um, die zwar individuelle Freir&auml;ume reklamierten, aber keine gesellschaftlichen L&ouml;sungen boten.<\/p><p>In den Kapiteln NSU-Komplex, Oktoberfestattentat und &sbquo;Stay behind&lsquo; gelingt es Wetzel, an diesen Themen die politische Beziehungsn&auml;he von staatlichen Einrichtungen und faschistischem Terror sichtbar zu machen. Zu Recht verwirft er die staatlichen &sbquo;Einzelt&auml;ter&lsquo;-Thesen und leitet daraus ab, dass weder &sbquo;Verfassungsschutz&lsquo; noch die Bundesregierung gute Ratgeber in Sachen Antifaschismus seien.<\/p><p>Kontrovers d&uuml;rften seine &Uuml;berlegungen f&uuml;r die Gegenwart sein. In dem Kapitel &sbquo;Die Angst des Antifaschismus vor seiner eigenen Idee&lsquo; kritisiert er die autonome antifaschistische Bewegung, die es nicht vermocht habe, einen eigenen politischen Ansatz gegen die rassistischen &Uuml;bergriffe in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, M&ouml;lln und Solingen &ndash; um nur die vier Symbolorte zu nennen &ndash; zu entwickeln. Dem &sbquo;antideutschen&lsquo; Spektrum bescheinigt er, fast v&ouml;llig untergetaucht zu sein, w&auml;hrend andere Teile der Antifa keinen tragf&auml;higen gesellschaftskritischen Ansatz entwickelt h&auml;tten.<\/p><p>In seinem Schlusskapitel fragt er, auf welchem Weg sich die antifaschistische Bewegung befindet und warum es nur um Symbole und Symbolpolitik geht und nicht um die Frage, wie die Linke den antifaschistischen Widerstand begreift. Mit Blick auf die historischen Erfahrungen der Weimarer Republik konstatiert er, dass die Herrschenden sich aktuell keine &sbquo;Kettenhunde&lsquo; zur Sicherung ihrer Machtinteressen halten m&uuml;ssten. Er verkennt jedoch aus der Sicht des Rezensenten die Funktion der AfD, wenn er lapidar bemerkt, dass man die von dieser Partei ausgehende Gefahr als &sbquo;halbwegs gering&lsquo; einsch&auml;tzen k&ouml;nne. Und so ist dieser Band zwar anregend, und Wetzel stellt oft richtige Fragen, kann aber nur im Ansatz &uuml;berzeugen.&ldquo;<\/p><p>Ich m&ouml;chte <em>Ulrich Schneider <\/em>erst einmal f&uuml;r seine &Uuml;berlegungen, W&uuml;rdigungen und Einw&auml;nde danken, denn sie laden zu einer Diskussion. Dabei m&ouml;chte ausdr&uuml;cklich in Erinnerung rufen: Als ich zum NSU-VS-Komplex recherchierte, regelm&auml;&szlig;ig Beitr&auml;ge vor allem in der <em>Junge Welt<\/em> und auf den <em>NachDenkSeiten<\/em> schrieb, zahlreiche Veranstaltungen ab 2013 dazu machte, fiel mir eines besonders auf: &bdquo;Meine&ldquo; politischen Zusammenh&auml;nge bzw. Bezugspunkte (wie die Antifaschistische Aktion in Berlin\/AAB) l&ouml;sten sich auf, w&auml;hrend ich recht viele Anfragen aus VVN-Zusammenh&auml;ngen bekam. Das ber&uuml;hrte mich, denn es gab politische Differenzen, die kein Geheimnis waren. Dennoch war der gemeinsame (kleine) Nenner, der Antifaschismus, st&auml;rker als die politischen Differenzen &ndash; im Hinblick auf die politische Praxis, die man daraus entwickelt.<\/p><p>Abgesehen davon genie&szlig;en Menschen und politische Zusammenh&auml;nge immer meinen gro&szlig;en Respekt, die die Gefahr des Faschismus nicht kleinreden, sondern f&uuml;r bedrohlich und akut halten.<\/p><p><strong>Silencing oder Differenzen als Herausforderung<\/strong><\/p><p>Normalerweise wird das Silencing bevorzugt, also das Ignorieren. Unterschiedliche Ansichten sichtbar und diskutierbar zu machen, geh&ouml;rt im Augenblick nicht zu den St&auml;rken der &bdquo;Linken&ldquo;. Deshalb sch&auml;tze ich seine Rezension. Dass ich auch meine eigenen (ehemaligen) Weggef&auml;hrten kritisiere, begreife ich als Lob. Denn genau das sollte uns von den anderen unterscheiden, die &bdquo;Linientreue&ldquo; betonen, wo auch immer die Linie gerade ist.<\/p><p>Deshalb waren wir vor 40, 50 Jahren gegen einen Antifaschismus, der uns nur vor dem noch Schlimmeren sch&uuml;tzen will (den Faschismus \/ sp&auml;ter den Islamismus \/ heute russischen &bdquo;Imperialismus&ldquo;). Das brachte uns damals auch Kritik ein, durch die deutlich wurde, wie <em>unterschiedlich<\/em> Antifaschismus war und ist. Denn auch im Kampf gegen den deutschen Faschismus gab es nicht den <em>einen<\/em> Antifaschismus, sondern sehr unterschiedliche! Und diese sehr gravierenden Unterschiede wurden (auf t&ouml;dliche Weise) sichtbar, als der deutsche Faschismus besiegt wurde. Den &bdquo;Sieg&ldquo; haben sehr viele Antifaschisten und Antifaschistinnen mit dem Tod bezahlt, als sie sich nicht damit begn&uuml;gten, zum Kapitalismus zur&uuml;ckzukehren (Frankreich\/Italien\/Griechenland).<\/p><p>Daran hat sich bis heute nichts ge&auml;ndert. Im Gegenteil: Noch nie wurde auf so besch&auml;mende Weise klar, wie wenig es mit Antifaschismus zu tun hat, wenn man mit der Regierung gegen &bdquo;rechts&ldquo; demonstriert &ndash; wie nach dem Compact-Potsdam-Aufrei&szlig;er.<\/p><p>Diese Haltung ist &uuml;brigens ganz und gar nicht neu. Die autonome L.U.P.U. S.-Gruppe wollte keine machtpolitisch bestimmte Linientreue, sondern &bdquo;Treue&ldquo; zu den Gedanken, zur grunds&auml;tzlichen Kritik an Kapitalismus, Faschismus &hellip; und Herrschaft. Das schloss immer auch die Kritik an der &bdquo;guten&ldquo; Herrschaft ein, wodurch man automatisch in Konflikt zu Genossen und Genossinnen ger&auml;t, die das nicht teilten.<\/p><p>Ich bereue diese Haltung nicht. Sie ist essenziell und die Grundlage daf&uuml;r, dar&uuml;ber &ouml;ffentlich und umg&auml;nglich zu streiten. Der letzte Absatz von Ulrich Schneider ist daf&uuml;r ein wichtiges und pr&auml;gnantes Beispiel. Er schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Mit Blick auf die historischen Erfahrungen der Weimarer Republik konstatiert er, dass die Herrschenden sich aktuell keine &sbquo;Kettenhunde&lsquo; zur Sicherung ihrer Machtinteressen halten m&uuml;ssten. Er verkennt jedoch aus der Sicht des Rezensenten die Funktion der AfD, wenn er lapidar bemerkt, dass man die von dieser Partei ausgehende Gefahr als &sbquo;halbwegs gering&lsquo; einsch&auml;tzen k&ouml;nne.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die AfD &ndash; in den Fu&szlig;stapfen der NSDAP?<\/strong><\/p><p>Hier geht es in der Tat ums Ganze, und das ist seit Jahrzehnten ein sehr wichtiger, n&ouml;tiger Streitpunkt. Wir haben in den 1970er-Jahren, aber auch in den 1990er-Jahren die gr&ouml;&szlig;te Gefahr nicht in den Neonazis gesehen, die es damals gab und heute gibt. F&uuml;r uns war und ist entscheidend, wer ihnen den Weg bereitet. Die Gefahr des Faschismus kommt eben nicht von &bdquo;rechtsau&szlig;en&ldquo;, sondern von rechtsinnen, indem man sie &ndash; gegen den damals recht starken Antifaschismus und gegen die recht starke autonome Linke &ndash; einsetzt. Das bezeichnete man in den 1930er-Jahren als &bdquo;Systemreserve&ldquo; in der Funktion von &bdquo;Kettenhunden&ldquo;. Man h&auml;lt sie &ndash; die Nazis &ndash; an der Leine, man l&auml;sst sie (auf die Linke\/auf Kommunisten\/Anarchisten) los, wenn man zu extra-legaler Gewalt greifen will\/muss.<\/p><p>Doch genau dieses Modell &bdquo;Kettenhunde&ldquo; scheiterte. Denn, und das blenden viele heute in der Debatte aus: Damals wollte man die Nazis, die NSDAP an der Leine halten, also Herr des Geschehens bleiben. Aber genau das ging in die Hose. Denn die Hunde bissen sich von der Leine los und bissen auch manchen Hundehalter. Sowohl die sp&ouml;ttische Haltung vieler b&uuml;rgerlicher Parteien, die NSDAP werde sich blamieren, wenn sie (mit-)regieren muss, erwies sich als fataler Trugschluss. Aber auch jene, die glaubten, man k&ouml;nne sie steuern und bei passender Gelegenheit loswerden, versch&auml;tzten sich gewaltig.<\/p><p>Das war sicherlich auch ein zentraler Grund, in den 1970er- und 1980er-Jahren die NPD ins Zentrum des Antifaschismus zu r&uuml;cken. Man blockierte ihre Parteitage, man verhinderte deren Aufm&auml;rsche, und nicht wenige forderten ein (staatliches) Verbot der NDP. Diese Strategie teilte man mit (Gliederungen) der SPD (und kirchlichen und gewerkschaftlichen Gruppierungen) und wollte damit ein m&ouml;glichst breites B&uuml;ndnis schmieden. Bekanntlich bewahrheiteten sich die Bef&uuml;rchtungen nicht. Auch das NPD-Verbotsverfahren scheiterte auf eine blamable Weise. Es waren so viele V-Leute des Verfassungsschutzes in f&uuml;hrenden Funktionen der NDP, dass das Gericht nicht dar&uuml;ber befinden wollte, was NPD, was Verfassungsschutz ist.<\/p><p>Die Situation seit 2023 mit dem Aufstieg der AfD ist ohne Frage eine andere. Es geht nicht mehr um die &bdquo;Stra&szlig;e&ldquo;, sondern um die Institutionen, um parlamentarische, politische Macht. Die angebliche &bdquo;Brandmauer gegen rechts&ldquo; (was schon allein begrifflich eine Verh&ouml;hnung des Verstandes ist) f&auml;ngt bereits jetzt Feuer, wenn die n&auml;chsten Landtagswahlen anstehen &hellip; und nichts ohne die AfD geht.<\/p><p>Genau das, was wir seit 40 Jahren betonen, ist nun eingetreten: Je mehr die b&uuml;rgerlichen, demokratischen Parteien ihr eigenes System ruinieren, Grundrechte au&szlig;er Kraft setzen, mit dem Ausnahmezustand agieren und politische Legitimation mit Repression auff&uuml;llen, desto mehr arbeiten sie den Postfaschisten in die H&auml;nde, die zu Recht darauf verweisen, dass das System bankrott sei und nur noch als Farce existiere. Darin wiederholen sich die Ereignisse in der Weimarer Republik, die zum Aufstieg der NSDAP und zum Wahlsieg 1933 geradezu einluden.<\/p><p>Doch es gibt noch sehr entscheidende Unterschiede zwischen der &bdquo;Zeitenwende&ldquo; anno 2023 und der Weimarer Republik der 1930er-Jahre: Es gibt keine politische (und schon gar keine parlamentarische) Opposition, die man mit extra-legalen Mitteln beseitigen m&uuml;sste. Dazu brauchte man damals die NSDAP (einschlie&szlig;lich SA und SS), dazu braucht man die AfD heute (noch) nicht.<\/p><p>Es spricht einiges daf&uuml;r, dass die b&uuml;rgerlichen Parteien (einschlie&szlig;lich der SPD und den Gr&uuml;nen) ein totalit&auml;res Regime beg&uuml;nstigen, in dem es nicht auf die AfD ankommt. Im Kern geht es aber &ndash; bei allen gewagten Prognosen &ndash; um ein sehr zentrales Anliegen: Will ich alles darauf setzen, die gegenw&auml;rtige Kriegsregierung zu bek&auml;mpfen, oder will ich im vermeintlichen &bdquo;Kampf gegen rechts&ldquo; Stand-by-Regierungspolitik machen, indem wir die AfD &bdquo;bek&auml;mpfen&ldquo;, um so die Regierung an der Macht zu halten?<\/p><p>Ich bin der festen &Uuml;berzeugung: Der beste Kampf gegen die AfD ist, die gegenw&auml;rtige Regierung zu bek&auml;mpfen, indem wir politische Alternativen sichtbar machen, die der AfD zuwider sind, anstatt ihr mit Regierungstalk in die H&auml;nde zu arbeiten. Und das bringt uns zum ganz zentralen Problem: Wollen wir einen Antifaschismus, der den Kapitalismus als Genese versteht und begreift, oder einen Antifaschismus, der den Kapitalismus (vor dem noch Schlimmeren) in Schutz nimmt?<\/p><p>Ulrich Schneider hat meine Entgegnung aufgegriffen und ist nochmals auf die vorhandenen Dissense eingegangen. Das hilft hoffentlich, diese Dissense besser auszuleuchten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich freue mich, dass Du meine kritischen Einw&auml;nde nicht als Angriff auf Deine Person, sondern als inhaltliche Dissense verstanden hast, so waren sie gemeint und so bin ich es eigentlich gewohnt zu diskutieren. Die von Dir angesprochenen Fragen von Faschismus und Antifaschismus waren am vergangenen Wochenende auch Thema einer Tagung der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal. Sicherlich h&auml;tten einige der dort anwesenden Deinen Ausf&uuml;hrungen mehr Beifall gezeigt als meinen Thesen, in denen ich meine Einsch&auml;tzung zur antifaschistischen Strategie &ndash; insbesondere gegen&uuml;ber der AfD &ndash; entwickelt habe. (&hellip;) Tats&auml;chlich unterscheiden wir uns in unserer Einsch&auml;tzung dahingehend, dass ich dem Handeln gegen die extreme Rechte einen gesellschaftlich mobilisierenden Stellenwert einr&auml;ume, nicht nur dem Kampf zur &Uuml;berwindung kapitalistischer Verh&auml;ltnisse. Es ist vollkommen unstrittig, dass die fr&uuml;heren und aktuellen Regierungen diejenigen sind, die den Abbau demokratischer Rechte in Gesetzesform umsetzen, und nicht die AfD. Es ist aber auch gleicherma&szlig;en deutlich, dass die rassistische, v&ouml;lkische und neoliberale Propaganda der AfD der Feldbereitung dient. Damit ist f&uuml;r mich der Kampf gegen die AfD auch ein Handeln gegen die Spielr&auml;ume der Rechtsentwicklung der Regierenden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Quellen und Hinweise:<\/strong><\/p><ul>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/472899.antifaschismus-nur-noch-symbolpolitik.html\">ANTIFASCHISMUS &ndash; Nur noch Symbolpolitik. Wolf Wetzels kritische Bestandsaufnahme des zeitgen&ouml;ssischen Antifaschismus<\/a><\/em>, Ulrich Schneider\/jW vom 8. April 2024<\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2023\/12\/04\/buchankuendigung-der-anti-antifaschismus-antifa-angebliche-nazis-rechtsoffener-staat-und-geheimdienstliche-neonazi-verbrechen\/\">Der Anti-Antifaschismus. Antifa, angebliche Nazis, rechtsoffener Staat und geheimdienstliche Neonazi-Verbrechen<\/a><\/em>. Wolf Wetzel, Verlag Hintergrund, Berlin 2023, 120 Seiten, 14,80 Euro<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema brennt eigentlich unter den N&auml;geln. Die postfaschistische Partei Fratelli d&rsquo;Italia unter Meloni ist bei den EU-Wahlen die st&auml;rkste politische Kraft geworden. Die Nachfolgepartei des faschistischen Front National, das Rassemblement national (RN), hat dies auch in Frankreich geschafft, und die AfD in Deutschland folgt diesem Trend. Bevor man bestimmen kann, was man dagegen tun<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117660\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":117662,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[203,125],"tags":[1933,1945,955,1352,2475],"class_list":["post-117660","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-postdemokratie","category-rechte-gefahr","tag-antifaschismus","tag-faschismus","tag-neonazismus","tag-rechtsruck","tag-weimarer-republik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/240707_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117660"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117708,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117660\/revisions\/117708"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/117662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}